Lili Elbe Buch (German Typescript)

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Paris. Quartier Saint Germain. An einem Februarabend 1930. In einer stillen Strasse mit vornehmen Palais - ein kleines Restaurant. Francois, der Wirt, ein baumlanger, sanftmütiger Sizilianer, schenkt hier die glutvollen Weine seiner Heimat aus. Ausländer, meist Künstler, ein kleiner Kreis, sind Stammgäste bei ihm.

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Zu ihnen gehören Andreas und Grete Sparre, ein dänisches Malerpaar, und ihr italienischer Freund Ernesto Rossini mit seiner eleganten, französischen Frau Elena.

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Wiedersehen feiern sie an diesem Abend. Ein ganzes Jahr lang haben sie sich nicht gesehen. Das eine Paar durchzog den Norden, das andere de m n Süden Europas. Alle vier sind froh, wieder in Paris zu sein.

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"Skaal'", ruft Andreas auf gut nordische Art und hebt sein Glas.

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"Dieser Wein, Kinder, ist für die Seele, was Hochgebirgssonne für den Körper ist. Und dabei fällt mir eine prachtvolle Legende von der Kathedrale in Sevilla ein, die Grete und ich neulich bestaunten. Unter dem Sockel der höchsten Säule haben sie einen Sonnenstrahl eingemauert, das ist die ganze Legende...."

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"Herrlich," ruft Ernesto begeistert.

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"Himmlisch, Andreas," fällt Frau Elena ein und drückt ihm warm die Hand.

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Und Frau Gerda Grete -@Editor: XEH lӓchelt glücklich und sinnend.

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( Wenige Minuten später ist diese etwas feierliche, hochgestimmte Einleitung vergessen. )

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( Grete und Ernesto tauschen in kunterbuntem Durcheinander Reiseeindrücke mit einander aus, Wanderungen durch Museen und verrufene Gassenwinkel in Cadiz und Antwerpen, Entdeckerfahrten durch Bazare auf dem Balkan und in Trödlerkellern im Haag und Amsterdam! Einer will den andern überbieten. So ist Grete. So ist Ernesto. Völlig bei der Sache. Mit tief ernsten, kunstbegeisterten Augen.

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Indes Andreas sich von Elena ergötzliche und sogar anzügliche allerneueste Skandalgeschichtchen aus Rom und Madrid ins Ohr flüstern lässt. Darin ist Elena Expert. Obwohl sie in Paris geboren ist, was in den sogenannten "guten Kreisen" fast wie eine Entgleisung wirkt, gleicht sie einer jener blonden Venezianerinnen Palma Vecchios. Einer alten, sehr reichen Bankierfamilie entstammt sie. Sie besiztzt die Intelligenz ihrer
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Ahnen gepaart mit einer Herzensgüte, die in einer mit Fanatismus betriebenen Sammlertätigkeit ihren Niederschlag, noch mehr, ihre Auslösung findet: verl oren aüfene -@Editor: XEH gegangene Hunde und Freunde und Freundinnen in Not sammelt sie. Schon seit Jahren. Ohne Unterlass. Und findet trotzdem noch Zeit, eine prachtvolle Ehegefährtin und entzückende Mama ihrer vier bildhübschen Kinder zu sein.

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Ernestos Heimat ist eigentlich Saloniki. Ein vollendet schöner Männertyp. Ein harmonischeres Paar als diese beiden Menschen kann man sich kaum vorstellen. "Soetwas nennen die Schriftgelehrten Symbiose höchster Potenz," erklärt Andreas bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.)

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(Auch heute abend. Und der Wein macht seine Zunge noch redseliger.) "Trinken Sie nicht zu viel, Andreas?", unterbricht plötzlich Frau Elena sich selber mitten in einer im sündigen Paris beheimateten "allerneuesten", nur im Flüstertone zu erzählenden "verbürgt wahrhaftigen" Unglaublichkeit ... Ihrv ist das allmählich recht nervös gewordene, blasse Mienenspiel des Freundes aufgefallen. "Liebster, Sie täuschen mich nicht. Ihnen ist ja nicht gut ... Sie wollen heute abend den Gesunden spielen." Ernesto und Grete haben Elenas Worte aufgefangen. Grete blickt nur stumm auf Andreas. Ernesto nimmt die Hand des Freundes. "Verursacht Lili Ihnen wieder Pein?" fragt er diskret voll Besorgnis und blickt dann von Andreas auf Grete.

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"Geraten, Ernesto," antwortet Andreas leise und sehr ernst. "Nach und nach wird dieser Zustand unerträglich. Lili will sich nicht mehr darein finden, sich mit mir im Dasein zu teilen. Sie will ihr Dasein für sich allein haben. Jch weiss nicht, ob Ihr mich versteht ... Jch? - Ach, ich bin nichts mehr wert. Kann nichts mehr. Bin fertig. Das weiss Lili längst...

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(So ist es) ... Und drum macht sie von Tag zu Tag energischeren Aufruhr ... Was will ich noch mit mir ... Die Frage mag seltsam klingen ... (Für andere. Aber Kinder, Ihr gehört ja nicht zu den "anderen") ... Nur Toren glauben, sie seien unentbehrlich ... unersetzbar ... Doch jetzt kein Wort mehr davon ... Trinken wir jetzt lieber einen feurigen, süssen Asti, um Elena eine Freude zu bereiten."

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"Bravo," rief ruft Elena und liese lässt die Augen nicht von Andreas, der sich müde erhob und recht schlaff zur Theke geht, wo Francois zwischen seinen Flaschen thront und seine milden Mandolinenaugen erwartungsvoll und sehr geruhsam auf Andreas verweilen lässt. "Signore..." ruft er ihm
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schon von weitem halb singend entgegen.

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(Und alle drei, Elena, Ernesto und Grete lassen den Blick nicht von Andreas.)

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"Sag mir schnell," flüstert Elena, der Freundin zugebeugt, "wie sieht es mit unserm Freund aus. Er macht mir Sorge. Sein Aussehen gefällt mir nicht Sprich bitte..."

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Grete hat ihr Lächeln verloren. "So schlimm stand es noch nie mit ihm. Noch nie..."

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Ernesto und Elena schauen die Freundin wortlos an. (Und dann blicken sie sie zu Andreas hin, der jetzt mit sehr lebhaften Gesten Francois seinen Asti-Auftrag erteilt, den der Sizilianer unter feierlichsten Beteuerungen einen noch nicht dagewesenen Asti aus seinem Keller ans "künstliche Tageslicht seiner abendlichen Kneipe" heraufzubefördern, entgegennimmt.) "Jch habe alle Hoffnung auf Rettung für ihn fast aufgegeben," spricht sehr leise Grete, "wenn nicht ein Wunder..."

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Elena unterbricht sie lebhaft. "Siehst du, du sprichst es aus ... ein Wunder. Und da fällt mir ein, wie seltsam es doch ist, dass wir vier uns gerade heute abend nach so langer Zeit wieder treffen..."

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Mehr sagt sie nicht, blickt stumm vor sich hin.

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Grete sieht die Freundin fragend an. "Wieso seltsam...?"

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Du W w eisst doch, Grete, eigentlich sollten wir, der Ernesto und ich und die Kinder heute abend woanders hin..." Ernesto nickt zustimmend. "Aber, und das weiss Ernesto auch, ich hatte so ein Gefühl, das mir sagte: du musst Grete und Andreas heute sehen ... gerade heute..."

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"Stimmt," sagt Ernesto eifrig (und lässt Andreas nicht aus den Augen. Der steht immer noch vor dem Schenktisch und scheint auf den "noch nicht dagewesenen" sizilianischen Traubentropfen zu warten. "Beeil dich, Elena, ehe er zurück kommt....")

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"Gut denn ... kommganz dicht heran, Grete," wispert Elena. "Also hör. Ein sehr guter Freund von uns ist dieser Tage in Paris ... Ein Deutscher ... Aus Dresden. Ein Frauenarzt. Ihn sollten wir heute abend treffen. Er klingelte uns heute früh an, kurz nachdem wir mit Andreas im Telefon gesprochen hatten. Und da fällt mir sofort ein: kann jemand unserm Andreas freund helfen, dann nur der Professor aus Dresden . Und die Sache hat Eile. Denn der Professor muss schon morgen nachmittag wieder nach Deutschland zurück.

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Jch will noch heute abend mit ihm ein Rendez-vous verabreden..." Grete hat nur eine müde Handbewegung für den Optimismus, der aus Elenas funkelnden Blicken herausleuchtet. "Liebeste Elena, machen Sie sich keine Umstände. Es nützt nichts. (Es ist zwecklos.) Glauben Sie es mir. Andreas will keine Ärzte mehr sehen. Er hat genug von ihnen. Bei wem sind wir nicht gewesen ... (Nein ... nein ... ich kann ihn gut verstehen, wenn er jetzt hoch und heilig schwört, dass er sich nicht mehr untersuchen lassen will. Der Ärmste....")

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Elena hat beide Hände Gretes genommen. Und Ernesto legt seine Hand auf beider Hände. "Lassen Sie nur ruhig Elena Elena nur ruhig handeln," sagt er fast beschwörend Ernesto .

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"Ja, Grete, Liebste, jetzt dürfen Sie nicht widersprechen," begehrt Elena energisch auf, "ob ihr nun wollt oder nicht, ihr müsst diesmal gehorchen, und ich klingele noch heute abend den Professor an und erzähle ihm von Andreas. Das muss ich. Jch weiss, der Professor wird ihm helfen können..."

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(Dann schweigen sie alle drei wieder ... ihre Blicke sind bei Andreas, der jetzt ein paar staubige Flaschen gegen das Licht hält und sich in einer sehr gründlichen Diskussion mit Francois befindet. Man hört das helle Organ Andreas und dazu den sonoren Klang des Sizilianers. Der eine will scheinbar den andern überzeugen... )

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Grete steckt sich langsam eine Zigarette an. Sie hat eine umständliche Art, dies zu tun. Wie eine religiöse Handlung. Sie weiss es nicht. Jhre grossen, grauen Augen, die das zarte, blonde Gesicht völlig beherrschen, haben jetzt ihren nach innen gewandten Blick bekommen ... Sie bläst den blauen Rauch der Zigarette von sich. Sie starrt in den Rauch hinein. Sie zieht wieder den Rauch ein. Und langsam läst sie den Rauch wieder entströmen und starrt wieder.

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Dann sagt sie langsam, unerregt und bestimmt:

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"Gut, Elena, rufen Sie Ihren deutschen Professor an. Jch habe immer, oder sagen wir, oft auf die mystischen Dinge ringsum uns in der Welt gehört... habe ein feines Ohr ... und ein feines Gefühl für sie gehabt ... Mag sein, dass mein Gefühl mich diesmal nicht betrügt. Jhr kennt mich, ich bin nie pathetisch ... Aber Sie haben mich wohl angesteckt, Elena ... das ist es wohl. Jch bin beinahe ganz gläubig geworden durch Ihre Augen, Elena ... Rufen Sie ihn also an ... Und ich will Andreas schon überreden, dass er sich morgen
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zeitig bei Ihnen einstellt."

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Und dann wird schnell von etwas Gleichgültigem gesprochen. Andreas war im Anzug kommt zurück . Zwei Flaschen Asti hält er wie eine Beute vor sich...

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"Kinder, jetzt bekommt ihr einen Wein, der, frei nach unserer Kathedralenlegende wie auf Flaschen gezogene Sonnenstrahlen ist!"

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"Si si Signore!" sekundiert von Ferne Maëstro Francois.

* * *

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Als Grete und Andreas zu später Stunde, nachdem sie Ernesto und Elena einen Wagen zur Heimfahrt besorgt hatten, die Avenue hinunterflanieren, in deren Röhe ihreAtelierwohnung liegt, gesteht sie anfangs vorsichtig, dann aber mit Nachdruck, was sie mit Elena und Ernesto beschlossen haben. Andreas ist ausser sich. Mitten auf der Strasse bleibt er stehen, stampft mit den Füssen, rast und tobt wie ein ungezogener Junge, kümmert sich um keine Strassenpfütze, dass Gretes Seidenstrümpfe schliesslich wie ein Panterfell aussehen. Alle Sterne des Nachthimmels ruft er zu Zeugen an. Der deutsche Professor möge sich zum Teufel scheren. Und Elena könne ihn begleiten. Er, Andreas, lasse sich jedenfalls weder von einem deutschen noch von einem französischen noch von einem hindustanischen usw. Quacksalber untersuchen. Er sei fertig mit diesen Menschenschindern ... Grete lӓsst Ihn toben. Sie kennt das aus Erfahrung. Als er aber sich in immer heftigere Wut hineinsteigert, packt sie seinen Arm. "So, nun mag es für diesmal genug sein. Du glaubst wohl, dass Du jetzt Deine Männlichkeit dokumentierst ... Einem hysterischen Backfisch gleichst Du in Deinem Wutanfall ... Schämen solltest du di r ch etwas ... Verstehst du mich..." Andreas blieb stehen, sah mit seinen dunklen Augen Grete von oben bis unten an, bebte vor Erregung und schloss für heute die Auseinandersetzung mit dem erschütternden, bei Grete ein wahrhaft homerisches Gelächter erzeugenden Gelübde: "Nicht zwölf wilde deutsche Bierwagengäule werden mich morgen früh aus meinem guten, breiten Louis-Philippe Bett herausholen, um mich zu einem wildfremden Professor zu schleifen ... Glaubst du, dass ich mich nicht lächerlich genug vor französischen Quacksalbern gemacht habe? So11 ich mich jetzt auch noch von einem Dresdener Quacksalber auslachen lassen? Kein Wort mehr davon..."

* * *

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Andreas ist längst eingeschlafen.

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Grete hockt noch wach in ihrem Bett, blickt unverwandt auf den Schlafenden
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... Sie weiss, wie ernst die Dinge stehen. Und in der drückenden Stille der Nacht fühlt sie das Würgen der Angst ... sie sinnt und sinnt ... ist es recht, wozu sie und die Freundin den Ärmsten, der jetzt so still und friedlich wie ein Kind neben ihr schlummert, überreden wollen? Darf sie es wirklich? Jhr Gewissen gibt keine Ruhe ... Elena hat vorhin gesagt, dass dieser ihr völlig fremde Mann aus Deutschland eine Kapazität als Arzt sei ... Und weiss auch der keine Rettung für ihren Andreas, so kann es das Todesurteil für den Freund werden ... (Denn kommt der Deutsche zu demselben Ergebnis wie seine Kollegen hier in Paris, so weiss sie, was geschehen wird ... Und doch ... und doch .... vielleicht sollte durch den Fremden die Rettung, die Erlösung kommen) ... Vielleicht wartete dennoch das Wunder auf Andreas ... dieses lang ersehnte Wunder,von ihr inbrünstig und immer inbrünstiger ersehnt für den Lebensgefährten, den Schicksalsgenossen in guten und in bösen Tagen...

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Plötzlich entsinnt sie sich, was eine seltsame russische Hellseherin, eine Emigrantin hier in Paris, neulich zu ihnen beiden gesagt hat: es war gerade nach dem letzten, hoffnungslosen Besuch bei einem Pariser Spezialisten ... Andreas war völlig zerschmettert ... In dieser Stimmung trafen sie die Russin. "Wenn Ihr Mann noch ein einziges Mal mit seinem Arzt wechselt, wird alles, was er sich wünscht, in Erfüllung gehen," hatte diese seltsame Frau zu ihr gesagt und dabei mit seherischen Augen Andreas betrachtet...

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War es das Schicksal, das sich jetzt ankündigte? Konnte ihr Instinkt sie betrügen, jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand? ...

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Und dennoch, - jetzt, wo es das Leben des geliebten, kranken Freundes galt, an dessen Seite sie so viele Jahre gelebt hat, jetzt schien sie aller Mut zu verlassen ... Sie hatte Angst, sich zu irren, Angst, eine zu grosse Verantwortung auf sich zu bürden ... Angst um Andreas...

* * *

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Schon seit vielen Jahren war er krank. Zahllose Ärzte und Spezialisten hatten sie aufgesucht, - ohne Resultat. Jetzt war er so müde. Ihm war das Leben zu einer Pein geworden...

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Niemand hatte verstanden, was ihm fehlte. (Aber sein Leiden war auch von so wunderlicher Art. Ein Spezialist in Versailles hatte ihn ohne weiteres für einen Hysteriker erklärt;im übrigen sei er ein völlig normaler
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Mann, der sich nur in aller Vernunft als Mann benehmen solle, um zu neuem, besseren Leben "aufzublühen"; eine besondere Untersuchung halte er für völlig überflüssig; dem Patienten fehle nichts weiter als die Überzeugung, dass er völlig gesund und normal sei ... Und damit basta ... Andreas hatte sich diese verblüffende Erkenntnis mit Seelenruhe angehört, um dann, als sie wieder auf der Strasse waren, zu erklären: "Alle Achtung vor solch einem Genie hier in Versailles! Schon auf der Türschwelle erkennt so einer das Leiden seiner Patienten, - ganz wie zu Zeiten des seligen Louis XIV...")

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Ein junger Arzt, in Versailles ebenfalls ebenfalls Versailles , hatte zwar festgestellt, dass "nicht alles so war, wie es sein müsste" ...aber dann hatte er Andreas mit folgenden trostreichen Worten entlassen: "Scheren Sie sich um nichts, was auch mit Ihrem Körper vor sich geht. Sie sind so gesund und unverdorben. Sie können schon etwas aushlaten."

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Eine etwas mystisch veranlagte medizinische Persönlichkeit aus Wien , ein Freund von Steinach, war mit ihrer Diagnose schon auf dem richtigen Weg. "Nur ein kühner, waghalsiger Arzt kann Ihnen helfen," hatte dieser Mann erklärt, "aber wo finden Sie einen solchen Arzt heutzutage...?" Ein Radiologe war sehr aktiv gewesen, aber er h a ä tte Andreas auch beinahe umgebracht...

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Danach hatte Andreas sich ein Herz gefasst und war mit drei Chirurgen in Verbindung getreten. Alle drei hatten jedoch abgelehnt, sich mit ihm "abzugeben".

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Der erste hatte erklärt, er hätte bislang noch niemals "Verschönerungsoperationen" ausgeführt; der zweite untersuchte ausschliesslich den Blinddarm Andreas; und der dritte erklärte Andreas für "völlig verrückt". Ihm, d D iesem dritten Spezialisten, würden die meisten Menschen wahrscheinlich Recht gegeben haben: denn Andreas glaubte, er sei in Wirklichkeit überhaupt kein – Mann, sondern eine Frau...

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( Andreas, der als Künstler sich nur wenig an alte, übernommene Wahrheiten gebunden fühlte, hielt seinerseits recht, recht wenig von solch einem "Durchschnittsmediziner", wie er sich auszudrücken pf el le gte, wobei man ihm seine verbitterte Stimmung zugute halten musste, "Solch ein Mann hält sich für allwissend, weil er einmal als grüner Bengel an irgend einer Universität studiert hat. Und solch eine Universität ist ja bekanntermassen
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ebenfalls allwissend und unfehlbar..." Und einmal rief er, beschwingt von einem Glas Rhone-Wein: "Wahrheit ist wie Flugsand ... ewig auf Wanderung.")

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Und er war sich klar darüber, dass nur ein Arzt mit Phantasie, ein Mann, der Gelehrter und Künstler zugleich war, vielleicht imstande sein könnte, ihm zu helfen. Aber er hatte längst alle Hoffnung aufgegeben, solch einen Arzt ausfindig zu machen. Und er war so müde, so grenzenlos müde geworden und hatte sich selber gelobt, keinen Arzt mehr aufzusuchen. Er hatte den Entschluss gefasst, sich aus dem Dasein zurückzuziehen. Der erste Mai sollte der Stichtag sein ... Das Frühjahr ist eine gefährliche Zeit für Kranke und Müde...

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Er hatte sich alles überlegt ... sogar seinen Ausgang ... Es sollte gewissermassen wie eine höfliche Verbeugung vor der Natur sein ... falls ihm diese Natur nicht doch noch im allerletzten Augenblick zu Hilfe kommen würde ... Jetzt war es Februar ... schon Februar ... März und April waren noch Wartezeit ... Gnadenfrist ... er war ruhig ... er wartete ab.. er hatte längst resigniert...

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Das einzige, was ihn quälte, ihn unsagbar peinigte, war der Gedanke an seine kleine, entzückende Frau, - die treue Freundin und Gefährtin seines Lebens.

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Grete Sparre war eine Künstlerin von grossem Talent. Er interessierte sich viel mehr für Ihre Bilder von schönen, sehnsuchtsvollen Frauen mit träumenden Augen und roten, brennenden Lippen, die zu Küssen und Liebkosungen rufen, interessierten ihn viel mehr als seine eignen Malereien. Ihre Bilder wirkten erregend, aufpeitschend wie ein Duft aus den Dschungeln von Paris ... sie waren Ausdruck der Zeit ... und doch voll leidenschaftlicher Hingabe ... rein in Ihrer Linienführung, wie ein Erbe von Botticelli und den anderen primitiven Italienern ... oft wie verrankt mit einem schmerzvollen Sehnen - wie bei Watteau ... als hörte man plötzlich in einem pariser Salon das ferne Echo der Flöte Pans...

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Vielleicht gerade deshalb ... wie weil ihre Ehe eigentlich fast von Anfang an vor allem Kameradschaft war, also dachten und sagten sie beide so oft, vielleicht gerade deshalb fanden sie beide das Leben angenehm und lebensert, wenn sie bei einander waren .... Und sie waren unzertrennlich.

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Kaum erwachsen, noch auf der Kunstakademie in Kopenhagen , hatten sie sich verheiratet. Mutig hatten sie zusammen das Leben angepackt. Ein paar Tage
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vor der Hochzeit hatte Andreas sein allererstes Bild auf seiner allerersten Ausstellung verkauft: für sechzig Kronen!

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Als Künstler hatten sie einander geholfen, -stets, überall, auf jede Weise, - von Anfang an hatten sie Schulter an Schulter für ihre Kunst gekämpft und nie einander in Stich gelassen. Meist hatten sie im Ausland gelebt, vor allem in Paris. Und dieses Leben in der Fremde hatte sie vielleicht noch inniger mit einander verknüpft. Jedenfalls waren sie verschont geblieben von jener leichtlebigen Atmosphäre von Ehescheidungen und Verantwortungslosigkeit, die über Kopenhagen sich sich über Kopenhagen breitet...

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Deshalb gab es jetzt so oft Augenblicke für Andreas, wo er sich wie ein Verräter Grete gegenüber vorkam jetzt, wo er inniger und inniger der verlockenden Musik des Todes lauschte ... Aber er hatte erkannt, dass er nicht mehr arbeiten konnte, (wie sehr er sich auch mühte) ... Und gerade diese Erkenntnis war es, die ihm Entschuldigung gab, Trost und Recht, von dannen zu gehen: er hatte Angst, Grete zur Last zu fallen ... Dieser Gedanke würgte ihn seit Monaten, erdrosselte alles Frohe in ihm ... Nein, er war kein Feigling ... er fühlte sich auch nicht als Märtyrer ... nein ... nein ... Aber seinem so jungen Weibe eine Bürde je zu werden ... nein!

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Grete kannte seine Gedanken. Und was sie auch aufbot, um den armen Geliebten zu beruhigen, ihn neue Hoffnung zu machen, sie ahnte, es war zwecklos.. So vieles verband sie mit einander. So viele Kämpfe, so viele Erinnerungen helle und dunkle... Und vuelleicht am allermeisten – Li o l i ....... Lili? ....Ja ... Denn Andreas bestand aus zwei Wesen: aus einem Mann, Andreas, - - und aus einem Mädchen, Lili .... Man konnte sie auch zwei Zwillinge nennen, die beide zu gleicher Zeit den einen Körper in Besitz genommen hatten.

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Als Charakter waren sie beide sehr verschieden.

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Allmählich brkam Lili über Andreas die Übermacht, derart, dass man sie in ihm noch spüren konnte, selbst wenn sie sich - zurückgezogen hatte, -aber niemals umgekehrt. Während er sich müde fühlte und dem Tode verfallen schien, war Lili froh und lebensfrisch und hatte den glücklichen Drang, sich zu entfalten, wie eine Larve, die davon träumt, einst Flügel zu erhalten und ein bunter Schmetterling zu werden.

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Sie war Gretes Lieblingsmodell geworden. Durch alle ihre besten Arbeiten wandelte Lilis schlanker Elfenleib ... Lili war bereits zu einem Typ geworden, zu einem modernen Frauentyp, geschaffen von der Phantasie eines
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Künstlers, ...wie alles Neue auf Erden. -

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Grete fühlte sich als Beschützer dieser sorglosen und hilflosen Lili. Und Andreas fühlte sich als Beschützer beider... Denn während Lili ihn hasste, weil er ihr im Wege stand, hielt Andreas mehr von ihr als von sich selbst und hoffte, einmal völlig ihr zuliebe verschwinden zu können, und hoffte, dass dies geschehen würde, ehe ihr gemeinsamer Leib zu viele Narben vom Leben erhalten ... Seine letzte Hoffnung war, zu sterben, auf dass Lili zu einem neuen Leben erwachen könnte.

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Und wenn die Müdigkeit nach schlaflosen Nächten voll Fieber und Schmerzen ihn überwältigte, gab es in ihm nur einen Gedanken: für ewig einzuschlafen.

II

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Als Grete nach einem unruhigen Schlaf wenige Stunden später erwachte, war ihre Angst verschwunden und ihr Entschluss stand fest.

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Im Traum hatte sie eine hohe, schlanke Gestalt, mit in einem weissen Arztkittel bekleidet gesehen: ein seltsames, etwas strenges Gesicht, - das sie nicht kannte, - gemildert durch ein grenzenlos gütiges Lächeln, und beide Hände reichte der Mann ihr entgegen. (Und mit einem Aufschrei aus tiefster Dankbarkeit hatte sie sich dem Unbekannten in die Arme geworfen.)

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Sie weckt Andreas. Ihre Erregung zeigt sie dem Geliebten nicht. Sie spricht gütig auf ihn ein, setzt ihm klar und froh auseinander, dass er, wenn nicht aus einen anderen Grunde, so doch aus Höflichkeit zu Elena hingehen müsse. Dort könne er dann immer noch eine Ausrede finden, falls es ihm zuwider sei, ihren deutschen Professor aufzusuchen. Vielleicht habe Elena überhaupt noch keine Verabredung mit dem fremden Arzt getroffen. Ausserdem sei solch ein Mann, noch dazu vor der Abreise, sowieso mit Visiten, Konferenzen und dergleichen sehr besetzt. Die Aussicht, von ihm noch untersucht zu werden, sei also sehr gering ... Dies alles sagt Grete mit gewollter Sachlichkeit und ohne besonderen Nachdruck, damit Andreas keinen Widerstand leiste...

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Eine Stunde später ist er denn auch schon unterwegs nach Passy, wo Elena und Ernesto wohnen.

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Er findet sie beide noch in ihrem riesigen, vergoldeten Himmelbett Schlafzimmer . Er muss sich auf der Bettkante neben Elena sich hinhocken. Ein komfortables Frühstück zu dreien wird flugs angerichtet. Und dann fährt Elena mit dem morgenfrechsten Lächeln das schwere Geschütz ihres unwiderstehlichen Scharms auf. Und ehe Andreas sich recht versieht, ist er ihr gnadenlos verfallen.

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"Von mir aus brauchst du ja nicht hinzugehen, Liebling," plappert Elena gleichgültig daher, "aber weisst du, da er nun einmal noch hier ist, können wir ihm ja die Freude machen ... Nicht wahr? Und ausserdem mag er mich nämlich arg gern ... Schon deshalb musst du mir den Spass machen. Nicht wahr, Ernesto?"

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Und Ernesto nickt nur.

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"Und ausserdem musst du wissen, mein kleiner Andreasbub, dass der Mann ein sogenanntes ganz grosses Tier ist. Kreutz heisst er. (Das hat aber weiter
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gar nichts zu sagen.) Um präzis zwölf Uhr erwartet er mich. Und da bist du halt dabei. Denn Ernesto lässt mich nie und nimmer allein zu solch einem Zauberer ziehn. Gelt, Ernesto mio?"

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Und Ernesto nickt wieder.

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Und Andreas beugt sich entwaffnet über die Hand der Freundin, küsst sie und streichelt sie und küsst sie noch einmal und zitiert seinen ewigen Wahlspruch: "Ce que femme veut arrive!"

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Punkt zwölf Uhr hält ihr Wagen vor einem eleganten Palais aus dem 18. Jahrhundert. Während Elena den Klingelzug in Bewegung setzt, flüstert Andreas: ("Vielleicht ist es doch ganz interessant, Ihre deutsche Berühmtheit von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Da er einer Rasse angehört, bei der das Interesse für wissenschaftliche Forschung so stark ausgeprägt ist, dass dieses Interesse möglicherweise den Drang des Mannes im allgemeinen, sich ganz besonders nach Gottes Ebenbild angefertigt zu sehen..."

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"Um Himmels willen, Andreas," unterbricht ihn Elena kichernd, "nur jetzt hier draussen keinen Vortrag halten..."

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"Aber wieso denn, ich meine ja nur, dass..."

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"...dass wir uns das alles bis gleich aufsparen, Liebling."

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Andreas fasst die freie Hand der Freundin.) "Elena, ich meine ja nur ... ich hoffe ja nur ... wie soll ich es ausdrücken..."

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Elena sieht den Freund, der bleich vor Erregung ist, jetzt sehr ernst an. "Sprich...sprechen Sie, Andreas..."

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Er reisst sich zusammen. Seine Augen glänzen feucht. Und dann stösst er diesen Satz heraus: "...dass er mich nicht bloss bloss nicht als einen traurigen Überläufer betrachten wird,- - weil – – ich lieber Weib als Mann sein will..."

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"Nein, Andreas, dafür verbürge ich mich." Und Elena nimmt seinen Kopf in ihre beiden lieben Frauenhände, stellt sich auf die Spitzen ihrer Stöckel s S chuhe und gibt dem Freunde geschwind einen herzlichen Kuss auf den Mund. Und schnell schrickt sie zurück. Man hört Schritte innen.

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Die Tür wird geöffnet. Ein Diener empfängt sie. Und ehe er das Paar noch gemeldet hat, kommt ein grosser, schlanker Herr ihnen entgegen. Der dunkelblaue Sakkoanzug betont auf eine fast militärische Art die straffe Elegance der Erscheinung. Das zurückgekämmte Haar liegt wie eine dunkle, blanke
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Masse über der hohen Stirn, während der kleine, amerikanisch gestutzte Bart auf der Oberlippe einen leicht blonden Ton hat.

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Wenn Andreas später versuchte, sich diese Ansichtszüge ins Gedächtnis zurückzurufen, so wurde jedesmal alles von den Augen ausgewischt... Von diesen graublauen, tief liegenden Augen, die zugleich hell und dunkel waren, strahlte ein seltsamer, bannender Zauber aus.

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Es war Werner Kreutz...

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Andreas fühlte sein Herz hart pochen. Während der Professor mit einer etwas zeremoniellen Herzlichkeit sie in den Salon führte und mit Elena einige Worte austauschte, fiel Andreas zun ersten Mal in seinem Leben auf, dass deutsch eine schöne und musikalische Sprache ist....

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Eigentlich eine merkwürdige Stimme, diese deutsche Stimme, denkt er für sich, beinahe wie verschleiert - - und dennoch, als sei sie gewohnt, zu befehlen und - unbedingtem Gehorsam zu begegnen...

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Ja, also fühlt Andreas, dieser Stimme wird niemand zu widersprechen wagen.

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Wie im Traum hört er der Unterhaltung der beiden zu ... auch dann noch, als Elena dem Professor von ihm und seiner Leidensgeschichte, leise und wie hingeworfen, dann und wann ihm einen schnellen, lieben Blick zuwerfend,erzählt.

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Diese Stimme ... nichts anderes kann Andreas denken, empfinden. Er ist wie von einem Bann umschlossen, von dem Bann dieser Stimme. Sie gleicht seinen Augen, sie ist hell und dunkel zugleich wie die Augen. Sie dringt in den andern ein. Die Augen, die Stimme. Bis in die heimlichste Seelenfalte hinei hinein...

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Und was wird diese Stimme nun ihm zu sagen haben...und diese Augen, was werden sie ihm mit ihren Blick gleich verkünden? ....

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Ein Todesurteil? .... Erwartet er etwas anderes als dies? ... Erwartet er überhaupt etwas? Ist er überhaupt zu irgend einem Ziel hierher gegangen? Nicht fragen ... nur hören ...

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Da plötzlich spürt er wieder die harte Wirklichkeit. Der Professor steht vor ihm, sieht ihn kaum an, spricht nur ein paar knappe Worte zu ihm. Und erf folgt ihm in ein neben dem Salon liegendes Zimmer ... wohl sein Arbeitzimmer, wo er ihm gebietet, sich etwas zu entkleiden. Wie ein Schlafwandler bin ich jetzt, denkt fern und nebelhaft Andreas, er muss gehorchen, willenlos ... er will etwas sprechen ... er sucht nach deutschen Worten ...

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"Sie brauchen mir keine Erklärungen zu geben, mein Herr," unterbricht der Professor ihn rücksichtsvoll.

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"Hier, nicht wahr, schmerzt es ... und dort ... und ebenfalls dort ... nicht wahr?" und langsam gleitet seine Hand über Andreas Leib dahin, und Andreas braucht nur leise und scheu zu nicken ... und ein fast schreckhaftes Erstaunen fasst ihn an. Woher weiss dieser fremde Mann, wo seine Schmerzen wohnen?

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Und dieses Erstaunen steigerte sich zu Verblüfftheit, als der Professor, dem Frau Elena heimlich ein Bündel Photographien von Lili zugesteckt hatte, die Bilder aus dem Umschlag herausnahm und sie vor sich auf den Tisch legte und zwar in der Reihenfolge der Jahre, die auf der Rückseite von ihnen, von dem Professor nicht beachtet, vermerkt standen...

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"Da haben wir also die Entwicklung ...." sagte der Professor schlicht. Andreas nickte nicht einmal.

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"Und w W ie ich höre, hat ein Radiologe Arzt Sie mit Röntgenstrahlen behandelt... Sie mit Röntgenstrahlen behandelt und zwar, ohne vorher chemische und zwar, ohne vorher chemische oder und oder mikroskopische Untersuchungen vorgenommen zu haben ... Merkwürdig ... Und ausserdem sehr gefährlich. Er hat also aufs Geratewohl gehandelt ... unmöglich, zu sagen, was er ob er damit angerichtet, verdorben haben kann. Denn bei Ihnen, wo alles unnormal ist, liegen die Ovarien vielleicht so tief unten, dass er sie zerstört hat ... sie und zugleich auch die kranken Organe die Keimdrüsen eventuell also auch vorhandene Ovarien ungünstig beeinflußt hat – das muß die weitere Untersuchung ergeben ..."

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"Ovarien...." Andreas stiess dies Wort wie einen Schrei heraus, "ich ... habe ... also...?" Weiter kam er nicht ... Er konnte vor Erregung kaum atmen ... alles drehte sich im Wirbel um ihn...

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" Ja, natürlich Höchst wahrscheinlich ," antwortet der Professor, (und unerschüttert und sachlich, und dennoch gedämpft durch den Ton seiner jetzt sehr weichen, diskreten Stimme ... immer wieder hat Andreas an diesen wie leicht umschleierten Klang denken müssen ... und nicht nur Andreas ) ..., spricht der Professor weiter, "sehen Sie ich vermute daß sie sowohl männliche wie weibliche Organe besitzen, hat und keins von beiden hat Raum genug erhalten, um sich völlig zu entwickeln. Es ist ein Glück für Sie günstig , dass Sie sich so ausgesprochen als Weib fühlen .... Denn das ist Ihre einzige Rettung und mit Symptome -- . Und deshalb glaube ich werde ich Jhnen helfen können."

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Andreas muss sich ans Herz greifen. Er beugt sich vor, um jedem Wort, das der fremde Mann da spricht, so nahe wie nur möglich zu sein in
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dem Augenblick, wo es ausgesprochen wird. Er blickt dem fremden Manne starr in die Augen, um auch in dessen Blick diese Worte bestätigtczu finden...

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"Und es ist hohe Zeit, dass Ihnen Hilfe gebracht wird," spricht der fremde Mann jetzt ... und er setzt sich vor Andreas auf einen Stuhl, sieht ihn wie wissend an... "Ein Wunder, dass Sie noch am Leben sind. Erschrecken Sie nicht über meine Worte. Aber ich sehe Ihren Zustand nur allzu deutlich..."

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Andreas erbebt bis ins Tiefste. "Und ... Herr Professor ... und was soll ich ... was ..."

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Der Professor ist aufgestanden, geht ein paar Mal auf und ab, als denke er nach, wendet sich dann wieder gegen Andreas. Und wieder trinkt Andreas seine Worte ...

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"Kommen Sie zu mir nach Deutschland. Jch werde hoffe, daß ich Ihnen ein neues Leben und eine neue Jugend durch eine eindeutige Geschlechtsentwicklung geben kann.

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Sehr sachlich wurden diese Worte gesprochen .... so grenzenlos einfach.

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Andreas hat sich aufgerichtet. Er ringt nach Worten. Er findet sie.

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"Also wird es Lili sein, die ... leben ... darf ...?"

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"Ja," antwortet Werner Kreutz "das hoffe ich". "Jch werde Sie selber operieren, und Ihnen vor allem neue, kräftige Ovarien geben. In kurzer Zeit wird das für Sie eine Dieser Eingriff wird entschiedene Verjüngung bedeuten. Eine neue Lebenskraft. Und Und beides wird Sie über jenen Stillstand in Jhrer Entwicklung hinwegbringen, dem Sie gleichzeitig mit dem im im Pu p b ertätsalter verfielen. Vorher aber werden Sie sich in Berlin noch verschiedener Untersuchungen unterziehen müssen. Danach kommen Sie dann zu mir nach Dresden in meine Frauenklinik .

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Damit schloss dieses erste, schicksalsvolle Gespräch zwischen dem fremden Mann und Andreas, der noch atemlos dasass, als Elena, von dem Professor in das Arbeitszimmer geführt, vor ihm stand und ihn wie eine kleine Mutter streichelte ... Und sie lächelte, um ihre Ergriffenheit nicht zur Schau zu tragen.

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"Nun, das wird etwas für Lili sein, in die berühmte Klinik zu kommen ( wo Frauen aus allen Weltgegenden zusammenströmen ) ," rief sie hingerissen, ( "und dann wird es ein neues Frauenherz geben, zu all den ungezählten anderen, die in ihrer Herzenstiefe Ihnen, lieber Professor, für Leben und Gesundheit danken..."

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Mit einem etwas verlegenen Lächeln, das ihm einen jugendlichen Scharm verlieh, glitt Werner Kreutz über Elenas Kompliment hinweg.)

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Sinnend steht er wieder wie für sich allein da ... blickt plötzlich Andreas an ... dann Elena... "Jch darf doch offen fragen?" sagt er, von einem zum andern blickend.

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"Aber bitte," erwidert Andreas, "vor Frauh Elena habe ich keine Geheimnisse ... Nicht wahr, Elena? ..."

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Statt aller Antwort nimmt Andreas die Hand der Freundin und küsst sie wieder.

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"Nun denn," beginnt der Professor wieder, und das verlegene, jungenhafte Lächeln spielt wieder um seinen Mund, "wie ich höre, sind Sie ... verheiratet..."

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Andreas glüht jetzt vor Verlegenheit...

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"Ihre Ehe ... vielleicht können Sie mir da einiges erklären, weil es für mich als Arzt immerhin...."

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Jeder von ihnen empfand das Phantastische dieses Augenblickes und auch das Natürliche, Selbstverständliche dieser Frage.

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"Vielleicht gehe ich doch..." fragte Elena den Freund diskret und voll Schonung.

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Andreas hielt Elena fest. "Nein, Elena, nein, nicht gehen, nicht...”

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Der Professor kommt jetzt beiden zu Hilfe. Sein Lächeln wirkt in diesem Augenblick wie eine Befreiung. "Wie verhält es sich zum Beispiel mit... nun, ich hörte den Namen Lili soeben und auch vorhin hier aussprechen, -nun also mit Lili und den Männern ... ich meine, interessieren sich die Männer für Lili? ..."

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"Aber ja," ruft lachend jetzt Elena, "aber ja, liebster Professor, es ist schier unglaublich, welch eine Anziehungskraft Lili, diese kleine freche Person, auf unsre Herrenwelt ausübt.”

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( Andreas will sie unterbrechen. Der Professor lächelt jetzt herzhaft. "Bitte, jetzt hat die gnädige Frau das Wort."Und Andreas lässt alles über sich ergehen. Und Elena funkelt mit den Augen ihn an): "Jch hab's mit eignen Augen erlebt, auf verschiedenen Karnevals und Bällen, wie die kleine Lili ihr Spiel trieb ... um dann schliesslich wie ein Stückchen Wild gehetzt zu werden! Stimmt es etwa nicht?"

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Andreas schaut nur vor sich hin. Er kann nicht lächeln.

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Der Professor ist jetzt wieder ganz sachlich. "Was Sie da erzählen gnädige Frau, entspricht ganz dem Bilde, das ich mir gemacht habe... gnädige Frau, entspricht ganz dem Bilde, das ich mir gemacht habe...
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Und ich glaube, dass später, wenn Lili, wie ich "sie" nun also auch der Einfachheit halber wohl nennen darf, ( nach gründlicher Vorbereitung bei uns daheim ganz und für immer in Erscheinung treten wird, ) diese Anziehungskraft noch zunehmen dürfte ... Jm übrigen dürfte die notwendig werdende Operation, übri zumal sie die erste ihrer Art ist, mancherlei merkwürdige Situationen ergeben, nicht zum wenigsten in juridischer Hinsicht. Aber, "und jetzt stellte er sich dicht vor Andreas und nahm seine Hand, "das verspreche ich Ihnen, ich werde die kleine Lili nicht im Stich lassen und ihr bei ihren ersten selbstständigen Schritten ins Leben hinein behilflich sein."

