Man Into Woman - Ein Mensch wechselt sein Geschlecht (German Edition)

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LILI ELBE

EIN MENSCH WECHSELT SEIN GESCHLECHT

Herausgegeben von Niels Hoyer



               Lili Elbe im Park der „Staatlichen Frauenklinik''
               
                    zu Dresden zusammen mit der Frau Oberin im Juni 1930 Nach der
                    Operation
Lili Elbe im Park der „Staatlichen Frauenklinik'' zu Dresden zusammen mit der Frau Oberin im Juni 1930 Nach der Operation

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LILI ELBE

EIN MENSCH WECHSELT SEIN GESCHLECHT

EINE LEBENSBEICHTE

———

AUS HINTERLASSENEN PAPIEREN HERAUSGEGEBEN VON NIELS HOYER

1932

CARL REISSNER ⋅ VERLAG ⋅ DRESDEN

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Mit 11 Bildern

Sämtliche Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1932 by Carl Reißner in Dresden

Printed in Germany

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig

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VORWORT

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Lili Elbes letztem Willen gemäß habe ich ihre hinterlassenen Aufzeichnungen zu diesem Buch gesammelt. Es ist ein wahrhaftiger Lebensbericht, niedergeschrieben von einem Wesen, dessen Weg auf Erden sich zu einer beispiellosen Schicksalstragödie gestaltet hat, die Lebensbeichte eines Menschen, dessen Heimsuchungen außerhalb der Bezirke unserer gewohnten Vorstellungen liegen.

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Der deutsche Arzt, dessen kühne Operationen es dem todkranken und verzweifelten dänischen Maler Einar Wegener (Andreas Sparre) ermöglicht hatten, sein Leben in voller Übereinstimmung mit seiner eigentlichen Natur fortzusetzen, hat das Buch in meiner deutschen Wiedergabe gutgeheißen. Auf Lili Elbes Wunsch sind für die Personen, von denen sie erzählt, Decknamen benutzt worden.

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Ihren eigenen Namen, erwählt aus Dankbarkeit gegen die deutsche Stadt, in der sich ihr Menschenschicksal erfüllt, hat sie beibehalten.

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Dieser deutschen Ausgabe ging eine dänische Ausgabe voraus, erschienen im Dezember vorigen Jahres in Kopenhagen-Dänemark, Einar Wegeners Geburtsheimat. Gleichzeitig mit der deutschen Ausgabe werden Ausgaben in den übrigen Weltsprachen erscheinen. Ihrem großen Helfer in Dresden , ihrer Lebenskameradin im fernen Süden, ihrem treuesten Freunde in Paris soll Lili Elbes Buch aus Dankbarkeit zugeeignet sein.

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NIELS HOYER


Die Handschrift vor und nach der Operation Widmungsblatt des Buches „Le
                        Livre Des Vikings'': ,,Für meinen lieben Vater von Einar – 1924''
                        „Für meinen Freund Niels Hoyer von
                            Lili Elbe –1931''
Die Handschrift vor und nach der Operation Widmungsblatt des Buches „Le Livre Des Vikings'': ,,Für meinen lieben Vater von Einar – 1924'' „Für meinen Freund Niels Hoyer von Lili Elbe –1931''

I

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Paris. Quartier Saint Germain. An einem Februarabend 1930. In einer stillen Straße mit vornehmen Palais – ein kleines Restaurant.

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Ausländer, meist Künstler, ein kleiner Kreis, sind Stammgäste bei ihm.

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Zu ihnen gehören Andreas und Grete Sparre, ein dänisches Malerpaar, und ihr italienischer Freund Ernesto Rossini mit seiner eleganten französischen Frau Elena.

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Ein ganzes Jahr lang haben sie einander nicht gesehen. Das eine Paar durchzog den Norden, das andere den Süden Europas.

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»Skaal'«, ruft Andreas auf gut nordische Art und hebt sein Glas, »dieser Wein, Kinder, ist für die Seele, was Hochgebirgssonne für den Körper ist. Und dabei fällt mir eine prachtvolle Legende von der Kathedrale in Sevilla ein, die Grete und ich neulich bestaunten. Unter dem Sockel der höchsten Säule haben sie einen Sonnenstrahl eingemauert, das ist die ganze Legende . . .«

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»Herrlich«, ruft Ernesto begeistert.

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»Himmlisch, Andreas«, fällt Frau Elena ein und drückt ihm warm die Hand.

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Und Frau Grete lächelt glücklich und sinnend.

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Grete und Ernesto tauschen in kunterbuntem Durcheinander Reiseeindrücke miteinander aus, Wanderungen durch Museen und verrufene Gassenwinkel in Cadix und Antwerpen, Entdeckerfahrten durch Basare auf dem Balkan und in Trödlerkeller im Haag und Amsterdam! Einer will den andern überbieten. So ist Grete. So ist Ernesto. Völlig bei der Sache. Mit tief ernsten, kunstbegeisterten Augen.

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Indes Andreas sich von Ernesto ergötzliche und sogar anzügliche allerneueste Skandalgeschichtchen aus Rom und Madrid ins Ohr flüstern läßt.

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»Trinken Sie nicht zu viel, Andreas?« unterbricht plötz-
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lich Frau Elena sich selber mitten in einer »allerneuesten«, nur im Flüstertone zu erzählenden Unglaublichkeit . . . Ihr ist das allmählich recht nervös gewordene, blasse Mienenspiel des Freundes aufgefallen. »Sie wollen heute abend den Gesunden spielen.«

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Ernesto und Grete haben Elenas Worte aufgefangen. Grete blickt nur stumm auf Andreas. Ernesto nimmt die Hand des Freundes. »Verursacht Lili Ihnen wieder Pein?« fragt er voll Besorgnis.

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»Geraten, Ernesto«, antwortet Andreas sehr ernst. »Nach und nach wird dieser Zustand unerträglich. Lili will sich nicht mehr darein finden, sich mit mir im Dasein zu teilen. Sie will ihr Dasein für sich allein haben. Ich weiß nicht, ob Ihr mich versteht . . . Ich? – Ach, ich bin nichts mehr wert. Kann nichts mehr. Bin fertig. Das weiß Lili längst . . . So ist es . . . Und drum macht sie von Tag zu Tag energischeren Aufruhr . . . Was will ich noch mit mir . . . Die Frage mag seltsam klingen . . . Nur Toren glauben, sie seien unentbehrlich . . . unersetzbar . . . Doch jetzt kein Wort mehr davon . . . Trinken wir! Trinken wir einen feurigen, süßen Asti, um Ernesto eine Freude zu bereiten.«

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»Bravo«, ruft Elena und läßt die Augen nicht von Andreas, der sich müde erhebt und recht schlaff zur Theke geht.

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»Sag mir schnell«, flüstert Elena, der Freundin zugebeugt, »wie sieht es mit unserm Freund aus. Sein Aussehen gefällt mir nicht.«

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Grete hat ihr Lächeln verloren. »So schlimm stand es noch nie mit ihm.«

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Ernesto und Elena schauen die Freundin wortlos an.

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»Ich habe alle Hoffnung auf Rettung für ihn fast aufgegeben«, spricht sehr leise Grete, »wenn nicht ein Wunder . . .«

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Elena unterbricht sie lebhaft. »Siehst du, du sprichst es aus . . . ein Wunder.«

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Grete sieht die Freundin fragend an.