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Andreas sah auf die Hand des fremden Mannes nieder ... er wusste nicht, was er tun sollte ... er blickte ratlos im Zimmer umher ... liess dann die fremde Hand los, streckte beide Arme wie Hilfe suchend Elena hin, sie eilte auf ihn zu und liess sich willig in seine bebenden Arme schliessen.

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Und so stehen sie beide da ... eng verschlungen ... Leise löst Elena sich von ihm los ... und legt erst den einen und dann den andern Arm um den schluchzenden Freund.

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"Elena, süsse Freundin..." er stammelt unter Tränen seine Worte ... "was jetzt kommt, das Leben ... mit dem ich ja gar nichts zu tun haben werde ... Elena ... das Leben haben Sie, ...Elena..., haben Sie gerettet ... Ohne Sie wär ich nie hier gewesen..."

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Werner Kreutz stand jetzt vor dem Fenster, er blickte hinaus.

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Andreas hob das verweinte Gesicht aus Elenas Umarmung und suchte mit den Augen den fremden Mann. Wie er ihn dort stehen sah, umschlossen von dem Licht der Strasse, das durch das Fenster hereinflutete, - nie hat Andreas dieses Bild vergessen können, solange er noch Andreas war, - wuchs er aus dem Dunkel heraus ins Licht, und das Gesicht, das sich in schmalem Winkel mit reinem, ebenmässigem Profil aus dem Helldunkel zwischen Licht und Schatten heraushob, begann sich still ihm zuzuwenden. Und er löste sich von dem Fenster los, wandte sich ganz Andreas zu ... Und Andreas geht jetzt ihm entgegen. Und Werner Kreutz hebt seine Arme und öffnet beide Hände. Und Andreas ergreift diese starken, sicheren Hände wortlos. Und Werner Kreutz umschliesst Andreas Hände, sieht diesen Menschen, den er erst wenige Minuten kennt, an, und dann sagt er sehr still: "Jch verstehe Sie. Sie haben viel gelitten.

III

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Währenddess warten Grete und Hvappe in der kleinen Atelierwohnung auf Andreas Rückkehr.

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Hvappe ist das dritte Mitglied des winzigen Hausstandes, ein weisses, um Schnauze und Füsschen rosafarbenes Hundefräulein, das einer delikaten Leberpastete mit Trüffeln ähnelt. Eebenso wie die echte Strassburger Gänseleberpastete ist H a v appe mit einer allerliebsten Fettschicht bedeckt. Was ihn jedoch nicht daran hindert, auf Gretes Gemälden auffallend schlank, ja geradezu grazil zu erscheinen. Einem Lämmchen oder einem Reh, wenn nicht gar gewissen elfischen Fabelwesen, die man auf alten gothischen Tapeten oder köstlichen Gobelins findet, glich Hvappe dort...

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Hvappe ist ausserdem Erzieher der Familie Sparre. Schon seit langem. Und zwar mit grossem Erfolg. Grete und Andreas hatten längst gelernt, sich Hvappe in allen seinen Launen und Gewohnheiten zu fügen. Hvappe ist die wichtigste Person hier oben. Hvappe duldet keinen Widerspruch wie jeder Haustyrann. Das weiss Hvappe. Dafür aber nimmt Hvappe auch an allen Sorgen und Freuden des Familienlebens aufrichtig teil und Anteil ... und namentlich an allen Mahlzeiten, wobei auch Hvappes besonderem Geschmach Rechnung getragen wird.

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Dafür aber respektiert Hvappe auch Andreas Liebe für Musik, besonders bei grammofonischen Darbietungen, kargt dann auch nicht mit Beifallsäusserungen, insbesondere bei Wagner-Platten. So hat Grete jetzt, um über die Stunden harter Spannung während Andreas' Fortsein Hvappe die Zeit zu vertreiben, eine Parsifal-Platte aufgelegt, mit dem Erfolg, dass Hvappe zu einem Kalbskotelettknochen seine Zuflucht nimmt und damit einen wahren Indianerkrigestanz zum besten gibt, in der Hoffnung fernes Unwettergemurre und andere bedrohliche oder schmerzliche Geräusche zu übertäuben...

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(Obwohl Hvappe eine geborene Pariserin ist, - was, wie bereits erwähnt, eigentlich eine kleine Entgleisung ist, wenigstens in der guten Pariser Gesellschaft, - spielt Hvappe ansonsten ausschliesslich mit Puppen aus Holland. Eine Freundin von Grete und Andreas , also auch von Hvappe, ist die Spenderin dieses Spielzeugs, denn sie ist glückliche Besitzerin einer ganzen Pekingeser-Familie und hat es auf diese Weise zu beträchtliche, Hundeverstand gebracht.)

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(Trotz Gretes herzlichem, etwas verhaltenem Zuspruch will Hvappe heute jedoch nichts von seinen holländischen Gespielen wissen. Alle Aufforderungen, den Knochen mit einem Püppchen zu vertauschen, - denn die Püppchen sind wattiert und drum geräuschlos, - schlägt Hvappe in den Wind.)

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Hvappe besitzt feine, perlutterfarbene Nägel, - Krallen darf man in Verbindung mit Hvappe nicht sagen, - die an dem Seidenbezug der alten Rokokkomöbel poliert werden. Diese Schönheitspflege Hvappes ist an der Schönheit der alten Sessel nicht spurlos vorübergegangen.(Drum sehen sie meist etwas angegriffen aus, was besonders Frau Elena, die auf Ordnung und Achtung auch vor den sogenannten toten Dingen, die nach ihrer Ansicht durchaus lebendig sind und eine richtige Seele haben, hält, zu manchem kleinen Vorwurf Anlass gegeben hat.) Meistens liegt Hvappe auf einem Divan, und trotz Hvappes Winzigkeit hat Hvappes es fertig gebracht, dass dieser Divan allmählich inmitten seiner Liegefläche einem respektablen Storchennest gleicht.(Nur wenn Grete oder Andreas unpässlich sind und auf dem Divan sich etwas Ruhe gönnen müssen, ist Hvappe bereit, seinen Nestplatz mit einem etwas kleineren Plätzchen zu Häupten oder zu Füssen seiner Hausstandsgenossen zu begnügen. Ist einer von ihnen aber so krank, dass das Bett gehütet werden muss, so bleibt Hvappe mitten auf dem Divan, in seinem Storchennest liegen, niemand vermag ihn daraus zu vertreiben, denn in solchen Fällen ist Hvappe viel kränker und ruhebedürftiger als der wirkliche Patient ... )

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(Die Parsifal-Platte war längst von einem modernen Tonfilmschlager abgelöst worden. Grete weiss sich vor Spannung kaum noch zu helfen. Es sind bereits Stunden seit Andreas' Aufbruch vergangen. Hvappe liegt längst auf seinem obligaten Platz und schnurrt wie ein Kätzchen. Plötzlich fährt er hoch, setzt sich hin, spitzt das linke Ohr, dann das rechte, dann beide ... knurrt auf ... und pfeilt dann von dem Divan hinunter und mit einem Gemisch von Gekläff und Geheul hinaus an die Entrètür...)

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Als Andreas eintritt, will das kleine Hundevieh den lang Erwarteten vor Freude fast umbringen.

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Andreas ist bleich wie ein Sterbenskranker. Grete ist ihm entgegengeeilt. Sie muss den Geliebten Halt geben, führt ihn zu dem Divan, wo er
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sich wie zerschlagen niederfallen lässt.

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( Grete bleibt lange neben ihm sitzen, wortlos, auch Hvappe rührt sich nicht, blickt nur mit tief bekümmerten Augen den Ermatteten an. "Brauchst nicht gleich zu sprechen, Lieber," spricht sie milde ihm zu, streichelt ihn beschwichtigend ... ahnt alles...)

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Und als dann Andreas zu sprechen beginnt, hört sie ihm zu mit geschlossenen Augen. Auch Andreas spricht mit geschlossenen Augen. Was ist jetzt Traum? Was ist Wirklichkeit? (Diese Frage rührt Gretes Frauenherz an.)

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Sie lauscht jedem Wort, mit dem er das seltsame Zusammentreffen mit diesen deutschen Arzt beschreibt, zu beschreiben versucht...

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Ist das, was jetzt beginnt, Erlösung, die Erlösung für den Freund, den Gefährten, fragt Gretes Herz und begräbt diese bange Frage in sich. Wohin geht der Weg für ihn, für ise, für sie beide? ...

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Tausend Fragen und Ängste stürmen wieder auf Grete ein...

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Und Andreas erzählt, völlig aufgewühlt durch das Erleben vorhin, in Wortfetzen ... Herzfetzen, fühlt Grete, sind es...

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Und Grete mit ihrem wachen, immer auf das Wesentliche gerichtetem Verstand, während sie jetzt leise die Augen wieder öffnet und auf den noch immer wie atemlos daliegenden Freund niederschaut, spürt: eine Schicksalswende ist es, was hier herannaht ... ein Abschiednehmen von einem Wesen ... und ein Sterben ... und dann, wer weiss es denn, was dann kommt .... Auferstehen eines anderen Wesens ... Neugeburt...?

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Da zuckt Andreas zusammen, richtet sich hart auf, nimmt Gretes Hand, packt sie hart, streichelt sie, und sein Zugriff wird immer leiser: "Grete, kleine, süsse Grete, jetzt nicht mehr traurig sein..."

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(Und sie ist nicht traurig. Ihre Augen sind ihm zugewandt.

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"Sprich nur ... sprich, Liebster..." sagt sie schlicht.

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Und Andreas steht jetzt vor ihr. Wortlos hält er ihre Hand.)

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Dann führt er sie an die eine Staffelei, die in dem Atelier steht, vor dem breiten Fenster, durch das der Nordhimmel ruhig und schattenlos hereinleuchtet. Auf der Staffelei lehnt ein grosses Gemälde. Drei Frauengestalten, geschwisterlich vereint, sind darauf zu sehen. Vor ihnen liegt ein schimmernd helles, zierliches Wesen, ein Windspiel...

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Gretes Züge trügt die eine Frau ... Elenas Züge die andere ... und zwische ihen zwischen ihnen, wie behütet von zwei Schwestern, die dritte ... und sie trägt Andreas' Züge ... nein, nicht Andreas'...

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Dort bleiben sie beide stehen ... tief erschüttert ... Andreas sucht nach Worten ... Grete streichelt und streichelt ihn ...

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"Grete," spricht er dann aus tiefster Herzens Erschütterung, "Grete," und seine Hand weist auf das Frauengesicht inmitten des Gemäldes, "hab Dank, Grete, weil du immer ... bis zuletzt ... an Lili geglaubt hast. Du weisst es, ich habe nie, nie daran zweifeln können ... Jch wusste es, dass der Tag kommen würde ... Liebste ... ich hab ja selber mein armes Leben verbracht im Lauschen auf Wind und Baum und Wolke ... wenn ich draussen herumwanderte und malte ... so gut ich konnte ... und schliesslich ... ach, weshalb davon sprechen ... dass ich schliesslich nicht mehr malen mochte ... nicht mehr konnte ... Aber ich war doch immer ehrlich und hellhörig draussen ... ahnte, wie es dort draussen trieb und keimte ... jeder Grashalm und jeder Strauch verriet mir seine Seele ... jedes Haus und jede Strasse, wo ich auch mit meinem Skizzenbuch, meiner Staffelei stand, zeigte mir ihr Herz ... Wie sollte ich mich da täuschen können, wenn ich auf mein Inneres lauschte und lauschte und spürte, dass sich darin etwas ... anderes ... neues ... oh, wie soll ich es nur sagen..., vorbereitete? ...."

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Grete lächelte ... ein fernes Lächeln ... Es galt nicht dem Bilde, vor dem sie standen, das wie viele ihrer Bilder mit Lilis fernen, - nahen Zügen wie eine Beschwörung wirken mochte ... Es galt dem Traumgesicht aus der letzten Nacht .... der weissen Gestalt ...

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"Ich bin so glücklich," sagte sie.

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"Jch bin so glücklich," sagte er.

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Und dann schwiegen sie beide.

*

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An dem Abend dieses verhängnisvollen schicksalsvollen Tages brach Andreas zusammen.

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Er weinte stundenlang, das Gesicht in den Kissen des Divans verborgen. Vergeblich versuchte Grete, seine Nerven zu beruhigen, ihn zur Vernunft zu bringen.

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Seine Widerstandskraft war zuende.

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Die letzten Worte des fremden Mannes klangen ständig in seinen Ohren. Er hörte andauernd diese seltsame, etwas verschleierte Stimme: "Sie haben viel gelitten..."

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Denn jetzt erst getsnad wagte er es, sich selber einzugestehen, was er In diesen letzten Jahren an Qual und Verzweiflung durchgemacht hatte.
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Jetzt durfte er offen gegen sich selber sein...

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Jn den folgenden Tagen versucht er sich zusammenzureissen.

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Grete ist stets bei ihm. Sie spricht ihm beruhigend zu. "Jetzt musst du froh sein. Jetzt darfst du froh sein. Jetzt wird ja alles wieder gut."

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Und er beginnt neuen Mut zu fassen. "Der fremde Mann hat mir eine neue Jugend versprochen ... Nein, nicht mir ... Lili darf leben, hat er gesagt. Lili ... Das ist die neue Jugend, die meiner wartet..."

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Er spricht immer wieder diese Worte vor sich hin. Sie werden ihm Führer durch diese Tage, diese schweren Tage und Wochen...

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Neue Jugend ... Werner Kreutz hat sie ihm versprochen...

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Tage bangster Erwartung folgen...

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Tage tiefster Niedergeschlagenheit, furchtbarster Verzweiflung, - um wieder abgelöst zu werden von Tagen glückseligsten Aufschwungs... Werner Kreutz hatte versprochen, ihn bald Kunde zu geben ... Signal zum Aufbruch .... Signal zur "Nova Vita"...

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Alles sollte zu Andreas Empfang in der Fremde vorbereitet werden ... Und sobald alles vorbereitet war, sollte Andreas Nachricht erhalten ... Tage furchtbarster Seelenfolter...

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Tage ohne Ende ...

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Und doch auch Tage der Erwartung und des Glücks ...

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Und die Tage schlichen hin ... und schlaflose Nächte lagen zwischen den Tagen wie trostlose Küsten.

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In einer solchen Nacht hat Andreas diesen Traum: Er befindet sich im Zug nach Berlin. Durch Nordfrankreich geht die Fahrt; schneller und schneller jagt der Zug dahin, bis das Schlingern des Zuges ganz aufhört, und ihm war, als sauge der dahinfliegende Zug sich ohne Widerstand durch grenzenlose Entfernungen ... (Kein Laut dringt an sein Ohr.) Andreas sitzt am Fenster, blickt über Wälder und Felder ... plötzlich erblickt er in Nebel eingehüllt einen übernatürlich grossen, finsteren Reiter, der mit dem dahinjagenden Zug um die Wette rast. Er ritt so schnell, dass sein Mantel wie ein Segel prall im Winde steht. - Es ist Nacht. Der Zug saust wie ein Sturmwind dahin, nirgendwo wird gehalten. Nur, wo Stationen sind, erhebt sich jedesmal teuflischer Lärm, und in dem aufflackernden Licht der Bahnsteige erkennt Andreas immer den furchtbaren, schwarzen Reiter ... Das Dunkel verwandelt sich in eine
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Finsternis, als habe noch nie ein Sonnenstrahl sie erleuchtet ... (und auch das Land unter der Finsternis lag da, als wüsste es nicht, was Sonne ist) ... Plötzlich stürzen alle Passagiere aus den Abteilen, rasen durch die Seitengängen dar Waggons hin nach der Lokomotive, um den Heizern beizustehen, Kohlen, Kohlen, Kohlen in die Glut der Maschine zu schaufeln ... Der Reiter, der Tod ist dicht hinter ihnen ... und jeden Augenblick knipst er einen Heizer weg, mit einem fürchterlichen Grinsen, und zerdrückt den nächsten zwischen seinen Nägeln ... Einen Wagen nach dem anderen verliert der Zug im Rasen. Schliesslich ist nur noch der Kohlenwagen hinter der Lokomotive .... Da haben sie das Ende der Welt erreicht, und der Zug stürzt in grenzenlose Tiefen ... Aber Andreas ist abgesprungen ... vor dem Niedersturz ... er steht auf einem schmalen Weg, der sich scharf wie eine Messerschneide aus der Erde herauswand. ... Plötzlich steht Lili neben Andreas ... Er greift ihre Hand ... der Weg liegt in Licht gebadet da ... und beide hasten dahin ... in wilder Flucht .... der Tod hat sie aufgespürt ... und der schwarze Reiter hat sein Pferd verlassen ... es raste nicht schnell genug ... und er rast jetzt ohne Tier ihnen nach ... wilder und wilder in seiner Wut ... Aber Lili wird müde ... und der Tod nähert sich ihnen beiden ... Da schreit Andreas auf: "Eil, kleine Schwester, eil ... jetzt kämpfe ich mit dem Tode und halte ihn zurück!" ... Und Lili, die kleine Schwester, Lili eilte und eilte dahin ... wie von allen Sturmwinden getragen ... und sie hört, wie Andreas kämpft, mit dem Tode ringt. Aber es währt nicht lange. Der Tod hat ihn emporgehoben und alles Leben aus ihm ausgesogen und ihn dann in die unendliche Tiefe hinuntergeschleudert, - wo sein Körper dann wie ein welkes Blatt niederwirbelt ... Lili erreicht das äusserste Ende des schmalen Weges ... dort reisst sie beide Arme auf und fällt in die Arme einer hohen, weissbekleideten Gestalt, ... indes der Tod ihr nachhetzte, um sie zu greifen ... Jetzt aber verwandelt sich das Traumerleben aus allen Schrecken wie zu einer Verklärung: die weisse Gestalt wurde gross und mächtig mit riesigen Schwingen. Und die Gestalt kämpft mit dem Tod, und die weissen Schwingen füllen mit ihrem Rauschen das Land ... Sie waren auf einer Insel mit silbernen Birken.

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Lili ist bebend auf die Knie gesunken, ein kleiner, blassroter, gothischer Engel hält sie aufrecht ... in ihr dröhnt noch das Brausen der mächtigen Schwingen, als der Tod vor dem Genius zusammenbrach - und in der Tiefe verschwand.

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Nie hat Andreas diesen Traum vergessen können ... Und nicht nur Andreas ... Doch er verriet den Traun keinem Wesen.

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Einen Abend danach sagte er zu Grete: "Jch muss jetzt oft an meinen alten Gymnasialdirektor denken. Er erzählte uns so oft die Geschichte von den Negern auf Saint Croix , die einen Tag vor ihrer Befreiung aus der Sklaverei Aufruhr gemacht haben. Jetzt verstehe ich sie ... Jch kann auch nicht länger warten..."

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Tags darauf ging er zu Elena. Sie empfing ihn in ihrem Ankleidezimmer.

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"Sag mir," begann er, "es ist doch Wahrheit, dass ich Werner Kreutz getroffen habe ... Und er hat mir doch versprochen, mir zu helfen ... Jch hab es doch nicht geträumt..."

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Elena, die einen Besuch machen sollte und sich deshalb umkleiden musste, tat dies vor Andreas' Augen ... (Im ersten Augenblick war er über ihre Ungeniertheit verblüfft.

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Sie lachte ihn in ihrer schelmischen Art an.)

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"Jch sehe, Sie machen erstaunte Augen, liebster Andreas..."

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Er errötete etwas hilflos.

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Elena lachte weiter. "Nun denn, mein Betragen soll Ihnen nur zeigen, dass ich Sie heute schon als - - eine Freundin betrachte und dass das Gespräch mit unsern deutschen Professor kein Traum gewesen ist..."

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Weniger Tage später, an einem Montagmorgen, kam ein Telegramm bei Elena an, von einer Freundin aus Berlin abgesandt: Andreas sollte spätestens am nächsten Sonnabend in Berlin eintreffen und in einem näher bezeichneten Hotel dort absteigen ... Dort wohne bei seinen häufigen Besuchen in Berlin stets der Professor ... Im Hotel werde Andreas dann einen Brief vorfinden...

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Bereits zwei Tage danach begab sich Andreas auf den Weg ... Grete und Elena begleiteten ihn an den Zug.

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Er hatte seit Eintreffen des Tages Telegramms fast nichts mehr gesprochen. Wie ein Schlafgänger kam er sich vor ... wie ein Traumwandler. Jede Freude und jeden Schmerz verschloss er in sich. Auch im Bahnhof liess er sich seine masslose Erregung kaum anmerken. Er riss sich zusammen. Ein paar launige Bemerkungen ... das war alles, was über seine
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Lippen kommen liess. Allein sein ... allein sein ... fort von hier... Flucht ins neue Schicksal hinein ... Flucht von Vergangenheit und Gegenwart ... und: nicht denken, bis das Ziel erreicht war. Das Ziel ... Welches Ziel? - - Er wagte es nicht auszudenken...

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All dies quirlte in seinem Hirn ... Niemand sollte es ihm anmerken. Niemand. Und als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, winkte er ein lächelndes Lebewohl seinen beiden geliebten Freundinnen zu... Sein Gesicht war starr wie eine Maske...

IV

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(Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Und es dauert eine Weile, ehe die Maschine zu voller Fahrt ausholt.)

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Andreas hat einen Fensterplatz. Mit stumpfem Blick sitzt er dort. Sein Auge scheint leer zu sein. Nimmt nichts in sich auf. Er sieht nichts von dem wirren Häusermeer der Riesenstadt, das das weite Gewirr der Gleise rechterhand und linkerhand allmählich hinter sich lässt, sieht nichts von den einander ablösenden Vorstädten und Villenkolonien Paris’, die immer schneller und schemenhafter vorübergleiten. Und schliesslich sind es nur noch vereinzelte Häusergruppen in Gärten, wie Fetzen von Ortschaften, dann sind es nur noch Felder unter offenem Himmel und das Auf und Ab und wieder Auf und Ab der Telegrafensträhne, wie wogende See mit Masten von versunkenen Schiffen. Und grelle, bunte, sinnlose Reklamen schreien den Bahndamm entlang wie Rufe Verlaufener... "Cinzano" ... "L'hiver en Egypte" Ohne dass er es weiss, spricht er ihren Ruf nach ... Da muss er leise lächeln...

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Er hat sich aus alter Gewohnheit eine Caporal-Zigarette angesteckt. Eine nach der anderen raucht er ... Kaum kommt es ihm zu Bewusstseein, dass er raucht ... Mechanisch klopft er dann und wann die Asche ab. Mechanisch sieht er in den blaugrauen Rauch der Zigarette...

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Eine Beute völliger Gehirnschlaffheit, die oft allzu hastigen Reisevorhereitungen folgt in dem Augenblick, wo man bei Abgang des Zuges sich plötzlich völli mit sich allein befindet, unwirksam ... und dazu verdammt ist, unwirksam zu bleiben ... eine ganze Ewigkeit lang.

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Entsetzlicher Gedanke, als Andreas jähe sich ins Bewusstsein bringt, dass er sich selber jetzt preisgegeben ist ... Wie dem entfliehen? ... Angst befällt ihn ... Doch wenige Augenblicke später wird seine Angst von ungekannter Wehmut abgelöst ... Es rührt sich etwas in ihm. Seine Starre löst sich ... seine innere Starre, die ihn während der letzten Tage in Paris - jetzt während der ersten halben Stunde des Alleinseins im Abteil wird es ihm leise offenbar, - geradezu verwandelt hatte. Seit jener Stunde, wo er wusste, dass es irgendwo Erlösung ... Hoffnung für ihn gab ... seit er Elena ihm das Telegramm aus Berlin ausgehändigt hatte ... Und jetzt fällt es ihn wieder ein: noch am selben Tage hatte er dem fremden Manne nach Deutschland einen Brief gesandt ... Und seit er den
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Brief, diesen wirren, heissen Brief in den Postkasten geworfen, hatte ihn diese Starre befallen ... wie wenn ein eiserner Vorhang sich vor seiner zerissenen Seele niedergelassen ...

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Plötzlich tauchen die beiden geliebten Gesichter vor ihm auf ... Grete .. Elena .. ein Gesicht neben dem anderen ... seine Gefährtin seit vielen, vielen Jahren und durch viele, viele Siege und Niederlagen ... Freundin sie wie die andere ... und allmählich verwandeln sich beider Gesichter zu einem ... er kann sie nicht mehr von einander unterscheiden ... er hat nur noch einen Namen für sie beide: Heimat ... Heim ... und, - jetzt fällt es ihm ein: Paris ... Ja, sie beide bedeuteten ihm Paris ... Und jetzt hatte er sie verlassen ... Grete ... Elena ... Paris ...

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Die grosse Millionenstadt war längst vor dem Fenster verschwunden ... Er blickt jetzt hinaus. als wollte er sie suchen ... Paris ... Elena ... Grete ...

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Nicht einmal aus dem Fenster hatte er sich vorhin gebeugt, als es ans Abschniednehmen ging ... Der Eiffelturm ... die weisse Luftspiegelung des himmelhohen Domes: Sacre Cœur ... Elena ... Grete ... alles war versunken ... lag wie ausgewischt unter dem dunstigen Horizont der verflimmernden Ferne ... für immer....

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Für immer? Angst fasst ihn an .... Ja. für immer! Denn er, Andreas Sparre wird nie nach Paris zurückkehren. Das weiss er...

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Vielleicht ein anderes Wesen ... Er kann den Gedanken nicht zu Ende denken. Ein Schrei will sich aus ihm herauspressen. Das, was die Menschen Herz nennen, er fühlt es jetzt ... denn ein wilder Schmerz zittert in ihm ... Und jetzt muss er sich wieder zusammenreissen....

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Paris... Jetzt nur an Paris denken ... mit seinem blaugrauen, ewig lächelnden Himmel ... mit seinem geistvollen, etwas ironischen und dennoch so barmherzigen Mienenspiel, mit dem die Seinestadt jedem gegegnet, das wie eine Begnadigung für den Fremdling wie für den Heimischen der -@Editor: SM und so nachsichtig ist wie eine gute, treue verständnisvolle Schwester...

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Grete ... Elena ... Paris ... Dieser Dreiklang begleitet ihn, den Flüchtling ... Flüchtling ... Flüchtling ... Im Rhytmus der Fahrt hört er es jetzt plötzlich: Flüchtling ... Flüchtling ...

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Nein ... er ist kein Flüchtling ... er ist ... Doch was ist er? ...

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Da ertönt eine Glocke im Gang und einer ruft: "Le dejeuner premier
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service". Alles verlässt das Abteil ...

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Jetzt, wo sie alle gegangen sind, wird er sich, erst klar bewusst, dass ausser ihm noch drei Menschen, eine Dame, zwei Herren, im Abteil sassen...

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Mit einemmal fürchtet er sich allein zu sein. Er folgt den anderen. Nimmt ebenfalls im Speisewagen Platz. Er rührt kaum die bestellte Speise an, wandert wieder zurück, unterwegs bleibt er vor dem Fenster des Wagenganges stehen. Er muss sich festhalten. Heimlich melden sich die alten Schmerzen. Jeder Stoss der Waggonachsen gegen die Schienenverbindung spürt er...

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Der Zug rast durch Nordfrankreich. Jetzt ist es ein wirklicher "Rapide" geworden ... Er blickt auf seine Uhr. Noch nicht einmal drei ... Wie langsam die Zeit hinschleicht .... unbeeinflusst von der rasenden Fahrt des Zuges...

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Er lehnt sich wieder in die Ecke seines Fensterplatzes ... Zwischen Ruinen wachsen neue Ortschaften aus der Landschaft ... Da und dort gibt es seltsame, riesige Vierecke mit phantastischen Anpflanzungen ... Nein ... es sind keine Saatfelder ... es sind Kreuzfelder ... Kriegerfriedhöfe ... Plantagen des Todes... Kreuz neben Kreuz ... ins Grenzenlose hineingestellt ...

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Da fällt ihm sein seltsamer Traum von neulich Nacht ein: der finstere Reiter, der Tod, der seinen Zug verfolgt...

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Seine Schmerzen wachsen ... Er will ihrer nicht achten ...

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Das Traumge s icht icht verlässt ihn nicht...

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"Wenn ich nur zuerst ans Ziel komme," denkt er. "Wieviel schrecklicher doch die Wirklichkeit ist als ein Traum. Vor dem Todesreiter konnte ich entfliehen ... Aber vor meinen Schmerzen ... vor mir selber ... kann ich vor mir selber flüchten ... kann ich mir selber entfliehen? ..."

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Und er muss an Grete denken .... Weshalb hat er ihr nicht erlaubt, ihn zu begleiten? Sie bat ihn darum. Nie hat sie ihn allein gelassen. Nie. Und jetzt hat er sie dazu gezwungen, in Paris zurückzubleiben ... und zu warten ... Nein, sich nicht unterkriegen lassen, schreit es in ihm. Er reis reisst sich wieder zusammen, steckt sich wieder eine Zigarette an, schaltet das Denken aus...

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Die Zollgrenze Belgiens und Frankreichs ist erreicht. Er blickt teilnahmslos aus dem Fenster. Das Abteil ist jetzt bis auf den letzten
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Platz gefüllt.

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Die Fahrt durch Belgien geht in Schneckentempo ... Ab und zu stapft er in den Speisewagen, giesst einen Cocktail hinunter, nur, um die Zeit tot zu schlagen ... Es ist noch nicht einmal sechs Uhr abends... Bei jeder winzigen Ortschaft hält der Zug. Träge steigen die Menschen aus und ein, als hätte jeder einen Überfluss an Zeit...

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Endlich ist die deutsche Grenze erreicht. Und eine neue Lokomotive bringt neue Energie in die Fahrt ... Die Nacht sickert langsam nieder. Der Zug braust in die Dunkelheit hinein ...

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Er hat lange im Speisewagen gesessen, hat getrunken und getrunken, um alles in sich zu betäuben ... auch die Schmerzen, die das Schüttern und Schlingern der Fahrt ihn verursachen ... Er muss zurück in sein Abteil. Er kann sich im Gang kaum aufrecht halten. Endlich liegt er wieder in seiner Ecke. Er beisst die Zähne zusammen. Er schliesst die Augen.

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Jetzt hat er also alle Brücken hinter sich abgebrochen ... Alles liegt hinter ihm ... in unerreichbarer Versunkenheit ... das Vergangene ... Wie seltsam das klingt: das Vergangene ... Sein ganzes Leben scheint ihm etwas Vergangenes ... etwas Verlorenes ... Verlaufenes zu sein. Er zerlegt den Sinn der Worte: Vergangenes ... Verlaufenes ...

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Und jetzt lässt er sich in dieses fremde Land hineinschleppen ... hineinjagen ... Deutschland ... Nur durchgereist auf Durchreisen hat er es flüchtig kennen gelernt. Und jetzt soll es das Land seiner Schicksalswende werden ... der Neugeburt ... oder ...

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Er will nicht denken. Aber es lässt ihn keine Ruhe ... Wäre es vielleicht nicht richtiger gewesen, auf dieses phantastische Experiment zu verzichten? .... Denn ein Experiment ist es doch, was man mit ihm vorhat... Wäre es nicht vernünftiger gewesen, das Leben, so wie es sich für ihn gefügt, zu Ende zu leben, auszuleben, es aus sich verebben zu lassen? ...

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Er denkt an den Brief, den er neulich an Werner Kreutz geschrieben hat: "Jch verschreibe mich Ihnen auf Leben und Tod, wenn nur Lili weiterleben darf..." Ja, das hatte er vor ein paar Tagen geschrieben ... Und er hatte Wort zu halten ... Und alles, was noch an Mannesstolz in ihm wohnt, rührt sich, fasst ihn an. "Jch habe ans Ziel zu kommen. Jch habe auszuhalten." Er spricht halblaut vor sich hin, dass ein paar Mitreisende ihn fragend anschauen ...

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Er muss lächeln ... muss sich selber belächeln ... Das hat er sonst oft getan, wenn Geschick und Leid ihn erdrücken wollten. Er ist nicht umsonst Däne ... Kopenhagener ... Dort wird nichts tragisch genommen ... Man findet für alles ein Lächeln ...

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Also, sagt Andreas zu sich selber, schreiben wir uns einmal selber den Nekrolog ... Es könnte ja ... Nein, nicht tragisch werden.

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Und dann formuliert er in Gedanken seinen Nachruf als Künstler folgendermassen:

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"Der Maler Andreas Sparre ist tot. Er starb im Zug zwischen Paris und Berlin. Die übrigen Mitreisenden glaubten, er sei auf seinem Platz in der einen Fensterecke des Abteils eingeschlafen, - bis dass durch irgend eine stärkere Erschütterung im Wagen, wohl beim Überfahren einer langen Weiche, sein Körper vornüberfiel. Da erst konnte man die tragische Tatsache seines Todes feststellen. Vermutlich war die Todesursache ein Herzschlag.

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Ein glückliches und harmonisches Künstlerleben hat hier seinen jähen und zu frühen Abschluss gefunden. Er war noch ein junger Mensch, ein Mann in den allerbesten Jahren, scheinbar mit einer vielversprechenden Zukunft ... Er schien gerade jetzt, nachdem er eine Zeitlang gesucht und auf verschiedene Weise experimentiert hatte, seinen Stil gefunden zu haben. Und seine letzten Gemälde tragen denn auch anerkanntermassen den Stempel künstlerischer Sicherheit und menschlichen Wissens. ... Seine Bilder, meist in Frankreich und Italien entstanden, waren bald hell und farbenstrahlend, bald dunkel und etwas schwermütig, - aber stets voll von Stimmung und Naturgefühl. Zwei Vorwürfe bevorzugte er vor allem: Paris, dessen Seineufer, Brücken, Türme er mit nicht geringer Meisterschaft in ihrer perlgrauen, leise verschleierten Atmosphäre wiederzugeben vermochte, sowie Landschaften unter drückendem Gewitterhimmel, vor dessen dunklem Hintergrund Bäume und Häuser hektisch aufleuchteten. - Gerade mit Gemälden dieser Art hatte er oft beträchtlichen Erfolg in den grossen Pariser Salons. Besonders waren es Bilder der letzteren Art, diese kräftigen, sehr männlich aufgefassten Gewitterbilder, in denen Andreas Sp. Auslösung für seine Begabung fand.

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Wir, die seine recht zarte, oft effeminierende Erscheinung kannten, seinen lächelnden, fast lustigen Tod u Ton in der Unterhaltung, so oft wir ihn in seinem Pariser Artelier besuchten, sahen dies mit Verwunderung, und oft befiel uns der Gedanke, das alles, was an Männlichkeit in ihm wohnte, in diesen starken, etwas wilden und eigenwilligen Bildern seinen Ablauf fand. Hierin manifestierte er eine geradezu betonte Virilität ...

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Er malte sehr schnell. Und so kam es, dass er Zeit fand, sich neben seiner Malerei mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen. Alles zwischen Himmel und Erde interessierte ihn. Sein Wissend war recht umfassend. Auf allen Gebieten der Kunst war es zu Hause. Sehr bezeichnend war für ihn eine Antwort, die wir einmal aus seinem Munde hörten, - in Trianon, an einen älteren Kollegen von ihm gerichtet. Dieser hatte seinen Ärger darüber geäussert, dass ein junger Kollege ein Gemälde auf eine seiner Meinung nach zu systemmatische Weise beginne. "Sie müssen mir verzeihen, dass ich Ihre Ansicht nicht teile," entgegnete Andreas Sp., "aber ich glaube nun einmal, dass es unmöglich ist, das Blatt einer Rose richtig zu malen, wenn man nicht bis ins Letzte hinein den Einfluss der Reliefkunst der Assyrier auf die Skulptur der Griechen kennt, .." Ein andermal äusserte er sich folgendermassen: "Jch begreife nicht, wie leichtfertig meine meisten Altersgenossen mit ihrer Kunst umgehen, - wie leicht sie mit ihrer Leistung zufrieden sind. Was mich betrifft, so rechne ich damit, tausend Jahre nötig zu haben, ehe ich es ein einigermassen anständiger Maler geworden bin." So ernst nahm Andreas Sp. jedenfalls seine Kunst.

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Die längste Zeit seines Lebens hat er fern von seiner dänischen Heimat verbracht, - draussen in Europa, in Italien, Holland, Deutschland, - Frankreich. Meist lebte er in Paris. "Ich bin weder Däne noch
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Franzose. Nein, bestimmt auch nicht Franzose," sagte er häufig. "Aber ich bin Pariser. Und ist das keine Nationalität, dann besitze ich vielleicht gar keine."

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Der Grund, weshalb er Kopenhagen in jungen Jahren bereits den Rücken gekehrt hatte, obwohl man dort seine Kunst von Anfang an recht geschätzt, war, dass ihm Kopenhagen - Dänemark nicht als der richtige Boden für die Kunst seiner Frau erschien, für Grete Sp.s Malweise. In Kopenhagen hatte er oft hören müssen, wie sehr man seine Bilder denen seiner Frau vorzog. Und das war vielleicht das Schlimmste, was man ihm sagen konnte. In Paris, wo im allgemeinen das Gegenteil der Fall war, fühlte er sich schon aus diesem Grunde zu Hause. Die Erfolge seiner Frau fühlte er wie eigne Erfolge. Denn der Hauptzug seines Wesens war Ritterlichkeit seiner Frau gegenüber, wie überhaupt den Frauen gegenüber. Für seine eigne Person war er stets ohne Ambitionen gewesen. Auch was sein künstlerisches Können betraf. Für sich legte er den strengsten Massstab an.

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Er war im übrigen eine sehr komplizierte, problematische Natur. Trotz unvermeidlicher Einflüsse, denen jeder Künstler in Paris ausgesetzt ist, blieb er im Grunde eine echt nordische Malerbegabung, seine Kunst hatte also in ihrem tiefsten Wesen wenig mit dem Romanischen, alles aber mit dem Germanischen zu schaffen. Als Persönlichkeit war er Europäer. Er verkehrte ständig mit französischen Philosofen und Skribenten, mit polnischen Geigern, mit asiatischen Architekten und deutschen Malern.

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Zusammen mit einem französischen Freunde hat er ein Buch über nordische Sagen geschrieben, das in Frankreich - Paris viele Auflagen erlebt hat. Hierdurch wurde er ein an dänischen Verhältnissen gemessen recht gelesener Schriftsteller. Hierauf war er nicht wenig stolz. Und er freute sich, gerade durch dieses Werk der romanischen Leserwelt die Augen für germanische Ideenwelt geöffnet zu haben, ein Unterfangen, das gerade in der Nachkriegszeit, - das Buch erschien im Jahre 1924, - als ein geistiges Brückenschlagen zwischen der romanischen und germanischen Welt Lob verdient. (Seiner ganz auffallend gut disziplinierten Gedächtnisschärfe verdankte er es, ein Interpret der vornehmsten Musäen Europas geworden zu sein. Auch hierin bewährte er sich als Mittler und Vermittler.)

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(Ohne selber ein ausübender Musiker zu sein, hegte er eine tiefe Liebe zur Musik. Auch auf diesem Gebiete besass er ein nicht geringes Wissen und ein sehr feines Verstehen.

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Alle diese umfassenden Studien und Interessen hatten seine ganze Zeit und seine ganze Energie mit Beschlag g b elegt, und jetzt stand er in seinen besten Jahren, wohlausgerüstet, um seine grossen Arbeiten, von denen er geträumtb hatte, ausführen zu können.

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In den letzten Jahren war seine Gesundheit nicht besonders gut gewesen. Er hatte oft über Schmerzen geklagt, aber stets auf eine verhaltene, lächelnde Weise, so dass sogar die Ärzte, die er schliesslich hatte aufsuchen müssen, sich über seinen Zustand wohl geirrt hatten oder aber sich über den Ernst seiner körperlichen Verfassung nicht hatten klar werden können.)

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Jetzt hat der Tod so jähe, - und zum tiefen Schmerz seiner vielen Freunde nah und fern, - dieses lichte und sympathische Künstlerleben abgebrochen, ein Künstlerleben, das von Anfang an der ernsten Arbeit und dem heiligsten Ringen um die Kunst geweiht war, und das uns allen, die ihn gekannt haben, wie ein unvollendeter Roman erscheinen muss..."

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"Punktum," sagte Andreas still für sich und lächelnd, "Punktum". Und er er dachte daran, dass ungefähr so, wie er es sich jetzt formuliert hatte, jemand anders heimlich in ein Tagebuch niedergeschrieben hatte, - jemand anders, - Grete, sein junges Weib, sein treuester Lebenskumpan ... vor gar nicht langer Zeit, als alle, und auch sie, meinten, dass er heimlich - - aufbrechen würde ... Unfähig, weiter zu leben. Eines Nachts hatte er sie über ihrem Tagebuch schlafend gefunden ... eines Nachts, die
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einen Tag furchtbarsten Zusammenbruchs an Körper und Seele in ihm abgelöst hatte. Grete hat es nie erfahren, dass er diese "Tagebucheintragung" gelesen hatte ... Und als sie ihn dann in Tränen aufgelöst gefunden, hat er ihr nicht verraten mögen, weshalb er geweint ...

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"Ja," sagte er jetzt zu sich, "so wird man es vielleicht einmal in einem gewissen Blatt in Kopenhagen, das mir wohlgesinnt ist, lesen können. Würde aber ein sogenannter "guter Kollege" in einem weniger gut gesinnten Blatt daheim die Sache in die Hand bekommen, so würde 'die Flöte wohl einen anderen Klang bekommen' ..."

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(Und ihm fällt ein Zusammentreffen mit einem dieser "Wohlgesinnten" auf dem 'Strög' in Kopenhagen ein, als er vor einiger Zeit seine letzte Ausstellung dort abhielt. "Wenn ich Jhnen meine ehrliche Meinung sagen soll" begann der Verehrte, doch er fiel ihm ins Wort und sagte lächelnd: "Lieber nicht, denn Sie wissen, ich bin ein guter Boxer." Und der Mann war plötzlich zusammengeschrumpft wie eine Schweinsblase, in die man ein Loch gestossen hatte, und war lautlos verschwunden. Ein leises Lachen schüttelt ihn bei dieserc Erinnerung ... Aber das Lachen erstarb ... Unheimliche Schmerzen begannen wieder in ihm zu toben. Das Schlingern des Wagens, das Stossen der Räder verursachte ihm namenlose Pein.

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Aachen war längst passiert. Würde man denn nie Köln erreichen, stöhnte es in ihm.)

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Andreas hat kein Schlafabteil bestellt. Diese Art modernen Reisekomforts hatte er stets verabscheut ... Mit wildfremden Menschen eingepfercht zu werden, war ihm zuwider. Eine unüberwindliche Scham verbot es ihm, sich in Gegenwart anderer Männer zu entkleiden. Nur wenn er mit Grete reiste, brachte er es über sich, in einen Schlafwagen zu benutzen. Viele hatten ihn deshalb verlacht. Nur Grete verstand seinen Widerwillen ...

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Endlich ist Köln erreicht. Alle Mitreisenden verlassen das Abteil. Sie haben Schlafplätze, denkt Andreas froh. Er ist allein. Wie eine Erlösung empfindet er jetzt das Alleinsein. Hoffentlich wird er so die ganze Nacht bis Berlin verbringen können ...

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Er steht auf, reckt sich, geht hin und her ... Er ist doch recht müde geworden. Schlafen, schlafen ...

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Nach kurzer Zeit setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Er hat sich eine neue Zigarette angesteckt. Ob ihn die Schmerzen wohl in Frieden
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lassen werden, bis er am Ziel ist: Berlin ...? Er faltet wie ein Kind die Hände ... Nur diese eine Nacht schlafen können ... Nur diese eine Nacht nicht denken ... nur schlafen ... nur schlafen...

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Er legt sich auf die Bank nieder. Schlummert ein.

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Da plötzlich fährt er hoch. Entsetzlicher Schmerz presst ihn sogæeich wieder aufs Polster nieder. Ihn schwindelt. Ein lauer, watteartiger, etwas rötlicher Nebel umfängt ihn. Und dann gibt es nur Leere, lichtlose Leere um ihn, ein tiefer Abgrund nimmt Ihn auf. Das Bewusstsein verschwindet ...

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Nach einer Ewigkeit findet er sich hilflos auf dem Boden des Abteils liegen. Wirr blickt er um sich. Was war geschehen? Er weiss es nicht. Wie lange hat er auf dem Boden gelegen?

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Er blickt auf die Uhr. Zwölf Uhr ... Oh, mein Gott, ist es erst Mitternacht! Und noch sieben qualvolle Stunden bis Berlin ...

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Er versucht, sich zu erheben. Endlich gelingt es ihm. Vorsichtig legt er sich wieder auf die Bank nieder. Gott sei Dank, dass er allein im Abteil ist. Vielleicht wird er doch noch Schlaf finden. Die Schmerzen haben nachgelassen.

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"Grete", spricht er vor sich hin, "Grete, jetzt deine Hand halten können, deine kühle Hand, die mir so oft geholfen hat. Du weisst, auch meine Hand hat dir so oft Linderung geben können, wenn du meinetwegen dich quältest ..."

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Und er entledigt sich seiner Jacke, legt sie unter den Kopf, um etwas höher liegen zu können, bedeckt sich mit seinem Mantel. Ihm war vorhin so heiss gewesen ... Jetzt beginnt er zu frösteln. Ob er Fieber hat? Vielleicht gar hohes Fieber. Sein Puls jagt. Das Licht der Deckenlampe ist unerträglich. Er schliesst die Augen. Das Licht sickert durch die geschlossenen Lider.

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Er versucht aufzustehen. Die Gardinen vor den Fenstern nach dem Gang will er schliessen. Das Licht ausdrehen. Endlich gelingt es ihm.

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Und er liegt wieder.

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Die Schmerzen regen sich aufs neue. Der Zug rast durch eine Station. Mit ohrenbetäubendem Lärm. Die matten Bahnsteiglampen schimmern wie milchige Schatten geisternd herein. Er zieht den Mantel übers Gesicht. Der Traum von neulich ... Der finte finstere Reiter ... ist er ihm auf der Spur? ... Er muss Fieber haben. Ist es Fieberwahn, der ihn umfängt?
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War da nicht etwas vor dem Fenster draussen? Eine Gestalt? Ein Reiter? ... Der finstere Reiter? Ein Mantel wie ein Segel flog hinter ihm her durch das nächtliche Dunkel ... ein bleicher Kopf mit leeren, tiefen Augenhöhlen ...

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Er merkt selber, wie ihn alle Farbe aus dem Gesicht verschwindet ...

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Er muss bleich wie der Tod sein. Er hört das Klappernseiner Zähne.

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Er presst verzweifelt die Augenlider nieder. Er will nichts sehen, will nicht wissen, wer draussen vor dem Fenster mit ihm um die Wette jagt ...

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Eisige Kälte ist jetzt im Abteil. Ein Schüttelfrost lässt ihn erbeben. Angstschweiss rieselt von der Stirn. Sein Haar klebt an den Schläfen. War es das Sausen des finsteren Mantels dort draussen, was er jetzt hört? Ja, er hört es jetzt deutlich, ganz deutlich, das Sausen, stärker und immer stärker ... kommt davon die eisige Kälte, die durch das Fenster dringt?

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Die Fahrt ebbt ab. Der Zug hält.

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"Hannover? ... Hannover!" wird gerufen. Und wieder ... ganz fern "Hanncver".

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Hammerschläge gegen Räder. Immer näher kommen sie. Jetzt haben sie seinen Wagen erreicht. Unter seinem Fenster hört er jetzt die Schläge, - als wollte man ihm den Schädel zertrümmern. Dazwischen hört er deutsch sprechende Stimmen. Wie hart auch jeder Laut ist, so ist ihm dennoch, als würden sie irgendwie durch Watte gedämpft ...

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Türen werden aufgerissen ... werden zugeworfen.

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Dann ein scharfer Pfiff ... Der Zug zittert wie unter angespannten Muskeln. Langsam setzt sich der Zug wieder in Gang. Der ist vielleicht auch müde wie er selber, möchte gern ausruhen, anstatt jetzt wieder zu neuer Hetzjagd ... weiter nach Berlin, denkt Andreas erschöpft. Stumpf lehnt er halb liegend auf der Bank ... Da springt er hoch ... Die Tür seines Abteils wird aufgerissen. Die vorgezogenen Gardinen werden beiseite geschoben.

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Eine Dame steht in der Tür. Ihre Silhouette zeichnet sich gegen das Licht im Gang scharf ab.

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Das Dunkel in seinem Abteil scheint sie im ersten Augenblick scheu zu machen. Aber nur einen Augenblick. Dann wirft sie ein Handköfferchen hinauf in das Netz an der Wand und sinkt selber schlaff auf dem
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nächsten, leeren Eckplatz neben der Korridortür nieder.

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Andreas knipst das Licht wieder an. Er weiss selber nicht, dass er es tut. Erst als der kleine Raum wieder hell ist, kommt ihm seine völlig mechanische Handlung zu Bewusstsein.

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Er unterdrückt seinen Missmut, plötzlich aus seiner Eisamkeit herausgerissen zu sein. Bis Berlin wird der Zug nicht mehr halten, denkt er plötzlich. Entsetzlicher Gedanke. Also gibt es keine Hoffnung mehr, wieder allein zu sein. Ob er in das nebenan liegende Abteil gehen soll? Vielleicht ist es leer ... Doch sofort verwirft er den Gedanken wieder. Er darf nicht unhöflich erscheinen ... Er hat sich zusammenzureissen. ... Er fühlt seine Schmerzen. Er darf sie nicht fühlen. Er will sich nichts anmerken lassen. Denn so viel Mann ist noch in ihm, dass er nicht zulassen will, dass ein fremdes Wesen vielleicht Mitgefühl mit seinem Jammer bekommt ...

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Er setzt sich korrekt zurecht. Er nimmt eine straffe Haltung an.

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Sie ist jung und elegant.

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Er betrachtet sie, ohne dass sie es merkt.

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Der Ausdruck ihrer Augen fällt ihm auf. Sie scheint ihn gar nicht zu sehen, scheint gar nicht zu wissen, dass sie mit ihm den kleinen Raum teilt.

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Ob sie nicht einmal bemerkt hat, dass er das Licht angeknipst ... Vielleicht hätte er es dunkel lassen können ... Wie wohl wäre ihm gewesen, weiter im Dunkel die Nacht zu verbringen ... Jetzt ist es zu spät. Er könnte sie fragen .... Sie könnte es missverstehen ...

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Er blickt vor sich hin ... Er sieht auf seine Finger ... Doch schon sind seine Augen wieder bei ihr ... Dieser seltsame Blick, denkt er, als sähe diese fremde junge Frau quer durch die Abteilwand ... Einen so fernen Blick haben ihre Augen ... als starrten sie auf irgend etwas Unwirirkli c ches als erblickten sie ein auf irgend etwas weit fort ...

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Andreas wurde fast unheimlich zu Mut ... War sie vielleicht auch nur ein Sinnentrug? Hatte er wirklich so hohes Fieber, dass er die Herrschaft über seine Einbildungskraft verloren hatte?

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Die Hitze wurde völlig unerträglich. Seine Kehle war wie ausgetrocknet. Er begriff nicht, wie es plötzlich so warm im Abteil hatte werden können? Vor kurzem war ihm so kalt gewesen, dass ihm die Zähne geklappert hatten ... Wann würde dieser Aldruck enden? Würde er je Berlin
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erreichen? War überhaupt nicht alles nur ein böser Traum? Wann würde die Zeit endlich aufhören, still zu stehen? Weshalb jagte sie nicht mit dem Zug um die Wette? Ebenso wie der finstere Reiter ...

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Wieder durchbrauste der Zug mit einem teuflischen Lärm eine Station. Und wieder flackerten blasse Lichter durch das Fenster .... Er sprang von seinem Sitz auf und zog die Gardinen noch dichter zusammen. Nur nicht aus dem Fenster sehen ...

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Da weinte jemand.

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Er sah sich um ... er sah auf das junge Menschenkind drüben in der Ecke. Das Gesicht war von Tränen mit einem Schimmer übergossen. Das Weinen entstellte das Gesicht nicht, denkt er leise. Aber bleich ist die Fremde. Und die Tränen stürzen ihr aus den Augen. Sie muss gesehen haben, dass er sie anschaut ... Aber sie macht trotzdem nicht den geringsten Versuch, ihr Weinen zu verbergen oder die Tränen abzutrocknen.

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Oder hatte sie wirklich nicht gesehen, dass er hier sitzt?

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Wie seltsam Frauen sind, denkt er. Besteht Bestand wirklich ein so grosser Unterschied zwischen ihnen und Männern? ... Besitzen sie denn gar keinen Stolz? Sind sie wirklich so schwach?

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Lili ... ganz leise steigt die Frage in ihm auf, Lili, wird sie auch so werden? ... Ja, eigentlich war sie wohl immer so gewesen ... so, wie dies fremde Menschenkind dort drüben, das jetzt wie von aller Welt verlassen still vor sich hinschluchzt.

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Sie muss noch recht jung sein. Ihr aschblondes Haar liegt um eine schmale, makellose Mädchenstirn. Ihre Augen, die von Tränen verschleiert sind, sind gewiss hell blau und können recht froh und sorglos schauen .. Sie hat ihre Handschuhe abgestreift ... Die Linke trägt einen schlichten Reif, sieht er. Also eine Braut ...

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Ihr Reisekleid verrät Geschmack. Ihr fein geschwungener Mund zuckt vor –Erregung ...

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Tiefes Mitgefühl regt sich plötzlich in ihm dieser jungen, unglücklichen Frau gegenüber.

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"Mademoiselle," beginnt er zag.

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Sie scheint ihn nicht zu hören. Er hat wohl zu leise gesprochen. Das Brausen des Zuges hat sein Wort übertäubt.

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Da fällt ihm ein, dass er sich in Deutschland befindet.

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"Gnädiges Fräulein," wiederholt er fast verlegen.

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Sie hebt ihre verweinten Augen auf und begnegnet begegnet seinem Blick
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und findet aus seinem Lächeln ein verhaltenes Mitgefühl. Ihr verschleierter Blick verliert alles Starre. Ihre Wimpern haben einen süssen silbernen Glanz, sieht er, das kommt von den Tränen ... Welch eine entzückende Braut, denkt er.

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"Jch möchte Ihnen so gern helfen," sagt er. "Sie haben gewiss etwas recht Schweres durchgemacht, mein Fräulein ..."

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Weiter kommt er nicht. Sie hat beide Hände vors Gesicht gepresst und weint und weint herzzerreissender denn jedann, reicht ihm sie unter Schluchzen ein Zeitungsblatt, das sie zusammengefaltet während der ganzen Zelt umklammert hatte. Erst jetzt fällt Andreas dies ein auf. Er nimmt das Blatt, weiss nichts damit anzufangen, ist aufgestanden, hat sich jetzt neben die Weinende gesetzt, streichelt ihre eine Hand. Jetzt wird sie ruhiger. Sie legt die andere Hand auf seine und beginnt zu erzählen.

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Ihr Verlobter, ein bekannter Musiker, sei vorgestern nach Berlin gereist, um dort gestern ein Konzert zu geben. Heute abend sollte er eigentlich zurück sein. Unterwegs nach dem Bahnhof, um ihn abzuholen, kauft sie zufällig eine Zeitung, die Zeitung, die er in der Hand hält, und darin liest sie dann ...

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Sie zeigt auf der vorderen Seite auf eine Stelle, weint wieder ...

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Andreas liest: "Der junge Pianist ... aus Hannover , der gestern abend ein erfolgreiches Konzert im ... Saal gegeben hat, ist auf der Rückfahrt nach seinem Hotel mit seinem Automobil gegen einen Strassenbahnwagen gerannt .... Mit sehr schweren Verwundungen liegt er jetzt in der ... Klinik darnieder ... Sein Zustand gibt zu den grössten Besorgnissen Anlass ..."

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Erschüttert hat Andreas den Bericht gelesen ... seine Hilfe hat er der unglücklichen Braut erst angeboten ... Womit kann er ihr denn helfen?

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Er kommt sich jetzt wie ein Schwätzer vor.

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Und doch: wie wenig er sich selber stets auch hat helfen können, - bei anderen vermochte er häufig durch eine mystische Kraft, die in ihm wohnen muss, Linderungen von Schmerzen zu erreichen ... Wie oft hat Grete und Elena ihm dies nicht gestanden? Ob er in dieser fürchterlichen Nacht wohl noch genug Kräfte besass, um diesem gepeinigten Frauenherz etwas Ruhe zu schenken?

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Ihre wie im Fieber brennenden Hände lagen wieder in seinen. Er hielt
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sie lange, ohne Unterlass umschlossen. Zuerst zuckten sie wie ein gefangenes Vögelchen. Doch stiller und stiller wurde das Zucken, bis es ganz verweht war. Einige wenige Worte armseligen Trostes hätte er wohl zusammenfinden können. Soviel Deutsch hatte er von dem Gymnasium her noch behalten. Aber er sprach kein Wort. Streichelte nur ganz sachte die matten Mädchenhände ... Auch sie schwieg jetzt. Er konnte ihren leichten Atem hören. Nur dann und wann schluchzte es noch aus ihr. Und ihr Atem ward immer regelmässiger ... Da fühlt Andreas plötzlich ihr Blondhaar an seinem Gesicht. Und kurz danach fühlt er einen linden Druck gegen die Schulter. Jhr Kopf ist gegen an ihn gesunken. Sie schläft. Jetzt fühlt er ihren Herzschlag gegen seine eine Hand, die er um sie hat legen müssen, um ihr Halt zu geben ...

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Und er lächelte glücklich ... in ihm wohnte also auch heute noch etwas von jenem verborgenen, rätselhaften Fuidum Vermögen, anderen zu helfen ... auch heute noch ... auch heute noch ...

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Ein paarmal hatte er versucht sich zu bewegen. Aber jedesmal war sie zusammengezuckt wie ein krankes Kind, das im Schlummer wimmert. Er blie blieb drum jetzt starr sitzen ... wie schwer es ihm auch fiel ...

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Und er schliesst die Augen. Vielleicht gelingt es ihm jetzt, etwas zu schlafen. Der Zug flog jetzt förmlich die Strecke dahin. Es war wie ein gleitendes Wiegen.

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Und bald hat die sausende Fahrt auch ihn eingewiegt.

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Doch er erwacht schon bald wieder. Und er muss lächeln: wie wirr und voll von Überraschungen und Verkettungen doch das Leben der Menschen ist ... Und dabei schreiben sie noch Romane, die Menschen ...

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Hier sass er in einem zufälligen Zugabteil, er, Andreas Sp. aus Kopenhagen, hingeweht vom Schicksal Leben nach Paris, und von Paris nordwärts gehetzt von einem wahrhaft phantastischen Schicksal, ein unendlich Beladener, der Hilfe und Beistand bedürftig w ist wie nur einer, und da hat der Zufall ihn dazu auserwählt, einem anderen beladenen Wesen, dieser ihm bis vor kurzem völlig F Fremden, beladen wie er, – Trost zu spenden und Beistand, um ihr über eine harte Stunde seines ihres Daseins, vielleicht die härteste Stunde des Daseins von ihr, hinwegzuhelfen ... Und jetzt lag dieses kleine deutsche Fräulein, die Braut eines ihm völlig Unbekannten, in seinen Armen ... Und sie und er, jeder von ihnen beiden, fuhr, gelenkt vor irgend einer blinden Vorsehung, dem eignen Schicksal entgegen ... irgend wo in Deutschland...

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Dies dachte er und immer wieder dachte er es ... und er wurde damit
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nicht fertig ... er achtete nicht auf seine Schmerzen, die in ihm tobten und wühlten ... bis er wieder etwas eingenickt war.

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Da weckt ihn ein Schluchzen ... Sie blickt ihn mit fast irren Augen an. Das fahle Morgenlicht rieselt durch die Vorhänge.

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"Oh, verz ei ie hen Sie mir, dass ich Sie geweckt habe," stammelt er, denn, ohne zu wollen, hat er seine Stellung verändert, hat seinen Arm, mit dem er sie umschlungen hatte, im Schlafe wohl los gelassen, sie weint wieder wie ein wimmerndes Kind, dem Unrecht geschehen ist, das leidet, und nicht weiss, weshalb, denkt er leise, und er redet fürsorglich auf sie ein, legt ihren Kopf wieder gegen seine Schulter, umschlingt sie wieder, dass er ihren Herzschlag gegen seinen eignen Armpuls spürt, und bald ist sie wieder, dicht an ihn geschmiegt, eingeschlummert. Seltsam, seltsam, spricht er stumm zu sich, wie ist dies alles nur möglich? Und zu welchem Ziel ist dies alles heute nacht so gefügt worden?

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Und da tropfen ein paar heimliche, sehr heisse Tränen aus seinen Augen. Er fängt sie mit den Lippen auf. Sie sind salzig. Sie sind sehr weh. Und er weiss, weshalb sich dies alles so gefügt hat: dieses süsse Geschöpf aus Hannover , wie ein vertrauensseliges Kind in seinen Armen schlummernd, es war ihm gesandt worden als das letzte Weib, das im tiefsten Sinne für ihn ein Abschiednehmen vom anderen bedeuten sollte ... Dieses fremde deutsche Mädchen, es war ihm nicht mehr fremd. Und er Denn ihm war sie gesandt worden, damit er als Mann von der Frau, dem Ewig-Weiblichen für immer scheiden sollte ... als letztes Zusammentreffen des Mannes mit der Frau...

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Also wehten nebelhaft in ihm die Gedanken ... verrankt und müde und hellseherisch ... und draussen, durch den Nebel der Frühe, brauste der Zug in den Häuserozean von Berlin herein ...

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Er musste seinen Reisekameraden wecken.

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Mit einem Angstschrei schreckt sie aus dem Schlummer, packt sieht ihn völlig ratlos an ... "Was wird jetzt kommen ... was wird jetzt kommen ... Oh, er ist tot, er ist tot ... er darf nicht tot sein ..." Ihre Worte ertrinken wieder in Tränen.

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"Kind," spricht da Andreas sanft und entschlossen und so sicher auf sie ein, Kin, ich weiss nicht einmal Ihren Namen, und Sie kennen auch nicht meinen, und das ist ja auch völlig gleichgültig. Aber glauben Sie
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mir bitte, ich weiss es, er lebt!"

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Sie hat beide Hände von ihm genommen und bedeckt sie mit Küssen.

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"Nicht doch, nicht doch," wehrt er sanft ab, "Sie können jetzt ganz ruhig sein."

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"Oh, ich bin auch völlig ruhig, und das danke ich Jhnen. Wie haben Sie mir geholfen. Jch werde es Ihnen nie vergessen."

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In Wenigen Minuten war später ist sie im Menschenmeer Berlin untergetaucht. Andreas sieht ihr lange nach. Das Zeitungsblatt, das sie ihm während der Nacht gegeben hat, ist das einzige, was er von ihr besitzt. "Dir hab ich geholfen ... Und ich selber war heut nacht dem Tode kaum ferner als dein Geliebter ... Und jetzt weiss ich, dass wir beide leben werden, er und auch ich..."

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Ein paar Tage später las Andreas zufällig in einer Zeitung, dass der Bräutigam seiner unbekannten Reisegefährtin sich auf dem Wege der Genesung befinde.

V

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In Begleitung eines Gepäckträgers legt Andreas den kurzen Weg vom Bahnhof nach dem Hotel zu Fuss zurück.

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"Was für eine Hundekälte hier in Berlin. Und dabei haben wir den ersten März," gesteht er überrascht dem Mann mit seinen beiden Köfferchen. "In Paris hatten wir schon Frühling..."

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"Ja, in Paris," erwidert der Biedere, "in Paris." Und damit war die Unterhaltung beendet.

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Andreas hat den Mantelkragen hochgeschlagen. Jhm klappern förmlich die Zähne. Übermüdet nach einer fast schlaflosen Nacht mitten in einer fremden Welt ... Aber die unerwartet kühle Temperatur macht ihn völlig wach. Und er muss lächeln, als er den Gepäckträger noch ein paarmal die Feststellung wiederholen hört: "Ja, in Paris". - Und dazu die kleinen Handkoffer in den Riesenhänden des Mannes.

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Plötzlich, noch ehe das nahe Hotel erreicht ist, schlägt ihn der Gedanke: "Die beiden Koffer beherbergen meine allerletzten Kleider, Hemden, Kragen .... Welch toller Gedanke ..."

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Wie Trotz wacht es in ihm auf. Als wolle der Mann sich zur Wehr setzen, der Mann in ihm. Und dieser Aufruhr kommt während der Tage hier in der "männlichsten aller Metropolen der Welt", wie Andreas schon früher Berlin genannt hat, noch ein paarmal zum Ausbruch.

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Im Hotel, wo man von seinem Kommen unterricht war, begegnete man ihm mit ausgesuchter Höflichkeit. Er erkundigte sich sogleich, ob Professor Kreutz, der fast jedes Wochenend in diesem Hotel zu wohnen pflegte, vielleicht schon eingetroffen sei. Es war nicht der Fall. Er war etwas enttäuscht. Es lag auch kein Brief für Andreas beim Portier.

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Wenige Minuten später ist er in seinem Zimmer. Ein warmes Bad wird genommen. Wohlig streckte er die ermüdeten Glieder. Ihm war, als befreie er sich erst jetzt im Bad von dem unheimlichen Alpdruck, der ihn während der ewig langen Bahnfahrt fast erwürgt hatte ...

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Und als er gefrühstückt hat, ist alles Trübe vergessen.

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Elenas Freundin, die Absenderin des schicksalvollen Telegrammes, das seine Abreise nach Berlin veranlasst hatte, war das erste menschliche Wesen, das ihn hier anrief.

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"Willkommen an der Spree in Berlin ;" klang es aus dem Telefon, - Andreas erkannte sofort die Stimme der Baronin Schildt, die er einige Male in
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Paris zusammen mit Grete und ihrem Freundespaar getroffen hatte, "alles ist von uns hier bestens vorbereitet. Und damit keine Zeit verloren geht, werden sich ein paar berühmte Spezialisten hier, die Werner Kreutz inzwischen eingeweiht hat, mit Ihnen vielleicht heute oder morgen in Verbindung setzen ..."

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Wenige Minuten später bestellte ein ihn bislang völlig unbekannter Arzt, Professor A., ihn für morgen um die Mittagsstunde zu sich.

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Und kaum war dieser Besuch verabredet, als schon wieder das Telefon schellt. Nils Hvide -@Editor: #PLC, ein alter Freund aus Kopenhagen, Jurist und Poet zugleich, seit Jahren in Berlin lebend, rief ihn an.

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"Hallo, Andreas ..."

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"Woher weisst du denn, dass ..."

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"Grete hat mir ein langes Telegram gesandt ... (schon gestern) ... und heute früh ist ein Eilbrief von ihr aus Paris eingetroffen ... Der Brief ist also mit dir um die Wetter gelaufen ... Du musst sofort zu uns kommen. ( Inger und ich warten mit dem Morgenkaffee, bis du kommst)." Und hastig wird Adresse und Weg beschrieben. Andreas sitzt wenige Minuten danach schon in einer Autotaxe ... Das Schicksal nahm seinen Lauf, dachte er, etwas wirr nach all den Telefongesprächen...

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Eine halbe Stunde später ist er bei den Freunden angelangt.

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Ein prachtvoller Mensch, dieser Nils, ein rassenreiner "Nordgermane", wie er selber gern betont, ein blonder Riese aus Nordjütland, wo seine Familie alten Grundbesitz hat. Er hätte auch ein englischer Lord sein können, einer von jenen, auf die das englische Sprichwort gemünzt ist: "Bei uns in England misst man den Adel nach Yards."

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Inger, seine Frau, ist der Typ der modernen, sehr gepflegten Frau. Henna rotes Haar kontrastiert pikant mit den grossen, fast kindlichen, blauen Augen. Und der zinnoberrote Mund brennt fast in dem zarten Porzellanteint des Gesichts ... Sie ist Sohauspielerin. Globetrotter waren beide. Grete und Andreas hatten oft weite Reisen gemeinsam mit ihnen unternommen. Aber so vertraut sie mit einander auch waren, um Andreas’ Geheimnis wussten sie bilsnag bislang nicht. Etwas bang ist Andreas ums Herz, jetzt vielleicht sich aussprechen zu müssen ... zu einem alten Gefährten und Jugendgenossen ...

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Auf das Herzlichste empfängt man ihn. Man frühstückt, spricht von gleichgültigen Dingen, so lange Inger im Zimmer ist. Dann erst fällt
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Nils, wie er sich burschikos ausdrückt, mit der Tür ins Haus.

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"Grete hat mir nämlich etwas, wenn auch nicht ganz klaren Wein eingeschenkt ... hier ... in diesem Brief von heute früh ... Du kannst ihn selbstverständlich lesen ..."

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Andreas wehrt ab. "Nein, der Brief ist für dich bestimmt."

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"Also gut ... "An den Wänden des Zimmers hängen ein paar Gemälde ... von Grete ... von Andreas gemalt. Unwillkürlich muss Andreas sie betrachten. Das eine Bild, von Grete gemalt, stellt ... Lili dar.-

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"Ja," beginnt Nils zartfühlend, "jetzt verstehe ich ja vieles, was mir bislang wie eine bizarre Idee von euch beiden vorgekommen ist: dich so oft als weibliches Modell in Gretes Bildwerken auftauchen zu sehen ..."

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Und jetzt fand Andreas all seinen Mut, sich rückhaltlos dem Freunde anzuvertrauen ...

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Beide schwiegen dann eine Weile.

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"Nun denn, alter Junge," begann Nils wieder in seiner lustigen Art, "einige Andeutungen, die Grete mir gegenüber vor einem Jahr in Paris hat fallen lassen, zeigten mir ja damals schon, dass dein Leben - - eine seltsame Kurve zu nehmen schien ... Ob es nun eine glückliche oder unheilvolle Wendung ist, vor der dein Dasein jetzt steht, eins musst du jetzt schon wissen: du hast dein Geschick hier den besten, gewissenhaftesten Händen anvertraut ... Jetzt kommt es auf dich an, ob du die Kraft besitzt, durchzuhalten ... Du siehst etwas müde aus ... Jch verstehe ... Du brauchst mir nichts zu erklären. Aber," und jetzt lachte Nils sein lustigstes Lächeln, "es ist ja auch ein recht ungewöhnlicher Fall für einen Menschen, vor die Wahl gestellt zu werden, ob er als ... Andreas oder," und jetzt zeigte er auf das Gemälde, "als Lili in dieser Welt der sich überschlagenden Sensationen weiterzuleben." Andreas sah den Freund an. "Vor die Wahl gestellt, sagst du ... Nein, Nils, ich glaube nicht, dass es sich darum handelt, ... sondern um viel Ernsteres, nämlich um Leben oder Sterben ... Denn der Mann, der vor dir steht, ist, du kannst es mir glauben, zum Tode verurteilt ... Und jetzt handelt es sich darum, ob das Wesen da," er weist jetzt auf das Gemälde an der Wand, "wirklich aus von aller Verkleidung des Körpers und der Seele heraus befreit ins Leben treten und den Kampf mit dem Leben aufnehmen kann..."

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Nils sieht dem Freunde ins Auge, er sieht seine Erschütterung.

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Er weiss, dass der Freund für die kommenden Tage alle seine Kräfte nötig hat. Er will der Unterhaltung jetzt eine scherzhafte Wendung geben.

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"Hier wird nicht gestorben, mein Junge. Hier wird ausgehalten, damit man ein erstklassiges Phänomen werden kann ..."

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"Lass das, Nils ..." Andreas muss dennoch lächeln.

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"So ist's recht, lach drüber ... also bleiben wir beim erstklassigen Phänomen ... ich meine damit nicht dich sondern die da an der Wand. Und ich wünsche, dass ..."

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Andreas fällt ihm ins Wort: "..dass sie kein Phänomen, sondern ein ganz normales, gewöhnliches, richtiges Mädchen wird."

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"Ein gewöhnliches, richtiges Mädchen ... Ob du nicht etwas zu viel verlangst ... Ausserdem muss du Lili davor behüten, dass nicht die Herren Gelehrten sie unmittelbar nach ihrer Geburt unter einen Glassturz setzen und sie als Rarität ..."

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Andreas erträgt diese Worte nicht. "Nein, Nils, ... ich weiss, du meinst es gut mit mir ... aber sprechen wir nicht von dem, was möglicherweise kommt, sondern ..."

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"Einverstanden, lieber von deiner und deiner Lili Vergangenheit ..." Nils spricht jetzt sehr ernst."Siehst du, das erscheint mir nämlich im Augenblick als das Wichtigste, dass du dir selber ganz klar darüber wirst, wie diese seltsame, phantastische Wandlung, die du seit deiner Kindheit bis jetzt, also während eines normalen Menschenlebens, durchgemacht haben musst, vor sich gegangen ist ... Wie allmählich also die ... Lili über Andreas die Überhand bekommen hat ..."

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"Gut," erwidert Andreas, sieht auf seine Uhr, "jetzt muss ich zu meinem ersten Richter über Leben und Tod, zu Professor A ... Und bin ich bei ihm fertig, muss ich wahrscheinlich weiter die Runde durch ..."

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"Einverstanden," Nils hatte sein behäbiges Lachen wieder, "und bist du dann heute mit deinem Pensum fertig, dann kommst du sogleich wieder zu uns. Und jetzt Hals und Beinbruch, wie man hierzulande sagt."

***

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Professor A., der Erfinder einer neuen Methode von Blutuntersuchungen, empfing Andreas auf eine sehr schonende Weise, die Sicherheit und Zuversicht einflössen musste. Er richtete an Andreas eine Reihe Fragen, die, wie delikater Natur sie auch waren, von ihm ohne Scheu beantwortet wurden.

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Nach langen, umständlichen Untersuchungen, um vor allem durch Analysierung des Blutes die Lebensbedingungen von Lili in Andreas zu bestimmen, - während dieses Vorganges schaltete Andreas unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft sein Denken aus, - führte der Gelehrte ihn aus dem Arbeitszimmer in einen behaglich eingerichteten Salon. "Falls Sie rauchen wollen ... bitte ... Sie finden hier die leichtesten Zigaretten, die sogar zartbesaitete Damen vertragen." Nachdem man sich dann eine kurze Zeit über etwas belanglose Dinge unterhalten hatte, eröffnete Professor A. seinem Patienten, dass er jetzt von dem ihm befreundeten Sexualpsychologen Dr. H. einer besonderen Untersuchung unterzogen werden müsse. "Er besitzt jedenfalls so grosse Erfahrungen auf dem mehr "seelischen" Gebiet, -man mag rein wissenschaftlich hierüber denken, wie man will, - dass ich jedenfalls in diesem besonderen Fall, der Ihre Person betrifft, keinesfalls an dem Urteil dieses Fachmanns vorbeigehen möchte. - Sind Sie dann bei dem Kollegen H. fertig, so werden Sie einen anderen Kollegen, Dr. K. aufsuchen müssen. Er und ich haben nämlich rein wissenschaftlich den Hormoninhalt Ihres Blutes zu beurteilen, während Kollege H. rein psychologisch, also seelenkundlich sein Urteil über Sie und die Person in Ihnen, die Sie Lili nennen, abgebensoll soll. - Auf jeden Fall bitte ich Sie, mich morgen vormittag wieder zu besuchen. Das Ergebnis dieser verschiedenen "Prüfungen", denen wirr Sie zu unterziehen haben, wird dann Ihrem Beschützer Professor Kreutz zugestellt."

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"Ihr Beschützer" ... Diese Worte pochten an Andreas' Herz. Und als er kurz darauf in einem Wartezimmer des weitläufigen "Instituts für Seelenkunde" sass, musste er diese beiden Worte immer wieder vor sich hinsprechen, - sonst hätte ihn hier aller Mut verlassen.

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Weshalb hat man mich hierhingeschickt, fragte er sich, was habe ich hier zu tun? ... Er fühlte sich plötzlich irgend etwas Unbekanntem preisgegeben. Er spürte ein moralisches Unbehagen. In diesem recht grossen Raum schien sich ein Klub von abnormen Menschen ein Stelldichein zu geben: Frauen, die wie verkleidete Männer aussahen, und Männer, von denen man kaum gleuaben glauben konnte, dass sie Männer seien ... Die Art, wie sie sich unterhielten, widerte ihn schon an; ihre Bewegungen, ihre Stimmen, die Art ihrer Kostümierung, - ja, es gab kein anderes Wort dafür, meinte Andreas, erregte in ihm Ekelgefühl...

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Endlich erschein Dr. H. und führte ihn in sein Arbeitskabinett. Stundenlang durch-forschte dieser Mann mit Hilfe von tausendfältigen Fragen Andreas' Seelenzustand. Einer Inquisition unbarmherzigster Art hatte er sich zu unterwerfen. Ob er wollte oder nicht. Die Scham der Schamlosigkeit ist doch wohl etwas, das tatsächlich ist, dachte er während dieser Stunden, klammerte sich an diese Definition die er in irgend einem philosofischen Werk irgendwann einmal gefunden hatte, nur, um das Gefühl, hier wie angeprangert zu stehen, los zu werden. Es war ein Spiessrutenlaufen der Seele, was er hier durchmachte ... wohl durchmachen musste. -

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Und als diese Tortur dann zuende war, da entliess der Inquisitor ihn mit den Worten: "Jch erwarte Sie morgen um diese Zeit wieder bei mir."

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Und dann kam die Reihe an Dr. K. - Andreas hatte jetzt bereits sich eine Art Routine in der Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen sich erworben. Diese Untersuchung verlief andererseits mehr in Konversationsform. Und ehe Andreas es richtig merkte, befand er sich in einer echten "Männer-Unterhaltung"; es ging um das politische Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Und ganz beiläufig führte der Arzt eine lange, feine Spritze in Andreas' Arm, um eine Blutprobe zu nehmen.

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Auch Dr. K. verlangte entliess ihn mit den Worten: "Und morgen sehe ich Sie bei mir dann wieder."

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Erschöpft kam er endlich abends wieder zu Nils und Inger Hvide.

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"Nein," rief er sogleich, "jetzt nichts fragen. Jch kann nicht mehr. Und meinen "Lebensbericht" kannst du heute abend ebenso wenig bekommen. Lass uns lieber einen gehörigen Rundgang durch euer Spreebabel um den Kurfürstendamm herum machen. Jch muss Menschen, gesunde Menschen sehen."

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Inger war bereits "vergeben" für diesen Abend. Aber Nils war noch "unbesetzt" und nahm mit Freuden den Vorschlag von Andreas an.

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Man begann in einem echt russischen Restaurant, wo mit Vodka und anderen schweren Sachen bei einem vielgangigen Souper nicht gekargt wurde. Dann kamen deutsche, französische, ungarische und
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spanische Weine in den verschiedensten Bars und Cafès an die Reihe. Nils war ein berühmter Weinkenner. Und Andreas war zu beider Verwunderung ein guter Zechgenosse heute abend.

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"Dein Wohl, Andreas," sagte Nils, der diese überraschende "Trinkfestig keit" des Freundes gerade wieder konstatiert hatte, "im Grunde bist du doch ein seltsamer Bursche. Heute abend benimmst du dich wie ein waschechter Kerl, - - und morgen wirst du dir vielleicht bescheinigen lassen, dass ich dich künftighin als Dame werde behandeln müssen. Wenn ich dich so ansehe, so will mir kaum in den Kopf, dass alldas mit rechten Dingen zugegangen sein kann ... Aber vielleicht haben wirklich von Anfang an nicht nur im Goetheschen Sinne zwei Seelen in deiner Brust gewohnt, sondern zwei Wesen, zwei ganze Wesen ... Jch weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll ..."

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Andreas sah in ruhig an. "Jch verstehe deine Gedankengänge. Es ist schwer, aus dieser Wandlung klug zu werden, schwer für mich, um wie viel schwerer also für andere. Und das Seltsamste bei allem ist, dass jedes Wesen in mir, glaub es, in seinem Gefühlsleben gesund und, - glaub es mir, es ist so, völlig normal ist."

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"Und gerade dies ist vielleicht das Unnormale, das Unbegreifliche an deinem Fall," stellte Nils fest. "Jch kenne dich doch seit Jahren. Jch meine," und jetzt lächelte er etwas, "dich als Andreas ... Denn die Lili, ja die hast du uns Freunden bislang verschwiegen ... Und als Mann erschienst du mir stets gesund, ohne Einschränkung ... Jch hab es ja auch mit eignen Augen erlebt, dass du Frauen gefällst, - was doch der klarste Beweis ist, dass du eben ein richtiger Kerl bist ..." Er hielt inne, sah den Freund an, legte dann die eine Hand auf Andreas Schulter. "Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich eine offene Frage an dich richte?"

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Andreas sah ihn gross an. "Nils, wenn du wüsstest, was für Fragen ich heute schon habe beantworten müssen, du würdest dich weniger feierlich jetzt benehmen ..."

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"Nun gut, Andreas. Hast du dich jemals für ... deinesgleichen interessiert? ...Du weisst, was ich meine."

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Andreas schüttelte ruhig den Kopf. "Mein Wort, Nils, nie im Leben. Und ich kann hinzufügen, dass sich derartige Wesen auch nie für mich interessiert haben."

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"Bravo, Andreas! Das habe ich mir gedacht."

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"Lieber Nils, ich will dir ehrlich und mit einfachen Worten gestehen: ich habe immer und allezeit Frauen gemocht. Und wie damals so auch heute. Ein banales Geständnis. Aber bitte schön ..."

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Nils hob sein Glas: "Und nun wollen wir auf den morgigen Tag trinken. Mag kommen, was will. Halt durch! Halt aus! Hättest du zur Zeit der alten Griechen gelebt, so hätten sie vielleicht aus dir einen Halbgott gemacht. Im Mittelalter ba aber hätten sie dich verbrannt. - Denn Wunder waren damals verboten. Und heute ist es jedenfalls den Ärzten erlaubt, so etwas wie Wunder zu vollbringen ... Also trinken wir auf den morgigen Tag."

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Und sie tranken. Und sprachen dann kein Wort mehr.

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Nils begleitete den Freund in sein Hotel. Als er in seinem Zimmer mit sich allein war, brach er vor Seelen- und Körperqual zusammen.

**

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Am nächsten Morgen hatte Andreas wenigstens äusserlich sein Gleichgewicht wiedergefunden. Was er in der vergangenen Nacht durchmachen musste, hat er für sich behalten. Es war ein Abschiednehmen ...

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Pünktlich findet er sich bei Professor A. ein.

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"Jch habe inzwischen mit dem Kollegen Kreutz gesprochen. Wir sind beide uns uns beide \ darin einig, dass ein junger Kollege Sie hier erst, ein Chirurg von Rang , Sie zuerst klinisch vorbehandeln soll. Ist das überstanden, so ateht Ihrer Aufnahme in der Klinik vom Kollegen Kreutz nicht mehr im Wege. Das heisst nicht Sie werden dort Aufnahme finden ..."

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"Nicht ich?" Andreas stösst entsetzt diese Frage aus.

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"Kreutz leitet einen Frauenklinik ... Ihr Fall liegt," jetzt lächelte der Professor ein wenig, "etwas ungewöhnlich, ... auch für uns Medizinmänner ... Das heisst also, wenn der hiesige Chirurg Sie entlässt, werden Sie nicht mehr Andreas Sparre sondern ..."

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"Lili sein ..." Andreas sank stumm auf einen Stuhl nieder.

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"So ist es ... Wie Kollege H. mir inzwischen mitgeteilt hat, betrachtet auch er das Männliche an Ihnen als den bei weitem geringeren Teil Ihres Wesens, das seiner Ansicht nach zu achtzig von hundert Teilen in seelischer Hinsicht weibliche Merkmale trägt. Die Untersuchung Ihres Blutes hat zu ähnlichem Ergebnis geführt. - Im übrigen werde ich bei der Operation, die wir hier in Berlin an Ihnen vornehmen,
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selbstverständlich zugegen sein. Vorher werden wir noch einige Bilder von Ihnen nehmen. Aus rein wissenschaftlichen Gründen natürlich. Diese Photos will Kollege H. heute noch nehmen. Er erwartet Sie ja. Morgen vormittag finden Sie sich dann am besten in der Klinik des Chirurgen ein." Dann gab Professor A. Andreas die genaue Adresse der Klinik. Wie im Traum fast notierte Andreas sich alles, dankte kaum und wollte gehen.