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»Also hör. Ein sehr guter Freund von uns ist dieser Tage in Paris . . . Aus Dresden. Ein Frauenarzt. Er klingelte uns heute früh an, kurz nachdem wir mit Andreas im Telefon gesprochen hatten. Und da fiel mir sofort ein: kann jemand Andreas helfen, dann nur der Professor aus Dresden . Und die Sache hat Eile. Denn der Professor muß schon morgen nachmittag wieder nach Deutschland zurück. Ich will noch heute abend mit ihm ein Rendez-vous verabreden . . .«

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Grete hat nur eine müde Handbewegung. »Liebste Elena, es ist zwecklos. Andreas will keine Ärzte mehr sehen.«

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Elena hat beide Hände Gretes genommen.

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»Grete, Liebste, jetzt dürfen Sie nicht widersprechen, ihr müßt diesmal gehorchen, und ich rufe noch heute abend bei dem Professor an. Ich weiß, der Professor wird ihm helfen können . . .«

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Grete steckt sich langsam eine Zigarette an. . . . Sie bläst den blauen Rauch der Zigarette von sich. Sie starrt in den Rauch hinein.

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Dann sagt sie langsam, unerregt und bestimmt:

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»Gut, Elena, rufen Sie Ihren deutschen Professor an. . . . Und ich will Andreas überreden, daß er sich morgen zeitig bei Ihnen einstellt.«

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Andreas kommt zurück. Zwei Flaschen Asti hält er wie eine Beute vor sich . . .

*

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Als Grete und Andreas zu später Stunde die Avenue hinunterflanieren, in deren Nähe ihre Atelierwohnung liegt, gesteht sie anfangs vorsichtig, dann aber mit Nachdruck, was sie mit Elena beschlossen hat. Andreas ist
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außer sich. Mitten auf der Straße bleibt er stehen, rast. Er lasse sich weder von einem deutschen noch von einem französischen noch von einem hindostanischen usw. Quacksalber untersuchen. Er sei fertig mit diesen Menschenschindern . . .

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Schon seit vielen Jahren war er krank. Zahllose Ärzte und Spezialisten hatten sie aufgesucht – ohne Resultat. Jetzt war er so müde. Ihm war das Leben zu einer Pein geworden . . .

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Niemand hatte verstanden, was ihm fehlte. Aber sein Leiden war auch von so wunderlicher Art. Ein Spezialist in Versailles hatte ihn ohne weiteres für einen Hysteriker erklärt; im übrigen sei er ein völlig normaler Mann, der sich nur in aller Vernunft als Mann benehmen solle, um zu neuem, besseren Leben »aufzublühen«; dem Patienten fehle nichts weiter als die Überzeugung, daß er völlig gesund und normal sei . . .

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Ein junger Arzt, ebenfalls in Versailles, hatte zwar festgestellt, daß »nicht alles so war, wie es sein müßte« . . . aber dann hatte er Andreas mit folgenden trostreichen Worten entlassen: »Scheren Sie sich um nichts, was auch mit Ihrem Körper vor sich geht. Sie sind so gesund und unverdorben. Sie können schon etwas aushalten.«

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Eine etwas mystisch veranlagte medizinische Persönlichkeit aus Wien , ein Freund von Steinach, war mit ihrer Diagnose schon auf dem richtigen Weg. »Nur ein kühner, waghalsiger Arzt kann Ihnen helfen«, hatte dieser Mann erklärt, »aber wo finden Sie einen solchen Arzt heutzutage . . .?«

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Ein Radiolog war sehr aktiv gewesen, aber er hätte Andreas auch beinahe umgebracht . . .

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Danach hatte Andreas sich ein Herz gefaßt und war mit drei Chirurgen in Verbindung getreten.

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Der erste hatte erklärt, er hätte bislang noch niemals »Verschönerungsoperationen« ausgeführt; der zweite un-
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tersuchte ausschließlich den Blinddarm, und der dritte erklärte Andreas für »völlig verrückt«.

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Diesem dritten Spezialisten würden die meisten Menschen wahrscheinlich Recht gegeben haben: denn Andreas glaubte, er sei in Wirklichkeit überhaupt kein – Mann, sondern eine Frau . . .

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Und er war müde geworden und hatte sich selber gelobt, keinen Arzt mehr aufzusuchen. Er hatte den Entschluß gefaßt, sich aus dem Dasein zurückzuziehen. Der erste Mai sollte der Stichtag sein . . . Das Frühjahr ist eine gefährliche Zeit für Kranke und Müde . . .

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Er hatte sich alles überlegt . . . sogar seinen Abgang . . . Es sollte gewissermaßen wie eine höfliche Verbeugung vor der Natur sein . . . Jetzt war es Februar . . . März und April waren noch Wartezeit . . . Gnadenfrist . . . er war ruhig . . .

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Das einzige, was ihn quälte, ihn unsagbar peinigte, war der Gedanke an seine Frau – die treue Freundin und Gefährtin seines Lebens.

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Grete Sparre war eine Künstlerin von großem Talent. Ihre Bilder wirkten erregend, aufpeitschend wie ein Duft aus den Dschungeln von Paris . . .

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Vielleicht . . . weil ihre Ehe eigentlich fast von Anfang an vor allem Kameradschaft war, fanden sie beide das Leben angenehm und lebenswert, nur wenn sie beieinander waren . . .

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Kaum erwachsen, noch auf der Kunstakademie in Kopenhagen , hatten sie geheiratet. Ein paar Tage vor der Hochzeit hatte Andreas sein allererstes Bild auf seiner allerersten Ausstellung verkauft.

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Sie hatten meist im Ausland gelebt, vor allem in Paris. Und dieses Leben in der Fremde hatte sie vielleicht noch inniger miteinander verknüpft.

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Deshalb gab es jetzt so oft Augenblicke für Andreas, in denen er sich wie ein Verräter Grete gegenüber vor-
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kam. Er hatte erkannt, daß er nicht mehr arbeiten konnte: er hatte Angst, Grete zur Last zu fallen . . . Dieser Gedanke würgte ihn seit Monaten, erdrosselte alles Frohe in ihm . . .

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Grete kannte seine Gedanken. Doch was sie auch aufbot, um ihm neue Hoffnung zu machen, sie ahnte, es war zwecklos . . . So vieles verband sie miteinander. So viele Kämpfe, so viele Erinnerungen, helle und dunkle . . . Und vielleicht am allermeisten – Lili . . . Denn Andreas bestand aus zwei Wesen: aus einem Mann, Andreas – und aus einem Mädchen: Lili . . . Man konnte sie auch Zwillinge nennen, die beide zu gleicher Zeit den einen Körper in Besitz genommen hatten.

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Im Charakter waren sie beide sehr verschieden.

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Allmählich bekam Lili über Andreas die Übermacht, derart, daß man sie in ihm noch spüren konnte, selbst wenn sie sich . . . zurückgezogen hatte, aber niemals umgekehrt. Während er sich müde fühlte und dem Tode verfallen schien, war Lili froh und lebensfrisch.

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Sie war Gretes Lieblingsmodell geworden. Durch ihre besten Arbeiten wandelte Lili . . .

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Grete fühlte sich als Beschützer dieser sorglosen und hilflosen Lili. Und Andreas fühlte sich als Beschützer beider . . . Seine letzte Hoffnung war, zu sterben, damit Lili zu einem neuen Leben erwachen könnte.