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"Sie sehen etwas müde aus. Seien Sie zuversichtlich. Was Sie noch durchzumachen haben, ist schwer. Was Sie während all der letzten Jahre durchgemacht haben, ist sicherlich noch viel schwerer gewesen, schwerer, als sich unsereins, der mit gesundem Körper zur Welt gekommen ist, sich vorzustellen imstande ist. Als Entgelt aber ist Ihnen ein Seelenreichtum, eine Spannweite des Gefühls beschieden worden, die weit über das Mass gewöhnlichen menschlichen Empfindens und Wissens hinausreicht. Haben Sie jetzt noch ein wenig Geduld, mein Freund. Au revoir et bon courage!"

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Wortlos schüttelte Andreas die Hand des gütigen Mannes und machte sich auf den Weg...

***

VI

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Spät abends ist Andreas wieder bei Nils und Inger.

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Nachdem man zu dritt gegessen hat, wobei das Freundespaar absichtlich vermied, Andreas nach dem Ausfall der verschiedenen schicksalsvollen ärztlichen Untersuchungen auszufragen, zündet sich Andreas seine obligate Efterdinner-Zigarette an, steht auf, knipst alles überfllüssige Licht aus, sodass nur noch eine einzige elektrische Kerze, als Ampel in einer Alkovenecke angebracht, matt leuchtet.

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Er setzt sich in den bequemen Lehnstuhl in der Alkovenecke und beginnt ohne grosse Einleitung recht unfeierlich:

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"Ich habe gestern nacht recht gründlich über deine Worte, lieber Nils, nachgedacht."

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"Ueber meine Worte?"

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"Ja, als du nämlich sagtest: im Augenblick sei es das Wichtigste, mir selber ganz klar darüber zu werden, wie diese, - ich gebrauche deine Worte, - seltsame, phantastische Wandlung, die ich seit meiner Kindheit bis jetzt durchgemacht habe, vor sich gegangen sei ..."

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"Richtig, wie die ... Lili über dich allmählich die Ueberhand bekommen hat," ergänzt Nils.

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"Nun denn, ich habe also die letzte Nacht darüber nachgedacht ... zumal es ja gar nicht ausgeschlossen ist, dass diese Nacht heute die letzte Nacht von ..."

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"Unfug," unterbricht Frau U Inger ihn."

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"Lass gut sein, Inger," fällt Nils ihr ins Wort, "ich weiss, was Andreas meint ..."

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Andreas lächelt. "Wie es auch kommt, Frau Inger, es ist eine Abschiedsnacht ... Und damit Sie das recht gut verstehen, will ich, vorausgesetzt, dass ihr beide ebenso viel Geduld habt wie ich, lang und breit jetzt einmal erzählen, wie das alles so gekommen ist ... Jch hab mir einige Notizen gemacht, um wenigsten den sogenannten roten Faden nicht zu verlieren. Wer weiss denn, was morgen mit mir sein wird ... ob ich dann noch ich sein werde, oder ob ich gewissermassen ausgelöscht als Andreas dies Wesen, was hier vor euch sitzt, selber aus dem Gedächtnis zu verlieren beginne, um einem anderen Wesen gänzlich Platz zuma zu machen."

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Nils ist aufgestanden, geht einpaarmal auf und ab, bleibt dann vor
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Andreas stehen, auch er ist jetzt ernst geworden.

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"Daran habe ich, wenn auch etwas nebelhaft, ebenfalls gedacht, lieber Junge. Und da du mich als einen recht sachlichen Menschen kennst, der meist die Dinge so nimmt, wie sie sind, das heisst ohne allzu viel Gefühlsduselei, - ausserdem bin ich ja Jurist, und zwar sehr nüchterner Jurist, - habe aus meiner Studentenzeit das Stenografieren noch nicht vergessen, - so möchte ich dir den Vorschlag machen, dass ich, ohne deinen Gefühlen zu nahe zu treten, dein jetzt zum Vortrag zu bringendes Curriculum Vitae mitstenografiere ..." Jetzt lachte er. Andreas übernahm sein Lachen. Auch Frau Inger musste lächeln.

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"Ein ausgezeichneter Einfall," ruft Andreas belustigt. "Mich wird dein Stenografieren weder gefühlamässig noch sonstwie irgendwie 'anfechten'. Jm Gegenteil. Man muss ja auch an die Nachwelt denken."

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"Also los dafür, - womit ich hiermit die ehrenvolle Rolle deines Mister Tacitus übernehme." Damit liess Nils sich in einem bequemen Klubsessel nieder, holte Bleistift und einen Taschennotizblock hervor. Frau Inger lag bereits auf dem Divan und rauchte gemächlich ihre Zigarette.

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"Fangen wir bei meinen Eltern an, die du ja noch beide erlebt hast," beginnt Andreas, "ich will wie ein korrekter Chronist euch mein Leben und so weiter hinbeichten. Werd ich dann und wann etwas weitschweifig oder selbstbeschaulilich, so ..."

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"Werde ich als dein Tacitus schon hinterdrein den Blaustift zu seinem Recht kommen lassen," unterbrach Nils ihn ... zum letzten Mal vorläufig während dieser Nacht des Abschiednehmens.

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"Also Vaters Vorfahren kamen von Mallorca nach Jütland. Von ihm habe ich die dunklen Augen. Er war eigentlich keine sehr gestählte Natur, etwas verzärtelt, sehr mit sich und seinem Wohlergehen beschäftigt. Mutter dagegen sehr frisch, mit gesunden Nerven, ein echt nordischer, blonder Typ, vielleicht sogar etwas hart in ihrem Wesen, ein tüchtiger Mensch und eine gute Mutter. Sie starb vor Vater, recht plötzlich. Über ihren Tod hat er si Vater sich nicht trösten können. Ihre Ehe hatte manchen Sturm bestanden. Nach Mutters Fortgang verehrte Vater sie wie eine Heilige.

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Sie hatten vier Kinder, zwei Söhne und zwei Schwestern. Jch war das Jüngste ...

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So, und jetzt muss ich also zu mir übergehen.

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Jch war ein sehr frohes Kind. Von allen wurde ich verhätschelt. Auch von meinen Geschwistern. Jch war ein furchtbarer Feinschmecker. Nur meine Leibgerichte ass ich. Von Vater habe ich nie im Leben ein hartes Wort zu hören bekommen. Tat mal ein Klaps not, so wurde der von Mutter verabreicht. Im übrigen wetteiferte sie mit Vater, mich zu verwöhnen, - wie wohl alle Nachkömmlinge Jüngsten im Nest verwöhnt werden. Mutter liebte es, mich zu putzen. Jch war nie fein genug gekleidet. Mitunter durfte ich wegen meiner "feinen Sachen" nicht mit den anderen Altersgenossen herumtollen. Das war dann mein grösster Schmerz. Jch hatte als kleiner Knirps lange, blonde Locken, schneeweisse Haut, dazu die dunklen Augen, so dass ich damals von Fremden oft für ein Mädel gehalten wurde. Jn einem Kindergarten, wo ich als einziger Bub zusammen mit elf Mädels spielte, war ich von allen Kindern das tüchtigste im - Sticken und Stricken ... Als Fünfjähriger erhielt ich bei einem Jahresfest unseres Kindergartens deshalb meine allererste "öffentliche Auszeichmung". Wegen Handarbeiten ...

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Als Achtjähriger neckten meine beiden Brüder mich oft wegen meiner "Mädchenstimme". Das nahm ich mir damals sehr zu Herzen, sterngt strengte mich seitdem sehr an, einen richtigen Bengel-Bass zu bekommen.

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Denke ich jetzt ernstlich darüber nach, so war meine Kinderstimme meine erste Verstellung ...

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Im übrigen war meine Kindheit nichts als Sonnenschein. Mit dem Brüdern spielte ich mit Bleisoldaten, - mit der Schwester mit Puppen. Jch hatte immer ein frohes, sorgloses Gemüt ... Dass ich gern den Puppenwagen der Schwester schob, darin sah niemand etwas besonderes ... soetwas tun ja viele Brüder, die Schwestern haben ...

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Mit neun Jahren kam ich aufs Gymnasium unserer kleinen Stadt , wo ich aufwuchs. Meine beiden Brüder besuchten ebenfalls diese Schule. Musterschüler war keiner von uns. Unser Direktor hatte übrigens für Musterschüler ganz und gar nichts übrig, er verachtete sie sogar im geheimen. 'Aus denen wird im Leben allemal nichts,' konstatierte er einmal übers andere. In vielen Fällen hat er recht behalten. - Französisch und Latein waren meine Lieblingsfächer ... ausserdem aber war ich einer der eifrichsten Benutzer der Schulbibliothek, was mir unser "Direx" hoch anrechnete. Trotzdem ich meist der Zweitletzte der Klasse war. Jm Französischen unterrichtete uns der Alte. Er sprach ein ganz besonderes Französisch. Als er einmal während der grossen Ferien in Paris gewesen war und uns dann mit Ingrimm erzählte,
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dass or nichts für die Pariser übrig habe, da sie weder ihn noch er sie verstanden habe, schloss or seinen Bericht: "Und dabei wisst ihr doch, Jungens, dass ich Französisch kann."

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Ja, er war ein schnurriger Kerl. - Anders mein Lehrer im Lateinischen. Ein recht moderner Mann, der sich nicht nur sprachlich mit uns beschäftigte, sondern sich daneben bemühte, uns in die Ideenwelt der Antike, in die Kunst der Alten einzuführen. Er war es, der mir zuerst die Augen für die makellose Schönheit der Skulpturen der Griechen geöffnet hat. Es war nur ein fernes, dämmerndes Verstehen ... Aber ich weiss noch wie heute, wenn ich mit meinen Alterskameraden beim Baden war und dann neben manch derben, nicht besonders schön proportionierten Jungenkörpern meinen eignen, etwas zarten, glatten Jungenleib im Wasserspiegel sah, da konnte ich oft leise erröten. Jch war wirklich viel zarter und biegsamer gebaut als meine meisten Kameraden. Und dann dachte ich an die Jünglingsfiguren des Praxiteles , von denen uns der Lateinlehrer einige Tage vorher erzählt hatte. Wir hatten im Zeichensaal auch ein paar Gipsabgüsse. Dabei fällt mir eine kleine Szene ein. Auf unserm Gymnasium gingen damals schon ein paar Mädchen. Dien Die eine besuchte die gleiche Klasse wie ich. Während der Pause setzte sie mir zum Spass einmal ihren Mädchenhut auf. "Sieh mal, der sieht ja aus wie ein richtiges Mädel," rief sie und die Kameraden lachten mit ihr. Plötzlich steht unser Lateinlehrer vor uns. Vor Schreck finde ich keine Zeit, den Mädchenhut abzunehmen. Und ehe ich richtig weiss, wie mir geschieht, habe ich eine gehörige Tracht Prügel bezogen. Jch war dann völlig ausser mir und erst viele Jahre später wurde mir klar, weshalb mein alter Lehrer mich damals bestarft glaubte, bestrafen zu müssen ... Wir armen Menschen ... was wissen wir von uns ... wie viel weniger da vom nächsten ...

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Im übrigen war ich ein richtiger Junge. Jch war bei allen Prügeleien "mitten dabei". Gerade weil ich zarter war als meine Gefährten, legte ich mit Willen oftmals besonderen Wagemut an den Tag. Manch verstauchter Finger war das Ergebnis derartigen Ehrgeizes ...

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Dazwischen aber machte ich mit meiner Schwester grosse Spaziergänge. Und wenn ich wusste, dass mich niemand von den Buben sehen konnte, - so im Walde bei der Stadt , - übernahm ich das Schieben ihres Puppenwagens, unseres steten Begleiters...

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Im Übergangsalter nahm mein Interesse für Kunst immer mehr zu. Mit
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sieb s z ehn zehn Jahren begann ich Kunstzeitschriften zu lesen, Kunstausstellungen zu besuchen. Mein Vater, der als alter Kaufmann wenig von einer Laufbahn als Künstler für mich hielt, versuchte ein paarmal meinem Leben eine "praktische Richtung" zu geben. So gab er mich zuerst bei einem Kaufmann, und dann bei einem Malermeister in die Lehre, ohne etwas anderes dadurch zu erreichen, als dass mein Wille zur Kunst nur noch gesteigert wurde.

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Gleichzeitig hatte ich wie jeder Halbwüchsige meine "Flamme", ja, um ehrlich zu sein, muss ich sogar von "Flammen" sprechen. Das dauerte so bis anfangs der Zwanziger ...

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Als Vater endlich eingesehen hatte, dass es hoffnungslos war, mich für etwas "Praktisches" zu interessieren, wurde ich mit neunzehn Jahren nach Kopenhagen geschickt, wo ich Schüler der Kunstakademie wurde.

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Hier nahmen einige gute Kameraden mich unter ihre Fittiche und sorgten dafür, dass ich sehr schnell meine provinzhafte Naivität und Befangenheit verlor und auf eine recht brutale Weise "entmystifiziert" wurde ... Damals lernte ich Grete kennen...

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Es war eine Liebe auf den ersten Blick in des Wortes verwegenster Bedeutung...

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Ja, wir übten auf einander vom ersten Augenblick eine geradezu mystische Anziehungskraft aus. Grete war gerade zur Kunstakademie gekommenen. Ebenfalls aus der Provinz ... Wir beide waren sofort unzertrennlich. Alle Vorlesungen abends besuchten wir gemeinsam. Damals war der Unterricht an der Akademie für Schüler und Schülerinnen noch nach Geschlechtern getrennt.

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Durch einen Freund wurden wir zusammengeführt.

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Als er dann eines Tages erfuhr, dass wir uns verlobt hatten, wurde er geradezu rasend vor Eifersucht. Nicht eigentlich auf Grete, sondern, und das erfuhr ich erst viele Jahre später, - auf mich .... Aber auch solch ein Symptom ist ja nichts aussergewöhnliches ... Wie viel Freunde haben nicht ähnliche Erfahrungen gemacht, wenn eine Frau zwischen ihnen trat ...

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Ein Jahr nach unserem ersten Zusammentreffen heirateten Grete und ich. Wir waren noch so jung ... ich kaum zwanzig, Grete noch ein paar Jünger jünger ... Was wussten wir vom Leben, von den Menschen ... Wir waren unbeschreiblich glücklich mit einander.

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Jch weiss noch ... es waren in den ersten Jahren unserer Ehe ... eines
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Abends, wir wohnten damals in einem prachtvoll gelegenen Atelier mit weiter Aussicht über Kopenhagen, - las Grete mir ein uraltes Märchen aus der Antike vor. Es lautet ungefähr so: "Hermes, der Liebling der Götter, hatte einen Sohn, und Aphrodite, die göttlich Schöne, eine Tochter. Die beiden Kinder waren das Urbild der Schönheit. Doch sie hatten einander nie vorher gesehen, als sie sich eines Tages im Walde der Götter gegenüberstanden. Das Mädchen erglühte sofort für den Knaben. Doch der Knabe flüchtete vor ihr. Wie laut sie nach ihm rief, er hilet im Lauf nichtb inne. Verzweifelt wandte sich das göttliche Mädchen an Zeus und klagte ihm seine Liebesnot. "Jch liebe ihn, Vater, aber er ist mir entflohen. Er will nichts von mir wissen. Oh, Vater, erlaub mir, dass ich eins mit ihm werde." Und Zeus erhörte das Flehen des Götterkindes, und er hob seinen Arm, und im nächsten Augenblick stand der scheue Sohn Hermes' vor dem Olympier, und Aphrodites Tochter jauchzte vor Entzücken, umschlang den bebenden Jüngling - - und wieder hob Zeus seinen Arm - - und beide verschwnden verschwanden in einander - - - Und als Hermes und Aphrodite nach ihren Kindern suchten, fanden sie ein selig lächelndes Götterkind. "Es ist mein Sohn," rief Hermes. "Nein, es ist meine Tochter," rief Aphrodite. Und sie hatten beide recht ... 'Siehst du’, sagte damals, an diesem fernen Abend Grete zu mir,' so lieb ich dich so oft, dass ich wünschen möchte, du und ich, wir wären ein Wesen. 'Und ich sah sie beglückt an ... nur beglückt ... und ahnungslos wie sie selber über den te tieferen Sinn ihrer Worte ...

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Damals Um diese Zeit malte Grete das Portrait der bekannten beliebtesten Schauspielerin des damaligen Kopenhagen, Anna Larsen. Eines Tages konnte sie nicht zu der verabredeten Sitzung kommen. Im Telefon fragte sie Grete, die etwas ungehalten war: "Kann denn Andreas nicht für den unteren Teil des Bildes Modell stehen. Er hat eben so hübsche Beine und Füsse wie ich."

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Grete lachte wie sie. Einmal hatte ich, das wusste Anna Larsen, mit meinen Beinen Grete bei einem Frauenbilde 'zu Hilfe kommen' müssen. Damals aber hatte es sich eigentlich nur um einen Faltenwurf gehandelt. "Du hast eigentlich sehr hübsche Frauenbeine," hatte Grete dabei scherzend zu mir gesagt.

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Jch war, während Grete jetzt mit Anna L. telefonierte, gerade dabei, meine Palette zu reinigen, rauchte eine Zigarre und hörte kaum hin, als Grete mir Anna Larsen Vorschlag erzählte. Anfangs lehnte ich ziemlich barsch ab.

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Grethe lachte mich aus, nannte mich eigensinnig, bat mich, streichelte mich ... und ein paar Minuten später stand ich in Kleid, Stöckelschuhen und so weiter im Atelier und wir beide lachten wie über einen gelungenen Spass. Und damit die Verkleidung vollkommen war, holte Grete flugs eine Karnevalsperücke aus der Tiefe einer Truhe heraus, es war eine blonde, sehr gelockte Perücke, zog sie mir über, - dann kam sie mit Puder und Schminke, ich liess willig alles über mich ergehen ...

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Und als alles fertig war, trauten wir kaum unsern Augen. Jch drehte und bog mich vor einem Spiegel, wieder und immer wieder, versuchte, mich wieder zu erkennen. War es wirklich möglich, dass ich so gut aussehen konnte, fragte ich mich ... Grete klatschte entzückt in die Hände. "Das vollkommenste Damenmodell," rief sie einmal übers andere, "als hättest du nie etwas anderes als Frauenkleider getragen."

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Und merkwürdig, - ich kann es nicht leugnen, denke ich ganz sachlich an diese Szene zurück, - ich gefiel mir in der Verkleidungsrolle ... ich empfand die leichten Frauenkleider als etwas überaus Angenehmes, ja, Selbstverständliches ... Heimisch fühlte ich mich darin. Vom ersten Augenblick an. Und Grete begann zu malen.

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Das klingelt es im Korridor. Und einen Augenblick danach rauscht Anna Larsen ins Atelier herein. Sie hatte gleichwohl Zeit gefunden ... sie sieht mich an ... erkennt die fremde Dame im rersten Augenblick nicht ... noch dazu in ihrem eignen Kleid. Dann aber stösst sie geradezu einen Jubelschrei aus und umarmt mich stürmisch.

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"Etwas so Lustiges habe ich lange nicht erlebt," stellt sie dann fest und applaudiert ordentlich. Dann beguckt sie mich von allen Seiten, ich musste mich drehen und wenden und alle möglichen Stellungen einnehmen. Und dann begann Anna Larsen aufs neue: ich sei als Mädel viel, viel hübscher denn als Mannsperson. Damenkleider trüg ich viel, viel besser als Männerzeug. Und schliesslich sagt sie, und ich habe diese Worte nie vergessen können: "Weisst du, Andreas, du bist sicher in einem früheren Dasein ein Mädchen gewesen ... oder aber die Natur hat sich diesmal bei dir ein Versehen begangen."

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Das waren ihre Worte. Sie hatte sie sehr langsam und nachdenklich gesprochen. Grete und ich konnten ihr anmerken, dass ihr, je länger sie mich betrachtete, seltsamer und seltsamer zu Mut wurde.

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Schliesslich gibt Grete mir einen Wink, die Verkleidung wieder abzulegen,
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damit Anna Larsen jetzt ihr selber sitzen könne.

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Jch will mich zurückziehen. Anna Larsen hält mich fest. "Nein," ruft sie, "heute würde ich ein Wiedersehen mit Andreas einfach nicht ertragen. Wir wollen auch nicht von ihm sprechen! Hört ihr! Und jetzt will ich dich taufen, mein Mädelchen sollst einen ganz besonders lieblichen, klingenden Namen erhalten. Zum Beispiel ... Lili ...

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Was sagst du zu Lili? ... Fortab nenne ich dich Lili ... Und das muss gefeiert werden! Was sagst du dazu, Grete?" - -

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Und Grete nickte nur, sah bald sie, bald das Taufkind an ... mit verwunderten Augen ... und dann wurde ein lustiges Fest zu dreien gefeiert, bis tief in die Nacht hinein, Lilis Taufnacht ...

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So entstand Lili ... und bei dem Namen ist es dann geblieben ...

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Und nicht nur bei dem Namen ...

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Mit einem übermütigen Spass, einen echten Künstlereinfall, wenn man will, begann es ... Und viele Jahre trieben wir dann unser Spiel mit Lili, bis aus dem Spiel Ernst wurde ...

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Doch ich will den Ereignissen nicht voraus eilen.

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Wenige Wochen nach Lilis Taufe fand ein Künstlerkarneval statt. Grete schlug vor, dass Lili an dem Karneval teil nehmen, dadurch in die grosse Welt eingeführt werden sollte. Grete entwarf ein entzückendes Pierettekostüm ... und mit recht klopfendem Herzen machte Lili ihr "Entrée dans le monde".

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Der Erfolg war vollkommen. Lili war eine der begehrtesten Tänzerinnen. Ein Offizier hatte es ganz besonders auf sie abgesehen. Schliesslich holte er sie zu jedem Tanz. Gegen Mitternacht wurde er etwas zu stürmisch. Schliesslich versuchte Lili ihr Geheimnis "zu lüften". Was ihr jedoch nicht nützte. Der Offizier glaubte ihr einfach nicht. Als sie ihm glücklich entschlüpft war, kam sie vom Regen in die Traufe. Ein neuer Kavalier riss sie einfach an sich, gab sie nicht frei, verlangte aufc der Stelle die Erlaubnis, sie zumindest auf den Nacken küssen zu dürfen. Als sie endlich seinen stürmischen Angriffen entkommen war, hatte das Pierettekostüm einige Spitzen lassen müssen ...

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An diesem in vieler Hinsicht unvergesslichen Abend hatte ich Übrigens zum ersten Mal Gelegenheit, gewissermassen an eignen Leibe die Brutalität des Mannes der Frau gegenüber kennen zu lernen. Es blieb nicht bei diesem einen Male.

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Etwas andereshatte Eine andere, seltsame Beobachtung hatte Lili wahrend dieses Festes übrigens machen müssen: die Haltung des weiblichen Geschlechts ihr gegenüber, mehrmals hatte sie selber mit freundlichem Lächeln Damen betrachtet, die sie schön fand. Aber meist hatte man ihren zutraulichen Blick mit eisigem Hohn in den Augen zurückgewiesen. Sie war ratlos, fragte schliesslich Grete, ob sie sich schlecht betragen habe, ob sie unmöglich aussehe und so weiter. Grete streichelte Lili nachsichtig und sagte lächelnd: "Die dumme Lili ist noch so jung. Sie kennt die Bosheit und das Misstrauen von uns Frauen anderen Frauen gegenüber noch nicht. Sie wird es schon einmal kennen lernen."

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Diese Worte haben auf Lili einen tiefen, unvergesslichen Eindruck gemacht, es war das erste Mal, dass sich Lili als Eigenwesen gefühlt hat. Und so wurde auch aus diesem lustigen Einfall etwas wie Vorausahnen ... Wie oft habe ich nicht an diesen fernen Abend denken müssen.

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Aber noch ein anderes Erlebnis, nicht minder bezeichnend, hinterliess bescherte dieser Abend.

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Grete und Lili wollten nach Hause. Auf der Suche nach ihrem Mantel fällt rennt Lili einem langen Maler von der Akademie in die Arme. Es war einer von meinem vier Atelierkameraden! Um Himmels willen! Wie es anstellen, dass das Geheimnis nicht verraten wird? - Lili tut, als sieht sie ihn nicht. Er packt sie, presst sie an sich und drückt ein halbes Dutzend Küsse auf ihre ihren Hals. Diesmal komme ich Lili zu Hilfe. Ein paar Backpfeifen sitzen wohlgezielt dem Frechling mitten im Gesicht. Er tritt sofort der Rückzug an. Und zwar fluchtartig .... Hauwitz hiess der Mann.

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Als ich am nächsten Tag die Atelierklasse in der Akademie betrete, finde ich die Kameraden mitten im Diskutieren der Karnevalsnacht. Haug Hauwitz ist der Eifrigste. Er gibt seine Erlebnisse zum besten.

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"Aber wo stecktest du gestern?" attakiert er mich sofort. Auch die anderen fragen, weshalb ich nicht mitgemacht hätte, zumal doch Grete da gewesen sei.

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Ja, erkläre ich, mir sei nicht wohl gewesen. Im übrigen hätten die Kollegen sich, wie ich gehört, sehr gut unterhalten, besonders Hauwitz, der sehr eifrig eine Pierette umworben habe.

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Woher ich das wüsste, warf Hauwitz geschmeichelt hin, man könne sich nicht rühren, ohne dass der Klatsch sich über einen hermache; wer denn so indiskret gewesen sei, mir seine kleinen Abenteuer zu verraten...

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"Sie sind oben ein unerhörter Herzenbrecher," sagte ich voll Bewunderung. "Also legen Sie mal los ..."

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Anfangs wehrte Hauwitz kavaliermässig ab. "Man ist doch ein Gentleman. Es gibt doch Dinge, die man nicht erzählen kann. Im übrigen war die Pierette wirklich eine fabelhafte Person. Immerhin .."

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Er steckte sich eine neue Zigarette an, schmunzelte sehr geheimnisvoll, zwinkerte verheissungsvoll mir zu, alle umdrüngen ihn. "Also los dafür, Hauwitz," ermuntert man ihn.

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"Na, der Sparre scheint ja Bescheid zu wissen. Haltet euch an ihn," erwidert er ziemlich eindeutig.

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"Aber lieber Hauwitz. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Jch würde wohl der letzte sein, der etwas andeuten möchte," gab ich zurück, indem ich dann die sehr gewagte Frage stellte: "War sie nun wirklich so hübsch?" "Andeuten Sie so viel, wie Sie Lust haben," legte Hauwitz wieder los, "Sie können in Ihren Vermutungen gar nicht zu weit gehen. Eine unerhörte Sache ..."

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Worauf Hauwitz sich in Schweigen hüllte, das beredter war als die gröbste Aufschneiderei ...

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Meinen intimsten Freunden gestand ich hinterher, wer die Pierette Gewesen ...

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Hauwitz wurde nicht erst viel später eingeweiht, nachdem er noch mehr Gelegenheit bekommen hatte, sich in der Rolle eines etwas zweifelhaften Casanovas einzuleben und zu blamieren ...

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Diesem Tanzfest folgten andere, in denen Lili mit wachsendem Erfolg sich in ihre Rolle einlebte. Grete putzte sie jedesmal aus, dass dieses urplötzlich in der Kopenhagener Künstlergesellschaft aufgetauchte fremde Wesen anfing, Furore zu machen ... Und nicht nur das. Lili wurde nach und nach Gretes unentbehrliches Spielzeug ... Denn wie seltsam sich dies alles jetzt auch anhören mag, nicht ich verkleidete mich in Lili , sondern sowohl für mich wie für Grete wurde Lili sehr bald ein völlig selbstständiges Persönchen, und zwar eine Gespielin von Grete, ihre eigentliche Gespielin und ihr Spielzeug zugleich.

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Lili und ich, wir wurden zu zwei Wesen. War Lili nicht da, so sprachen wir von Ihr wie von einer dritten Person. Und war Lili da, das heisst, war ich nicht da, so wurde zwischen ihr und Grete von mir wie von einer dritten Person gesprochen. Und bald lernten dies auch unsere intimsten Freunde. Aber ein Spiel war es doch viele, viele Jahre lang ...

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Grete war in ihrem tiefsten Wesen recht melancholisch. Um über solche Stimmungen hinweg zu kommen, rief sie fortab ihre Gespielin Lili zu sich. Lili war nämlich die Sorglosigkeit und Heiterkeit in Person. Eben so wichtig wurde Lili ihrer Herrin allmählich als Modell, ja, heute kann ich es ruhig sagen, dass Lili das Lieblingsmodell von Grete gewesen ist. War es Zufall oder nicht, Grete hatte mit Bildern, zu denen Lili ihr Modell gestanden hatte, mehr und mehr Erfolg. Und sie begann, in Lili eine Art Maskotte, einen glückbringenden Talisman zu sehen.

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Eine grosse Reihe von Gretes Bildern und Zeichnungen entstanden damals in unserm ersten Atelier in Kopenhagen, in denen Lili in hunderterlei Ver- kleidungen Variationen als Modell auftauchte. Gretes Kunstlerruhm stieg. Lilis Ruhm als Modell ebenfalls. Aber niemand wusste, wer sich hinter dem ... Modell verbarg, Legenden bildeten sich darum. Auch der Klatsch begann zu wispern, ohne aber dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

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Ein bekannter Schriftsteller behauptete, das Modell Lili sei überhaupt kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern nichts wie ein Frauentyp, auf den sich Gretes Phantasie nun einmal festgelegt habe, also eine leere Caprice ...

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Nur einige wenige ahnten den Zusammenhang. Niemand aber wusste etwas Bestimmtes um das Mysterium Lili, - mit Ausnahme von Anna Larsen, die jedoch unverbrüchliches Schweigen Verschwiegenheit gelobt hatte. Sie hat ihr Wort gehalten.

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Eines Tages erhielt Grete aus Paris eine Einladung, dort ihre "Lili- Zeichnungen" auszustellen ...

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Und so wurden wir Drei nach Paris verpflanzt: Grete, Lili und – ich.

VII.

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Bereits vor unserer Übersiedelung nach Paris hatten wir mehrere Auslandsreisen unternommen. Sobald wir aus unseren Bilderverkäufen genugende Ersparnisse beisammen hatten, - wir waren recht bescheiden in unseren Ansprüchen, - waren wir jedesmal südwärts gefahren, um zu studieren, zu malen und die Welt kennen zu lernen. Und erst nach Verbrauch des letzten Reisegeldes hatten wir uns wieder nach Kopenhagen auf den Weg gemacht.

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Aber auf all diesen Reisen war Lili "nicht mitgewesen". Es gab zu viel Neues zu erleben, als dass Grete und ich Zeit gefunden hätten, uns mit ihr zu beschäftigen.

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Aber sobald wir wieder in unserem heimischen Atelier waren, tauchte sie wieder auf. Und dann mussten wir jedesmal feststellen, dass wir sie eigentlich entbehrt hatten. Fast ein ganzes Jahr hatten wir in Italien verbracht ... ohne Lili. -

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Es war das sorgloseste Jahr, das ich mit Grete verlebt habe.

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Das Märchen des Südens wurde uns beiden Kindern des Nordens zur Wirklichkeit, zu einer unbeschreiblich herrlichen Offenbarung.

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Wie konnten wir da Zeit zum - - Spielen mit Lili finden? Und vor allem Grete? Sie war damals die Heiterkeit selber. Nie fühlte sie sich in Italiens Wunderwelt bedrückt. Sie bedurfte keiner Zerstreuung. Drum wurde Lili von ihr nicht beschworen.... -@Editor: SM

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Und doch war Lili wohl inniger mit uns beiden zusammen denn je. Nur war Es kein Spiel mehr ... Mit mir selber begann zu jener Zeit eine Veränderung vor zu ge vorzugehen, ohne dass ich mir dessen damals recht bewusst wurde. Dies zeigte mir meine Wirkung auf andere ... gerade damals in Italien. In Florenz machte sich ein unglücklicher Mensch an mich heran. Ein sehr reicher Ausländer. Eines Tages, nachdem er mich ein paar Wochen auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, sprach er mich an und machte mir den Vorschlag, in einer Villa Wohnung zu nehmen. Nach Herzens Lust würde ich dort meine Studien als Maler betreiben konnen. Jch lehnte höflich, aber sehr entschieden ab. Ich sah ihn dann öfters wieder. Immer war ich in Damengesellschaft, entweder zusammen mit Grete, oder aber in Begleitung einer auffallend schönen Sizilianerin. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ich diesen armen Menschen vor die Pistole fordern müssen.

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In Rom hatte ich ein ähnliches Abenteuer. Dort wollte eine amerikanischer Millionär mich mit nach Egypten haben. Er bestürmte nicht nur mich, sondern auch Grete. Er segelte allein nach Kairo Alexandrien.

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Nie vorher hatte ich derartige, delikate Situationen erlebt. Wieso gerade
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in Italien, ist mir erst viel später klar geworden. Als neulich in Paris Professor Kreutz eine Reihe fotografischer Aufnahmen, während der letzen Jahre von mir genommen, darunter auch einige auf unter meiner ersten Italienfahrt, zeigte er gerade auf diese Bilder mit den Worten: "Damals hat sich die Lili zum ersten Mal äusserlich deutlich zu erkennen gegeben." -

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Nun ging es also nach Paris.

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In der Nähe der "Ecole des Beaux Arts", auf dem linken Ufer der Seine quartierten wir uns in einem der unzähligen kleinen Hotels ein. Der Wirt kam uns wie ein Meuchelmörder vor, die Wirtin wie ein Konglomerat aus Geiz, Neugier und Unsauberkeit. Ihre kleine, allerliebste Tochter glich einem entzückenden Kätzchen. So etwas gibt es nur in Paris ... das eine, wie as andere und dritte ...

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Wir bekamen ein paar gemütliche hellrot und grauweiss getünchte Stuben. Das eine lag nach einem alten, vernachlässigten Gärtchen hinaus und hatte einen geheimnisvollen Alkoven mit rotgeblümten TapeteGardinen.

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Das Faktotum des Hotels, Jean mit Namen, erzählte uns sehr bald, dass in diesen beiden Stuben Oscar Wilde seine letzten Tage verlebt habe ... Im Alkoven mit den rotgeblümten Gardinen sei er gestorben ... Als Jean uns dies erzählte, rannen ihm Tränen über die schlecht rasierten Backen. Er hatte Grund, Oscar Wildes Heimgang zu betrauern. Manches Zwanzig-Franc-Stück hatte der grosse, unglückliche Dichter ihm gegeben, um für einige Sous Zigaretten zu kaufen. Das "Kleingeld" hatte Jean aber niemals zurückzugeben brauchen, was ein zarter Wink an unsere Adresse sein sollte ...

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Für Grete und mich wurden die beiden stillen Stuben, in denen also Wilde ausgelitten hatte, doppelt stimmungsvoll. Wir sassen oft vor dem breiten Fenster nach dem alten Garten, lasen viele Male Seiten auf Seiten in den Büchern dos Dichters, den ich seit vielen Jahren liebte, "De Profundis" und die "Ballad of Reading Coel" kannten Grete und ich allmachlich Wort für Wort auswendig. Es waren schöne Abende ...

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In der Nähe des Hotels fanden wir unsere Stammkneipe, "Chateau neuf du Pape, vor allem Kunstschüler verkehrten dort. Ein sehr bescheidenes Restaurant. Aber für einen Franken und 30 konnte man dort herrlich dinieren. Der Wein war in den Preis einbegriffen. Hier fanden wir unsere ersten Pariser Freunde.

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Kurz darauf wurde Grete von dem Redakteur einer bekannten Pariser illu-
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strierten Zeitschrift zur Mitarbeit aufgefordert. Er hatte Gretes Gemälde und Zeichnungen auf ihrer ersten Ausstellung in Paris gerade gesehen.

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Grete war Feuer und Flamme, sogleich mit ihrer Mitarbeit zu beginnen. Aber was sollte sie anbieten? Wo schnell ein geeignetes Modell auftreiben?

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Da sieht Grete mich fragend an, zögert ein paar Augenblicke, dann sagte sie: "Was meinst du, wenn Lili ..."

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Jch gestehe, ich war zuerst etwas überrascht. Auch ich hatte Lili mitten im Trubel von Paris vergessen, genau wie damals auf unserer ersten Italien-Fahrt. Auch hier in Paris hatte Grete der Gesellschaft Lilis weder bei der Arbeit noch zur Zerstreuung bislang bedurft.

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"Gut," sagte ich dann, "aber was soll sie anziehen ..."

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Lilis "Ausstattung" war in Kopenhagen geblieben. Ganz davon abgesehen, dass Lili beträchtlich grösser ist als die sehr zierliche Grete, wurde in puncto Garderobe auf strengste Gütertrennung gehalten.

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Schnell wurde das Nötigste für Lili besorgt. Sie war nicht wenig stolz auf ihr erstes echte Pariser Kostüm.

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Und so kam es denn, dass sie wieder mitten in Paris zum Vorschein kam ... Die Arbeiten, zu denen sie Modell sass, machten Glück. Grete strahlte. Sie erhielt beträchtliche Preise für ihre Arbeiten.

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Wir konnten uns ein angenehmes Atelier mieten. Wir wurden sesshaft in Paris, fanden unsern Freundes-und Bekannten-Kreis.

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Auch ich malte jetzt viel, teils in Paris, teils in Versailles, wo wir die warmen Sommermonate verbrachten.

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So vergingen ein paar harmonische, glückliche Jahre für Grete und mich. Lili zeigte sich nur in unserer Mitte, wenn Grete ihrer als Modell dringend bedurfte. Wir verdienten gut. Grete konnte sich "fremde Modelle" leisten ...

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Und als wir genug Geld für eine Studienreise zurückgelegt hatten, brachen wir wieder nach Italien auf. Unser Ziel war Capri. Jahrelang war es unsere Sehnsucht gewesen, dieses Sonnenparadies kennen zu lernen.

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Zu unserer grossen Freude trafen wir, kaum dort angekommen, einen Maler aus Florenz wieder, den wir während unserer ersten Italienreise
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kennen gelernt hatten. Nino nannten wir ihn. Wir waren fortan unzertrennlich. Nach wenigen Tagen hatten wir unter den auf Capri herumwimmelnden internationalen Künstlern mehr Bekannte, als uns manchmal lieb war. Drei, vier mal trafen wir uns täglich bei "Morgano", und Abend für Abend wurde dort Schach und Dame gespielt. Selbstverständlich war man zur Badezeit vollzählig auf dem kleinen Strand bei "Piccola Marina".

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Hier trafen wir eines Tages einen Schotten, der stets in Begleitung eines äuffällig zierlichen Knaben auftrat. Beim Baden verwandelte der Kanbe Knabe sich zu unserem Erstaunen in ein sehr niedliches Mädchen ...

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"Ma naturale!" erklärte ob dieser "Enthüllung" ein venezianischer Bildhauer, der zu unserer Clique gehörte, "das habe ich von Anfang an gewusst! Ein Mädchen kann sich nun einmal nicht als Mann verkleiden, ebenso wenig umgekehrt. Wer Augen zum sehen hat, durchschaut sofort den Schwindel. Irgend eine Äusserlichkeit spielt immer den Verräter." Favio hiess der Mann.

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Grete war mir einen übermütigen Blick zu. Jch verstand ihn ... Am Nachmittag zur Flanierstunde erschien Grete in Begleitung einer schlanken, grossen jungen Dame, die niemand bislang in Capri gesehen hatte. Sie promenierten bei "Morgano" vorbei, wo Grete viele neugierige Grüsse von Freunden und Bekannten erwidern musste. Plötzlich sprach Signora Favio , die Frau des Bildhauers die beiden Damen an, erkundigte sich nach mir, hoffentlich sei ich nicht krank, da man mich heute nicht zu Augen bekommen habe ... Ob Grete und ich nicht zu einem Abendfest in ihrer Villa in der Nähe des Monte Tiberio kommen wollten ...

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Grete bedauerte ... "Andreas musste wegen einiger wichtiger Besorgungen nach Neapel. Er kann erst morgen früh zurück sein."

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Dann stellte sie ihre Begleiterin vor. "Mlle Lili Courtot ... Signora Favio ..."

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Die Signora hatte erreicht, was sie wollte, und sie beeilte sich, Mlle Lili mit Frau Grete zum Abendfest einzuladen, was mit Freuden angenommen wurde.

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Die Mystifikation gelang über alle Erwartung gut. Gretes französische Freundin wurde von der ganzen Festgesellschaft überaus liebenswürdig aufgenommen. Eine bekannte norwegische Schrifstellerin
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feierte sie in einem schwungvollen Toast Mlle Lili als "die vollendetste Verkörperung französischen Charmes und Pariser elegance." Sie wich nicht von Lilis Seite. Sie lud Lili zu sich nach Norwegen ein. Sie trank mit ihr "Brüderschaft".

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Und Lili strahlte ... Und nicht weniger Grete. Denn das Entzückenste oder vielleicht richtiger ausgedrüokt, das Pikante dieser neuen Freundschaft war, dass diese stürmische Norwegerin bislang mich angehimmelt hatte ...

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Gretes französische Freundin gab in den folgenden Tagen noch ein paar Gastspiele. Um mein Fernbleiben dann begreiflich zu machen, erzählte Grete allen, die es wissen wollten, dass zwischen mir und ihrer Freundin Lili eine unüberbrückbare Abneigung bestünde ... Aber Capri ist klein. Lili musste bald wieder "abreisen" und mir das Feld räumen. Favio wie alle anderen blieben völlig arglos ...

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Als wir dann von Italien wieder nach Paris kamen, geschah sehr bald eine Veränderung in Lilis Existenz. Nun geschah es häufig, dass sie, nachdem Grete sie während der hellen Tagesstunden als Modell benutzt hatte, während des ganzen Abends blieb. Und kam einer oder eine von unseren Intimsten zu Besuch, so flüchtete sie nicht wie früher wie gehetzt in ein Nebenzimmer, sondern sie blieb, wo sie war und auch die anderen waren und war froh und guter Dinge.

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Nach und nach hatten alle sie gern. Sie war, wie Grete immer wieder feststellen musste, der gute Geist und die gute Laune aller unserer kleinen Feste im Atelier ...

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Aber alle legten machten einen grossen Unterschied zwischen Lili und mir. Gretes Freundinnen, die mir gegenüber fast zeremoniell sich benahmen, umarmten Lili und sagten Du zu ihr. Ebenso Gretes und meine Freunde.

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Sonderbar war auch, dass Lili, befand sie sich unter Gretes Freundinnen, - die fast ausnahmslos Künstlerinnen wie sie waren, - sie sich als die weiblichste von allen fühlte. Und die Freundinnen lachten anfangs etwas ausgelassen über diese Tatsache, fühlten allmählich aber, dass Lilis Gefühl echt war.

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Und so kam es, dass Lili von Monat zu Monat immer hartnäckiger auf ihren Platz bestand und immer widerwilliger vor mir zurücktrat. Grete und ich hatten auf dem "Salon d'Automme", wo wir beide ausstellten, einen französischen Bildhauer getroffen. Jehan Tempéte -@Editor: #PLC. Diese Bekanntschaft sollte die Einleitung zu neuen Erlebnissen für Lili werden.

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Er besass ein kleines Sommerhaus in einer kleinen Stadt an der Loire . Mit einigen Freunden sollte er einen Theateraufführung zu wohltätigen Zwecken auf der winzigen Bühne dieses Städtchens damals veranstalten. Balgencie heisst der Ort.

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Er lud Grete und mich ein, mitzumachen.

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Es war eine lustige Bahnfahrt. Das Städtchen war wie aus der Spielzeugschachtel genommen, ein kleines Rothenburg ...

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Das "Theater", das noch am selben Abend von uns in Besitz genommen wurde, sah von aussen aus wie ein Tabaksladen mit anschliessendem Café. Innen war es für gewöhnlich Kino nebst Tanzboden. Da es nur eine einzige Theaterdekoration gab, die ausserdem unbrauchbar war, wurde Grete sofort zum Hauptkulissenmalermeister ernannt. Sie entwarf im Fluge die "kongeniale Bühnenausstattung" zu der Revue, deren Verfasser Jehan Tempéte selber war, der wie auch der "Komponist", ein bekannter junger Lyriker, und der Autor der Gesangtexte, ein hoffnungsvoller "aufgehender Tenorstern" mit uns anderen, Malern, Zeichnern, Bildhauern und dergleichen sofort von der energischen Grete "eingespannt" wurden, damit die Revueausstattung sich "sehen lassen konnte".

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Um sechs Uhr abends "stand alles". Um neun Uhr sollte die Vorstellung beginnen.

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Um sieben Uhr abends begab sich Tempéte zusammen mit mir an die Bahn, um das einzige Mitglied, das in unserem "Ensemble" ni noch fehlte, abzuholen, eine junge Malerin, die aus irgend einem Grunde nicht gleichzeitig mit uns anderen hatten fahren können. Sie hatte eine kleinere Rolle zu spielen, eine "waschechte Pariserin".

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Der Zug lief ein, aber unsere "Pariserin" war nicht mitgekommen. Es war der letzte Zug vor der Vorstellung ...

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Tempéte raste. So klein die Rolle auch war, ohne sie würde das Stück "auseinanderfallen", erklärte rasend der Autor. -

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"Dann müssen wir Grete bitten, einzuspringen," erklärte ich.

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Grete und ich, die erst "in elfter Stunde" zur Teilnahme an der Künstlerfahrt eingeladen waren, gehörten nicht mit zum eigentlichen "Ensemble".

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"Ausgezeichnete Idee," jubelte Tempéte und überfiel sofort beim Betreten des sogenannten Hotels, in dem wir Unterkunft gefunden hatten, Grete. Sie lag, von der Theatersaalerei recht erschöpft, sehr ruhebedürftig auf irgend einem wackeligen Divan.

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"Ausgeschlossen," erklärte Grete, "ich kann beim besten Willen nicht ...." Dann wirft sie mir einen heimlichen Blick zu. "Aber ... vielleicht kann ... Lili."

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"Wer ist Lili?" fragt der jetzt übernervöse Tempète. Alle stellen die gleiche Frage.

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"Kümmert euch nicht drum, wer Lili ist. Die Hauptsache ist, dass sie kommt. Die Rolle wird sie mühelos spielen können," erklärte Grete der neugierigen Corona, hakte Tempète ein, zog ihn abseits und gab ihm die nötigen Aufklärungen in bezug auf Lilis Person. Er schüttelte sich vor Lachen, versprach Stillschweigen, und dann wurde verabredet, dass er, während Lili ausstaffiert wurde, ihr in der Verborgenheit eines Hotelzimmerchens die Rolle der "Waschechten" beibringen sollte .... Und als abends bei vollgepacktem Theatersaal die Revue vom Stapel lief, ahnte nicht ein einziger Mensch in ganzen Saal, dass die Lili nicht eine wirklich waschechte Pariserin war ... Obendrein begeisterte sich ein der besonders poetisch veranlagte Apotheker von Balgencie , der mit zu dem "Wohlätigkeitsausschuss" gehörte, so sehr für Lili, dass er der unbekannten Schönen eine Schachtel "Veilchenseife" ins Hotel sandte.

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An diesem Abend lernte Lili ihren treuesten Freund kennen. Claude Lejeune. Der Tenor der Revue. Er war der Komiker des Abends. Sein blosses Erscheinen auf der Bühne löste wahre Heiterkeitsorkane unter den Zuschauern aus. Er war der einzige wirkliche Könner unseres Dilettantenensemables, das heisst, er war der einzige, der kein Dilettant war.

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Mir war dieser junge echte pariser Künstler, der mit seinem Page 68 -@Editor: XEH trock-nen, schlagfertigen Witz in jeder Montmartre-Kneipe hatte auftreten können, schon vormittags aufgefallen. Ein völlig unregelmässiges Gesicht, recht farblos, etwas schief geratene Augen und dazu eine putzige, spitze Nase. Auf dem ersten Blick mochte er wohl hässlich wirken. Betrachtete man aber nur einen Augenblick diesen Menschen, so erkannte man seine Intelligenz und eine merkwürdige Warme und Güte, die sein ganzes Wesen ausstrahlte.

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Mich, Andreas, hatte er ziemlich links liegen lassen.

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Ganz anders wurde sein Betragen gegenüber Lili.

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Selbstverständlich war er wie auch die übrigen Kollegen und Kolleginnen aus Paris längst "im Bilde". Jeder hatte Lili längst akzeptiert. Denn sie sah gut aus. Und das war für sie als Künstler die Hauptsache. Im übrigen war man diskret.

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Und die Bürgerschaft, die nach der gelungenen Vorstellung einen "Wohltätigkeits-Ball" veranstaltete, dessen Mittelpunkt wir "Pariser" zu sein hatten, sah in Lili, die auf Wunsch aller Kumpane in ihrem Bühnenkostüm geblieben war, die "waschechte Pariserin" ...

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Man behandelte sie, wo sie sich nur erblicken liess, mit ausgesuchter Courtoisie. Sie amüsierte sich himmlisch. Sie gehörte zu den begehrtesten Tänzerinnen des Balles. Sie ging von Arm zu Arm.

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Als sie endlich einmal einen Tanz überschlagen konnte, stand Claude Lejenne -@Editor: #PLC vor ihr, machte seine lustigste Verbeugung, um dann das ernsteste Gesicht der Welt zu zeigen, zwängte das Monokel härter vors Auge, errötete sogar ein wenig und sagte fast feierlich: "Mademoiselle, darf ich, sobald Sie sich etwas erholt haben, um die Ehre bitten, einige Male hinter einander Jhr Tanzpartner zu sein?"

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Lili sah ihn etwas erstaunt an, nickte dann. Und sie tanzten viele Male während dieser Nacht. Sie waren beide von gleicher Grösse. Sie waren ein ryt rhytmisch vollendet für einander abgestinmtes Tanzpaar. Sie sprachen während des Tanzens kein Wort mit einander. Sie tanzten ganz dem Rhytmus des Tanzes hingegeben.

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Als der letzte Tanz zu Ende war, verbeugte Claude Lejenne sich sehr tief vor Lili, errötete wieder ein wenig und sagte: "Mademoiselle, darf ich hoffen, dass Sie unseren gemeinsamen Ausflug morgen mit Ihrer Gegenwart auszeichnen werden?"

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Auch die anderen Kameraden baten Lili ... und sie sagte lachend ja zu. An diesem Ausflug nahmen nur die "Pariser" teil. Sonst hätte Lili sich wohl kaum eingefunden. Der Tag verlief in schönster Harmonie und man verabredete, am ersten August sich vollzählig wieder in Balgencie ein Stelldichein zu geben, um gemeinsam die Ferien an den Ufern der lichtblauen Loire zu verleben. Lili wurde ganz besonders eingeladen. Und sie sagte zu, auch namens ihres "Bruders Andreas". So nannte Lili fortab - mich, ihren Bruder. Und ich hatte mich darein zu finden.

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Abends fuhren wir zurück nach Paris.

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Im August eroberte die "Pariser Bande", wie man uns fortab von dann an halb aus Bewunderung, halb aus Entsetzen nannte, das Städtchen mitsamt dem köstlichen Badestrand. 35 Grad zeigte das ThermoterThermometer im Schatten. Oft mussten wir daher unsern Tag in die Nacht verlegen, was um so lustiger war. Denn von zehn Uhr abends an lag das Städtchen im Dunkeln, ob Mondschein Vollmond war oder Neumond. Die sogenannte gute Gesellschaft von Balgencie hielt sich von uns auf Abstand, mit Ausnahme von Monsieur René, dem stellvertretenden Bürgermeister. Der "richtige" Stadtchef hatte die Amtsgeschäfte wegen eines chronischen Magenleidens schon seit langem auf Monsieur Renés breite Schultern legen müssen. Monsieur René, so nannte ihn das ganze Städtchen, war Junggeselle. Er nahm an allen unseren nächtlichen Streifzügen durch die nähere und weitere Umgebung "seiner" Stadt teil, und er war es, der den Stadtverordneten in feierlicher Rathaussitzung während dieser Augusttage den Vorschlag unterbreitete, am Ende des Monats mit Hilfe der "Pariser Bande" ein neues "Stadtfest" zu wohltätigen Zwecken zu veranstalten. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Und tagsdarauf ergingen feierliche Einladungen an Jehan Tempète, Grete und mich sowie an ein paar andere "Prominente" unserer Bande, das Festprogramm auszuarbeiten. Und wir beschlossen, einen Wasser-Korso zu veranstalten, mit blumengeschmückten Booten auf der Loire. Und Amors Boot sollte an der Spitze des Gondelkorsos segeln.

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Mit Begeisterung wurde unser Vorschlag von den Stadtvätern im "Hotel de Ville" angenommen.

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Grete erhielt den Auftrag, Amors Boot herzurichten.

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Monsieur René stellte einen alten, breiten Kahn sowie einen Lagerschuppen am Fluss mitsamt seinem Weinkeller zur Verfügung. Als sich endlich das ziemlich schäbige Boot in Amors Festgondel verwandelt hatte, - ein riesiges rotes Herz war das Segel, - und der Stapellauf stattgefunden, stellte sich heraus, dass das Fahrzeug durch die prachtvolle wie auch sehr gewichtige Ausstaffierung recht schwierig zu steuern war. Die Loire ist bei Balgencie sehr reissend, tückische Winde machen ein Segeln ziemlich gefahrvoll. Amors Boot musste also mit einem sehr schwimmtüchtigen Amor und einem dito Knappen bemannt werden ... Da man unter den jungen Damen des Städtchens keine geübte, kuragierte Schwimmerin auftreiben konnte, -Monsieur René hatte sich fast seine Hacken abgelaufen, - fragte Jehan Tempète sehr diskret mich, ob Lili nicht Amors Rolle übernehmen könnte, wenn man ihr Claude Lejenne als "Köcherknappen" zuteilte. man wusste, dass ich ein ausgezeichneter Schwimmer bin. Jch sagte namens Lili zu. Auch Claude, der inzwischen ein guter Freund von uns geworden war, fand sich zu der Knappen-Rolle bereit.

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Und so wurde Lili an den Ufern dieses uralten Städtchens, in dem vor Jahrhunderten Jeha Jennan Jeanne D’Arc als Krieger in Stahl und Eisen ihren Einzug gehalten hatte, als Knabe Amor ausgekleidet .. Das Fest fand bei herrlichstem Hochsommerwetter statt. Die ganze Bevölkerung des Städtchens stand am Ufer des Stromes und bereitete Amor, der im Triumpf, begleitet von den anderen, ebenfalls malerisch geschmückton Booten, auf den spiegelblanken Fluten der Loire dahinzog, phrenetische Ovationen. Mit seinem goldenen Bogen schoss er einen Regen von Pfeilen auf das tausendköpfige Spalier am Ufer ab. Und alle glaubten, dass sich hinter Amors Maskierung die "waschechte Parisierin" aus der Revue des letzten Wohltätigkeitsfestes verbarg ...

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Als Claude, dem als Boots-und Köcherknappe Amors die Aufgabe zugefallen war, nach Festesende die verkleidete Lili durch die vor En- tBegeisterung schier tobende Menge ins Hotel zu begleiten, sie endlich unversehrt in ihr Zimmer gebracht hatte, sah er sie lange wie in sich selber versunken an und sagte dann sehr still: "Amor, due du göttlicher Schelm, wie du dich auch verkleiden magst und was du mir auch weismachen willst, du bist und bleibst dennoch
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ein richtiges Mädchen ..."

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Erschreckt schwieg er. Lili sah ihn gross an.

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"Was ist dir, Claude," fragte sie.

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Er hatte sich abgewandt. "Nichts," sagte er still, "gar nichts. Oder doch etwas ... Aber würde ich das, was ich eben und den ganzen Tag gedacht habe, der Lili sagen, so würde ihr Bruder Andreas mir gewiss sehr gram sein ..."

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Und dann ging er, und als wir am nächsten Morgen einander sahen, da blickte er mich scheu an und ging mir aus dem Wege. Lili war wieder verschwunden.

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Ein Jahr nach dem andern fanden wir alle uns im August in Balgencie wieder ein. Feste und Ausflüge folgten einander. Und hier in Balgencie gewöhnte ich mich allmählich an Lill Lilis und mein Doppeldasein. Lili nahm an den Festen und Ausflügen teil. Jch dagegen malte sehr fleissig, schwamm und trank mit den Honoratioren des Städtchens manche Flasche Wein. Jch hatte hier viele, viele Freunde. Alle Einwohner des Städtchens kannten mich und freuten sich, ihre Häuschen und Gärten und sich selber auf meinen Bildern, die hinterdrein in den Herbstausstellungen von Paris zu finden waren hängen durften , wiederzufinden. Alle kannten mich. Und ich kannte alle. Wir waren Freunde. Niemand aber in dem Städtchen ahnte, wer die schlanke Pariserin war die ab und zu mit Grete und Claude durch die Gassen des Städtchens und hinaus aufs Land radelte. Diese Fahrten gehören zu den frohesten Erinnerungen Lilis. In aller Herrgottsfrühe, wo noch kein Schlafkammerfenster sich richtig geöffnet hatte, zogen die Drei hinaus in die strahlende Sommermorgenwelt. Und erst spät abends, wenn das Städtchen längst schlafen gegangen war, kehrten sie müde und froh wieder zurück ... Claude war dann der entzückenste Ritter von Grete und Lili, er war ihr Bruder und Beschützer, und die Freundschaft zwischen ihnen wurde immer inniger und dauerhafter, eine Freundschaft, die jede Prüfung bestand.

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Selbstverständlich wurde dieser "Dreibund" auch in Paris fortgesetzt. Jeden Sonntag fand Claude sich ein. Dann war er den ganzen Tag über "Gast des Ateliers". Und einem ungeschriebenen Gesetz zufolge empfing Lili ihn stets an der Korridortür. War sie aber ein seltenes Mal ferngeblieben, und hatte ich die Tür ihm zu öffnen, so begrüssten
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wir uns sehr kameradschaftlich, er gab mir die Hand, fragte auch nach diesem und jenem, aber ich konnte ihm doch seine Enttäuschung anmerken. Im Atelier betrachtete er dann, wenn auch recht flüchtig, neue Bilder von mir, Politik und dergleichen wurde gesprächsweise berührt, auch die neuesten Pariser Sak Skandale. Aber es dauerte nicht lange, höchstens eine Viertelstunde, und mein lieber Claude blickte mich etwas unsicher an. "Du entschuldigst mich wohl, ich habe Grete noch gar nicht guten Tag gesagt." Und schon war er in der kleinen Küche bei Grete.

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War Lili aber seine sonntägliche Korridortüröffnerinn, so ging er sogleich mit ihr in die Küche. "Du verstehst, wir wollen Grete nicht allein beim Essen lassen," erklärte er dann witzig.

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Dabei fällt mir ein kleines Geschehis Geschehnis ein, das sich gerade zu jener Zeit zutrug.

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Claude war an einem Wochentagsabend zu uns gekommen. Grete war nicht daheim. Da machte ich ihm den Vorschlag, irgend eine lustige Tanzbar im Quartier Latin zusammen aufzusuchen. Claude kannte alle bars, war überall Stammgast. Wir landeten in der "Gipsy-Bar", wo Claude die "Spezialität des Hauses", nämlich einen "Clou de Cerceuil," -@Editor: #PLC, auf gut Deutsch "Sargnagel", bestellte. Dieser Cocktail trug nicht zu unrecht seinen vielversprechenden Namen. Eine häufige Wiederholung des Genusses von diesem "Drink" an einem Tage oder in einer Nacht würde den Aufenthalt hienieden sicherlich beträchtlich verkürzen. Vielleicht veranlasste dieser "Drink" uns, einen neuen Tanz, den Claude irgendwo hierherum vor kurzem gesehen hatte, zusammen auszuprobieren. Wir tanzten aber also zusammen. Es war übrigens das erste Mal, dass er mit mir tanzte. Kaum hatten wir die ersten Pas hinter uns, als der "Gerant", der "Herr Ober", auf uns losgestürzt kommt und uns bittet, sofort den Tanz abzubrechen. "Ces Messieurs müssten entschuldigen, er kennte uns beide ja sehr gut, aber sein in seinem Etablissement sei es nun leider einmal unstatthaft, dass zwei Herren mit einander tanzten ... "

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Wir erklärten dem gestrengen Herrn umständlich, dass es sich für uns nur darum handelte, einen neuen Tanz flink einmal durchzuproben Er antwortete: "Messieurs, ich bin verzweifelt, aber ich muss mein Veto einlegen. Hier dürfen Herren nicht zusammen tanzen. Erlaube ich
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es auch nur ein einziges Mal, und ich weiss, dass es sich bei Ihnen um einwandsfreie Gentlemens Gentlemen handelt, so wird mein Etablissement von gewissen Herrschaften überlaufen werden, wodurch der gute Ruf meines Etablissements in Gefahr kommen würde ..."

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Wir setzten uns lachend wieder hin, bestellten uns noch irgend einen unschädlichen Aperitif und zogen heimwärts.

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Am nächsten Abend zogen Grete, Lili und Claude ieder dort hin. Claude hatte inzwischen den beiden Damen den neuen Tanz beigebracht und kurz nach Betreten der Bar führten Claude und Lili unter dem lebhafteisten Applaus des "Gèrant" den recht verzwickten Tanz fehlerlos aus.

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Dann trat er an den Tisch von Claude, machte eine galante Verbeugung vor Grete und besonders vor Lili und sagte dann: "Ich hoffe doch nicht, dass Ihr Herr Freund, den ich leider heute vermisse, wegen des kleinen Zwischenfalls von gestern abend verärgert mein Etablissement meidet. Monsieur werden doch verstehen ..."

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"Oh, wir verstehen völlig," antwortete Claude, "und ich versichere Sie, dass mein Freund nicht im geringsten verstimmt ist."

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Und der Gérante wandte sich an Lili: "Darf ich Mademoiselle mein tiefstes Kompliment machen. Mademoiselle tanzten charmant, charmant." Und dann zu Claude gewandt: "Monsieur werden zugeben, dass sich Monsieurs gestriger Partner auch nicht im entferntesten mit Mademoiselle messen können ..."

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Jch muss in Verbindung mit diesem lustigen "Zusammentreffen" ein anderes Erlebnis, das ebenfalls um diese Zeit sich ereignete, kurz erzählen.

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Lili war manchmal zusammen mit Claude und Grete Gast eines recht mondänen Künstlerklubs gewesen. Diese Klubabende bestehen für gewöhnlich aus einem Essen mit anschliessendem Ball. Eines Abends, Grete war müde, ging Lili auf eindringliches Bitten von Claude allein mit ihm dorthin. Eine Dame, die zu unserem intimen Kreise gehörte und sowohl mich wie Lili kannte, - im übrigen ahnte niemand im Klub etwas von unserem Doppeldasein ..., machte sich an diesem Abend ein Plaisir daraus, Lili mit einigen Herren, darunter Ihren Vetter, einem nich nicht mehr ganz jungen Grafen und Husarenoffizier bekannt zu mache machen. Bislang hatte Lili sich gesträubt, an diesen für sie seltenen
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Klubabenden neue Bekannstchaften zu machen. Sie war glücklich, mit Claude tanzen zu dürfen. Mehr bedurfte sie zu ihrem Glück nicht.

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Doch ehe sie sich wehren konnte, hatte die Freundin ihren Vetter herangeholt: "Mein Vetter le Comte de Trempe .... la Baronne Lili de Courtaud!" Der sehr galante Graf forderte Lili sofort zu einem Foxtrot auf. Dem einen Tanz folgten mehrere. Lili konnte sich nicht wehren. Claude nickte ihr belustigt zu. Und so kam es, dass Lili mit ihrem neuen Kavalier bis in die Nacht hinein tanzte. Als sie endlich völlig erschöpft sich von ihm "für diesmal" verabschiedete, bat er mit dem feierlichsten Gesicht der Welt um die Auszeichnung, "Madame la Baronne", die, wie ihm seine Kusine zugeflustert hatte, ein paar Tage bei Grete zu Besuch sei, in den nächsten Tagen seine Aufwartung zu machen. Was sollte konnte Lili dazu sagen anders machen als gute Miene zum bösen Spiel? ...

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Als Lili heimkam, schlief Grete längst.

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Am nächsten Morgen, kaum nachdem ihr Lili von ihrer "Eroberung im Klub" berichtet hat, klingelt es im Korridor. Der Graf ist erschienen, bittet tausendmal um Entschuldigung, - Grete hatte geöffnet, - ob er vielleicht störe ... ober er wolle nur Gelegenheit nehmen, sich nach dem Wohlbefinden ihres Gastes, der "Frau Baronin Lili de Courtaud" zu erkundigen.

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Grete bedauerte aufrichtig, dass ihr Besuch bereits ausgegangen sei, und sie führte den Gf Grafen ins Atelier ... Dort entdeckte er dann auf verschiedenen Gemälden Lili, wie sie leibt und lebt ... Er war ausser sich vor Begeisterung. Ob er vielleicht auf die Rückkehr der Frau Baronin warten könne. Grete beteuerte, dass dies ein zweckloses Unterfangen sein würde, da ihr Besuch, der übrigens ihre Schwägerin sei, bei Freunden zu einem Diner eingeladen wäre ...

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"Oh," erklärte nunmehr der Herr Graf, "also ist Ihr Gemahl, Monsieur Sparre der Bruder der Frau Baronin ..."

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Grete musste in ihrer Hilflosigkeit diese "Tatsache" zugeben.

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"Wann darf ich dann vielleicht das Vergnügen haben, Monsieur Sparre einen Besuch zu machen," fragte fast aufgeregt der Graf.

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Grete versprach, ihm bald durch seine Kusine Bescheid zugehen zu lassen ...

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Am folgenden Tag, - wir sassen mit ein paar Freunden beim Tee in unserm
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Atelier, - wir hatten gerade Lilis unfreiwilliges Erlebnis zum besten gegeben, - klingelt wieder die Korridorglocke. - Der Graf!

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"Jch freue mich aufrichtig," beginnt er sofort zeremoniell, "Jhnen meine Visite abzulegen, "Kaum finde ich Zeit, ihn hereinzunötigen, "ich hatte, wie ich bereits gestern Madame Sparre erzählt habe, vorgestern ihre Schwester, die charmante Baronesse, kennen gelernt, und es liegt mir ausserordentlich viel daran, sie wiederzusehen ..."

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Natürlich war ich hielt es jetzt etwas schwer, die Haltung zu wahren.

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Aber es gelang und ich antwortete: "Meine Schwester wird sicherlich unglücklich sein, abermals um das Vergnügen zu kommen, Ihnen die Hand drücken zu können, Monsieur ... "

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Grete und unser Teebesuch hatten Mühe, einen homerischen Heiterkeitsausbruch zu ersticken. Jch musste ihnen einen mahnenden Blick zuwerfen. - Und dann fuhr ich fort: "Leider sehen wir meine Schwester in diesen Tagen sehr wenig ... sie ist überall eingeladen ... sehr umschwärmt ... kaum vor Mitternacht heim ..."

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"Ja, das begreife ich sehr wohl," sagte der Graf, sah mich dann etwas forschend an, ich fühlte mein Herz wie einen Amboss, der unter Hämmerschlägen zitterte, und dann sprach dann er sehr langsam, jedes Wort mit einem Zwickern durchs Monokel begleitend, und mich sehr offen fixierend: "Übrigens merkwürdig, dass Sie Geschwister sind. Madame de Courtaud hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit Ihnen, mein Herr."

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Jch pflichtete mit Nachdruck bei, sandte Grete einen flehentlichen Blick zu, die Fassung zu behalten ... Denn kaum hatte ich meine Fest- Verr Versicherung, dass meine Schwester und ich einander überhaupt nicht im geringsten glichen, durch einen wahren Wortschwall detailli "detailliert", als der Graf an mich ganz offen die Frage richtet, ob meine Schwester, die, wie seine Kusine ihm verraten habe, nicht verlobt sei, wirklich noch frei wäre ...

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Was ich törichterweise nicht in Abrede stellte.

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Worauf er eine mustergültige Verbeugung machte und ohne Umschweif erklärte: "Monsieur, dann habe ich hiermit die Ehre, um die Hand der Frau Baronin anzuhalten."

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Jch hatte Mühe, mich am Stuhl aufrecht zu halten, dankte im Namen meiner Schwester und versprach, ihr seinen ehrenvollen Antrag zu überbringen. - Darauf zog er sich unter Austausch zahlloser Komplimente
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verabschiedete ...

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Einen Augenblick später zitterte unser Atelier unter dam dröhnenden Gelächter Gretes und unseres Teebesuchs ...

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Jch lachte nicht mit. Dies Ballerlebnis Lillis Lilis ging mir nun doch zu weit. Jch sann auf einen Ausweg ...

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"Ganz einfach," rief Grete, der vor lachen die Tränen aus den Augen perlten, "ich werde durch die Kusine dem Herrn Grafen zuflüstern lassen, dass seine Angebetete plötzlich Hals über Kopf aus sehr dringenden familiären Gründen nach Kopenhagen habe reisen müssen. Ein Aufschub ihrer Abreise sei unmöglich gewesen. Vorläufig sei an eine Rückkehr nach Paris nicht zu denken.

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Und so geschah es dann auch. Einige Postkarton, die wir durch einen Freund in Kopenhagen, der Lilis "Handschrift" zu fälschen hatte, an den Herrn Grafen befördern liessen, überzeugte ihn allmählich von der "Aussichtslosigkeit" seiner Werbung ...

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Er hat nie erfahren, welches Mysterium sich mit Madame la Baronne de Courtaut verband.

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Noch seltsamer dürfte sich eine Szene ausnehmen, die sich bei meiner Schwester und meinem Schwager in Kopenhagen, wo wir wenige Monate später zu Besuch weilten, zugetragen hat.

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Meine kleine Nichte hatte mehrere Bilder von Lili gesehen und wollte diese merkwürdige Person einmal "in Wirklichkeit" sehen. Endlich wurde beschlossen, dass sie an einen Sonntag Nachmittag, wo meine Eltern bei meinen Verwandten zum Tee sich einfinden woll– ten, kommen wollten, sich einfinden würde. Meine Eltern hatten seit ein paar Jahren Grete und mich nicht gesehen. Vater und Mutter waren daher etwas enttäuscht, als sie bei ihrer Ankunft hörten, dass ich erst später kommen würde, da ich vorher einen sehr wichtigen Besuch zu machen hätte. Zum Mi Plötzlich klingelt es im Entrè. Das Mädchen meldet, dass eine französische Dame im Korridor stehe und Madame Grete Sparre zu sprechen wünsche ... Die Dame wird hereingeführt, - sie war sehr modisch angezogen, Grete begrüsste sie auf das Herzlichste ... es sei eine Freundin aus Paris ... leider spräche sie nur französisch ... Vater begann sofort eine Konversation auf französisch, worüber Mutter, die sich alles von ihn übersetzen liess, sehr
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stolz war.

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Im Laufe des Gesprächs machte Mutter plötzlich Vater darauf auf- merksam, dass er mit der Dame aus Paris nicht so dicht an Fenster stehen dürfe. - Es war mitten im Winter. - "Vergiss nicht," sagte sie, fürsorglich die Pariser Dame betrachtend, zu Vater, "die Dame kommt aus einem viel milderen Klima und ist so dünn gekleidet. Bitte sie, in der Nahe des Kamins Platz zu nehmen."

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Dann wurde der Tee serviert. Und Vater und Mutter liessen sich von dem fremden Besuch das Allerneueste aus Paris erzählen ... Bis der Besuch sich endlich zu erkennen gab...

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Eine ganze Stunde hatte "die Pariserin" Mutter und Vater förmlich in Atem gehalten. Und als ich mich dann endlich zu erkennen gab, da schlugen Mutter und Vater entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und wollten kaum ihren eignen Augen trauen.

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"Nein, nein," wiederholte Mutter noch lange hinterher, "dass der Andreas und das Fräulein Lili aus Paris ein und dasselbe Wesen sind ... Jch kanns kaum glauben ..."

VIII

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Und so lebten wir beide, Lili und ich, unser Doppeldasein weiter, lebten fröhlich und guter Dinge in den Tag hinein, - und niemand von uns allen, weder die "Eingeweihten" noch ich selber erblickten darin etwas anderes als eine angenehme Art von Zerstreuung und Unterhaltung, eine Art Künstlerlaune, nicht mehr, nicht weniger ... Ebenso wenig beunruhigten wir uns über den augenscheinlich zunehmenden Unterschied in seelischer Hinsicht, der zwischen dem mystischen Mädchen und mir sich mehr und mehr offenbarte, wie denn auch niemand von uns ernstlich über die leisen Veränderungen nachdachte, die sich ganz allmählich an meinen körperlichen Formen bemerkbar machten.

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Aber in aller Stille hatte sich etwas in mir vorbereitet ...

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Eines Abends sagte ich plötzlich zu Grete:

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"Eigentlich kann ich mir das Dasein gar nicht mehr vorstellen, wenn eines Tages Lili für immer ausbleiben würde, das heisst, wenn sie nicht mehr jung und schön ist. Denn dann hat sie ja keine Lebensberechtigung mehr."

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Grete sah mich zuerst erstaunt an. Dann nickte sie und sagte in ihrer ruhigen, nachdenklichen Art: "seltsam ... da berührst du etwas, woran auch ich in der letzten Zeit häufig habe denken müssen."

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Und dann wurde sie sehr ernst und sprach endlich weiter, fast nach Worten suchend. Sie hätte gerade während der letzten Monate geradezu Gewissensbisse empfunden, und zwar deshalb, weil sie selber gewissermassen mit Ursache gewesen sei, Lili zu er-schaffen, sie in mir, aus mir hervorzulocken und so schuld an einer Disharmonie in mir sei, die sich gerade in den Tagen am deutlichsten zeige, wo Lili nicht erscheine ...

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Jch hörte gespannt auf Gretes Worte. Es war, als zeigte sie mir einen Spiegel ...

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"Es kommt vor," sprach sie leise erregt weiter, "es kommt vor, wenn sie mir Modell steht, dass in mir ein seltsames Gefühl wach wird, dass es noch mehr sie ist, die ich schaffe und forme, - als jenes Mädchen, das ich auf meiner Leinwand darstelle. Mitunter kommt es mir vor, als sei hier etwas, das stärker geworden ist als wir selber, etwas, das uns machtlos macht, uns beiseite schieben will, ja,
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als wollte es sich an uns rächen, dass wir mit ihr unser Spiel getrieben ... die Geister, die wir beschworen hatten, wollen sich nicht mehr bannen lassen ..."

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Grete brach ab, Tränen standen in ihren Augen, sie legte wie mütterlich ihre Arme um mich. "Wir sind auf eine abschüssige Bahn gekommen, und ich weiss nicht mehr, wo wir halten sollen ..." rief sie fast. Jch versuchte sie zu beruhigen. Doch ich vermochte es nicht. Nicht sogleich. aber dann begann ich zu sprechen und sie hörte mich an. "Siehst du," begann ich, "was du sagst, stimmt, stimmt ja so erschrekkend wahrhaftig. Und das gefährlichste von allem ist, dass ich fühle, Lili, gerade Lili ist es, die uns beide zusammenknüpft, dass wir für so alle Jahre zusammengehalten haben ... Jch glaube nicht, dass ich sie überleben könnte."

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Grete unterbrach mich: sie hätte genau dasselbe gedacht ... so oft ... Denn Lili verkörpere unsere gemeinsame Jugend und Freude am Leben. Und dann schluchzte Grete und stammelte: "Mitunter frage ich mich, wie das Leben ohne sie werden würde."

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Wir starrten einander an, tief erschüttert über dies gegenseitige Geständnis, das aus heimlichem Gegrübel vieler, vieler Woche entstanden war.

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"Jedenfalls kann ich nicht erkennen," begann Grete wieder, "wie es ohne Lili werden soll ... mit uns beiden ... Sie darf uns ja nicht plötzlich verloren gehen. Sie plötzlich nicht mehr sehen ..., das wäre ja wie Mord."

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"Ja," antwortete ich, um so mehr, als ich fühle, dass sie drauf und dran ist, lebenskräftiger zu werden als ich."

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Vielleicht hatte eine augenblickliche völlige Mutlosigkeit bei mir dieses Gespräch veranlasst. Meine Gesundheit war sonst während all der Jahre vorzüglich gewesen. Trotzdem ich nie sehr robust ausgesehen habe, und mir andererseits aber jede körperliche Anstrengung zumuten konnte, war ich eigentlich nie krank gewesen. - Nur in der letzten Zeit war mir öfters nicht wohl gewesen, was sich meist in einer völligen Erschlaffung äusserte. Hinzu kam, dass ich die sehr regenkalten Winter, die Paris in den letzten Jahren hintereinander erlebt hatte, nicht gut ertrug. Jch hustete eigentlich vom Spätherbst bis zum Frühjahr ohne Unterlass. Und so war ich wohl auf trübe Gedanken
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gekommen. Man kann nicht ewig jung bleiben, dachte ich. Und ich dachte an Lili. Sie teilte mit mir den Körper. Sie ist ein Weib. Für sie bedeutet jung bleiben mehr als für mich.

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Meine Stimmung wurde allmählich trüber und trüber. Von Natur aus war ich bis dahin immer ein froher Mensch gewesen. Besonders solange ich in Paris lebte. Damit war es jetzt vorbei. Tage, Wochen, Monate kamen, wo ich mich völlig kraftlos fühlte. Mir schwand die Energie zum Arbeiten. Jeder, der mich all die Jahre kannte, wusste, dass ich bis dahin ein Arbeitsmensch gewesen war. – Jch verstand mich selber nicht mehr.

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Zwischendurch kamen wohl auch lichtere Perioden wieder, - jedesmal, wenn ich auf dem Lande, weit von Paris, leben konnte und Motive sammeln. Vor allem in Balgencie. Aber das dauerte nicht lange. Ich wurde immer müder, immer schlaffer. Jch wusste mit mir nichts mehr anzufangen. Es war ein unerträglicher Zustand.

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Grete begann unruhig zu werden. Sie überredete mich, einen Arzt aufzusuchen. Jch tat ihr den Gefallen. Der Arzt fand nichts Besonderes, verordnete einige Stärkemittel für die Nerven. Es half nichts. Ein neuer Arzt wurde befragt. Der gleiche Erfolg. Und so weiter.

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Kam aber Lili, so ging es ihr gut, das Leben war wieder schön. Aller Missmut war verschwunden.

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Drum kam sie jetzt so oft wie möglich. Sie hatte inzwischen ihren eignen Freundes- und Bekanntenkreis bekommen, sie hatte ihre eignen Erinnerungen und Gewohnheiten, die nichts, aber auch gar nicht mit mir zu tun hatten. Oft blieb sie mehrere Tage hinter einander. Und dann sass sie zufrieden mit Grete zusammen, und oft auch für sich allein - - mit Handarbeiten, nähte, stickte und konnte oft lange vor sich hinlächeln. So sehr liebte sie diese frauliche Beschäftigung, dass sie manchmal sich ganz für sich allein in ein Zimmer setzte, um stundenlang ungestört mutterseelenallein und deb dennoch so froh in ihre Handarbeit vertieft zu träumen ... Niemand verstand dieses Mysterium. Nicht Grete, nicht Elena. Alle betrachteten dieses rätselhafte Wesen Lili, das sich eine eigne Welt um sich aufbaute, mit Kopf schütteln und Erstaunen. Aber man liess lili gewähren. Sie war glücklich.

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Ein Geschenis, das sich gerade damals zutrug, sollte schneller, als
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vermutet, die Einleitung der letzten Periode dieses unablässigen und erbarmungslosen inneren Kampfes zwischen Lili und mir werden. Und lange sah es so aus, als ob niemand von uns beiden diesen Kampf überleben sollte.

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Ungefähr vor zwei Jahren gab mein alter Freund Johannes Poulsen -@Translator: SM vom Königlichen Theater in Kopenhagen bei uns in Paris ein mehrtägiges Gastspiel. Da seine Frau, die bekannte Tänzerin Ulla Poulsen -@Translator: SM ihn begleitete, sollte natürlich auch ein Ballettabend veranstaltet werden. Das Ballettkorps war nicht gross. Es fehlte namentlich ein Tänzer. Da fragte Johannes, der wusste, dass ich kein schlechter Tänzer bin, mich, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Jch sagte selbstredend ja.

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Bei den Ballettproben, die sehr lange dauerten, hatte ich mich wohl überanstrengt. Jedenfalls wurde ich damals zum ersten Mal von seltsamen Blutungen heimgesucht. Meist waren es Nasenbluten, aber so ungewöhnlicher Art, dass Grete ängstlich wurde und mich bat, meine Tänzerrolle abzugeben. Dagegen sträubte ich mich aber. Jch wollte auf keinen Fall meinen alten Freund in Verlegenheit bringen. - Jch hielt durch, trotzdem sich diese Blutungen auch nach der Premiere und nach jeder der zahlreichen Wiederholungen einstellten. Und das Unbegreiflichste von allem war, dass ich jedesmal mir völlig fremde nervöse Weinkrämpfe erlitt ... War dann aber der Anfall überstanden, so fühlte ich mich wie befreit ... so, als ob sich etwas in mir aus einer Erstarrung gelöst hätte, als wenn etwas Neues, ja, so war es, etwas Niegefühltes sich regte. Mein ganzes Gemüt schien wie ausgewechselt zu sein. Als sei plötzlich ein Damm gebrochen.

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Nie hatte Musik auf mich einen so aufwühlenden, erschütternden Eindruck gemacht wie an jenen Abenden. Eine schmerzlich süsse und dennoch entspannende Empfindung, die alle meine Sinne einfing, so wirkte Musik auf mich ... zu Tränen rührte sie mich ... und aus den Tränen wurde dann Weinkrampf.

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Und an diesen Abenden begann ein völliger Umschwung meines Wesens. Bislang war ich eher herrisch und "von oben herab" den Menschen gegenüber gewesen. Schon von den ersten Proben an fühlte ich, als würde ich von mir selber im Stich gelassen. Jch war über mich selber völlig
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überrascht. Jch erkannte mich selber nicht wieder. Ein starker Drang, mich zu unterwerfen, zu gehorchen, mich einem anderen Willen zu unter werfen -ordnen , bedingungslos, hatte mich ergriffen. Jch war wie besessen von diesem Drang. - Johannes, mein alter Freund und Zechgenosse, hatte neben Ulla die Hauptrolle des Abends. Noch ein Jahr zuvor waren wire drei in Kopenhagen sehr lustig zusammen gewesen. Nie war mir eingefallen, ihm gegenüber den Unterlegenen zu spielen, ihn als den Führenden anzuerkennen. Ganz und gar nicht.

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Aber jetzt an diesen Abenden, von der ersten Probe an, unterwarf ich mich ihm sklavisch. Nicht ein Wort des Widerspruchs fand er bei mir. Und nicht nur das. - Jch konnte wie ein Knabe erröten, bat er mich, diesen oder jenen Pas anders zu machen, mich bei irgend einer Figur etwas mehr oder weniger zu beugen, und dergleichen.

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Und wenn er mich gar anfasste, war ich dermassen verstört, dass ich nicht wusste, wohin mit meinen Augen. -

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Bei all diesem psychischen Durcheinander, das ich damals empfand, spielte irgend etwas Erotisches auch nicht im allergeringsten mit. Johannes wie ich waren in diesem Punkte kerngesunde Naturen. Was es also war, konnte ich nicht entdecken. Es war einfach so. Und nicht ich war es, der diese Wandlung zur Demut, wie Grete es nannte, zuerst bemerkte, sondern Grete. Sie neckte mich lächelnd damit. Aber hinter ihrem Lächeln verbarg sie ein grenzenloses Erstaunen.