II

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Am nächsten Morgen spricht Grete gütig auf ihn ein, setzte ihm klar und froh auseinander, daß er, wenn nicht aus einem anderen Grunde, so doch aus Höflichkeit zu Elena hingehen müsse. Dort könne er dann immer noch eine Ausrede finden, falls es ihm zuwider sei, ihren deutschen Professor aufzusuchen.

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Eine Stunde später machte er sich auf den Weg nach Passy, wo Elena wohnte.

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Punkt zwölf Uhr hält ihr Wagen vor dem Absteigquartier des deutschen Arztes. Während Elena den Klingelzug in Bewegung setzt, flüstert Andreas: »Vielleicht ist es doch ganz interessant, Ihre deutsche Berühmtheit von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Da er einer Rasse angehört, bei der das Interesse für wissenschaftliche Forschung so stark ausgeprägt ist, daß dieses Interesse möglicherweise den Drang des Mannes im allgemeinen, sich ganz besonders nach Gottes Ebenbild angefertigt zu sehen . . .«

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»Um Himmels willen, Andreas«, unterbricht ihn Elena, »nur jetzt hier draußen keinen Vortrag halten . . .«

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Andreas faßt die Hand der Freundin. »Elena, ich meine ja nur . . . ich hoffe ja nur . . . wie soll ich es ausdrücken . . .«

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Elena sieht den Freund, der bleich vor Erregung ist, jetzt sehr ernst an. »Sprechen Sie, Andreas . . .«

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Und dann stößt er heraus: » . . .daß er mich nur nicht als einen traurigen Überläufer betrachten wird, – weil – ich lieber Weib als Mann sein will . . .«

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»Nein, Andreas, dafür verbürge ich mich.« Man hört Schritte innen.

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Die Tür wird geöffnet. Ein Diener empfängt sie. Und ehe er das Paar noch gemeldet hat, kommt ein großer, schlanker Herr ihnen entgegen. Der dunkelblaue Sakkoanzug betont auf eine fast militärische Art die straffe Eleganz der Erscheinung. Das zurückgekämmte Haar liegt wie eine dunkle, blanke Masse über der hohen Stirn, während der kleine, amerikanisch gestutzte Bart auf der Oberlippe einen leicht blonden Ton hat.

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Wenn Andreas später versuchte, sich diese Gesichtszüge ins Gedächtnis zurückzurufen, so wurde jedesmal alles vor den Augen ausgewischt . . . Von diesen grau-
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blauen, tief liegenden Augen, die zugleich hell und dunkel waren, strahlte ein seltsamer, bannender Zauber aus.

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Es war Werner Kreutz . . .

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Andreas fühlt sein Herz hart pochen. Während der Professor mit einer etwas zeremoniellen Herzlichkeit sie in den Salon führt und mit Elena einige Worte austauscht, fällt Andreas zum erstenmal in seinem Leben auf, daß deutsch eine schöne und musikalische Sprache sei . . .

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Wie im Traum hört er der Unterhaltung der beiden zu . . . auch dann noch, als Elena dem Professor von ihm und seiner Leidensgeschichte, leise und wie nebenbei, dann und wann ihm einen schnellen, lieben Blick zuwerfend, erzählt.

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Diese Stimme . . . nichts anderes kann Andreas denken, empfinden. Er ist wie von einem Bann umschlossen, von dem Bann dieser Stimme. Sie gleicht seinen Augen, sie ist hell und dunkel zugleich wie die Augen. Sie dringt in den andern ein. Die Augen, die Stimme. Bis in die heimlichste Seelenfalte hinein . . .

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Und was wird diese Stimme nun ihm zu sagen haben . . . und diese Augen, was werden sie ihm mit ihrem Blick verkünden? . . .

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Ein Todesurteil? . . . Erwartet er etwas anderes als dies? . . . Erwartet er überhaupt etwas? Ist er überhaupt zu irgendeinem Ziel hierher gegangen?

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Der Professor steht vor ihm, sieht ihn kaum an, spricht nur ein paar knappe Worte zu ihm. Und er folgt ihm in ein neben dem Salon liegendes Zimmer . . ., dort muß er sich entkleiden. Wie ein Schlafwandler bin ich jetzt, denkt es fern und nebelhaft in Andreas, er muß gehorchen, willenlos . . . er will etwas sprechen . . . er sucht nach deutschen Worten.

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»Sie brauchen mir keine Erklärungen zu geben, mein Herr«, unterbricht der Professor ihn rücksichtsvoll.

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»Hier, nicht wahr? schmerzt es . . . und dort . . . und ebenfalls dort . . . nicht wahr?« und langsam gleitet seine Hand über Andreas' Leib dahin. Andreas braucht nur leise und scheu zu nicken . . . und ein fast schreckhaftes Erstaunen faßt ihn an. Woher weiß dieser fremde Mann, wo seine Schmerzen wohnen?

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Und dieses Erstaunen steigert sich zu Verblüfftheit, als der Professor, dem Frau Elena ein Bündel Photographien von Lili zugesteckt hat, die Bilder aus dem Umschlag herausnimmt und sie vor sich auf den Tisch legt in der Reihenfolge der Jahre, die auf der Rückseite, von dem Professor nicht beachtet, vermerkt stehen . . .

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»Da haben wir also die Entwicklung . . .« sagt der Professor schlicht. Andreas nickt nicht einmal.

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»Wie ich höre, hat ein Radiolog Sie mit Röntgenstrahlen behandelt . . ., und zwar, ohne vorher chemische oder mikroskopische Untersuchungen vorgenommen zu haben . . . unmöglich, zu sagen, ob er damit die Keimdrüsen, eventuell also auch vorhandene Ovarien ungünstig beeinflußt hat, – das muß die weitere Untersuchung ergeben.«

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»Ovarien...« Andreas stößt das Wort wie einen Schrei heraus, »ich . . . habe . . . also . . .?« Weiter kommt er nicht . . . Er kann vor Erregung kaum atmen . . . alles dreht sich im Wirbel um ihn . . .

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»Höchstwahrscheinlich«, antwortet der Professor, unerschütterlich und sachlich, und dennoch gedämpft durch den Ton seiner jetzt sehr weichen, diskreten Stimme . . . immer wieder hat Andreas an diesen leicht umschleierten Klang denken müssen . . . und nicht nur Andreas . . ., »sehen Sie, ich vermute, daß Sie sowohl männliche wie weibliche Organe besitzen, und keins von beiden hat Raum genug erhalten, um sich völlig zu entwickeln. Es
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ist ein Glück für Sie, daß Sie sich so ausgesprochen als Weib fühlen . . . Und deshalb glaube ich, werde ich Ihnen helfen können.«

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Andreas muß sich ans Herz greifen. Er beugt sich vor, um jedem Wort, das der fremde Mann da spricht, so nahe wie nur möglich zu sein in dem Augenblick, wo es ausgesprochen wird. Er blickt dem fremden Manne starr in die Augen, um auch in seinem Blick diese Worte bestätigt zu finden . . .

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»Und . . . Herr Professor . . . und was soll ich . . . was . . .«

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Der Professor ist aufgestanden, geht ein paarmal auf und ab, als denke er nach, wendet sich dann wieder gegen Andreas. Und wieder trinkt Andreas seine Worte . . .