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Jch hatte zur Generalprobe zum erstenmal meine Tanztracht an: ein stramm anliegendes Trikot, einen Bolero, eine kurze Jacke, dazu eine kurzlockige Perücke. Als ich nach Schluss der Generalprobe dann in einem schmutzigen, halbdunklen Gang des Theaters stand, der die nicht vorhandenen Garderoben ersetzen sollte, stand und dabei bin, mich abzuschminken, kommen ein paar Landsknechte, die ebenfalls mit zum Ballett gehören, waffenklirrend hinter mir vorbei. Einer von ihnen kniff mich gab mir einen leisen Schlag .

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"Es kleidet Sie "crébleu" gut eine Hosenrolle zu spielenl, Mademoiselle!" grinste der Kerl.

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Als ich mich mit einem energischen Protest umdrehe, kneifen die Kerle aus, indem sie mir noch zurufen: "Es gibt so viel Bluff in unsern Tagen, ma petite Demoiselle ..."

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Wenige Minuten später muss ich auf die Bühne. Als Johannes mich erblickt, verzieht er sein Gesicht zu einem behaglichen Grinsen und ruft schallend vor Lachen: "Nein, Kinder, das geht nicht. Jetzt sind haben wir zu viele Damen!"

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Jch verstehe im ersten Augenblick nichts, drehe mich ratlos um, aller Augen sehen mich an, grinsen, ich stürze hinaus, mit puterrotem Kopf, laufe einem Costumier in die Arme, halte ihn fest und bitte ihn, mich 'auf Wunsch des Herrn Direktors etwas männlicher auszukostümieren'".

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Er versuchte es mit Hilfe eines Kollegen und zwar unter wieherndem Gelächter der beiden Biedermänner. Und ich nahm mich zusammen und tat so, als ob mich das alles völlig unberührt liess.

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Abends vor der Premiere begegne ich in den Kulissen einen recht muskulös gebauten Schauspieler, der im gleichen Kostüm wie ich im Ballett mitzutanzen Hat. Als er mich sieht, mustert er mich mit seinen Blicken von oben bis unten, um dann erbost loszuplatzen: "Mein Gott, Mann, Sie sehen ja unmöglich aus ..."

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Jch bin sprachlos, möchte am liebsten in die Erde sinken. Wäre mir soetwas früher von einen Mann gesagt worden, hatte ich ihn zu Boden geschlagen. Jetzt aber muss konnte ich nichts anderes tun, als mit leeren Augen hilflos und ratlos mich umblicken ...

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Als ich Grete hinterher alles erzähle, gesteht sie, dass auch ihr eine auf sonderbare Veränderung an den Linien meines Körpers aufgefallen sei. Wie eine verkleidete Frau hätte ich in meinem Tänzer köstü - kostüm ausgesehen...

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In der folgenden Zeit nahm meine Nervosität krankhaften Charakter an. In fast regelmässigen Zwischenräumen stellten sich diese rätselhaften Depressionen mit starken Blutungen fortab ein. Dazu kamen jedesmal heftige Schmerzen. Und dazu dann diese nie gekannten Weinkrämpfe. Zuerst dachte ich, dass ich mir beim Tanzen während der Ballettaufführungen irgend ein inneres Organ verzerrt hätte. Auch Grete glaubte dies. Wir gingen deshalb zu einem uns befreundeten Arzt, der eigentlich Herzspezialist ist und für meinen Fall vermuteten Krankheitsfall an sich nicht kompetent war. Aber er kannte mich seit Jahren. Von Lili wusste er dagegen nichts. Nur unsere "Allerintimsten"
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wussten von Lili ... Zu ihnen zählte der Arzt nicht. Jch erzählte ihm deshalb bei meinem Besuch auch nichts von meinem Doppelleben ..., wenn ich auch selber bereits einen Zusammenhang zwischen diesem und meinem physischen Zustand zu ahnen begann.

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Da er dann nach gründlicher Untersuchung nichts fand, das die merkwürdigen Erscheinungen während derv letzten Zeit erklären konnte suchte er mit mir einen jungen Spezialisten auf, den ich übrigens flüchtig von Versailles her kannte. Dieser Arzt untersuchte nun sehr eingehend mit wachsendem Erstaunen meine Formen und meinte schliesslich, sonderbare Unregelmässigkeiten in meinen Innern feststellen zu können. Im übrigen erklärte er, dass das einzige, was hier zu tun sei, wäre, abzuwarten und guten Mutes zu sein, zumal meine ganze Konstitution sehr gesund und unverbraucht sei; mit solch einem Körper könne man schon etwas zumuten.

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Ohne dass dieser Arzt etwas Bestimmtes oder Direktes gesagt hatte, gab mir dies Gespräch doch Zuversicht und eine fast mystische Hoffnung ...

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Jch war mir jetzt völlig klar darüber, dass in mir etwas ganz Ungewöhnliches vorgehen musste. Dies hatte ich dem Arzt mehr vom Gesicht abgelesen, ohne dass seine Worte mir zu dieser Annahame Grund geben konnten.

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Und jetzt begann ich, - wie es wohl viele Kranke tun, die nicht recht wissen, woran sie kranken, - mir alle möglichen wissenschaftliche Bücher über geschlechtliche Probleme zu verschaffen. in kurzer Zeit hatte ich mir ein Spezialwissen auf diesem Gebiet erworben, und ich wusste jetzt manches, von dem der Laie sich nichts träumen lässt. Aber es wurde mir auch nach und nach klar, dass nichts von alldem, das sich auf normale Männer und Frauen bezieht, sich auf meinen rätselhaften Zustand beziehen konnte.

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Und so kam es, dass ich mir selber eine Meinung bildete, nämlich, dass ich in einem Körper sowohl Mann wie Weib war, und dass das Weib in diesen Körper dabei war, die Überhand zu gewinnen. Aus dieser Vermutung leitete ich die Tatsache der zunehmenden Störungen sowohl physischer wie psychischer Art ab, an denen ich in steigenedem Grade litt.

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Jch beichtete alldies Grete. Sie begriff mein Suchen und Suchen nach Klarheit über meinen auch hier mehr und mehr unfassbaren Zustand. Und als ich, von ihr ermutigt, verschiedenen Ärzten in Paris und Versailles endlich meine Theorie vortrug, begegnete ich bei ihnen nicht nur Kopfschüttein, sondern bei einigen sogar Hohn. Die Höflichsten von ihnen behandelten mich nachsichtig wegen aller möglicher Krankheiten, die anderen betrachteten mich als einen Hysteriker oder einfach als einen Verrückten.

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Es war eine furchtbare Zeit. Ein Alpdruck ohne Ende. Mit meiner Gesundheit ging es bergab, Schlaf konnte ich bald überhaupt nicht mehr finden. Grete war die einzige, die felsenfest mit mir an meiner Theorie glaubte. Sie war es, die mir immer wieder z half, den Glauben nicht zu verlieren, dass ich eines Tages dennoch Rettung würde finden können.

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Vor genau einem Jahr im April fuhren wir wieder südwärts, nach Italien. Grete glaubte, dass eine Luftveränderung, gerade im nassen F feuchten Frühjahr von Paris mir gerade um diese Zeit, während der es in Paris meist recht regnerisch war, gut tun würde. Der französische Winter war ungewöhnlich kalt gewesen. Der ganze März war verregnet. Jenseits der Alpen fanden wir di die Welt in Blüten.

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Wir reisten ohne Aufenthalt nach Rom. Dort hatten wir ein Zusammentreffen mit einem italienischen Offizier, den wir vor Jahren in Florenz getroffen hatten, verabredet. Seitdem hatten wir mit einander korrespondiert. Er war gerade aus dem Orient nach längerem Kolonialdienst auf Urlaub heimgekehrt. Er erwartete uns auf dem Bahnhof, brachte uns ins Hotel, wo wir hastig die Kleider wechselten, um dann irgendwo in der Stadt zu dinieren. Jch war grenzenlos erschöpft nach der langen Bahnfahrt, hatte unbeschreibliche Schmersen, - aber ich wollte Grete und unserm Freunde nicht den Tag verderben. Jch ging also mit.

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Wir sassen bei "Facciano". Durch die offene Tür strömte die sanfte Abendkühle herein ... von der schönen Piazza Colonna, wo man die weissen Säule vor der rostroten Facade des Palazzo Chigi schimmern sieht und die Kolonade von "Biffi", wo man die heiseren Schreie der Zeitungsverkäufer sich anhört und dann nicht mehr nötig hat, eine Gazette zu erstehen. Und das Orchester spielt seine Schlager ...

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Ich werde niemals diesen Abend vergessen.

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Grete sass mir gegenüber. Strahlend. Mit einem träumerischen Lächeln dann und wann.

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Es durchzuckte mich ... Sie sah plötzlich aus, als sei sie kaum 25 Jahre. Alle Müdigkeit war aus ihren Zügen wie fortgezaubert. Und neben ihr sass unser Freund Ridolfo Feruzzi und strahlte wie Grete. Als wir ihn vor Jahren kennen gelernt hatten, schien es nur eine flüchtige Bekanntschaft bleiben zu sollen. Damals war er ein frisch gebackener Leutnant gewesen. "Il bello tenente Feruzzi" nannten ihn damals alle ... Damals ... Es war während unserer ersten Italien-Reise. gewesen ... Als wir uns dann trennten, schien es für immer zu sein. Bis dass seine Briefe aus der fernen Kolonie zu uns nach Paris kamen ... Meist an Grete gerichtet.

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Eine tiefe Wehmut beschlich mich. Jch dama musste an damals und an die Jahre, die verstrichen waren, denken. Auch ein wenig an mich . .. Was war aus mir geworden? -

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Ich riss mich zusammen. Der blonde "Orvieto" musste mir helfen. Tausend Fragen wurden gestellt. Ebenso viele beantwortet. "Entsinnen Sie sich noch des Sowiesos ... Wo ist er geblieben ... Und Frau X ... Was ist aus ihr geworden ... Entsinnen Sie sich des Abends bei Lapi ... jenes Nachmittags im "Casine" ... und des Abends darauf im Kino auf der Piazza Vittorio Emmanuele ... Alle die alten Namen, die geliebten bekannten Orte und Stimmungen tauchten wieder empor ... ich sah alles wie heute vor mir ... und hier sass ich mit Grete und Ridolfo Feruzzi und lächelte wie sie ... und mitunter gehörte ihnen beiden ihr Lächeln ganz allein ... Und sie sahen aus wie damals ... vor Jahren, waren jung. Aber ich lächelte mit. Doch es war nur ein krampfhaftes Lächeln. Meine alte Lebensfreude war zerbrochen. Jch hatte mich verändert ... war ein anderer geworden ... ein mutloser Mensch. geworden

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Dort in Rom, jetzt vor einem Jahr, in dieser herrlichsten Stadt der Welt, zwischen den rostroten Mauern und rieselnden Fontänen, damals wurde ich mir entgültig darüber klar, dass ich mich nicht nur verändert hatte, sondern dass ich erledigt, am Ende war. Unwiderruflich am Ende. Diese milde und gleichzeitig auch unbarmherzige römische Frühling wurde eine Art Ouvertüre zu meinem letzten Akt ... Das fühlte ich damals, wusste ich, wie etwas Unabänderliches.

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Grete und ich hatten ein Atelier mit einer weiten Terrasse voll von Blumen in der Nähe der Piazza di Spagna gemietet. Dieses sonnige Zuhause in unmittelbarer Nähe von Roms schönsten Platz gehört zu meinen unvergesslichsten Erinnerungen. Jch war jeden Tag krank. Jeden Tag ... Und dabei blühten alle Rosen und alle die vielen Orangenbäume vor unserm Atelierfenster.

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Ab und zu erschien Lili. Aber auch sie hatte ihr sorgloses Wesen verloren. Sie weinte, sie weinte jedesmal. Sie begriff, wie schön das Leben sein kann. Sie fühlte, dass ich sterben müsste.

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Mitunter weinte auch Grete. Sie war sonst so stark. Auch in Rom. Sie versuchte zu malen. Aber es wollte nichts gelingen. Lag ich nachts wach neben ihr, so hörte merkte ich, wie sie auch sie mit wachen Augen dalag.

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Die Abende verbrachten wir gewöhnlich mit Feruzzi. Allmählich veränderte sich auch sein Wesen. Eine krankhafte Melancholie bedrückte ihn mehr und mehr, wenn er sich auch bemühte, heiter zu scheinen. Einmal konnte er nicht mehr an sich halten. Er sagte, im Grunde hätte er sein Leben verfehlt. Er könnte Menschen verstehen, die, zu dieser Erkenntnis gekommen, ein Kloster als letzte Zuflucht aufsuchten ... Solche Menschen gäb es nun einmal auch im zwanzigsten Jahrhundert ... Jch merkte ihm an, dass seine Worte ernst gemeint waren ...

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Und da musste ich an Grete denken. Hatte sie nicht auch ihr Leben verfehlt? Hatte sie sich nicht aufgeopfert, damit ich nicht allein bleiben sollte, - weil sie fühlte, dass ich ein kranker Mann geworden war, - weil sie wusste, dass sie die einzige war, die mich verstand? Ich kannte ihre Treue und ihre Anhänglichkeit gegen mich. Jch wusste, keine irdische Macht sie bewegen könnte, mich zu verlassen, - heute weniger denn je. - Sie war jetzt noch jung ... Noch hatte sie Zeit, vieles, vieles wieder einzuholen, das sie meinetwegen versäumt hatte.

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Für mich hatte das Leben keinen Reiz mehr. Jch weiss, es ist ein flaches Wort - für die anderen. Aber für mich sagt und umfasst es alles. Weshalb sollte ich mich weiter so dahin schleppen? Kein Arzt begriff, was mir fehlte, niemand konnte mir helfen. Weiter leben, krank und alt vor der Zeit .... entsetzlichster Gedanke für mich. Ganz unpathetisch dachte ich dies alles durch. Auch ohne Mitleid mit mir. Ganz ruhig und vernünftig. Und so kam auch wie eine Selbstverständlichkeit der Gedanke: dann lieber rechtzeitig sterben. Dann wird Grete frei sein.
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Dann kann das Leben noch viele, reiche Jahre ihr bescheren.

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Damals, an jenem Abend in Rom fassteb ich einen Entschluss. Der gilt heute noch. Nur einer kann ihn ändern. -

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Es war damals Mai. Noch ein Jahr Frist gab ich mir. Finde ich nicht im Laufe dieses Jahres einen Arzt, der mir helfen kann, - der versuchen will, Lili zu retten, - sie von mir zu trennen, oh, ich weiss, wie schwer es für andere ist, diese Worte, Lili von mir zu trennen, zu verstehen, - aber wie soll ich dies sonst in Worte kleiden? - ... Ja, finde ich bis zum nächsten Mai nicht diesen Helfer, so werde ich selber in aller Stille Abschied von diesem Dasein nehmen, selbst wenn auch das andere Wesen, das sich mit mir in einem Körper teilen musste, mein Schicksal gleichfalls wird teilen müssen. Jch setzte sogar den Tag fest. Der erste Mai sollte es sein. Dann sollte diese doppelte Hinrichtung stattfinden ... Und es sollte auf eine diskrete Weise vor sich gehen, um Grete zu schonen, soviel wir beide konnten, Lili und ich.

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Grete ... Wie sie schonen ... Das war das Schwerste von allem. Jch wusste nur zu gut, wie Grete einen gewaltsamen Abschluss meines Lebens hinnehmen würde. Aber trotz aller Überlegungen und Bedenken gegenüber der besten, treuesten Freundin meines Lebens sah ich ein, dass es keinen anderen Ausweg für mich gab, - es würde dennoch eine Befreiund für uns beide sein. Und sicherlich die einzig mögliche.

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Als dieser Beschluss gefasst war, fühlte ich eine Art Erleichterung. Nun wusste ich doch wenigstens, dass es einmal ein Ende und zwar in absehbarer Zukunft ein Ende mit dieser Qual werden würde.

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Meine Gesundheit verschlechterte sich von Tag zu Tag. Und der Augenblick kam, wo Grete einsah, dass ich nicht länger in Rom bleiben dürfte, dass eine Rückkehr nach Paris, wo wir einige tüchtige Ärzte kannten, dringend notwendig sei.

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Grenzenlos bedrückt verliessen wir an einem sonnigen Frühlingsmorgen, viel, viel früher als geplant, Rom, - und Ridolfo Feruzzi.

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In Paris, in derv heimischen Umgebung, besserte sich mein Zustand scheinbar. Wieder suchten wir ein paar Spezialisten auf. Doch stets mit negativem Ergebnis. Schliesslich nahm mich ein Radiolog in Behandlung. Sie hätte mich fast das Leben gekostet, - und ich wäre so
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fast der Notwendigkeit enthoben worden, am festgesetzten ersten Mai selber die Exekution vorzunehnen.

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Paris wurde zu warm. Da der Pariser Sommer zu warm wurde, zogen wir wieder nach Versailles, in die Nähe des Parkes . Unser Leben verlief wieder wie gestaltete sich wie früher. Weder Grete noch ich liebten es, viel Wesens von unserm Wohl und Wehe, unsern Freuden und Sorgen zu machen. Arbeit ist der beste Arzt, sagte ich mir. Und ich zog wie in allen Jahren mit meinem Malkasten und meiner Staffelei hinaus in den Park, so oft mein Zustand es zuliess. Und so oft, wie sie wollte, kam Lili und versuchte, Grete und sich selbst zu zerstreuen.

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Der einzige, der meinen Zustand ziemlich klar erkannte, war Claude Lejeune. Er war der einzige, der uns beiden damals ein Tröster. Er fühlte ganz leise, ohne viele Worte zu machen, was sieh hinter der scheinbaren Ruhe, die Grete und Lili - und ich und - Lili bei allen seinen Besuchen ihm zeigten, verbarg. Wenn er am Sonntag kam, herrschte bei uns wieder die alte Fröhlichkeit.

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Hätten wir damals Claude Lejeune nicht gehabt ...

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Er wie Grete hatte längst begriffen, dass das einzige, was in mir noch lebenskräftig war, Lili sei ... Felsenfest glaubten beide daran. - Und deshalb ermunterten beide auch Lili, zu kommen, so oft sie nur wollte. -

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Claude Lejeune machte oft weite Spaziergänge mit ihr durch den Versailler Park ... Zukunftsplände schmiedeten die beiden.

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An einem solchen Abend, die untergehende Sonne hatte alle Fenster des Schlosses und das spiegelblanke Wasser der Bassins in Brand gesteckt, spazierten die beiden Arm in Arm über die Terrasse. Plötzlich hörten sie im Vorbeigehen eine Dame zu ihrem Begleiter sagen: "Sieh mal, szwe zwei glückliche Menschen."

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An diesem Abend konnte auch Claude Lejeune sein frohes Lachen nicht wiederfinden.

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Die meisten von unseren Freunden und Bekannten erfassten meinen Zustand viel klarer als alle Ärzte, die wir bis d bislang befragt hatten. Natürlich musste ihre Anteilnahme sich auf Worte beschränken. Aber gleichwohl gaben mir ihre Worte oft moralischen Halt ... man sah in mir einen beladenen Menschen, dessen Leiden ein wirkliches Martyr
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Martyrium und nicht, wie die französischen Ärzte wieder und immer wieder erklärten, Einbildung, Hysterie seien ...

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Eines Tages traf ich so in Trianon mit einem älteren französischen Maler zusammen. Wir kannten uns seit Jahren, ahh hatten einander aber längere Zeit nicht gesehen. Er erkundigte sich teilnehmend nach meinem Befinden, - ich antwortete ausweichend, ohne ihm auch nur im entferntsten etwas zu verraten.

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Zu meinem Erstaunen antworetete er dann statt meiner. "Jch habe Sie schon lange beobachtet, ohne dass Sie mich bemerkt hatten. Hier im Park, wenn Sie malten. Dabei fiel mir Ihr auf, welch völlige Veränderung Sie mit Ihnen während der letzten Jahre vorgegangen ist. Früher wirkten Sie frisch, straff, wie ein gesunder Mann. - Nichts Jetzt dagegen, - verzeihen Sie mir, wenn ich das sage, - wirken Sie auf mich wie ein verkleidetes Mädchen ... Sie sind krank ... Sie sind sogar sehr krank. In Ihnen geht eine Umwälzung vor. Ein phantastischer Gedanke. Aber auch das Noch nie Dagewesene kann morgen zur Tatsache werden ... Fälle umgekehrter Art kennen wir ja seit langem. Ärzte sind mit ihnen fertig geworden. Weshalb sollten deshalb nicht auch Sie Ihnen geholfen werden können. Hoffentlich finden Sie einen mutigen und phantasievoellen Arzt ... Darauf kommt es natürlich an ... Natürlich ein armer Maler, werden Sie meinen, woher soll er das Riesenhonorar für solche eine Kapazität nehmen ... Hoffen wir, dass sich trotzdem ein Mann findet, der Ihnen aus menschlichen und wissenschaftlichen Gründen beisteht."

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Diese und ähnliche Äusserungen von Verständnis waren in meinem Zug durch die Wüste wie kleine Oasen, und sie gaben mir Mut und Kraft, mein hoffnungsloses Suchen nach einem Retter noch ein wenig fortzusetzen.

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In diesem letzten Sommer in Versailles begann ich zu bemerken, dass man mir oft auf der Strasse, im Park, wo ich stand und ging, verwundert nachblickte, - sogar in Geschäften, wo ich seit Jahren zu kommen pflegte. Auch in Paris war mir dies in den letzten Jahren ab und zu aufgefallen ... aber doch nicht derart wie jetzt in Versailles. Im übrigen sind die Pariser ja die wohlerzogensten, gleichgültigsten und blasiertesten Menschen der Welt, während die Versailler halt ler halt Als ich Kleinstädter sind.

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Eines Morgens, ich will, um schneller in den Park zu kommen, um zu malen, einen Durchgang vom Hotel des Reservoirs benutzen, stehen da ein paar junge Kellner.

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Jch beachte sie kaum, bin schon vorüber. Da höre ich im unverfälschten Kopenhagener Slang hinter mir die Worte: "Kiek mal an, ein fesches Mädel, die in Hosen zum Malen auszieht!"

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Nebenbei bemerkt sind die Hotels in Versailles voll von dänischen Kellnern, - ich weiss nicht, weshalb. Vielleicht, weil dort wie in Paris vor dem Krieg in der Hauptsache deutsche und österreichische Kellner benutzt wurden, wegen ihrer Sprachkenntnisse.

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Genug. Jch tat so, als hätte ich nichts gehört, ging weiter, grübelte über den Sinn dieses Kompliments nach, - und mir begann zu dämmern, aus welchem Grunde ich in der letzten Zelt überall solch ein Aufsehen erregte.

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Ein paar Tage später kommt spricht die Frau unseres Hauspförtners , mit der ich auf bestem Fusse stand, mich an und erzählt mir folgendes: "Monsieur dürfen mir nicht gram sein, wenn ich Monsieur anvertraue, dass die Ladenbesitzer hier im Quartier, bei denen Madame und Monsieur kaufen, nicht glauben wollen, dass Monsieur ein Monsieur sind." Sie blieb mit aufgerissenen Augen und aufgesperrten Lippen stehen, als ich ihr lächelnd zur Antwort gab: "Ma brave Dame, ich bin drauf und dran, den Ladenbeseitzern recht zu geben!"

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Diese und ähnliche Vorfälle zeigten mir, dass die Situation anfing, paradox zu werden. Lili durfte sich an und für sich nicht auf der Strasse zeigen, weil sie mit mir den Körper gemeinsam hatte, , - obwohl auch nicht eine Menschenseele Notiz von ihr nahm, wenn sie sich einmal unter Menschen zeigte, abgesehen davon, dass ich dann und wann einmal jemand "nachstieg". Mich dagegen glotzte man allerwegen jetzt an, trotzdem ich vollkommen korrekt als Mann gekleidet und mit richtigen, weitausholenden Männerschritten meiner Wege zog, - und man hielt mich für ein verkleidetes Mädchen ...

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Es war nicht zum Aushalten.

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Im Herbst, als wir nach Paris zurückkehrten, stellte ich fest, dass ich auch hier jetzt aufzufallen begann, wenn sich dies auch meist auf eine etwas diskretere Weise zum Ausdruck kam. In der Metro oder im Omnibus oder in der Tram fing ich oft Blicke und Worte von Leu-
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auf ten auf, die mich beobachteten. Wollte ich auch ihre Bemerkungen überhören, oft verstand ich jedoch aus ein paar Wortfetzen genug, um mich davon zu überzeugen, dass sie die Ansicht der Ladenbesitzter in Versialles teilten. Mit meiner gründlichen Kenntnis der Blasiertheit der Pariser im allgemeinen wurde es mir doppelt klar, dass ich wirklich dabei war, aufsehenerregend zu werden, - und diese Tatsache machte mich immer nervöser mehr nervös, - meine durch langjährige Leiden geschwächten Nerven machten einfach Aufruhr: sie ertrugen es nicht mehr, mich überall von fragenden, neugierigen, grinsenden Blicken verfolgt zu sehen. Diese Belästigung durch meine Mitmenschen bedrückte mich masslos.

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Und so ging ich aufs neue zu dem mir befreundeten Herzspezialisten. Grete war ein paar Tage vorher bei ihm gewesen und hatte versucht, ihm mein und Lilis Doppeldasein zu erklären, - und er hatte ihr versprochen, mich zu einem anderen Spezialisten in Versailles zu führen, - wenn er auch persönlich alles mit einander für eine fixe Idee von mir und ausschliesslich für eine "krankhafte Einbildung oder ohne irgendwelche physische Grundlage" ansah.

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"Ihr Mann ist gesund. Sein Körper ist normal. Jch spreche ja aus gründlicher Kenntnis, aus gründlicher Inaugenscheinnahme seines Körpers, Madame," das war seiner Weisheit letzter Schluss ...

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Dieser neue Besuch bei dem neuen Spezialisten in Versailles sollte mein letztes Experiment sein, hatte ich hoch und heilig Grete und mir selber geschworen, ehe wir uns auf den Weg machten. Bei meiner Ankunft bekam ich sofort den Eindruck, dass die beiden Ärzte im voraus ihren Schlachtplan festgelegt hatten: sie wollten versuchen, mir meine "hysterischen Grillen" auszutreiben. Nach einer recht oberflächlichen Untersuchung wurde mir ohne Umschweif erklärt, ich sei ein völlig normal gebauter Mann, dem nicht das geringste g fehle, der nur versuchen solle, mit Energie und gutem Humor sich als Mann zu bewähren, um wieder das Leben eines regelrechten Dutzendmenschen masculini generis führen zu können ...

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Man betrachtete mich während dieser Zusammenfassung ihres tiefschürfenden Urteils mit kaum unterdrückter Ironie: man hielt mich für einen Hysteriker, für einen Simulanten schlechtweg, und der eine von ihnen, der "neue Spezialist" deutete sogar an, ich sei wohl im Grunde - homosexuell. Diese Andeutung brachte mich fast um
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meine Selbstbeherrschung und meine gute Erziehung. Hätte Grete nicht durch ein helles Auflachen die Situation gerettet und statt meiner diese Vermutung als völlig absurd zurückgewiesen, ich wäre diesem in des Wortes ursprünglicher wie auch landläufiger Bedeutung leichtfertigen Herrn an die Gurgel gesprungen.

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Nach dieser hoffnungslosen, mich wie Grete tief deprimierenden Konsultation merkte ich sehr bald, dass ich meine letzte Kraft verbraucht hatte. Und ich gelobte mir in aller Stille, dass mich fortab keine Macht auf Erden dazu bewegen würde, neue Ärzte zu befragen.

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Zum Gespött der Herren Mediziner wollte ich denn doch nicht degradiert werden.

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Jch sagte mir: da mein Fall bis jetzt in der Geschichte der ärztlichen Kunst unbekannt ist, so existiert er einfach nicht, durfte er einfach nicht existieren. Mein und damit auch Lilis Todesurteil war gefällt. Jetzt galt es nur noch, auf eine möglichst anständige und geräuschlose Weise Geduld zu haben, bis die kurze Frist, die ich mir selber gesetzt hatte, ausgelaufen war.

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Äusserlich änderte sich an unserm täglichen Leben im Atelier nichts. Jch war sogar oft in sorgloser Stimmung, vor allem wenn Freunde oder Bekannte uns besuchten, besonders aber gegenüber Grete, da ich Angst hatte, sie könnte mich durchschauen. Jhr ging es nicht gut, das konnte ich an ihrem ganzen Wesen merken. Sie nahm sich zusammen, zeigte mir meist eine lächelnde Miene, hinter der sie ihre Angst und Trostlosigkeit glaubte verbergen zu können. Sie war so ruhelos geworden. Oft, wenn sie glaubte, nicht von mir beobachtet zu sein, sah sie mich heimlich so seltsam fragend an, dass ich fürchtete, sie habe meine ahne meine Pläne ...

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In diesen Wochen hatte ich nur ein Verlangen: Musik zu hören. Konzerte mochte ich nicht mehr aufsuchen. Nur keine Menschen sehen. Jch kaufte daher in geradezu verschwenderischer Weise Unmengen von Grammofonplatten. Klassische und modernste Musik, alles durcheinander. Und lange Abende bis tief in die Nächte hinein spielte unser Grammofon. Jch konnte gar nicht genug Musik hören. Jch verschlang wie ein Dürstender, wie ein Verdurstender alles, was Musik war. Heitere und tragische, banalste und feierlichste, melodischste und disharmonischste Musik, - wenn es nur Musik war. Sie war meine Trösterin,
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mein einziger Zuspruch, ob sie mich zu Tränen rührte oder mich verleitete, lustig irgend einen letzten Schlager ein dutzend mal mitzuträllern oder gar Grete zu bitten, mit mir zu tanzen. Jch lebte damals von Musik. Konnte ich keinen Schalf Schlaf finden, so flüchtete ich mich zu ihr. Mochte ich morgens die Augen nicht Aufschlagen, so holte Grete das Grammofon aus dem Atelier an mein Bett.

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Schuberts unsterbliches Lied "An die Musik" ... wie oft hat nicht diese ergreifenste aller Hymnen an das Leben mir geholfen, mich noch etwas zu gedulden. Es gab in mir nichts, nichts, was man mit dem Wort Sentimentalität lächelnd abtun kann. Nichts Rührseliges war in mir. Nie war ich weniger empfindsam als damals. Nur grenzenlos verloren fühlte ich mich, preisgegeben einem Schicksal, das über Menschenverstand hinaus ging. Die Sprache der Seele an sich, die Sprache der Töne befreite mich, selber sprechen, meinem trostlosen Gegrübel Form geben zu müssen. Nur selber nicht denken, nur selber nicht Gedachtes in Worte kleiden, war mein täglicher, nächtlicher Hilferuf ...

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Früher hatte ich im Lesen Ablenkung gefunden. Ganze Bibliotheken hatte ich in unserm Atelier zusammengetragen ... Jetzt schlug ich kein Buch mehr auf. Was sagten mit mir die Schicksale fremder Wesen, da ich von keinem Wesen in diesen Büchern Zuspruch finden konnte, das ein Wesen meiner Art war. Von solch einem Wesen hat noch kein Dichter dichten können, weil es noch keinem Dichter eingefallen war, dass solch ein Wesen je gelebt haben könnte. Wie konnten mir die Philosophien der Griechen und der Gegenwart helfen, die uns nur vom Denken des Mannes und vom Denken des Weibes in getrennten Körpern und Hornen HornenHirnen und Seelen berichten? Platons Gastmahl ... früher hatte ich dort meine Zuflucht genommen. Von Menschen an den Grenzen beider Empfindungswelten, der des Mannes und der des Weibes, wusste Platon, Mischwesen sind sie. Hier aber, in meinem siechen Körper wohnten zwei Wesen, getrennt von einander, unverwandt mit einander, feindlich einander, wenn sie auch Erbarmen hatten mit einander, da sie wussten, dass dieser Leib nur Raum hatte für eins von ihnen. Eines dieser beiden Wesen hatte unterzugehen, zu verschwinden, oder aber beide hatten zu sterben ...

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Wahnsinn fasste mich in diesen Nächten an, Wahnsinn, der erfasst hatte,
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dass dieser Leib, mitch dem ich mich rettungslos herumquälte, nicht mir gehörte, nicht mir allein gehörte, dass mein Anteil an diesem Leib von Tag zu Tag geringer, kleiner wurde, da er in seinem Innern ein Wesen umschloss, das um den Preis meines Dasein sein Dasein verlangte. Wie ein Betrüger kam ich mir vor, wie ein Usurpator, der über einen Leib herrschte, der ihm längst nicht mehr gehörte. Jch kam mir vor, wie einer, dem von einem Hause nur die Fassade gehört. Wahnsinn, diesen Gedanken zu Ende zu denken, weil es kein Ende für diesen Gedanken gibt, wenn nicht das eine Ende: nicht mehr sein. Und ich wollte nicht mehr sein.

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Dann und wann kam Lili wohl noch. Und Grete war über ihr Kommen jedesmal so froh. Lili war froher als ich. Das wussten beide. Und Lili wusste, dass sie dadurch Grete trösten konnte. Mitunter blieb sie auf Gretes Bitten mehrere Tage hinter einander. Zusammen mit Lili konnte Grete die Nächter leichter ertragen. Lili konnte leichter Schlaf finden. Und schlief sie, so konnte auch Grete einschlafen. Oft weinte Lili, ohne dass Grete es merkte. Lili hatte immer schon ihre eigne Traumwelt besessen. Sie hatte immer so fröhliche Träume gehabt. Jetzt waren ihre Träume verflogen. Nur ein paar Nächte waren sie wieder da gewesen. Und jeder Traum war eine Fortsetzung des anderen gewesen. Es war Winter. Sie träumte von einem nahen Frühling, der sehr viel Sonne hatte. Sie erzählte Grete diese Träume. Aber sie fühlte oft, dass es nur Träume waren. Und dann bekam sie Furcht. Die nächste Nacht vertrieb dann aber ein noch schönerer Traum ihre Furcht wieder. Grete hat viele von ihren Träumen heimlich in ihr Tagebuch geachrieben, erzählte sie mir einmal. Und das tat sie mit Worten, als hätte sie ein Geheimnis verraten.

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Lili träumt dir einen Roman vor, sagte ich da zu ihr und wandte mich leer ab.

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Aber dieser Traumroman wurde das Lieblingsgespräoh von Grete und Lili während jener dunklen Tage, und diese Gespräche waren das Einzige, das Grete und Lili neuen Mut gab und ihre Hoffnung lebendig hielt, ihre inbrünstige Hoffnung, dass dennoch ein Wunder, ein Mirakel geschehen würde.

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Und so wurde es Februar. Elena und Ernesto waren wieder nach Paris gekommen. Und Elena nahm mich dann eines Morgens mit zu dem fremden Mann aus Deutschland , der mich jetzt hierher geholt hat.

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Heute haben wir den dritten März. In knapp zwei Monaten haben wir den ersten Mai. Das ist die unwiderruflich äusserste Frist, die ich mir gesetzt habe. Dann wird es keinen Andreas Sparre mehr geben. Ob Lili diesen Tag überleben und ihr eignes Leben leben wird, liegt nun in Werner Kreutz' Händen."

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IX

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Als Andreas sein Hotel betrat, war es fast Morgen. Ein eisig kalter Märzmorgen.

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Er stand lange am Fenster seines Hotelzimmers, ú -@Translator: SM blickte auf den fast menschenleeren Platz vor dem Bahnhof nieder. Einige Autodroschken gab es dort. Ein paar späte Nachtwanderer. Dazu der Lichtschimmer aus der gläsernen Wand der langgestreckten Bahnsteighalle. Ein fahler, müder Lichtschimmer. Nur die Morgenluft war wach.

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Er schloss fröstelnd das Fenster.

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Er war sehr müde. Aber es war eine wohlige Müdigkeit, - wie nach einem langen, mühevollen Marsch mit schwerer Bürde auf dem Nacken Rücken .

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Der Marsch war zu Ende. Die Bürde drückte nicht mehr den Nacken Rücken . Er hatte sein Leben in der vergangenen Nacht seinem Freunde hingebeichtet. Dieses seitsame, geheimnisvolle Doppelsein von ihm und Lili, unbegreiflich ihm selber.

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Er entkleidete sich langsam. Er stand nackt vor dem Spiegel. Er musste an seine Worte von heute nacht denken: ich bin wie einer, dem nur die Fassade seines Hauses noch gehört. Das Spiegelbild vor ihm zeigte ihm die Fassade ... Es war der makellose Leib eines Mannes.

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Was barg die Fassade? ...

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Nein, jetzt nicht mehr fragen.

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Jetzt nur schlafen, ein paar gute, tiefe Stunden lang.

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Hinter ihm lag sein Weg. Der war jetzt am Ziel. Darüber hinaus gab es für ihn keinen Weg mehr. Er war am Ende. Gab es einen neuen Anfang hinter seinem Wegende, so war es der Anfang für - - Lili.

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Er war bereit.

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Dieses Wissen um sich selbst gab ihm Sicherheit und Ruhe und Gliech Gleichmut.

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Mit einer reinen, ja, beschwingten Fröhlichkeit wachte er nach wenigen Stunden auf, nahm ein Bad, frühstückte, legte machte hinter einander pünktlich seine letzten Besuche bei den verschiedenen Ärzten, war guter Dinge und fast sorglos. "Jetzt bin ich wie ein Reisender ohne jegliches Gepäck," sagte er sich, "wie einer, der Ferien vom eignen Ich genommen hat." Mitten in der Leipziger Strasse hört er eine Kinderstimme wispern: "Mutti, guck mal, eine Frau in Männerkleidern ..." Er dreht sich um, sieht
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in zwei erschreckte blaue Mädchenaugen, wohl eine Zehnjährige mit dicken, blonden Zöpfen; die Kleine wird feuerrot und hakt sich schnell bei der Mutter ein, die schnell erstaunt wie ihre Tochter ihn betrachtet und eiligst mit dem Kinde weitergeht.

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Auch er ist feuerrot geworden, fühlt er. Diesmal hat er nicht gelächelt. Ein merkwürdiger, harter Trotz stieg in ihm hoch. Wie ein Aufbäumen des Mannes in ihm. Ohne dass er es selber wollte oder recht wusste, blieb er vor einem Ladenfenster stehen, betrachtete forschend sein eignes Spiegelbild in der blanken Vitrinenscheibe. Ärgerlich wandte er sich ab. "Geht mich ja gar nichts mehr an. Geht mich ja gar nichts mehr an." Mehrmals wiederholte er fast sinnlos trotzig diesen Satz, blickte dann auf seine Uhr, es war halb fünf nachmittags, um fünf Uhr sollte er in dem M.-Sanatorium sein, bei Professor G.

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Er befand sich am Potsdamer Platz, ging ins Postamt, suchte in dem riesigen Telefonbuch nach dem Anschluss der Baronin Schildt, die er eigentlich vorher noch hatte besuchen wollen, liess sich verbinden. Sie war nicht zu Hause. Eiligst beschrieb er kaufte er einen Rohrpostbrief. warf ein paar flüchtige Zeilen hin: "Liebste Baronin, bitte mir nicht böse zu sein, wenn Sie mich nicht Wiedersehn. In ein paar Minuten nehme ich mir eine Autotaxe und fahre mich besorge dann selber mein Begräbnis: Grabstätte M. Sanatorium. Wie es auch kommt. Behalten Sie mich lieb. Und darf Lili für sich allein weiterleben, lassen Sie sie nicht ganz allein. Jch weiss, dass nicht alle meine Freunde ihre Freunde sind. Doch meine Freundinnen ... sie möchte ich ihr so gern vererben ..."

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In einer halben Stande Er warf den Brief in den Postsack des Briefträgers, der gerade den blauen Briefkasten entleerte. Er drückte dem guten Mann eine Reichsmark in die Hand. Der sah ihn erstaunt an. Ehe der Mann danken konnte, war Andreas bei der nächsten Taxe, rief dem Chauffeur die genaue Adresse der Klinik zu und betrat Punkt fünf Uhr das Sanatorium.

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Dort wurde er von einer hübschen "Schwester" empfangen. Sofort wurde er dem Herrn des Hauses geführt, einem ziemlich jungen, blonden, fast atletisch gebauten Mann, der ihn mit kluh seinen klugen, lebensfrohen, hellblauen Augen freundlich betrachtete. Er konnte dem Arzt auch ein wenig Neugier ansehen.

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"Jch habe gerade mit dem Kollegen Kreutz eine lange Telefonunterhaltung
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wegen Ihres Falles geführt," begann der Professor sogleich, "ich bin also völlig im Bilde. Vorher hatte ich bereits eine Besprechung mit dem Kollegen A., der Sie hier in Berlin zuerst untersucht hat. Kollege A. wird bei der Operation, die ich vorzunehmen habe, zugegen sein. Jch möchte mich jetzt aber gern einmal persönlich mit Ihnen kurz unterhalten. Ein persönlicher Eindruck ist ja immerhin notwendig."

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Andreas antwortete sehr sachlich: "Bitte, Herr Professor, fragen Sie nur." Aber der Professor zog allen Fragen eine körperliche Inaugenscheinnahme vor, bat ihn, sich zu entkleiden und sich auf einen bereit stehenden Untersuchungsdivan von der Art, wie er sie in Berlin mittlerweile gründlich kennen gelernt hatte, niederzulegen.

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"Ja," stellte der Professor dann nach eingehender Betrachtung seiner Formen fest, "an sich sind Sie ganz und gar das, was Sie im bürgerlichen Leben vorstellen, ein korrekter Mann, gleichzeitig aber zeigt Ihr Körper zweifellos weibliche Formung. Ein erstaunliches Phänomen, gebe ich ohne weiteres zu. Jch bin überrascht von dem Gesamtbefund ..." Und während Andreas sich wieder ankleidete, ging der Chirurg nachdenklich auf und ab, betrachtete ohne Unterlass den Patienten, war f f einen Blick auf sein Journal und sagte dann: "Jch weiss, Sie haben Eile. Kommen Sie also morgen früh ..."