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»Kommen Sie zu mir nach Deutschland. Ich hoffe, daß ich Ihnen ein neues Leben und eine neue Jugend geben kann.«

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. . .So grenzenlos einfach werden diese Worte gesagt.

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Andreas hat sich aufgerichtet. Er ringt um Sprache.

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»Also wird es Lili sein, die . . . leben . . . darf . . .?«

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»Ja«, antwortet Werner Kreutz. »Ich werde Sie operieren, Ihnen neue, kräftige Ovarien geben. Dieser Eingriff wird Sie über jenen Stillstand in Ihrer Entwicklung hinwegbringen, dem Sie im Pubertätsalter verfielen. Vorher aber werden Sie sich in Berlin noch verschiedenen vorbereitenden Behandlungen unterziehen müssen. Dann kommen Sie zu mir nach Dresden

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Damit schloß dieses erste, schicksalsvolle Gespräch zwischen dem fremden Mann und Andreas, der noch atemlos dasaß, als Elena, von dem Professor in das Arbeitszimmer geführt, vor ihm stand . . . Und sie lächelte, um ihre Ergriffenheit nicht zur Schau zu tragen.

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Sinnend stand der Arzt wieder wie für sich allein da . . . blickte plötzlich Andreas an . . . dann Elena . . . »Ich darf doch offen fragen?« sagte er, von einem zum andern blickend.

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                  Andreas Sparre (Einar Wegener) als Zwanzigjähriger Gezeichnet
                        von einem Freunde
Andreas Sparre (Einar Wegener) als Zwanzigjähriger Gezeichnet von einem Freunde

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»Aber bitte«, erwiderte Andreas, »vor Frau Elena habe ich keine Geheimnisse . . .«

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»Nun denn«, begann der Professor, »wie ich höre, sind Sie . . . verheiratet . . .«

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Andreas glühte vor Verlegenheit . . .

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»Ihre Ehe . . . vielleicht können Sie mir da einiges erklären, weil es für mich als Arzt immerhin . . .«

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Jeder von ihnen empfand das Phantastische dieses Augenblickes und auch das Natürliche, Selbstverständliche dieser Frage.

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»Vielleicht gehe ich doch . . .« fragte Elena den Freund voller Schonung.

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Andreas hielt sie fest. »Nein, Elena, nein, nicht gehen, nicht . . .«

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Der Professor kam beiden zu Hilfe. Sein Lächeln wirkte in diesem Augenblick wie eine Befreiung. »Wie verhält es sich zum Beispiel mit . . . nun, ich hörte den Namen Lili – nun also mit Lili und den Männern . . . ich meine, interessieren sich die Männer für Lili? . . .«

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»Aber ja«, rief Elena lachend, »es ist schier unglaublich, welch eine Anziehungskraft Lili auf unsere Herrenwelt ausübt.«

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Andreas wollte sie unterbrechen. Der Professor lachte jetzt herzhaft.

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»Bitte, jetzt hat die gnädige Frau das Wort.« Und Andreas ließ es über sich ergehen: »Ich hab es mit eigenen Augen erlebt, auf verschiedenen Karnevals und Bällen!«

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Der Professor wurde wieder sachlich. »Was Sie da erzählen, gnädige Frau, entspricht ganz dem Bilde, das ich mir gemacht habe . . . Im übrigen dürfte die notwendig werdende Operation, zumal sie die erste ihrer Art ist, mancherlei merkwürdige Situationen ergeben, nicht zum wenigsten in juridischer Hinsicht. Aber«, und jetzt stellte er sich dicht vor Andreas und nahm seine Hand, »das verspreche ich Ihnen, ich werde Lili nicht im Stich
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lassen und ihr bei ihren ersten selbständigen Schritten ins Leben hinein behilflich sein.«

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Andreas sah auf die Hand des fremden Mannes nieder . . . er wußte nicht, was er tun sollte . . . er blickte ratlos im Zimmer umher . . . ließ dann die fremde Hand los, streckte beide Arme wie Hilfe suchend Elena hin, sie eilte auf ihn zu und umarmte ihn mütterlich.

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»Elena . . .« stammelte er unter Tränen, »was jetzt kommt, das Leben . . . mit dem ich ja gar nichts zu tun haben werde . . . Elena . . . das Leben haben Sie . . . Elena , haben Sie gerettet . . . Ohne Sie wär ich nie hier gewesen . . .«

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Werner Kreutz stand vor dem Fenster, blickte schweigend hinaus.

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Andreas ging zu ihm hin. Andreas stand vor dem Arzt. Andreas weinte. Der Professor nahm seine Hände und sagte still: »Ich verstehe Sie. Sie haben viel gelitten.«

III

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Stundenlang hat Grete in der kleinen Atelierwohnung auf Andreas Rückkehr gewartet.

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Als er endlich eintritt, ist er bleich wie ein Sterbenskranker. Grete eilt ihm entgegen. Sie führt ihn zum Diwan. Er läßt sich wie zerschlagen niederfallen.

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Grete bleibt lange neben ihm sitzen, wortlos.

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Als dann Andreas zu sprechen beginnt, hört sie ihm mit geschlossenen Augen zu. Auch Andreas spricht mit geschlossenen Augen. Was ist jetzt Traum? Was ist Wirklichkeit?

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Ist das, was jetzt beginnt, Erlösung, die Erlösung?

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Wohin geht der Weg für ihn, für sie, für sie beide? . . .

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Und Andreas erzählt, völlig aufgewühlt durch das Erleben vorhin, in Wortfetzen . . .

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Andreas steht auf. Wortlos hält er ihre Hand.

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Dann führt er sie an die Staffelei vor dem breiten Fenster, durch das der Nordhimmel hereinleuchtet. Auf der Staffelei lehnt ein großes Bild. Drei Frauengestalten sind darauf zu sehen. Gretes Züge trägt die eine Frau . . . Elenas Züge die andere . . . und zwischen ihnen die dritte . . . und sie trägt Andreas', – Lili's Züge!

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»Grete«, spricht er dann, »hab Dank, weil du immer . . . bis zuletzt . . . an Lili geglaubt hast. Du weißt es, ich habe nie, nie daran zweifeln können . . . Ich wußte es, daß der Tag kommen würde . . .

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»Ich bin so glücklich«, sagt er.

*

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An dem Abend dieses schicksalsvollen Tages brach Andreas zusammen.

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Seine Widerstandkraft war zu Ende.

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Jetzt erst wagte er es, sich einzugestehen, wie groß in diesen letzten Jahren Qual und Verzweiflung gewesen war. Jetzt durfte er offen gegen sich selber sein. Jetzt mußte er es . . . Doch er weiß, daß ihm Hilfe not tut. Einen Freund hat er, der ihm beistehen wird. Es ist der Mann seiner Schwester in Kopenhagen. Ihm hatte Andreas sich schon vor Jahren anvertraut. Der Schwager kennt das Geheimnis um Lili . . . Und Andreas schüttet dem fernen Schwager sein Herz aus.