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"Das geht nicht gut, da ich morgen vormittag um 11 Uhr auf Wunsch von Professor Kreutz vor der Operation von Dr. M. H. photografiert werden soll."

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"Gut," erklärte Professor G., nachdem er sich sein Journal wieder betrachtet hatte, "es passt auch um vier Uhr nachmittags ... Heute ist Montag ... also operiere ich Sie morgen, Dienstag abend ..."

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"Abgemacht, Herr Professor," Andreas rief diese Worte förmlich begeistert aus. Im nächsten Augenblick war er, nach hartem Händedruck mit seinem Helfer, wieder draussen - im Freien.

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"Also haben wir noch eine Galgenfrist," sagte er still zu sich, sah auf seine Uhr, es war fast halb sieben ... Eine Autotaxe hielt in der Nähe. Er rief dem Chauffeur den Namen seines Hotels zu - und verbrachte diese allerletzte Nacht mit sich allein im Hotelzimmer. Er spürte fühlte, dass er seinem Körper und seinen Nerven heute nichts mehr zumuten
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durfte, - die durchwachte Nacht gestern, das Gespräch vorhin, die laute, fremde Riesenstadt um ihn herum.

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"Jch selber bin jetzt kein Spieler mehr ... ich bin jetzt nur noch Einsatz ... für Lili ... Jch muss also sparen ..." Dies waren seine letzten Gedanken, bevor er, - es war noch nicht einmal acht Uhr, - in dem fremden Hotelbett in traumlosen Schlaf sank.

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Dienstag Mittwoch morgen verliess Andreas schon zeitig das Hotel, es war ein frischer, klarer Märztag, er wanderte eine kurze Strecke die Friedrichstrasse entlang, bog danni in den breiten Boulevard Unter den Linden ein, stand auf dem Pariser Platz, vor dem strengen, schlichten Brandenburger Tor. Sonne, herbe, hellgoldene Märzsonne erhöhte übergoss dieses schönste, fast klassisch reine Strassenbild, dass Andreas an der deutschen Methropole Metropole, dass Andreas an die gelungensten Plätze von Paris denken musste. "Wie vollendet deutsche Architekten doch bauen konntenkönnen ... wie viel man doch auch hier lernen kann. "Der Maler wachte in ihm auf. Er zog in den Tiergarten hinein. Überall Sonne und beginnendes Grün. Und das alte Grün glänzte wie köstliche Bronze auf. Er wanderte einen schmalen Pfad, der bald einen winzigen See erreicht. Enten schwammen in lustigen Geschwadern darauf. Das Astwerk hoher Bäume spiegelte sich auf der fast faltenlosen Wasserfläche.

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Andreas blieb stehen. Hier war er nie gewesen. Dies kleine Stück Natur mitten in der lärmenden Millionenstadt! wirktEr sog das Bild in sich ein. Er musste an so viele unvergessliche Morgenstunden in Italien, Frankreich, Dänemark denken, wo WO er draussen als glücklicher Mmensch sein ganzes Glücksgefühl in seinen Augen getragen hatte ...

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Mit Malkasten, Staffelei und Leinen war er hinausgezogen, weit fort von den Städten und den Menschen, und hatte sein eignes Geschick gepriesen, Maler, nichts als Maler sein zu dürfen, ein ganz einfältiges Wesen, dem Augenblick völlig hingegeben. Sie nicht verlieren, diese köstlichen Augenblicke, das war sein Trieb, der Auslösung fand, wenn er malte. Wie im Fieber malte er meist, konnte kaum abwarten, das Bild, das sich seinem entladenen Blick bot, einzufangen, diesem entladenen, von denen Winden der Wanderungen rein geblasenen Blick, der mehr sieht als der andere taube Blick der anderen Menschen, der heller ist als der Blick der anderen ... Hell seherisch ... Wie er das Wort immer geliebt hatte ... Wie er dieses
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Wort jetzt, in diesem Augenblick, wieder liebte!

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Eins war er dann immer gewesen mit diesem Unfassbaren, Ruhelosem, diesem Spiel aus Licht und Schatten, Hell und Dunkel, um Farbe und Form, Tönen diesem Vielgetön und Rankengewirr ... Wie ein heimlicher Vogelsteller war er sich immer vorgekommen, der auf der Lauer liegt und alle Lockrufe weiss, bis er, was er sucht, gefunden hat.

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So hatte er seine Bilder geschaffen, festgebannt auf die toten Leinwand mit toten Farben, bis dies mit den Augen Erlauschte plötzlich anfing, Eigenleben zu erhalten ... Eingefangenes Echo, hatte er dann meist sich selber gestanden, mattes Echo sind ja doch nur meine Bilder ... aber doch Echo ... Und er war glücklich gewesen und sehr demütig wie ein Eingeweihter ... Und diese Stunden waren die einzigen wirklichen und wahrhaftigen Freuden seines Lebens gewesen. Diese Freuden hatten ihm gehört, ihm allein, diese Freuden hatte er nicht mit einem anderen Wesen teilen müssen, diese Freuden hatte er niemand anders geraubt, gestohlen ... Sie waren ausschliesslich sein Reichtum, sein Besitz gewesen ... Konnte er diesen Besitz, diesen Reichtum vererben? ... Wie eine Angst fühlte er diese Frage in sich ... Nie hatte er vorher jemals diese Frage ln sich gehört ... Freude, kann man sie vererben? Freude am Malen ...? Für ihn, Andreas Sparre, waren diese Freuden unwiederruflich dahin.

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Und Lili ... wenn sie ihn überleben durfte, würde sie wohl Lust verspüren, zu malen? Würde sie er ihr wie eine kleine Entschädigung für das Leben, das er ihr gestohlen, für die vielen, jungen Menschenjahre, um die er sie gebracht hatte, diese Freude, dieses Glücksgefühl des Sohaffenkönnens als Erbschaft geben dürfen, sein Schuldbewusstsein, das ihn so oft zu Boden gedrückt, würde geringer werden ...

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Dass er jetzt an Lili denken musste ... an sie, die so ganz andere Inter- Neigungen hatte als er ... völlig verschieden von seinen ... Sie hatte sie stets einen Abscheu empfunden, sich die Hände mit Farben zu beschmutzen. Lächelnd fiel ihm dies jetzt mit einem mal ein. Und er hatte oft die nackten Finger ebenso benutzt wie seine Pinsel ... Er lachte laut auf. Wozu an Erbe, an Hinterlassenschaft jetzt denken ... Was hatte er denn gross ausgerichtet in diesem Leben? Richtig, einen kleinen Beweis besass er ja, er allein, den er auch mit niemandem zu teilen hatte: die goldenen "Palmen" der "Académie" in Paris ... O Eitelkeit ...

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Sollte er noch einmal umkehren? ... Er blickte, auf stand auf einer zierlichen,
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leicht geschwungenen Brücke, siebenlvon der er hinüber nach einem breiten Kanal sehen konnte, der seine Wassermassen durch eine halb hochgezogene Schleuse in ein Stauwerk fallen liess, dass es wie ein Wasserfall en miniature zischte und glitzterte.

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Richtig, wie einer, der versuchtn will, einen Wasserfall hinunterzusegeln, bin ich jetzt, dachte er, und ich merke, wie mich der Strom zu fassen bekommt, und ich weiss nicht mehr, wohin die Fahrt geht. Vielleicht hinein in die völlige Vernichtung ... Gleichwohl ... jetzt, halbwegs, kann das Boot nicht mehr verlassen werden ... Der Entschluss ist gefasst ... Jch kann nicht mehr zurück ...

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Eine halbe Stunde später ist er bei Professor M. S. -@Editor: #PLC Er muss auf den Photografen, der seinen und Lilis gemeinsamen Körper im Bild festhalten soll, lange warten. Wozu all dies nur, fragt er sich. Seine frohe, zuversichtliche Stimmung ist dahin. Er fühlt eine grenzenlose Müdigkeit.

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Am liebsten hätte er sich irgendwo still hingesetzt, um zu weinen. Eine Dame, ein Assistent des Professors, ist jetzt zu ihm ins Wartezimmer gekommen. Sie beginnt ein Gespräch mit ihm. Er hört eigentlich nur zu. Sie hat Takt und was sie sagt, geschieht, fühlt er, ohne Neugier, ohne Aufdringlichkeit.

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"Ihr Fall ist für uns hier ein Novum. Und was der Interesse noch erhöht das wir aus Gründen der Wissenschaft Ihnen entgegenbringen, ist die Tatsache, dass Sie ein Künstler, ein Intellektueller sind, dass Sie also imstande sind, sich selber, Ihre Gefühle, Ihr Gefühlsleben zu analysieren Sie weden ja das Unerhörtes, Unglaubliches erleben: zuerst als Mann gelebt und gefühlt zu haben, und dann als Frau zu leben und zu fühlen zu sollen. Ich muss an einen römischen Kaiser denken, der sich das Leben genommen hat, weil er das, was jetzt Ihr Schicksal wird, nicht erlangen konnte ..."

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Andreas hörte still zu, wie einer, dem etwas von irgend einem anderen über irgend einen anderen erzählt wird, das er längst weiss. Die Herzlichkeit und Sachlichkeit, mit der die Dame zu ihm gesprochen hatte, empfand er wie eine wirkliche Wohltat. Sachlichkeit und Herzlichkeit mit einander zu verbinden, meinte er im stillen, ist etwas, das nur Deutschen eigen ist.

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Als sich dann endlich der Photograf einfand, hatte Andreas seine sorglose
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Stimmung, wenigstens äusserlich, wiedergefunden. "Jetzt bitte keinen Rückfall mehr," diese Order gab er sich und appellierte gewissermas— sen eindringlich noch einmal an seinen Trotz, und als er das Institut des Professor M. H. verliess, lud er sich selber zu einem "Abschiedsfrühstück" ein. Mit grosser Sorgfalt suchte er das hierfür geeignete Restaurant im Westen auf, stellte wählte er dann sehr umständlioh das Menü zusammen, an dessen Anfang er einen "Homard à l'amèricaine" mit leise gekühlter "Liebfrauenmilch" erlesensten Jahrgangs stellte.

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Als er fast zwei Stunden später zahlte, fragte der sehr sprachkundige Herr Oberkellner im vollendetsten Französisch: "Monsieur sind sicher nach Berlin gekommen, um zu sich zu amüsieren ... Theater ... Musik ... dafür sind wir in Berlin ja wohl anerkannter Mittelpunkt ... und was unsere Damen betrifft ... wie finden Monsieur unsre Damen ... hier am Kurfürstendamm ...?"

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"Hinreissend, wirklich elegant," beeilte sich Andreas zu antworten, wobei in ihm plötzlich der Galgenhumor zum Durchbruch kam. "Hier in Ihrem sehr stimmungsvollen, vortrefflich 'aufgezogenen' Etablissement, dessen Komfort von den besten Pariser Gaststätten nicht übertroffen wird, sehe ich einige superbe Vertreterinnen wohlgepflegtesten Geschmacks, die ebenso gut in Paris wie in Rom zu Hause sein könnten. Und ich würde sehr viel von meiner Herzenruhe darum geben, ihnen meine Huldigung zu Füssen legen zu dürfen, wenn ich mich nicht in wenigen Stunden einer zumindest schicksalsschweren Operation unterziehen müsste ..."

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Der Herr Ober machte ob dieser Eröffnung grosse Augen.

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Dann fuhr er ins Hotel, beglich seine Rechnung, nahm wieder ein Auto, fuhr nach der Thomasiusstrasse, um seinen Freunden lebewohl zu sagen. "Einem Schlachtoffer gleichst du gerade nicht," stellte Niels Freund Nie Niels bei seinem Eintreten sofort fest."

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"Fühl mich auch nicht so, - im Gegenteil, -" rief Andreas lachend.

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Während Frau Inger die Hände uber dem Hopf zusammenschlug: "Aber Andreas, in ein paar Stunden sollen Sie operiert werden, und da kommen Sie mit einer fast rabenschwarzen Importe im Munde daher."

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Und sie riss ihm überraschenderweise die Zigarre aus der Hand.

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"Ich bitte Sie, ich kommer von meiner Henkersmahlseit, oder richtiger gesagt, ich habe im wortwörtlichsten Sinne mein "l’enterrement de ma vie de garçon gefeiert, ohne irgendwelches Deui das mindeste Equivoque
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das in diesem Ausdruck, der im Französischen eurem "Polterabend" entspricht ..."

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Frau Inger nahm ihn bei der Hand. "Jch bin nicht umsonst einmal Krankenschwester gewesen, und ich weiss, wie man sich vor einer Operation zu benehmen hat. Ganz bestimmt nicht so wie Sie, Andreas. Das sind dumme Jungenstreiche, hinzugehen und zu prassen. Das ist Wichtigtuerei. Im übrigen sehen Sie sehr schlecht jetzt aus. Und jetzt begleitet Niels Sie ins Sanatorium."

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Und so geschah es. Ohne Zigarre betrat Andreas unter Aufsicht seines Freundes das Sanatorium.

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Dieses schicksalsvolle Entrée vollzog sich ausserden im übrigen sehr sachlich. Die Operationsschwester Marianne empfing die beiden Herren, führte sie in ein blendend weisses, nach allen möglichen Desinfektionsgerüchen duftendes Zimmer, dicht neben dem Operationssaal, dessen Tür offen stand. Ein paar Schwestern schienen alles klar zur Vornahme einer neuen Operation zu machen. Ein starker, etwas süsslicher Geruch von Betäubungsmitteln strömte herein.

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Der Herr Professor G. könne leider erst gegen sechs Uhr kommen, die Herren müssten also sich etwas gedulden, wurde ihnen dann mitgeteilt.

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Die Uhr war kaum vier. Niels machte ein völlig verzweifeltes Gesicht. "Zwei Stunden halte ich es hier nicht aus," sagte er beinahe zerknirscht, wandte sich dann an Schwester Marianne und erklärte mit dam Patienten ein nahe gelegenes Café die Wartezeit zu verbringen zu wollen in einem dem in der Nähe gelegenen "Romanischen Café" die Wartezeit verbringen zu wollen. Nachdem Andreas hoch und heilig versprochen hatte, sich dann pünktlich wieder einzustellen verliessen sie fast fluchtartig das Sanatorium. Niels hatte es am eiligsten.

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Als sie im Café gegenüber den Zeitungssammelfächern einen Platz gefunden hatten, entdeckte Andreas einige Meter von ihnen entfernt einen rothaarigen Krüppel, den "Zeitungschef". Im Nun war Andreas aufgesprungen, ging von rückwärts an den Krüppel heran, was dieser verwundert bemerkte, wofür er von Andreas eine Reichsmark erhielt, und dann noch eine zweite Reichsmark, nachdem er den recht umfangreichen Buckel des "Zeitungschefs" berührt hatte. Dann setzte Andreas sich froh lächelnd wieder auf seinen Stuhl neben Niels.

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"Lieber Niels," sagte er dann als Antwort auf den erstaunten Blick des Freundes, "das nenne ich Freundschaft! Bringst mich 'vor Toresschluss mit einem so prachtvollen Buckel zusammen. Denn du weisst natürlich nicht, dass solch ein Kerl einem Glück bringt, und zwar unfehlbar. Ein südländischer Aberglaube. Meinetwegen. Aber ich fühle mich jetzt jedenfalls gefeit - gegen alles. Richtig kugelsicher. Solch ein mannlicher Buckel, berührt man ihn, wirkt nämlich Wunder. Ein weiblicher Buckel dagegen das Gegenteil."

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Niels schüttelte sich vor Lachen. "Da kannst du sehen, wie ich für dich sorge. Nun habe auch ich keine Angst mehr deinetwegen."

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"Was wir mit einem edlen Tropfen Rheinwein gewissermassen als Begräbnistrank nach echt nordischem Brauch begiessen wollen." Und schon hatte Andreas dem Ober einen Flasche allerbesten Jahrgangs in Auftrag gegeben. "Aber bitte drei Gläser."

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"Drei?" fragt Niels.

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"Natürlich hat der rothaarige Buckel mitzutrinken." Was der Rothaarige sich nicht zweimal sagen liess, wenn er auch den Grund der Einladung nicht recht begriff. "Unsereins ist ja manchen Kummer gewöhnt," erwiderte der Eingeladene unter tiefen Verbeugungen, ergriff das ihm dargebotene Glas und hob es gegen Andreas, "Ihr Wohl, mein Herr! Auf dass Ihre gütige Seele Sie lange überlebe!"

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"Der Bursche spricht ja wie ein Prophet!" rief Niels und machte grosse Augen. Andreas aber schloss den Rothaarigen in seine Arme, küsste ihn auf beide Wangen, liess den Erstaunten dann wieder los, liess hielt sein Glas hoch, streichelte mit der freien Hand den Buckel des Krüppels. "Wenn Sie wüssten, was Sie mir mit Ihren schönen Worten geschenkt haben, Sie prachtvoller Geselle! In diesem Sinne!" Und er liess sein Glas gegen das Glas des Buckels klingen. "Alle guten Dinge sind drei!" Und er blickte Niels an. Und Niels verstand den Freund. Und stehend leerten die drei Zecher die Flasche. Und als Andreas mit Niels endlich gingen, sah der Rothaarige ihnen lange und mit ernsten Augen nach.

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In dem Zimmer der Klinik, das auf Andreas wartete, brannte bereits Licht. Eine Schwester begleitete sie hinein, nahm die Personalien des Patienten auf, hing eine Fieberskala über das Bett und bat Andreas, sich sogleich niederzulegen. Die Ärzte würden sich bald einfinden.

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"Da ist es wohl das beste, dass ich gleich gehe," fragte Niels.

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Andreas nickte lächelnd. "Also, alter Kumpan, leb wohl, und ich werde mir ehrlich Mühe geben, die Prophetie des Rothaarigen zu erfüllen." Niels wollte noch etwas sagen. Doch Andreas schob ihn zur Tür hinaus. "Nett von dir, Andreas, sonst könnt es mir passieren, rührselig zu werden. Also im Sinne des Rothaarigen." Ein kurzes Händeschütteln, und Andreas war allein. -

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Er blickte sich um. Mechanisch, ohne irgend einen klaren Gedanken im Kopf. Er schritt auf und ab. Ein, zwei, dreimal ... Ohne dass er es wusste, begann er seine Schritte zu zählen. "Also sieben Schritte lang und sechs Schritte breit," Dann setzte er sich auf das Bett, Er betrachtete das Zimmer. Ein Klinik-Zimmer wie es unzählige gibt. Helle Wände. Und Bett und Tisch und Schrank und die beiden Stühle ebenfalls hell gestrichen. -

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Und dann begann er sich zu entkleiden, sehr langsam. Denn plötzlich fiel ihm ein, dass er, Andreas Sparre, sich wohl zum letzten Male entkleidete ...., dass es ein Abschiednehmen war, was hier vor sich ging, ein Abschiednehmen von Rock und Weste und Beinkleidern und so weiter ... und so weiter. Ein Menschenleben lang hatte diese Hülle von Rock und Weste und Beinkleidern und so weiter ihn umschlossen ... Er betrachtete die Kleidungsstücke, eins naoh dem andern, im Ablegen, er hing den Rock über die Weste und dann beides auf den Bügel im Sohrank, so, wie er es gewohnt war seit ... Ja, seit wann? Er spannte die Beinkleider in den Hosenbügel ... betrachtete und betrachtete Stück für Stückn und streichelte Stück für Stück. "Was wird aus euch werden?" fragte er lächelnd. "Was wird aus mir werden?" Er strich sich über die Stirn. "Wer von uns hier wird den andern überleben? Jhr mich? Ich euch? .... Rock, Weste, Hose ... Schuhe, Unterkleider, Stümpfe, fast hätt ich euch vergessen ..."

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Und so sass er lange, wie im Kreise von leGefährten, denen lebewohl gesagt werden muss. "Vielleicht seht ihr in mir einen Überläufer ..." Und jetzt nahm er seinen Hut vom Tisch. "Du auch ... Dich hätt ich beinahe ganz vergessen ... Wen ich wohl sonst noch vergessen habe? ..."

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Und er fasste in die innere Rocktasche, nahm ein Bild heraus, stellte es auf den Tisch, gegen die Wand lehnte er es. "Grethe," sagte er, wollte das Bild gerade streicheln. Da klopfte es, und schon wurde die
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Tür geöffnet: Professor G. trat ein, in Begleitung seines jungen Assistenzarztes. Einige Fragen wurden an Andreas gerichtet, mit dem Ergebnis, dass zu seiner Überraschung die Vornahme der "ersten Operation, die übrigens völlig ungefährlich sei," wie der Professor leichthin erklärte, auf den nächsten Vormittag verschoben werden müsste, "Sie nennen solche Abschiedsfeiern bei Ihnen im Norden 'Gravöl', "lachte der Professor." Ihr Freund hat mir bereits die Rheinweinmarke von vorhin verraten. Mein Kompliment. Sie scheinen auf diesem Gebiet bewandert zu sein. Aber dergleichen "Eingriffe" nimmt man am besten bei leerem Magen vor. Damit Ihnen aber bis morgen die Zeit nicht zu lang wird, werden wir Ihnen in ein paar Stunden ein Schlafmittel geben. Und nun guten Mut." Ein Händeschütteln, - und er war wieder allein.

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"Also immer noch warten, warten, warten," sagte er vor sich hin. "Wie viel Geduld man haben muss, du ...." Und jetzt sprach er zu dem Bilde, das auf dem Tisch neben seinem Bett stand.

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"Grete ... Grete ..." Mehr sprach er nicht, lehnte sich in die weissen Kissen zurück, starrte zur Decke empor, war müde ... müde ...

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War am Ziel ... abgekämpft, und merkte jetzt erst, wie erschöpft er war. Die Hast der Tage hier in Berlin kam ihm jetzt erst zu Bewusstsein. Jetzt durfte er es sich eingestehen, dass er am Ende seiner Kräfte war. Niemand konnte ihn jetzt sehen. Nicht einmal Grete. Und der letzte Rest seines männlichen Trotzes, den er während der qualvollen Woche in dieser fremden Millionenstadt vor Freunden und Ärzten wie einen Stahlpanzer getragen, mühselig herumgeschleppt hatte, fiel von ihm ab. -

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Grethe "Grete .... gut, dass du mich jetzt nicht siehst ..."

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Nein, keine Tränen .... durchhalten ... durchhalten ...

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Und da erst fiel ihm ein, dass sie von der bevorstehenden Operation nichts ahnte. Sie glaubte, er würde hier in Berlin nur untersucht, unter Beobachtung gestellt werden. Nur ein paar Postkarten hatte er von ihr erhalten. Nach Dresden wollte sie in den nächsten Tagen kommen, ihm dort zur Seite stehen ... bei der ersten Operation ... Ob er ihr doch ein Telegramm senden sollte? War es nicht unrecht, ihr, was ihm morgen bevorstand, zu verheimlichen? Nein, wozu sie ängstigen? Er selbst hatte ja auch nicht gewusst, dass sich hier in Berlin sein Schicksal bereitsvollenden sollte ... Vollenden .... Er musste lächeln. "Ich bin ja gefeit... " Und die Worte des Rothaarigen fielen ihm ein ... "Auf dass meine Seele
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mich lange überlebe ..."

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Er hatte Papier und Füllfeder auf dem Tisch liegen. Er nahm einen Bogen und schrieb:

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Berlin den 4. März, Dienstag abend

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Liebste, süsse Grete,

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morgen vormittag werde ich operiert. Der Professor sagt, es handle sich nur um eine kleine, ungefährliche Operation. Deshalb habe ich Dich nicht gebeten, zu mir zu kommen. - Sollte es aber dennoch anders kommen, so will ich Dir doch heute noch sagen, dass ich an Dich jede Stunde, jede Minute, bis zum letzten Augenblick nur an Dich gedacht habe. Du mein liebster und treuester Gefährte! Meine tapfere Freundin! Mein letzter Wunsch ist, dass Deine Zukunft glücklich wird, - dass Du mein im Grunde so frohes Gemüt erbst. Lebt meine Seele weiter, so wird sie immer bei Dir sein. Tausend Küsse von Lilli. Dein, nur Dein Andreas.

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Als Frau Inger eine Stunde später bei ihm eintrat, gab er ihr den Brief und bat sie, ihn Grete zu geben, falls ...

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"Sie dummer, grosser Junge, ich weiss ja längst von Niels, dass alles gut gehen muss. Ich bin sogar in dem Café gewesen und habe Ihrem etwas ungewöhnlichen Schutzengel ein paar Blumen gebracht. Er bekam einen puterroten Kopf und sagte: "Das ist ja der reinste Glückstag ..."

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Um zehn Uhr trat der Assistenzarzt wieder ein. Er gab Andreas das versprochene Schlafpulver. Dann erschien die Schwester, ordnete noch etwas im Zimmer, knipste das Licht aus ... Und dann war alles still.

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Und diese letzte Nacht von Andreas Sparre war tief und traumlos.

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Man hatte ihn bis zum Erscheinen der Ärzte schlafen lassen. Bis in den hellen Morgen hinein. Kaum hatte er notdürftig Toilette gemacht, als Professor A, bereits neben seinem Bett stand und ihn bat, eine Erklärung zu unterschreiben, in der stand, dass er, Andreas Sparre, auf eignen Wunsch und eigne Gefahr operiert werden wolle, und dass bei einem ev. ungünstigen Ausfall Professor G. von jeglicher Verantwortung entbinde ...

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"Mit Vergnügen," erklärte er, unterschrieb sogleich das Schriftstück,
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das an irgend eine hohe Behörde adressiert war und auf gut Deutsch besagte: Falls ich sterbe, verzichte ich hiermit auf jedes Recht, hinterdrein Schwierigkeiten zu machen ... "Aber darf ich nicht ein paar Dankworte an die deutschen Ärzte hinzufügen," bat er plötzlich, "die den Versuch unternehmen wollen, mich zu retten?" Diese Bitte wurde lächelnd abgeschlagen, worauf sich der Professor mit den Worten, "Die Operation findet in wenigen Minuten statt, ich wohne ihr auf Wunsch von Professor Kreutz bei, also Glück auf," zurückzog.

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Als Andreas, wieder allein war, beeilte er sich, folgendes niederzuschreiben:

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Sehr geehrter Herr Professor Kreutz,

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im letzten Augenblick vor meiner Operation fühle ich das Verlangen, Ihnen meinen tief gefühlten Dank zum Ausdruck zu bringen. Seit dem Tage, da ich Sie in Paris getroffen habe, bin ich hoffnungsvoll gewesen, und hier in Berlin, wo ich keinen der Ärzte, die mich untersuchten und mir beistanden, kannte, war mir, als hätte eine unsichtbare Macht mir alle Wege geebnet. Ich weiss, dass Sie diese Macht sind, und dass alles Gute, das mir begegnet ist, von Ihnen gekommen ist. Wie es nun auch gehen mag, so bitte ich Sie, an meine grenzenlose Dankbarkeit, die ich für Sie hege, glauben zu wollen. Jhr anhänglicher

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Andreas Sparre.

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Mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung legte sich sank Andreas wieder in die Kissen zurück. Jetzt war alles geordnet. In wenigen Minuten war die Wartezeit zuende ...

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Und in diesem Augenblick, auf der Schwelle zu dem Unbekannten, erinnerte er sich plötzlich einee Wintertages in Paris: müde und elend stand er zufällig vor einer uralten Kirche, - Saint Germain des Prés. Nie vorher hatte er sie gesehen. Er ging hinein, um in dem milden, nach Weihrauch duftenden Dämmerlicht des frommen Hauses auszuruhen, unter den ehrwürdigen Gewölben, die so vieler, vieler Generationen Hoffen und Leiden gesehen hatten. Ein Pfeiler trug ein seltsam schönes, gothisches Bildwerk: eine Madonna. Dort war er stehen geblieben. Und er, der längst das Beten verlernt hatte, sank zwischen ein paar alten Frauen auf die Knie nieder, faltete inbrünstig die Hände
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und flehte zur Madonna:

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"Die Du die Liebe und die Barmherzigkeit bist, hilf mir! Befrei mich von meinem nutzlosen, kranken Leben. Las, mich sterben - oder lass ein Wunder geschehen!"

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Und ihm war, als habe die Madonna lächelnd zu ihm nieder geblickt. Wenige Tage später hatte er Professor Kreutz getroffen.

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Und jetzt lag er hier in Berlin und wartete auf den Anfang Beginn des Wunders. Hatte die Madonna wirklich sein Gebet erhört? - - Als er Paris verlassen hatte, fand er in seiner Rocktasche eine alte spanische Miniatur-Madonna in Silber. In Sevilla hatte Grete sie in einem Trödlerkeller gefunden. Glücklich hatte sie ihm das Schmuckstückchen gezeigt. "Du," hatte sie gesagt, "ich glaube, diese kleine, süsse Madonna wollte zu uns kommen. Jetzt soll sie unser Talisman sein." - Und seitdem hatte Grete die silberne Madonna Tag und Nacht an einem Kettchen getragen. Und ohne dass er es gemerkt, hatte sie ihm das fromme Bildnis zugesteckt ... Und er küsste leise seine Madonna.

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Einen Augenblick später trat der Assistenzarzt ein. "So, jetzt bekommen Sie eine Spritze. Die wird Ihnen Schlaf geben. Und wenn Sie aufwachen, ist alles überstanden."

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Als Andreas unter heftigen Schmerzen wieder erwachte, war es fast Mittag. Mit einem Schrei schlug er die Augen auf. Zuerst glaubte er entsetzt, dass er zu früh erwacht sei und noch auf dem Operationstisch liege ... Ganz allmählich wurde ihm klar, dass er in seinem Bett lag, dort, wo am frühen Morgen der Assistenzarzt neben ihm auf dem Bettrand gesessen hatte, bis ihm alles in Nebel versunken war. Was seitdem geschehen war, ahnte er nicht. Ihm war, als habe er lange geschrien, als habe er sich gegen etwas gewehrt. Zwei Krankenschwestern, die er erst jetzt gewahrte, standen um das Bett und sprachen ihm beruhigend zu.

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Als er nach und nach völlig zu Bewusstsein gekommen war, fühlte er, dass die Schmerzen heftiger und heftiger wurden. doch bald hatte er die Herrschaft über sich zurückerlangt, er biss die Zähne zusammen.

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Er wollte nicht schreien. Und er schrie nicht mehr.

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"Habe ich viel ... Lärm gemacht," fragte er etwas zag die Schwestern.

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"Nun ja ... etwas ..." sagte lächelnd die eine Schwester, "und das seltsame war dabei, dass sich Ihre Stimme völlig verändert hatte, es war
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eine ganz hohe, helle Frauenstimme. Und Sie riefen andauernd: 'Sie dürfen nicht von mir gehen! Sie dürfen nicht von mir gehen. Jch bin noch so klein. Jch kann noch nicht allein sein.'"

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Da trat Professor G. ein, nahm Andreas' Hand und drückte sie leicht. "Das ging ja ausgezeichnet. Freuen Sie sich, dass Sie so gesund und frisch sind. Im übrigen muss ich Ihnen mein Kompliment machen. Sie haben ja einen ganz prachtvollen Sopran! Fragen Sie mal die Schwestern. Einfach erstaunlich! Sehen Sie nur zu, dass er Ihnen nicht verloeren geht. Der wird Ihnen in Ihrem künftigen Leben noch viel Freude bereiten."

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Andreas wollte sprechen. Doch der Arzt war schon wieder zur Tür hinaus. "Geben Sie noch eine Spritze." Das war alles, was der Professor im Fortgehen leise zu der einen Schwester gesagt hatte.

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"Geben Sie noch eine Spritze." Andreas sprach wie ein Kind die Worte nach, ohne sie recht zu begreifen. Und in wenigen Minuten schlug wieder der dunkle, stumme Nebel über ihm zusammen. -

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Gegen Abend wachte er durch einen Hustenanfall auf. Ihm war, als sollte sein ganzer Körper zerrissen werden. Der Husten war fürchterlich. Er versuchte, ihn zu unterdrücken. Es gelang nicht. Nie hatte er geahnt, dass husten so wahnsinnig schmerzen konnte. Wahrend der letzten Winter in Paris hatte er häufig dar husten müesen. Grete war dann immer sehr besorgt gewesen. "Ach was," hatte er dann geantwortet, "lass mich ruhig husten. Husten tut gut." - Und jetzt hätte er vor Höllenqual aufschreien mögen. Schon stand die Schwester neben seinem Bett. Sie sah ihn ratlos an. Zu trinken durfte sie ihm nichts geben.

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Endlich war der Anfall überstanden. Erschöpft lag er da. Die Schwester wischte ihm den Schweiss von der Stirn. "Sie haben gewiss in d viel geraucht?" fragte sie. "Vielleicht sogar noch gestern ..."

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Auf dem Tisch neben dem Bett liegt eine Schachtel Zigaretten.

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"Nehmen Sie sie weg. Schmeissen Sie sie aus dem Fenster, Schwester. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen. Nie im Leben kommt mir eine Zigarette oder Zigarre wieder an die Lippen." Wie einen Eid stösst er diese Worte aus. Lachend hat die Schwester die Schachtel an sich genommen. "Vergessen Sie nur nicht Ihren Gelübde!"

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"Das schwöre ich Ihnen und mir." Und er muss an die Importe denken, die Frau Inger ihm gestern fortgenommen hat. Es war die allerletzte Zigarre
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die Andreas geraucht hat ...

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Einige neue Hustenanfülle im Laufe des Abends vertieften seine plötzliche Feindschaft gegen alles, was Tabak heisst, so sehr, dass schon der Gedanke an Tabaksrauch in ihm Übelkeit hervorrief. - Und diese geradezu fanatische Abneigung gegen jeglichen Tabaksgenuss hat er auf Lili vererbt ...

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Niels wurde für einige Augenblicke zu ihm vorgelassen.

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"Das geht ja grossartig mit dir," begann er sofort.

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"Ach ja," mehr vermochte Andreas nicht über die Lippen zu bringen.

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Niels sah die Schwester erstaunt an.

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Sie flüsterte ihm zu: "Sie wundern sich gewiss über die helle Sopranstimme ..."

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Niels nickte. "Nicht zum Wiedererkennen ..."

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Dann setzte er sich auf den einen Stuhl neben dem Bett. "Ich soll von Inger Grüsse bestellen. Sie bringt dir morgen früh etwas sehr Hübsches. Du wirst Augen machen. Im übrigen ..."

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Da unterbricht Andreas ihn: "Niels, du nimmst es mir gewiss nicht übel .."

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"Aber was denn?"

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"Nicht sprechen .... ich hab solche Schmerzen ..."

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Die Schwester gab ihm einen Wink. Er ging leise aus dem Krankenzimmer hinaus. Und Andreas wimmerte: "Schwester, geben Sie mir eine Spritze ..."

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Und es war nicht die einzige, die er während der dieser Nacht bekam. Es war eine endlose, qualvolle Nacht. Erst gegen Morgen fand er kurzen, dumpfen Schlaf. Und aus dem Schlaf heraus hörte die bei Ihm wachende Schwester wieder und immer wieder seinen verströmenden Hilferuf: "Bitte, bitte, geben Sie mir eine Spritze."

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Es war eineAls er gegen Mittag völlig erwacht war, fühlte er sich kraftlos wie nach einer Wüstenwanderung. Doch die Schmerzen waren gleichsam ferner, schemenhaft geworden. Wenigstens, solange er sich nicht rührte. "Nur daran dürfen Sie jetzt denken," sagte die Schwester so oft zu ihm, "still liegen, kein Glied rühren!" Und es war so gut, diese Mahnung zu beherzigen. "Still liegen an, nichts anderes denken, kein Glied rühren." Wie ein Kind sprach er diese Worte immer wieder vor sich hin.

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Nur dann und wann zuckte ein Fragen in ihm auf: "Wer bin ich ... was bin ich ... was war ... was wird ...?"

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Da kam Frau Inger, - mit Blumen und einer grossen Flasche Eau de Cologne. Beide Hände streckte Einar Andreas entgegen. Blumen! Wie ihr Duft das Krankenzimmer verwandelten! Er presstt presste wie ein Durstender das bleiche Gesicht in das Blumenbunt hinein.

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"Ach, mich mit Eau de Cologne übergiessen, Frau Inger! Das ganze Zimmer durchträufeln!" rief er fast ausser sich vor Freude über ihr Kommen und ihre Gaben.Nie im Leben hat er gewusst, welch Himmelsgeschenk Blumenduft ist.

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Und wie gut Frau Inger war. Lautlos und lächelnd durchschwebte sie gleichsam den kleinen, schmucklosen Raum, - fast wie ein Mütterchen, dachte er, sie beobachtend, als sie sogleich eine Vase für den Blumenstrauss, sich von der Schwester besorgen liess, legte ein buntes Tüchlein, das sie heimlich aus ihrem Täschchen hervorholte, auf den Tisch, stellte dann die Vase mit dem Strauss auf die Fensterbank, blieb vor dem Fenster stehen und betrachtete den kranken Freund. Und dann setzte sie sich zu ihm ans Bett, streichelte die bleichen, zuckenden Hände des Kranken, sprach leise und zuversichtlich zu ihm, und siehe, er vergass Schmerzen und Ängste, - und sie, die früher immer "Sie" zu Ihm gesagt hatte, sprach jetzt im vertraulichen Du zu ihm. Das fiel ihm erst viele Tage später ein. Und sie nannte ihn während dieser ersten Tage nie bei Namen ...

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"Jetzt wird alles gut, du, alles, nur geduldig sein und gläubig sein, du ... Das Leben wird so schön werden. Glaub deiner Freundin, du, glaub es, ich weiss es ..."

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Und dann sass sie stumm neben dem Bett, streichelte die müde, fiebrige Stirn ... und die Zeit verging ... und sie schwebte wieder wie ein guter Traum hinaus ... Da war er längst wieder eingeschlummert.

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... Uund sie kam jeden Tag wieder zu ihm mit Blumen und guten Worten. So verging ein Tag, so vergingen zwei Tage, drei Tage. Einar Andreas schlief meist wie ein Kind, das noch gar nicht zu wirklichem, wachen Leben erwacht war. Und es gab auch gar keine Träume die langen, matten Nächte, durch die ihn barmherzige Schlummermittel hindurchhalfen. Und jeden neuen Morgen war Frau Inger bei ihm mit frischen Blumen und neuem Blumenduft. "Du bist jetzt mein guter Engel, Inger, mein liebes, barmherziges Schwesterlein ..."

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Da hatte sie ihm einen ganz herrlichen Frühlingsstrauss mitgebracht, und er wollte überglücklich ihre Hände küssen.

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"Diesmal darfst du nicht mir danken. Von einem guten, fernen Freund sind die Blumengrüsse, du."

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"Von Claude Lejeune ...?"

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Inger nickte nur.

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Und sie öffnete den weissen Umschlag, kleinen Brief, der an dem Strauss hing und las: "Jede Blume meines Sträussleins ist ein Gruss an Lili!"

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Lange verbargen die Blumen die Augen des Kranken. Auch Frau Inger konnte nicht sehen, dass die Augen viele heisse Tränen weinten.

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"Ob Claude sie jemals wiederfinden wird?"

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"Wen denn, du?"

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"Seine Lili."

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Das fragte der Kranke, als er Inger eine Karte gab, die mit ein paar hingeworfenen Zeilen beschrieben war. Ohne es zu wollen, hatte sie die Schrift betrachtet.

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"Hast du das geschrieben?" fragte sie wie erschreckt.

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"Ja, Inger."

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"Aber dann ist sie ja schon da, Claudes Lili ! ... Sieh doch nur?"

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Und er betrachtete die Karte und erkannte seine Schrift nicht wieder.

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Es war eine Frauenhandschrift ...

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Und Frau Inger eilte hinaus, der Assistenzarzt stand im Korridor, sie wies ihm die Karte. "Was sagen Sie dazu, Herr Doktor. Das hat doch kein Mann geschrieben?"

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"Nein," sagte der überraschte Arzt, "nein, Sie haben recht. Das ist wirklich wie ein Wunder. Eins nach dem andern bricht sich Weg."

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"Eins nach dem andern?" Frau Inger fragte dies.

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Einar Andreas hörte deutlich die Worte...

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Und der Arzt antwortete: "Haben Sie denn nicht die völlig veränderte Stimme bemerkt? Sie hat sich doch aus einem Tenor in einen klaren Sopran verwandelt."

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"Du," sagte zögernd Inger, als sie wieder im Krankenzimmer war, "du, du ..." Und dann konnte sie vor Schluchzen nicht weitersprechen.

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Als Einar Andreas wieder allein war, sprach er leise vor sich in ... wollte auf seine Stimme lauschen, wollte sie belauschen. "Ist das nun wirklich wahr, was sie sagen? Ist das nun wirklich wahr ...?" Und er lauschte und wollte den Ton der Stimme im Ohr festhalten, und sie starb wie verwehend hin. Er war schon wieder eingeschlummert.

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Plötzlich zerriss sein Schlaf. Nacht war um ihn. Ein entsetzliches Schreien drang in das Dunkel der engen Stubenwände herein. Ein Schreien, wie er es nie zuvor gehört hatte. Zuerst glaubte er, er selber habe geschrien. Er wollte nicht s chreien. Er biss die Lippen zusammen. Doch der Schrei aus dem Dunkel war schon wieder da. Nein, er hatte nicht geschrien. Der Schrei, wie der Schrei eines jungen, gemarterten Tieres, gellte und gellte ... Da hielt er es nicht länger aus. "Da wird jemand ermordet, Hilfe, Hilfe!" schrie er jetzt, er suchte den Klingelknopf, er schellte, er schrie, er wollte den Schrei aus dem Dunkel übertäuben. "Hilfe, Hilfe!" Die Tür wird aufgerissen. Das Licht unter der Zimmerdecke flammt auf. Die Krankenschwester steht atemlos vor ihm. "Um Himmels willen, was ist mit Ihnen geschehen?"

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"Mit mir?" Er blickt aus entgeisterten Augen. Schon wieder gellt der Schrei. Jetzt erfasst er, dass es von nebenan kommen muss, dieses fürchterliche Aufheulen ...