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»Paris, den 29. Januar 1930

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Lieber Christian,

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Du hast lange nichts von mir gehört, weil ich Dir über Lili nichts Gutes erzählen konnte. Ich habe mich nach und nach von mehreren Ärzten untersuchen lassen, aber ohne Resultat. Sie haben mir durchweg schmerzstillende Mittel verordnet, von deren Gebrauch ich aber nichts halte. Denn ich will wissen, was in mir vorgeht. Selbst
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wenn es auch weh tut. Nach Beratung mit Grete hat Elena mich zu einem ihrer persönlichen Bekannten geführt – er empfing mich drei Stunden vor seiner Abreise von Paris. Jetzt kommt etwas, das sich wie ein Wunder anhört! Ich war bei dem berühmten Chirurgen und Frauenarzt Professor Werner Kreutz aus Dresden. Das Merkwürdige ist, daß er Dir ähnlich sieht. Er untersuchte mich lange und erklärte dann, mein Fall sei so selten, daß man bis jetzt nur einen ähnlichen gekannt habe. Er fügte hinzu, daß ich in dem Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, beinahe nicht als lebendes Wesen angesehen werden könne, weil die Behandlung mit Bestrahlung ein großer Fehler gewesen sei, zumal ihr keine mikroskopische Untersuchung vorausgegangen sei. Jetzt befürchte er, daß diese Behandlung ins Blinde hinein meine Organe – sowohl die männlichen wie die weiblichen – zerstört habe. Deshalb will er, daß ich schnellstens zu einem Spezialistenin Berlin zwecks einer mikroskopischen Untersuchung fahre.

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Einige Zeit danach will er selber mich operieren. Er will die toten (und früher unvollkommenen) männlichen Organe entfernen und die weiblichen mit neuen und frischen erstatten. Dann wird es Lili sein, die weiterleben soll!

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Ihr schwacher Mädchenkörper wird sich dann entwickeln können, und sie wird sich ebenso jung fühlen wie ihre neuen und frischen Organe. Lieber Christian, ich sitze hier und weine wie ein Mädel, während ich dies hier schreibe. Es hört sich wie ein Wunder an, daß ich es nicht zu glauben wage. Eins tröstet mich jedoch – daß ich sonst bald sterben müßte. Grete und ich glauben, daß wir träumen, und wir haben Angst zu erwachen. Es ist allzu wunderbar, daß Lili wird leben dürfen, daß sie das glücklichste Mädchen in der Welt werden wird – und daß dieser grauenvolle Alpdruck
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meines Lebens jetzt ein Ende bekommt. Diese erbärmliche Komödie als Mann. Ohne Grete wäre ich längst erledigt gewesen. Aber ich habe in dieser Zeit aufs neue Gelegenheit gehabt, zu sehen, was für ein prachtvolles Mädel sie ist – sie ist ein Engel. Überanstrengungen, eigne Schmerzen usw. haben ihr nichts antun können, sie hat es dazu gebracht, für zwei zu arbeiten, jetzt, wo ich nicht mehr viel wert bin. Ich tue natürlich, was ich vermag, und habe in allen großen Salons mit Erfolg ausgestellt und verkauft. Aber jetzt ist auch dies vorbei. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin wie eine erbärmliche Larve, die darauf wartet, ein Schmetterling zu werden. Die Operation eilt, und der Arzt hätte gern gesehen, daß ich sofort nach Berlin gefahren wäre, da zwischen der ersten Untersuchung und der Operation etwa zwanzig Tage vergehen müssen. Und ich muß in Dresden an dem Tage sein, an dem er die neuen Organe für Lili hat. Er will mir Medizin senden, die ich nehmen soll, um die inneren Organe und dadurch mich bis dahin am Leben zu erhalten. Aus praktischen Gründen bat ich um etwas Aufschub und ich sagte ihm, ich möchte es am liebsten so einrichten, daß ich via Kopenhagen nach Berlin kommen könnte, da ich vorher in Dänemark eine Ausstellung abhalten wollte. Von Berlin würde ich dann Anfang April nach Dresden kommen.

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Dies gefiel dem Arzt nicht besonders, aber er verstand, daß ich dies aus praktischen Gründen vorgeschlagen hatte.

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Nun weiß ich nicht, ob es auch Gemütsbewegung ist, aber mein Zustand verschlimmert sich derartig, daß ich mich außerstande fühle, eine Ausstellung und alles, was vorausgeht, vorzubereiten – ich merke, ich habe keine Zeit zu verlieren.

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Deshalb frage ich Dich, ob Du mir in dieser Sache helfen willst.

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Willst Du mir für die Operation und den Klinikaufenthalt Geld leihen? Ich weiß nicht, wieviel es kosten wird. Ich weiß nur, Elena hat es so geordnet, daß der Professor nur ein ganz geringes Honorar nimmt. Aus Rücksicht auf Grete wage ich nicht, Geld von unserer Reserve zu nehmen, um so weniger, als die Reise nach Rom und meine Krankheit uns viel gekostet hat.

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Ich oder wir haben bei Heyman & Haslund in Kopenhagen viele Bilder stehen, ich nehme an für einen Wert von rund 7000–10000 Kronen. Ich weiß also nicht, was die Operation kosten wird, aber ich nehme an zwischen 4000 und 5000 Kronen im ganzen. Ich gebe Dir alle unsere Bilder in Dänemark als Sicherheit für den Fall, daß ich sterbe – und für alle Fälle. Geht es schief, werden die Bilder verkauft, und geht es gut, können wir Dir bald das Geld zurückgeben. Wir verdienen gut und haben viele und große Aufträge.

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Erzähl niemandem außer meiner Schwester etwas von dem Inhalt dieses Briefes, und sei so lieb, mir schnellstens zu antworten, wenn Du willst, zuerst telegraphisch und dann brieflich.

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Nur weil ich spüre, daß mir der Tod auf den Fersen ist, sende ich Dir diesen Brief. Bis jetzt habe ich nie bei irgend jemandem Schulden gehabt. Die liebevollsten Grüße Dir und der Schwester von Grete und

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Andreas

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Zwei Tage darauf ist die Antwort des Schwagers eingetroffen; ein kurzes Telegramm: »Mach Dir keine Sorgen. Was Du brauchst, steht zu Deiner Verfügung.«

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Andreas atmet auf; er beginnt neuen Mut zu fassen.

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Werner Kreutz hatte versprochen, ihm bald Nachricht zu senden . . . Signal zum Aufbruch . . .

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Eines Abends sagte er zu Grete: »Ich muß jetzt oft an meinen alten Gymnasialdirektor denken. Er erzählte
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uns so oft die Geschichte von den Negern auf Saint Croix , die einen Tag vor ihrer Befreiung aus der Sklaverei Aufruhr gemacht haben. Jetzt verstehe ich sie . . . Ich kann nicht mehr warten . . .«

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Wenige Tage später, an einem Montagmorgen, kam ein Telegramm bei Elena an, von einer Freundin aus Berlin abgesandt: Andreas sollte spätestens am nächsten Sonnabend in Berlin eintreffen und in einem näher bezeichneten Hotel absteigen . . . Dort wohne bei seinen häufigen Besuchen in Berlin der Professor . . . Im Hotel werde Andreas dann einen Brief vorfinden . . .

– – – –

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Bereits zwei Tage danach begab sich Andreas auf den Weg . . .

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Grete und Elena begleiteten ihn an den Zug.

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Er hatte seit Eintreffen des Telegramms fast nicht mehr gesprochen. Wie ein Traumwandler kam er sich vor . . . Jede Freude und jeden Schmerz verschloß er in sich. Auch beim Abschied ließ er sich seine Erregung kaum anmerken. Allein sein . . . fort von hier . . . Flucht in ein neues Schicksal hinein . . . Flucht von Vergangenheit und Gegenwart . . . und: nicht denken, bis das Ziel erreicht war . . . Welches Ziel? – –

IV

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Langsam setzt sich der Zug in Bewegung, Andreas hat einen Fensterplatz.

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Er hat sich aus alter Gewohnheit eine Caporal-Zigarette angesteckt. Eine nach der anderen raucht er . . . Mechanisch klopft er dann und wann die Asche ab.

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Eine Beute völliger Gehirnschlaffheit, die oft allzu hastigen Reisevorbereitungen folgt in dem Augenblick, wo man bei Abgang des Zuges sich plötzlich mit sich allein befindet.

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Entsetzlicher Gedanke, als Andreas jähe ins Bewußtsein dringt, daß er sich selber jetzt preisgegeben ist . . . Angst befällt ihn . . .

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Plötzlich tauchen die beiden geliebten Gesichter vor ihm auf . . . Grete . . . Elena . . . und allmählich verwandeln sich beider Gesichter zu einem . . . er hat nur noch einen Namen für sie beide: Heimat . . . Heim . . . und, – jetzt fällt es ihm ein: Paris . . .

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Er blickt hinaus, als wollte er sie suchen . . . Paris . . . Elena . . . Grete . . .

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Nicht einmal aus dem Fenster hatte er sich vorhin gebeugt, als es ans Abschiednehmen ging . . . Der Eiffelturm . . . die weiße Luftspiegelung des himmelhohen Domes: Sacré Cœur . . . Elena . . . Grete . . . alles war versunken . . . für immer . . .

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Für immer? . . . Ja, für immer! Denn er, Andreas Sparre, wird nie nach Paris zurückkehren.

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Vielleicht ein anderes Wesen . . . Er kann den Gedanken nicht zu Ende denken.

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Grete . . . Elena . . . Paris . . . Dieser Dreiklang begleitet ihn, den Flüchtling . . . Im Rhythmus der Fahrt hört er es jetzt plötzlich: Flüchtling . . . Flüchtling . . .

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Der Zug rast durch Nordfrankreich.

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. . .Zwischen Ruinen wachsen neue Ortschaften aus der Landschaft . . . Da und dort gibt es seltsame, riesige Vierecke mit phantastischen Anpflanzungen . . . Es sind keine Saatfelder . . . es sind Kreuzfelder . . . Kriegerfriedhöfe . . . Plantagen des Todes . . . Kreuz neben Kreuz . . . ins Grenzenlose hineingestellt . . .

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Und er denkt an Grete . . . Weshalb hatte er ihr nicht erlaubt, ihn zu begleiten? Sie hatte ihn darum gebeten. Nie hatte sie ihn allein gelassen. Und jetzt hatte er sie dazu gezwungen, in Paris zurückzubleiben . . . und zu warten . . . Er reißt sich zusammen, steckt sich eine Zigarette an, schaltet das Denken aus . . .

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Die Zollgrenze Belgiens und Frankreichs ist erreicht. Er blickt teilnahmslos aus dem Fenster. Das Abteil ist jetzt bis auf den letzten Platz gefüllt.

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Die Fahrt durch Belgien geht im Schneckentempo . . . Ab und zu stapft Andreas in den Speisewagen, gießt einen Cocktail hinunter . . . Es ist noch nicht sechs Uhr abends . . . Bei jeder winzigen Ortschaft hält der Zug. Träge steigen die Menschen aus und ein, als hätte jeder Überfluß an Zeit . . .

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Dann ist die deutsche Grenze erreicht. Und eine neue Lokomotive bringt neue Energie in die Fahrt . . . Die Nacht sickert langsam nieder. Der Zug braust in die Dunkelheit hinein . . .

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Andreas hat lange im Speisewagen gesessen, hat getrunken, um alles in sich zu betäuben . . . auch die Schmerzen, die das Schüttern und Schlingern der Fahrt ihm verursachen . . . Er muß zurück in sein Abteil. Er kann sich im Gang kaum aufrecht halten. Endlich liegt er wieder in seiner Ecke, beißt die Zähne zusammen, schließt die Augen. Alle Brücken sind abgebrochen . . . Alles liegt dahinter . . . Sein ganzes Leben scheint ihm etwas Vergangenes . . . etwas Verlorenes . . . Verlaufenes zu sein.

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Er will nicht denken. Aber es läßt ihm keine Ruhe . . . Wäre es vielleicht richtiger gewesen, auf dieses phantastische Experiment zu verzichten? . . . Denn ein Experiment ist es doch, was man mit ihm vorhat . . . Wäre es nicht vernünftiger gewesen, das Leben, so wie es sich für ihn gefügt, zu Ende zu leben, auszuleben, es aus sich verebben zu lassen? . . .

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Er denkt an den Brief, den er neulich an Werner Kreutz geschrieben hat: »Ich verschreibe mich Ihnen auf Leben und Tod, wenn nur Lili weiterleben darf . . .« . . . Alles, was noch an Mannesstolz in ihm wohnt, rührt sich, faßt ihn an. »Ich habe! ans Ziel zu kommen. Ich
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habe! auszuhalten.« Er spricht halblaut vor sich hin. Ein paar Mitreisende sehen ihn fragend an.

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Er muß lächeln . . . Er ist nicht umsonst Kopenhagener . . . Dort wird nichts tragisch genommen . . .

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Also, sagt Andreas zu sich selber, schreiben wir uns einmal selber den Nekrolog . . . Es könnte ja . . . Nein, nicht tragisch werden.

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Und dann formuliert er in Gedanken seinen Nachruf als Künstler folgendermaßen:

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»Der Maler Andreas Sparre ist tot. Er starb im Zug zwischen Paris und Berlin. Die übrigen Mitreisenden glaubten, er sei auf seinem Platz in der einen Fensterecke des Abteils eingeschlafen. – Vermutlich war die Todesursache ein Herzschlag.

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Ein glückliches und harmonisches Künstlerleben hat hier seinen jähen Abschluß gefunden. Er war ein Mann in den allerbesten Jahren . . . Er schien gerade jetzt, nachdem er eine Zeitlang gesucht und auf verschiedene Weise experimentiert hatte, seinen Stil gefunden zu haben . . . Seine Bilder, meist in Frankreich und Italien entstanden, waren bald hell und farbenstrahlend, bald dunkel und etwas schwermütig, – aber stets voll von Stimmung und Naturgefühl. Zwei bevorzugte er vor allen: Paris, dessen Seineufer, Brücken, Türme er mit nicht geringer Meisterschaft in ihrer perlgrauen, leise verschleierten Atmosphäre wiederzugeben vermochte, und Landschaften unter drückendem Gewitterhimmel, vor dessen dunklem Hintergrund Bäume und Häuser hektisch aufleuchteten. Besonders waren es Bilder der letzteren Art, diese kräftigen, sehr männlich aufgefaßten Gewitterbilder, in denen Andreas Sparre Auslösung für seine Begabung fand.

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Wir, die seine recht zarte, oft effeminierende Erscheinung kannten, seinen lächelnden, fast lustigen Ton in der Unterhaltung, sahen dies mit Verwunderung, und
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oft befiehl uns der Gedanke, das alles, was an Männlichkeit in ihm wohnte, in diesen starken, etwas wilden und eigenwilligen Bildern seinen Ablauf fand . . .