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"Ich bekam solche Sterbensangst, Schwester. Wen plagt man denn so entsetzlich? Liegt da jemand im Sterben? So helfen Sie doch."

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Die Schwester schliesst die Tür zum Korridor, zieht den beiseite geschobenen Filzvorhang vor die Tür, dass und sogleich scheint das Schreien wie in weite Ferne geschwunden ... "Nein, da stirbt niemand. Eine junge Frau hat ein Kind geboren ... ein kleines, süsses Mädel ... Es war ihr erstes Kindchen. In ein paar Tagen wird die junge Mutter wieder auf den Beinen sein. Was glauben Sie wohl, wie schwer es ist, zu gebären ..."

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"Doch, doch ... ja ... ja ..." er wusste gar nicht, was er antworten sollte.

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Er empfand nur eine tiefe, seltsame Scham, und dann musste er weinen. Die Schwester blieb lange bei ihm, sie versuchte ihn zu beruhigen, gab ihm schliesslich eine Spritze, dass alles, Unruhe, Scham, diese neue, fremde Scham und viele Fragen, die in ihm aufstiegen, in Nebelrauch versanken.

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Einmal Mehrmals während dieser wirren Nacht hatte die Schwester, die ihn erst im grauenden Morgen verliess, aus dem unruhigen Schlummer herausflüstern hören; - zuerst verstand sie das Geflüster nicht. Doch die Worte kehrten immer wieder. "Doch ... doch ..." wisperte es aus von seinen Lippen, "doch... doch ... ich muss mich ja selber gebären ..." Viel später hat die Schwester diese Worte dem, der sie gesprochen, wiedererzählt. doch da wusste sie längst, dass der, der diese Worte aus dem Schlummerdunkel geflüstert hatte, in ein anderes Wesen übergegangen war.

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Am nächsten Morgen war Inger wieder da.

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"Du," rief sie ihm freudestrahlend beim Eintreten entgegen, "duldu, weisst du, werd sich für die nächste Tage angemeldet hat?"

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"Grete?"

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"Ja, hier hast du ihren Brief."

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Aus einem grossen Frühlingsstrauss musste er hin den Brief herausholen, und er las noch darin, als Professor G. mit dem Assistenzarzt ins Zimmer trat.

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"Herr Professor, "rief Einar Andreas da," sagen Sie bitte, wann kann ich aufstehen?"

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"Aber wozu die Eile, es geht uns doch vortrefflich hier im Bett unter Blumen und milden Händen," und der Professor küsste galant Frau Ingers Hand.

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"Doch, doch, Herr Professor, es eilt, in drei Tagen trifft meine Frau ein."

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"Ihre Frau ..?" Der Professor sah stutzte, sah dann plötzlioh Frau Inger und dann seinen Assistenzarzt an. "Stimmt ja .... stimmt ja ... Na, abwarten, abwarten, - etwas verändert wird Madame Sie sicher wohl finden." Dann verliess er fast hastig mit seinemmBegeliter Begleiter das Zimmer, man sah ihm an, dass er sich Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken.

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Habe ich mich etwa lächerlich benommen, Inger?" fragte Einar Andreas nachdenklich. "Der Professor sah mich mit so komischen Augen an."

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"Dumme Lili ..." Das war alles, was Inger als Antwort wusste.

X

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Drei Tage später, früh morgens, mitten im Reinemachen der Klinik, bestaunt von den scheuernden, blitzblanken Hausmädchen und Klinikschwestern, traf Grete ein, ganz Pariserin, elegant, pelzvermummt, morgenfrisch.

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Die wachthabende Schwester wusste sofort, wer sie war.

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"Ah, Madame, nicht wahr, Madame Sparre?" begrüsste sie die frühe Besucherin. "Darf ich Sie führen. Sie werden mit Sehnsucht erwartet. Entschuldigen Sie das Durcheinander auf den Korridoren."

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Grete zog schnell den rechten Handschuh ab, reichte der Schwester die Hand, - und sie musste ein kleines Lächeln unterdrücken, als sie sah, wie ihre hoch rot gefärbten Nägel und ihre vielleicht noch stärker kolorierten Lippen und am allermeisten vielleicht wohl das Odeur, das sie in diese nach guter grüner Seife duftende Umgebung brachte, aller Augen auf sie lenkte.

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Ein paar Augenblicke nooh und sie stand im Krankenzimmer.

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Geräuschlos war sie eingetreten. Die Morgensonne betupfte spielend das weisse Bett, in dem sich wie aus einem Traum erwachend ein blasses Menschenwesen sehr langsam erhob. Zwei tief braune, grosse Augen blickten ihr entgegen. Ein Mund zuckte, aber die Lippen blieben stumm.

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Mit ausgebreiteten Armen stand Grete mitten im Raum, konnte sich nicht rühren. Sie kämpfte mit Tränen. Sie wollte nicht weinen. Sie wollte lächeln. Sie wollte ein frohes Wort als Gruss sagen. Doch die braunen, grossen Augen hielten sie fest. Viele, ewig lange Sekunden ... Da streichelte ein schmaler Sonnenstrahl das Krankengesicht, rieselte in den aufjauchzenden Blick der grossen, braunen Augen hinein, zündete darin ein silbernes Lichtlein an, es war der Glanz von zwei Tränenperlen ... Und Grete riss sich aus ihrer Erstarrung los ... und sank aufschluchzend vor dem Krankenbett nieder ...

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Was diese beiden Menschenkinder in dieser Stunde des Wiedersehens empfunden, durchlebt und einander gestanden haben im stummen Verweilen beieinander, vermag kein Wort festzuhalten.

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Spät abends, allein mit sich unddem Ansturm durcheinander wirrender Gedanken und Empfindungen, schrieb Grete diesen Brief an den fernen, treuen Freund in Paris, an Claude Lejeune:

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"Claude, nur andeuten kann ich, was ich heute hier durchgemacht habe. Ich glaubte, Andreas zu finden. Andreas ist tot. Denn ich fand ihn nicht wieder. Ein bleiches, süsses Wesen fand ich. Lili, und doch war es nicht Lili, wie wir sie in Paris gekannt haben. Es war eine andere. Es war ein neues Wesen. Neu in Stimme und Ausdruck des Auges, neu in dem Druck ihrer Hand, eine unsagbar Verwandelte. Oder war es ein Wesen, das auf dem Wege ist, sich selber ganz zu finden? Dies muss es wohl sein. So fraulich und unberührt von dem Leben. Nein, fraulich ist nicht das richtige Wort. Mädchenhaft muss ich wohl sagen. Vielleicht kindlich, tastend, mit tausend Fragen im Schauen. Eine "Nova Vita" ... Ach, ich suche hier nach Worten, selber bis ins tiefste erschüttert und hingerissen wie von einem Wunder. Und dennoch weiss ich, dass die Qual der Kreatur noch mit unerhörten Schmerzen Lilis sich allmählich aus Sohlacken dumpfen Schicksals
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entkapselnde Seele heimsucht ... Welch ein Geschick, Claude! Unfassbares Schauern schüttelt mich, überdenke ich all dies. Eine Gnade des Himmels ist es, dass Lili selber noch zu schwach ist, jetzt rückwärts und vorwärts zu blicken. Kaum dass sie imstande ist, ihren augenblicklichen Zustand völlig zu erkennen. Jch sprach mit den Ärzten. Dieser erste Eingriff, wie sie die äussere Geschlechtsumwandlung, die ja erst klinisch einen Beginn darstellt sei über alle Erwartungen günstig verlaufen. Andreas hat aufgehört, zu existieren, sagten sie. Seine Keimdrüsen, o, dieses mystische Wort, seien ihm genommen. Was jetzt noch zu geschehen sei, würde in D. bei Professor Kreutz vor sich gehen. Von Hormonen erzählten mir die Ärzte; ich tat so, als wüsste ich, was sie meinten. Jetzt habe ich mir ein Wörterbuch genommen und nachgelesen, dass es sich dabei um 'für Lebensvorgange wichtige Absonderungen innerer Organe' handelt. Aber klüger bin ich nicht geworden. Muss man denn aber mit Klugheit und Wissen sich ausrüsten, um ein Wunder begreifen zu können? Muss man überhaupt ein Wunder begreifen? Ich nehme das Wunder hin wie ein gläubiger Mensch. Was ich hier in der Klinik gefunden habe, möchte ich die Enträtselung des geliebten Wesens nennen, dessen Leben und Qual uns allen, die wir es die vielen, schweren Jahre daheim mit erlebt haben, uns als ein unlösbares Rätsel empfunden haben ... Enträtselung ... Das ist es wohl. doch die Enträtselung ist noch nicht vollbracht. Jch weiss es. Lili ahnt es. Ihren zerschundenen Leib darf sie selber noch nicht sehen. Er liegt verbunden und verschnürt, ihr selber und wohl auch den Ärzten nooh ein Geheimnis, das erst Kreutz ganz lüften darf. Sie alle hier, die Ärzte, die Schwestern, unsere Freunde Niels und Inger, haben mir ihre Verwunderung über die unerhört grosse äusserliche Veränderung an "unserm Patienten" mir gegenüber nennen - denn sie wissen noch nicht recht, ob sie dieses leidende Wesen noch als Mann oder aber sohon als Weib ansprechen sollen, - unverhohlen ausgedrückt. Was ist ihre Verwunderung gegen meine? Sie haben das kranke Wesen jeden Tag jetzt gesehen. Aber ich, nur wenige zwei Wochen von ihm getrennt gewesen, ich hätte dieses geliebte Menschenkind jetzt kaum wieder erkannt. Und so wie es mir ergangen ist, wird es einst Dir ergehen, Dir und Elena und Ernesto, denen Du diese Zeilen zeigen muss. Denn mehr kann ich heute nicht schreiben. Nur noch dies, dass Lili, diese laue, süsse Lili wie, oh, ich muss es aussprechen, weil es die Wahrheit ist, wie ein Schwesterchen in meinen Armen lag, viel, viel Tränen weinte und einmal ganz leise schluchzend zu mir sagte: "Bist du mir auch nicht gram, dass - - (und da sah sie mich mit fassungslosen Augen an) Andreas dich um deine schönsten Jahre betrogen hat?" - Claude, ich konnte vor Erschütterung kein Wort über die Lippen bringen, - und als ich es endlich hätte aussprechen können, was ich fühlte, da wagte ich es nicht. Nicht mich, dachte ich, hat Andreas betrogen, nicht mich, wohl aber dich, Lili, meine süsse, blasse Lili, dich um deine jungjungen Mädchenjahre ... Claude, Du und ich und wir alle müssen der betrogenen Lili helfen, Andreas Betrug an ihr wieder gut zu machen ..."

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Viele Monate später hat Lili diesen Brief gelesen. Claude gab ihn ihr.

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Am nächsten Morgen, - die Nacht hatte Grete allein in einem Hotel verbracht, - machte die Oberschwester den Vorschlag, noch ein Bett in das Krankenzimmer
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zu stellen, damit Grete bis zur Abreise nach Dresden, die in wenigen Tagen würde stattfinden können, in der Nähe des Patienten sein konnte.

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"Herrlich," flüsterte Grete entzückt, nahm die Schwester bei der Hand, zog sie mit sich hinaus in ein Nebenzimmer, das leer stand, hatte geschwind ein Köfferchen, das sie im Korridor hatte stehen lassen, geholt, öffnete es geheimnisvoll und wisperte fast unhörbar, "liebste Schwester, aber jetzt dürfen wir nicht mehr von dem Patienten sprechen." Die Schwester begriff nicht, was Grete damit meinte, sah sie nur fragend an.

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"Bitte," mit schnellem Griff hat Grete aus dem Köfferchen ein entzückendes Seidennegligé hervorgeholt, "ist das nicht goldig?"

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"Wie Sie das kleiden wird, gnädige Frau!"

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"Mich? ... Nein, Schwesterchen, das ist ein Geschenk von unserer Pariser Freundin für unsere - - Patientin dadrinnen!" Und sie tupfte ihre leuchtend rot gefärbten mandelförmigen Fingernägel beschwörend auf den erstaunten Mund der Schwester. "Aber bitte, nichts verraten - vor morgen früh!"

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Und als es wieder Morgen war, sass im duftigsten Pariser Negligé eine junge Dame, noch recht blass und zag, aber dennoch so grenzenlos froh, in dem weissen Krankenbett. Und der Assistenzarzt traute kaum seinen Augen ob dieser Verwandlung. "Fabelhaft! Mein Kompliment, gnädiges Fräulein! Und wenn Sie sehr brav und vorsichtig zu sein versprechen, dürfen Sie heute zwei Stunden aufstehen und sich Ihrer erstaunten Umwelt zeigen! Aber bitte schön, nur hier im Zimmer! Mehr dürfen wir uns noch nicht zutrauen!"

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Eine Schwester nach der anderen huschte herein. Grenzenloses Erstaunen bei allen. "Fräulein Lili," sagte die Oberschwester und nahm das bleiche, bebende Geschöpf mütterlich in die Arme.

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So und nicht anders nahm man in der Berliner Klinik das an diesem noch recht müden Menschenwesen geschehene Wunder hin, ohne Neugier, ohne langes Prägen, und als abends sich Professor G. zur Visite einfand, küsste er mit galanter Selbstverständlichkeit seiner Patientin die zitternde Hand. "Bonsoir, Mademoiselle," sagte er, "ich beglückwünsche Sie. Sie sind auf dem besten Wege."

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Dann erst bemerkte er Grete. "Ah, Madame, willkommen."

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Einen Augenblick lang standen sich der Professor und Grete nicht ohne verhaltene Erschütterung stumm gegenüber.

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Dann brach Lili das Schweigen. "Ja, Herr Professor, das ist Madame Grete, die ..."

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Der Professor fand ein gütiges Lächeln. "... ich weiss, die mit dem uns auf so mirakulöse Weise entwichenen Herr Monsieur Andreas Sparre verheiratet war. Männer sind nun einmal untreue Wesen, Madame." Und damit war auch in diesem Augenblick auf echt deutsche, sachliche Welse, wie Grete später ihren Freunden erzählt hat, das erlösende Wort gefunden worden.

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Vielleicht etwas unbeteiligt nahm Lili selber alldies während ihrer ersten Berliner Tage hin. Man konnte ihr kaum irgendwelche Erregung anmerken, eher eine Art Entspannung. Ohne Verwunderung nahm sie fortab die Anrede "gnädiges Fräulein" oder "Fraulein Lili" aus dem Munde der Schwestern hin. Auch vermied sie es, irgend einen verwunderten Blick der anderen durch ein Wort oder auch nur durch eine Geste zu erwidern. Dies fiel vor allem Frau Inger und dem Freunde Niels auf.

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"Wir müssen sie in Frieden lassen," sagte dann heimlich Grete zu ihnen. Sie ruht in sich aus. Es ist ja alles erst eine Art Übergang. Der grosse, befreiende Aufschwung bereitet sich in ihr erst vor."

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Und in diesen Tagen begann Grete, ein Tagebuch zu führen. Jeden Abend trug sie darin ihre Beobachtungen, ihre Erlebnisse, die im Zusammensein mit der neuen Lili auf sie einstürmten, ein. Einfache, leise, wie tastende Sätze, auf der Suche nach dem Weg der Freundin, diesem schweren, wunderbaren Weg, auf dem Lili kaum die ersten Schritte versucht hatte ...

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Hier ist ein Blatt dieses begonnenen Tagebuches:

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"Mit unsagbarer Geduld erträgt Lili die täglichen Begleiterscheinungen nach einer so schweren Operation. Wohl weint sie und jammert sie, wenn ihr geplagter Leib abends und morgens neue Verbände erhält, wenn Klammern gelöst und Fäden abgetrennt werden müssen, wenn die noch frischen Narben bepinselt werden. "Das muss wohl so sein," sagt sie mit einer Geduld, die ich nie vorher an ihr erlebt habe. Sie hat nur einen Wunsch, bald nach Dresden zu kommen, zu ihrem Professor. Nur so spricht sie von ihm, oder sie nennt ihn ihren Wundermann. Von der
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Vergangenheit spricht sie mit keinem Wort. Es will mir oft scheinen, als habe sie nooh gar keine Vergangenheit gehabt. Als glaube sie auch noch nicht recht an eine Gegenwart. Als erwarte sie erst von Kreutz, ihrem Wundermann, ihren eigentlichen Lebensbeginn."

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Hier eine andere Eintragung:

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"Mit Inger hatte ich heute, ohne dass Lili wusste, was wir vor hatten, Besorgungen gemacht. Wir müssen uns ja für die Reise nach D. vorbereiten. Nachmittags kamen wir wieder zu Lili. Einen grossen, bunten Karton brachten wir mit. "Rate einmal, was wir für dich mitgebracht haben," sagte ich sehr froh. Lili sah uns ruhig und ohne Lächeln an. "Jch weiss es nicht." Das war ihre einzige Antwort. Dann öffnete Inger den Karton. Darin lag ein herrlicher, brauner Pelzmantel. "Der ist für dich, Lili," sagte Inger, breitete den Pelz vor Lili aus, zeigte ihr das schöne, warme Seidenfutter. "Wird Professor Kreutz mich nicht ausschimpfen, wenn ich so zurechtgemacht vor ihn hintrete? Er erkennt mich ja gar nicht wieder." Und ihre Augen waren sehr, traurig geworden. - Gott, ihre Augen ... Eigentlich sind sie immer traurig, auch wenn sie lächeln. Andreas hatte ganz andere Augen. Auch die Lili in Paris. Ich glaube, die Augen der Lili von heute sind noch nicht richtig wach geworden. Sie glauben noch nicht richtig ... Oder mag sie es noch nicht zeigen, dass sie glaubt?"

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Es war noch richtiges Winterwetter in Berlin, als Lili einige Tage später, in ihren neuen, allerersten Pelz vermummt, zum ersten Mal die Klinik für einige Stunden verlassen durfte. Der Professor hatte ihr eine Autofahrt "verordnet". - "Wir müssen uns nun jeden neuen Tag für die grosse Reise nach D. vorbereiten, Gnädigste, "erklärte er," etwas Luft schnappen, unter Menschen kommen, neue Kräfte sammeln."

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Unter Menschen kommen ... Bei diesen Worten horchte Lili auf. Eine heimliche Furcht befiel sie. Sie liess sich aber nichts anmerken. Niels und Inger holten sie mit Gerda Grete , die nicht von ihrer Seite wich, ab.

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Als Lili vor der Klinik stand, matt auf Niels' Arm gestützt, war die Furcht aufs neue da ... Ängstlich, scheu zag , wie eine Gefangene, die nach ewig langer Haft befangen zum erstenmal wieder die blaue, gute helle Luft der Freiheit einatmet, sah sie aus, blickte sich scheu um scheu
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sich umblickend, als fürchte sie, dass alles um sie herum nur ein Trug sei.

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Sie zögerte, weiter zu gehen.

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"Komm nun, Kind," sprach Gerda -@Editor: #PLC leise zu ihr.

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"Sie ist hochmütig," lachte Niels, "sie will natürlich allein gehen."

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"Nein, nein," sehr erschrocken kamen Lilis Worte, "mich nicht allein stehen lassen. Nur noch einen Augenblick. Ich muss die Luft erst einmal wieder richtig schmecken. Diese Luft ..."

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Als Lili, eng an Gerda geschmiegt, im Wagen sass, schloss sie lange, lange die Augen. "Kümmert euch nicht um mich. Ich muss mich erst wieder an alldas gewöhnen ... an alldas ... alldas ..."

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Und so fuhr sie wie eine Blinde durch das brausende Leben des Kurfürstendamms, wie eine Schlafwandlerin, stumm, verschlossen, in sich verriegelt ...

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Zwei Stunden währte die Fahrt. Dann brachte Gerda die Müde wieder in ihr Krankenbett. Kaum, dass sie von den herbeigeschafften Speisen ein wenig genippt hatte, war sie scho eingeschlummert. Bis in den nächsten Morgen währte der Schlaf.

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Gegen Mittag holte Niels sie beide wieder ab. Lili war schon viel beherzter geworden. "So, heute will ich euch nicht langweilen. Auch mich nicht. Jch habe sogar ordentlich Hunger - auf Menschen ..."

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"Sind wir etwa keine?" fragte belustigt Niels.

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"Doch, aber fremde Menschen ... ja, fremde Menschen einmal Wiedersehen."

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"Ausgezeichnet, glänzender Vorschlag, meine Gnädigste", - und jetzt entschied Niels, dass bei ihm "diniert" werden sollte, zur "Feier des Tages". Geheimnisvoll liess er vor einem Telefonkiosk den Wagen halten, stieg aus, - er wolle Inger nur verständigen. Und mit noch geheimnisvolllerer Miene kehrte er zurück.

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In einer viertel Stunde war man angelangt. Inger empfing die Freundinnen draussen vor der Korridortür. Einen grossen Strauss herrlichster Rosen drückte sie Lili in die Arme. "So, nun tapfer sein, Lilikind, jetzt findest du alles, was dein Herz begehrt." - Und dann wurde ihr eröffnet, dass drinnen eine - junge Dame aus Kopenhagen , die weder Lili noch Gerda noch - Andreas kannte, der man den Besuoh einer "gerade aus Paris importierten Französin" angekündigt habe.

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"Um Himmels willen," rief fast ausser sich Lili.

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"Keine Widerrede. Du hast jetzt die "importierte Pariserin" zu
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spielen," erklärte Inger, "meine Freundin weiss, dass du weder deutsch noch dänisch verstehst. Und sie versteht keinen Muck französich. Ich hab ihr gesagt, dass du eine schwere Krankheit durchgemacht hast und noch sehr erholungsbedürftig seist. Also nun keine Dummheiten gemacht. Du verstehst weder deutsch noch französisch dänisch !" Und schon hatte Niels die Widerstrebende beim Arm genommen. "Hereinspaziert, meine Lieben!" kommandierte er, und ehe sie noch recht zur Besinnung kam, sass Lili mit ihrem Rosenstrauss in dem weichen, tiefen Sessel seines Arbeitszimmers, in dem vor kaum drei Wochen eine ganze, tiefe, ehrliche Nacht hindurch Andreas Sparre die wirre Wanderung seines Lebens ihm hingebeichtet hatte ...

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"Durchhalten, durchhalten," flüsterte Grete ihr ins Ohr.

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"Gut, gut, du Gute," antwortete Lili, "ich halte durch. Und muss es ja noch lange."

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Da öffnet sich die Tür ... eine junge Kopenhagener Schauspielerin, die Gerda und Andreas seit vielen Jahren kannte, stand vor Lili ...

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Lili glaubt, dass ihr das Herz zerspringen muss. Fieberröte schiesst in ihr blasses Gesicht. Nein, ruft sie sich selber zu, nein, nein ...

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Doch niemand merkt ihr auch nur die geringste Erregung an.

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"Darf ich vorstellen," beginnt lächelnd Frau Inger, "Fräulein Karen W. ... Mademoiselle Julie S ..." Und dann sich an Gerda Grete wendend: "Ihr beiden kennt euch ja."

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"Aber ja," ruft Karen W. begeistert, "wie geht es Ihrem Gatten Andreas?" Und Gerda Grete erklärt sogleich, dass es Andreas vorzüglich gehe, dass er leider wegen Arbeitsüberhäufung Paris nicht habe verlassen können ... Lili sitzt da, hört das auf dänisch geführte Gespräch völlig unberührt an, beantwortet jede Frage, die Fräulein Karen auf dänisch stellt und von Gerda Grete oder Inger geschwind ins Französische übertragen wird, im elegantesten Salonfranzösisch ....

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Das Mädchen bittet zum Essen. Lili lässt sich von Niels ins Esszimmer geleiten. Die Konversation sprudelt von einer Sprache in die andere spielend dahin, Lili agiert die vollendeste Pariserin, die auch nicht die leiseste Ahnung so tut, als habe sie nie im Leben ein dänisches Wort gehört. Wie eine Selbstverständlichkeit nimmt sie Fräulein Karens Komplimente über ihr "unerhört schickes Pariser Kostüm" hin, - diesmal spielte Niels den Dolmetsch, und Lili vergass in der Freude
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über dieses recht überschwängliche Lob ihres Anzuges, dass ihre flugs besorgte Garderobe durchaus nicht Pariser Ursprungs war, sondern aus einem Berliner Damenatelier stammte.

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Nicht durch ein Minenspiel verriet sie sich. Wohl musste sie sich manchmal auf die Zunge beissen, ums sich nicht plötzlioh in das auf dänisch geführte Gespräch zu mischen ... Fast zwei Stunden währte diese Komödie. Es wurde viel gelacht ... auf dänisch. Und Lili lachte erst, sobald man ihr den Grund des "dänischen Gelächters" französisch übersetzt hatte ...

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Dann konnte sie nicht mehr ... Sie war zum Umsinken müde. Und sie bat Gerda, sie - in ihr Hotel zu geleiten.

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Lächelnd verabschiedete sie sich von Fräulein Karen.

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"Nächstesmal, sehen wir uns, werde ich auf französisch radebrechen," rief die junge Kopenhagenerin ihr noch nach. "Auf Wiedersehen in Paris ... und Frau Gerda Grete , ja nicht vergessen, Monsieur Andreas von mir zu grüssen ..."

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Niels begleitete sie beide wieder in die Klinik.

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"Nein," sagte er, Fals sie im Wagen sassen, "nein, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Jetzt glaube ich sogar felsenfest an Wunder." Lili sank müde in sich zusammen. Stumm liess sie sich wieder durch die jetzt aus tausend und abertausend Lichtern funkelnde, dröhnende Riesenstadt fahren. In ihrem Gesicht gab es kein Lächeln. Als si der Wagen vor der Klinik hielt, musste Niels Lili in ihr weisses, nach von jungem Fliederduft durchwehtes Zimmer tragen. Er trug eine Schlafende. Und erst als sie nach fast zwölfstündigem Schlaf wieder erwachte, erfuhr sie, dass der ferne Claude Lejeune ihr den mattlilafarbenen Frühlingsgruss gesandt hatte. -

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So verlief Lilis erstes Zusammentreffen mit einem - fremden Menschen.

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"Dass sie mich nicht wieder erkannt hat ..." fast wehmütig sagte sie dies.

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"Aber Kind," entgegnete Grete lächelnd, "das sollte dich doch froh machen. Lili, meine neue Lili kennt ja noch niemand draussen. Du sollst doch erst mit dem Leben anfangen ..."

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An diesem Morgen konnte Grete noch nicht verstehen, noch nicht fassen, dass Lilis TrauerWehmut Furcht vor Freundearmut war ...

XI.

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Am nächsten Morgen traf die erste Nachricht von Professor Kreutz aus D. ein. Alles sei zur Aufnahme bereit. Falls der körperliche Zustand des Patienten -@Editor: PLC es im übrigen erlaube, könne sogleich die Reise nach D. angetreten werden. Zuvor sei nur noch ein Besuch bei Dr. K., der vor kaum zwei Wochen Andreas Sparres Blut untersucht hatte, zweckmässig, damit dieser Arzt auch das Blut des Patienten nach der ersten, jetzt in Berlin vorgenommenen Operation untersuchen könne ...

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Grete las Lili dieses Schreiben vor, sehr langsam, ihre Stimme bebte vor Erregung, sie riss sich jedoch zusammen. "Gut, Lili, dann wären wir also so weit. Was meinst du?"

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"Wir fahren natürlich morgen früh."

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"Eh bien, dann müssen wir also heute noch zu Dr. K."

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Und schon war Grete auf den Korridor hinausgeeilt, um sich mit dem Laboratorium des Biochemikers Dr. K. verbinden zu lassen.

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Als sie wenige Minuten später zurückkam, mit der Nachricht, dass Dr. K. erst in einer Stunde anwesend sein würde, fand sie Lili mit dem Brief von Professor Kreutz in der Hand vor dem Fenster stehen.

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"Lili, wir können uns gleich auf den Weg machen. Wir können ja etwas zu Fuss gehen. Das wird dir nur gut tun."

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"Nein, nein, nicht gehen." Wie ein erschrecktes Kind rief Lili dies. "Ich ... mag mich noch nicht ... auf der Strasse zeigen ..." Und dann kamen die Tränen.

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Grete streichelte die Erregte leise. "Gut, wir fahren."

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Unterwegs erzählte Grete dann ganz beiläufig, dass die Assistentin des Arztes, mit der sie telefoniert habe, ihren Namen nicht verstanden habe. "Es war ja auch etwas schwierig, ihr klar zu machen ..." Mehr sagte Grete nicht.

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Zufällig kam ihr Wagen gleichzeitig mit dem Auto von Dr. K. vor dem Lanoratorium an.

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"Guten Tag, Herr Doktor," sagte Lili, ihn sogleich wiedererkennend, und reichte ihm die Hand hin.

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"Guten Tag, gnädige Frau," antwortete der Arzt augenscheinlich erstaunt, als suche er in seinem Gedächtnis nach ihrem Namen.

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Lili blickte jetzt ratlos vor sich hin, sah dann, wie Hilfe suchend, Grete an, fasste sich endlich ein Herz und stammelte verlegen: "Jch bin -
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ich bin aus der Klinik von Herrn Professor A. - auf Veranlassung von Herrn Professor Kreutz - ich bin Lili Sparre ..." Es war das erste Mal, dass sie ihren Namen in Deutschland aussprach ... sie hörte sich selber sprechen. Eine unsagbare Scham brannte in ihrem Blut ... Starr blickte sie den Arzt an. "Erkennen Sie mich denn nicht wieder, Herr Doktor?"

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"Aber natürlich, gnädige Frau, natürlich," antwortete Dr. K., nicht weniger verwirrt als Lili, und man hörte seinen Worten an, dass er keine Ahnung hatte, wen er vor sich hatte.

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"Es handelt sich um eine Blutprobe, so viel ich verstehe," fuhr er recht nervös fort, führte die beiden Damen unter durch die Vorhalle und dann in das Wartezimmer.

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"Ja, Herr Doktor, - aber erkennen Sie mich immer noch nicht wieder?" Jetzt musste Lili lächeln. Gretes Augen schienen zu frohlocken. Der Arzt wurde nur noch verwirrter. "Sparre ... Sparre ... Natürlich, der Name klingt mir bekannt ... Vor ungefähr vierzehn Tagen war ein Herr Sparre bei mir ... ebenfalls von Herrn Professor A. zu mir geschickt ... Aber ich entsinne mich nicht, dass Sie, gnädige Frau ..."

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"Der ... Herr ... und ... ich ..., Herr Doktor, ... ist ja ein und dasselbe ... Wesen... Herr Doktor," stammelte Lili.

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"Wie beliebt?" Völlig entgeistert blickte Dr. K. von einer Dame auf die andere, - sah dann, wie geistesabwesend, auf seine Taschenuhr, verbeugte sich schnell, "Oh, Sie entschuldigen mich einen Augenblick, - die Damen sind Ausländerinnen, natürlich ..." Und schon war er aus dem Wartezimmer heraus.

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Lili blickte ausser sich vor Verwirrung Grete an. "Jch glaube, ich verliere den Vertsn Verstand."

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Grete lachte. "Der Ansicht ist dein Doktor sicherlich ebenfalls. Er hat bestimmt keinen Ton von dem, was du ihm da erzählt hast, verstanden."

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Da begann Lili plötzlioh hell aufzulachen. "Aber das ist ja herrlich. EinEr erkennt mich also auch nicht wieder ... Jetzt fang ich auch an zu glauben ..."

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Eine junge Schwester war hereingekommen und bat sie mit ihr zu gehen. Der Arzt wartete in dem Laboratorium, das Lili sofort wieder erkannte, auf sie, hielt ein kleines Instrument, einer Morfiumspritze ähnlich,
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in der Hand, eine durchsichtige Glasspritze, lächelte, immer noch etwas befangen. "Bitte schön, gnädiegFraugnädige Frau ..."

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Sie hörte die Anrede im Ohr aufklingen ... gnädige Frau ...

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"Bitte schön, gnädige Frau, wollen Sie hier Platz nehmen ... und den Ärmel etwas hochschieben ... bis über den Ellbogen ... damit ich die Ader frei bekomme ... So, danke verbindlichst, gnädigeFrau ..."

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Lili fing mit einer nie gekannten Hellhörigkeit Wort für Wort auf, ihr war, als blieben die Worte im Raume hängen ... ihre Augen sahen unverwandt auf die Spritze, deren Nadel sich behutsam in die weisse Haut ihres Armes bohrte, sie sah, wie sich der Glasbehälter langsam mit ihrem Blut füllte, gnädige Frau, wie ein Rauschen glaubte sie diese Worte aus dem Sickern ihres Blutes zu hören, gnädige ... und dann wurde sie ohnmächtig. -

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Als sie wieder zu sich gekommen war, sah sie sich scheu um.

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Der Arzt stand lächelnd neben dem Operationsstuhl.

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"Habe ich lange hier gelegen, Herr Doktor?"

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"Aber nein, kleine Frau, nur ein paar Minuten ... Tat es denn so weh? ..." Herr Sparre "Weh ..." Lili blickte sich verwirrt um. "Weh ... nein, nein, ich bin sonst eigentlich nicht so wehleidig ... Das müssen Sie doch wissen ..."

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"Richtig, das war Herr Sparre ja auch nicht ... Sparre, wenn ich recht verstanden habe, gnädige Frau, Ihr Gemahl ..."

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"Mein? ... ja ... ja ..." Sie wusste vor Verwirrung nicht, wohin mit ihren Augen.

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Jetzt lachte der Arzt. "Also habe ich vorhin doch richtig verstanden. Die deutsche Sprache ist eine schwere Sprache. Es war sehr lustig, wie Sie sich vorhin ausgedrückt hatten, - so, als hätten Sie gesagt, Sie und Jhr Gatte wären ein und dieselbe Person ... Hahaha ..."

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"Aber Herr Doktor ..."

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"Liebe, gnädige Frau, glauben Sie mir, auch unsereins sagt die unglaublichsten Dummheiten, wenn er sich einmal in einer fremden Sprache verständlich machen soll ... Sie sind nicht die Einzige ... Nein, nein ... Übrigens, um von Jhrem Gatten zu sprechen, - eine wirkliche stählerne Natur, wirklich, - jetzt entsinne ich mich natürlich, - so krank und mitgenommen er auch aussah, neulich, als ich ihn im selben Stuhl vor mir hatte, in dem Sie jetzt sitzen, - mit keinem Wort streifte er sein
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Leiden, lehnte jede Hindeutung bewusst ab ... stattdessen unterhielten wir uns, wie es bei Männern nun einmal auch hierzulande zur Übung geworden ist, zumal wenn der eine Part aus dem Ausland kommt, über Politik, - während ich ihm etwas Blut abzapfte. Dass soetwas nicht schmerzlos vor sich geht, weiss ich natürlich sehr wohl, auch wenn Jhr Gatte so tat, als ob ... Und zwar mit Erfolg. Während Sie, gnädige Frau ..."

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"Aber ich bitte Sie, Herr Doktor ..."

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"Aber meine Gnädigste, das ist doch Ihr verbrieftes Vorrecht ... Sie als Repräsentantin des schwächeren Geschlechts, - während Ihr Herr Gemahl als, wenn ich mich als Arzt so ausdrücken darf, Prototyp des masculini generis ..."

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"Liebster Herr Doktor," Lili lachte jetzt schallend, - sie hatte sich erhoben und sah ihn, übermütig fast, in die Augen, "wenn Sie ahnten, welch eine Lektion Sie mir mit Ihren Worten erteilt haben!"

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"Lektion?", - der Arzt neigte sich ritterlich zu ihrer Hand nieder, "aber ich bitte Sie, meine Gnädigste, ich bewundere Sie geradezu. Unaufgefordert lassen Sie an sich die gleiche Blutprobe vornehmen wie Ihr Gatte, - was übrigens sehr vernünftig war. Soetwas bringen nur Frauen fertig! Geteiltes Leid, halbes Leid ... Habe ich mich nicht gut aus der Affaire gezogen?"

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"Vortrefflich, Herr Doktor. Und nun auf Wiedersehen!"

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"Auf Wiedersehen, und meine besten Empfehlungen an den Herrn Gemahl!

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"Grete, Liebste," sagte Lili, als sie mit ihr zusammen wieder im Freien standen, - "ich bin jetzt so weit, dass ich stillschweigend, ohne mit de n r Wimpern zu zucken, die irrsinnige Komik der Situation, die ich soeben vor mir gesehen habe, mit fröhlicher Gelassenheit hinnehmen will. Täte ich es nicht, ich müsste entweder irrsinnig werden oder aber - - mich selber verlieren. Weder das eibe noch das andere darf geschehen. Denn ich muss mich ja erst - finden .... ganz finden ... Dies alles ... heute mit dem Arzt ... gestern mit der jungen Kopenhagenerin ... wie in einem Dämmerzustand erlebe ich es."

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Diese Worte schrieb Grete noch spät abends in ihr Tagebuch nieder.

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"Lili ist ja immer noch und wohl noch lange auf der Suche nach ihrer Bestätigung ... Man wird es ihr nicht leicht machen ... Man ... damit meine Page 126 ich - die einstigen Gefährten von Andreas ..."

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"Komm," sagte Lili, "jetzt will ich meinen ersten Spaziergang durch Berlin machen."

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Und so gingen sie beide von Dr. K.s Laboratorium durch das Getümmel der grossen Stadt sorglos und froh zwischen fremden Menschen dahin. Es war ein junger, sonnenblanker, früher frischer Frühlingstag. Der Himmel war wolkenlos und seidig blau. Die Luft fühlte sich an wie eine einzige Liebkosung. Die Gesichter der Menschen, denen sie begegneten, hatten so leuchtende, frohe Augen, stellte Lili froh bewegt fest. "Ob ich wohl auch so aussehe, Grete?", fragte sie viele Male. Und wie sie so dahin wanderten, Arm in Arm, blieben sie oft vor Schaufenstern stehen, Auslagen von "fraulichen Läden", wie Lili lächelnd immer wieder sagte.

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Sie konnte sich nicht satt sehen vor all dieser Pracht von "Seidigem", und sie spiegelte sich selber in jeder Vitrine. "Grete, sag mir, sehe ich - gut aus in meinem Pelz ... Sehe ich anders aus als - du?" Und Grete lächelte sie an. Sie brauchte nicht zu lügen. "Kind, denk doch nur an deinen Dr. K. - und sei froh, dass wir so weit gekommen sind."

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Und Lili fragte nicht mehr. Nur dann und wann streifte ihr Blick wie forschend Menschen, die vorübergingen. Ein unablässiges Fragen wühlte in ihr. Doch sie liess es nicht laut werden. Und sie zwang sich, ein frohes Lächeln zu zeigen und sich selber immer und immer wieder zuzuflüstern: "Niemand kennt mich und mein Schicksal hier in der grossen Stadt. Niemand misstraut mir. Niemand. Jch darf in Frieden mein Geheimnis mit mir herumtragen. Niemand errät mich. Und es ist heller Tag. Mit viel Sonne. Und die Sonne wird noch viel schöner werden. Viel schöner. Jch werde es auch erleben ... ja .. ja .. ja .."

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Recht müde hing sie an Gretes Arm. "Grete," sagte sie einmal, "Grete, du schämst dich meiner doch nicht ..."

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Als Grete sie überrascht ansah, tat Lili so, als sei ihr etwas ins Auge geflogen.

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"Aber was ist dir? ..."

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"Nichts ... nichts ... wir fahren morgen ja nach D resden ... Und ich freue mich, dass Niels uns begleiten will ... Mitunter überfüllt mich solche Angst ... Jch weiss nicht, weshalb."

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Dieses Angstgefühl steigerte sich in der letzten Nacht vor der Abreise nach D. so sehr, dass Grete die Oberschwester zu Hilfe rufen musste.

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Lili weinte und weinte viele, müde, verzweifelte Stunden lang. "Jch kann nicht ... ich kann nicht ... Wie soll ich Professor Kreutz vor unter die Augen treten ... Er kennt mich ja nicht ... er weiss ja gar nicht, wer ich bin ... ich fürchte mich ... ich möchte am liebsten vorher sterben ..."

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Und als sie endlich nicht mehr weinen konnte, da lag sie, mit starren, leeren Augen vor sich hin starrend, in ihrem Bett.

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Tausend Ängste fassten sie an. Die Bahnfahrt nach D. -, inmitten von fremden Menschen ... die Ankunft in einer fremden, grossen Stadt ... der Weg in die neue Klinik ... wieder fremde Menschen ... mit neugierigen Augen ... und dann der Professor ... wie wird er sie empfangen ... sie? ... sie? ...

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Lili wusste selber nicht, was in ihr vorging ...

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Grete hatte längst die Koffer gepackt, hatte viele, frohe Worte zusammengefunden, hatte von gleichgültigen Dingen erzählt, - teilnahmslos hatte Lili dagelegen. "Und morgen soll ich vor Professor Kreutz stehen ... und niemand kann mir helfen ... niemand ..." Immer wieder sprach sie flüsternd diese Worte. Und wenn Grete ihr sagte, dass sie und Professor Kreutz doch nur einen einzigen Gedanken hätten, ihr beizustehen, und dass es undankbar sei, jetzt, gerade jetzt zu verzagen, dann schüttelte Lili nur sehr müde den Kopf. "Grete, ich weiss es besser ... ich weiss es besser ... Niemand kann mir helfen ... Es ist viel zu schwer für einen müden Menschen ..."

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Früh morgens, Grete schlief noch, - sie war so spät erst eingeschlafen, - stand Lili auf, zog sich an, betrachtete sich, ging leise, damit sie Grete nicht störe, vor dem Schrankspiegel nicht sehr grossen Spiegel, den Grete mitgebracht hatte und über dem in einen Toilettentisch ver- umgewandelten Nachttisch provisorisch aufgehängt hatte, auf und ab. - Nein, nein, sie gefiel sich nicht ... Hässlich und ausdruckslos erschien ihr ihr eignes Spiegelbild ... eine trübe, müde, blutleere Larve ...

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Und mit leeren Augen setzte sie sich auf den einen Koffer nieder, legte den wirren Kopf in die Hände und hatte gar keinen Gedanken mehr im Kopf ...