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Er malte sehr schnell. Und so kam es, daß er Zeit fand, sich neben seiner Malerei mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen. Sein Wissen war recht umfassend. Sehr bezeichnend war für ihn eine Antwort, die wir einmal aus seinem Munde hörten, – in Trianon, an einen älteren Kollegen von ihm gerichtet. Dieser hatte seinen Ärger darüber geäußert, daß ein junger Kollege ein Gemälde auf eine seiner Meinung nach zu systematische Weise beginne. »Sie müssen mir verzeihen, daß ich Ihre Ansicht nicht teile«, entgegnete Andreas Sparre, »aber ich glaube nun einmal, daß es unmöglich ist, das Blatt einer Rose richtig zu malen, wenn man nicht bis ins Letzte hinein den Einfluß der Reliefkunst der Assyrer auf die Skulptur der Griechen kennt . . .« Ein andermal äußerte er sich folgendermaßen: »Ich begreife nicht, wie leichtfertig meine meisten Altersgenossen mit ihrer Kunst umgehen, – wie leicht sie mit ihrer Leistung zufrieden sind. Was mich betrifft, so rechne ich damit, tausend Jahre nötig zu haben, ehe ich ein einigermaßen anständiger Maler geworden bin.« So ernst nahm Andreas Sparre jedenfalls seine Kunst.

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Die längste Zeit seines Lebens hat er fern von seiner dänischen Heimat verbracht, – draußen in Europa, in Italien, Holland, Deutschland, Frankreich. Meist lebte er in Paris.

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Der Grund, weshalb er Kopenhagen in jungen Jahren bereits den Rücken gekehrt hatte, obwohl man dort seine Kunst von Anfang an recht geschätzt, war, daß ihm Kopenhagen-Dänemark nicht als der richtige Boden für die Kunst seiner Frau erschien. In Kopenhagen hatte er oft hören müssen, wie sehr man seine Bilder denen seiner Frau vorzog. Und das war vielleicht das Schlimmste,
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was man ihm sagen konnte. In Paris, wo im allgemeinen das Gegenteil der Fall war, fühlte er sich schon aus diesem Grunde zu Hause. Die Erfolge seiner Frau fühlte er wie eigne Erfolge. Denn der Hauptzug seines Wesens war Ritterlichkeit seiner Frau gegenüber, wie überhaupt den Frauen gegenüber.

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Er war im übrigen eine komplizierte, problematische Natur. Trotz unvermeidlicher Einflüsse, denen jeder Künstler in Paris ausgesetzt ist, blieb er im Grunde eine nordische Malerbegabung, seine Kunst hatte in ihrem tiefsten Wesen wenig mit dem Romanischen, alles aber mit dem Germanischen zu schaffen. Als Persönlichkeit war er Europäer. Er verkehrte ständig mit französischen Philosophen und Skribenten, mit polnischen Geigern, mit russischen Architekten und deutschen Malern.

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Zusammen mit einem französischen Freunde hat er ein Buch über nordische Sagen geschrieben, das in Paris viele Auflagen erlebt hat. Darauf war er nicht wenig stolz. Und er freute sich, gerade durch dieses Werk der romanischen Leserwelt die Augen für germanische Ideenwelt geöffnet zu haben, ein Unterfangen, das gerade in der Nachkriegszeit, – das Buch erschien im Jahre 1924, – als ein geistiges Brückenschlägen zwischen der romanischen und germanischen Welt Lob verdient.

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Ohne selber ein ausübender Musiker zu sein, hegte er eine tiefe Liebe zur Musik.

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In den letzten Jahren war seine Gesundheit nicht besonders gut gewesen. Er hatte oft über Schmerzen geklagt, aber stets auf eine verhaltene, lächelnde Weise, so daß sogar die Ärzte, die er schließlich hatte aufsuchen müssen, sich über seinen Zustand wohl geirrt hatten oder aber sich über den Ernst seiner körperlichen Verfassung nicht hatten klar werden können.

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Jetzt hat der Tod so jähe, – und zum tiefen Schmerz seiner vielen Freunde nah und fern, – dieses sympa-
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thische Künstlerleben abgebrochen, das uns allen, die ihn gekannt haben, wie ein unvollendeter Roman erscheinen muß . . .«

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»Punktum«, sagte Andreas still für sich, »Punktum« und dachte daran, daß ungefähr so, wie er es jetzt in Gedanken formuliert, jemand anders heimlich seinen Lebenslauf in ein Tagebuch niedergeschrieben hatte, – Grete, sein treuester Lebensgefährte . . . Vor gar nicht langer Zeit, als alle, und auch sie, meinten, daß er heimlich – aufbrechen würde . . . Eines Nachts hatte er sie über ihrem Tagebuch schlafend gefunden . . . Grete hatte es nie erfahren, daß er diese »Tagebucheintragung« kannte.

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Aachen war längst passiert. Würde man denn nie Köln erreichen, stöhnte es in ihm.

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Andreas hatte kein Schlafabteil bestellt. Diese Art modernen Reisekomforts hatte er stets verabscheut . . . Mit wildfremden Menschen eingepfercht zu werden, war ihm zuwider. Eine unüberwindliche Scham verbot ihm, sich in Gegenwart anderer Männer zu entkleiden. Viele hatten ihn deshalb verlacht. Nur Grete verstand seinen Widerwillen . . .

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Endlich: Köln! Alle Mitreisenden verlassen das Abteil. Sie haben Schlafplätze, denkt Andreas froh. Er ist allein.

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Nach kurzer Zeit setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Andreas hat sich eine neue Zigarette angesteckt. Ob ihn die Schmerzen in Frieden lassen werden, bis er am Ziel ist: Berlin . . .? . . . Nur diese eine Nacht schlafen können . . . Nur diese eine Nacht nicht denken . . .

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Er entledigt sich seiner Jacke, legt sie unter den Kopf, um höher liegen zu können, bedeckt sich mit seinem Mantel. Ihm war vorhin so heiß geworden . . . Jetzt beginnt er zu frösteln. Er steht wieder auf, schließt die Gardinen vor den Fenstern nach dem Gang, dreht das Licht ab. Und er liegt wieder.

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Die Schmerzen regen sich aufs neue. Er zieht den Mantel über das Gesicht.

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Doch er schläft ein, schläft viele Stunden.

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»Hannover! . . . Hannover!« wird gerufen. Und wieder . . . ganz fern »Hannover!«.

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Hammerschläge gegen Räder. Immer näher kommen sie. Türen werden aufgerissen . . . zugeworfen.

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Dann ein scharfer Pfiff . . . Langsam setzt der Zug sich wieder in Gang.

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Stumpf lehnt Andreas halb liegend auf der Bank . . . Dann springt er hoch . . . Die Tür seines Abteils wird aufgerissen. Die vorgezogenen Gardinen werden beiseite geschoben.

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Eine Dame steht in der Tür. Ihre Silhouette zeichnet sich gegen das Licht im Gang scharf ab.

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Das Dunkel in seinem Abteil scheint sie im ersten Augenblick scheu zu machen. Aber nur einen Augenblick. Dann wirft sie ein Handköfferchen hinauf in das Netz an der Wand und sinkt selber schlaff auf dem nächsten, leeren Eckplatz neben der Korridortür nieder.

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Andreas dreht das Licht wieder an.

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Er unterdrückt seinen Mißmut, plötzlich aus seiner Einsamkeit herausgerissen zu sein. Bis Berlin wird der Zug nicht mehr halten, denkt er. Also gibt es keine Hoffnung mehr, wieder allein zu sein. Ob er in das nebenan liegende Abteil gehen soll? Vielleicht ist es leer . . . Doch sofort verwirft er den Gedanken wieder. Er darf nicht unhöflich erscheinen . . .

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Er setzt sich korrekt zurecht.

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Er betrachtet sie, ohne daß sie es merkt.

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Der Ausdruck ihrer Augen fällt ihm auf. Sie scheint ihn gar nicht zu sehen, scheint gar nicht zu wissen, daß sie mit ihm den kleinen Raum teilt.

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Er blickt vor sich hin . . . Er sieht auf seine Finger . . .
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Doch schon sind seine Augen wieder bei ihr. Und er sieht erstaunt, daß sie weint.

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Die Tränen stürzen ihr aus den Augen. Sie muß gesehen haben, daß er sie anschaut . . . Aber sie macht trotzdem nicht den geringsten Versuch, ihr Weinen zu verbergen oder die Tränen zu trocknen.

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Sie muß noch recht jung sein. Ihr aschblondes Haar liegt um eine schmale, makellose Mädchenstirn. Ihre Augen, von Tränen verschleiert, sind gewiß hell und blau und können froh und sorglos schauen . . . Sie hat ihre Handschuhe abgestreift . . . Die Linke trägt einen schlichten Reif, sieht er. Also eine Braut . . .

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Tiefes Mitgefühl regt sich plötzlich in ihm.

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»Mademoiselle«, beginnt er.

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Sie scheint ihn nicht zu hören. Er hat wohl zu leise gesprochen. Das Brausen des Zuges hat sein Wort übertäubt.

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Dann fällt ihm ein, daß er sich in Deutschland befindet.

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»Gnädiges Fräulein«, wiederholt er fast verlegen.

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Sie hebt ihre verweinten Augen auf . . . Welch eine entzückende Braut! denkt Andreas.

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»Ich möchte Ihnen so gern helfen«, sagt er. »Sie haben gewiß etwas recht Schweres durchgemacht, mein Fräulein . . .«

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Weiter kommt er nicht. Sie hat beide Hände vor das Gesicht gepreßt und weint herzzerreißend, dann reicht sie ihm unter Schluchzen ein Zeitungsblatt, das sie zusammengefaltet während der ganzen Zeit umklammert hatte. Erst jetzt fällt es Andreas auf. Er nimmt das Blatt, weiß nichts damit anzufangen, ist aufgestanden, hat sich neben die Weinende gesetzt, streichelt ihre Hand. Sie wird ruhiger.

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Ihr Verlobter, ein bekannter Musiker, sei vorgestern nach Berlin gereist, um dort ein Konzert zu geben. Heute
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abend sollte er eigentlich zurück sein. Unterwegs nach dem Bahnhof, um ihn abzuholen, kaufte sie zufällig eine Zeitung, die Zeitung, die Andreas da in der Hand hält, und darin liest sie dann . . .

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Sie zeigt auf der vorderen Seite auf eine Stelle, weint wieder . . .

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Andreas liest: »Der junge Pianist X. X. aus Hannover , der gestern abend ein erfolgreiches Konzert im X. X.-Saal gegeben hat, ist auf der Fahrt nach seinem Hotel mit einer Autotaxe gegen einen Straßenbahnwagen gerannt . . . Mit sehr schweren Verwundungen liegt er jetzt in der X. X.-Klinik darnieder . . . Sein Zustand gibt zu den größten Besorgnissen Anlaß . . .«

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Erschüttert hat Andreas den Bericht gelesen . . . Seine Hilfe hatte er der unglücklichen Braut angeboten . . . Er kommt sich jetzt wie ein Schwätzer vor.

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Und doch: wie wenig er sich selber stets auch hat helfen können, – bei anderen vermochte er häufig durch eine mystische Kraft, die in ihm wohnen muß, Linderungen von Schmerzen zu erreichen . . . Wie oft hat Grete und Elena ihm dies nicht gestanden?

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Ihre wie im Fieber brennenden Hände liegen wieder in seinen. Er hält sie lange fest umschlossen. Zuerst zucken sie wie ein gefangenes Vögelchen. Doch stiller und stiller wird das Zucken. Er spricht kein Wort. Streichelt nur ganz sachte die matten Mädchenhände . . . Auch sie schweigt. Er kann ihren leichten Atem hören. Und ihr Atem wird immer regelmäßiger . . . Ihr Kopf ist an ihn gesunken. Sie schläft. Jetzt pulst sacht ihr Herzschlag gegen seine Hand, die er um sie hatte legen müssen, um ihr Halt zu geben . . .

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Und er lächelt glücklich . . . in ihm wohnt also auch heute noch etwas von jener verborgenen, rätselhaften Kraft.

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Ein paarmal versucht er, sich zu bewegen. Aber jedes-
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                     Gerda Wegener: Ein Gemälde von
                                Gerda Wegener, Paris 1921, zu dem Andreas Sparre als Lili
                            Modell gestanden hat
Gerda Wegener: Ein Gemälde von Gerda Wegener, Paris 1921, zu dem Andreas Sparre als Lili Modell gestanden hat

mal zuckt sie zusammen wie ein krankes Kind, das im Schlummer wimmert. Er bleibt darum jetzt starr sitzen . . .

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Dann hat die sausende Fahrt auch ihn in Schlaf gewiegt.

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Doch bald erwacht er wieder. Und er muß lächeln . . .

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Hier sitzt er nun, er, Andreas Sparre aus Kopenhagen, hingespült vom Leben nach Paris, und von Paris nordwärts gehetzt von einem phantastischen Schicksal, ein unendlich Beladener, der der Hilfe und des Beistandes bedürftig ist wie nur je ein Mensch, und da hat der Zufall ihn dazu auserwählt, dieser ihm so völlig Fremden, Trost zu spenden, um ihr über eine harte Stunde ihres Daseins, vielleicht ihre härteste Stunde, hinwegzuhelfen . . . Und da liegt dieses kleine deutsche Fräulein, die Braut eines Unbekannten, in seinen Armen . . . Und sie und er, jeder von ihnen beiden, fährt, gelenkt von irgendeiner blinden Vorsehung, dem eignen Schicksal entgegen. . . irgendwo in Deutschland . . .

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Dies denkt er und immer wieder denkt er es . . . und wird damit nicht fertig.

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Und da tropfen ein paar heimliche Tränen aus seinen Augen. Sie sind sehr weh. Und er weiß, weshalb sich dies alles so gefügt hat: dieses süße Geschöpf aus Hannover , wie ein vertrauensseliges Kind in seinen Armen schlummernd, es war ihm gesandt worden als das letzte Weib, damit er als Mann von der Frau, dem Ewig-Weiblichen für immer scheiden sollte . . .

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Also weben nebelhaft in ihm die Gedanken . . . und draußen ist Nebel und Frühe, der Zug braust in den Häuserozean von Berlin hinein . . .

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Er muß seinen Reisekameraden wecken.

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Mit einem Angstschrei schreckt sie aus dem Schlummer, sieht ihn völlig ratlos an . . . »Oh, er darf nicht tot sein . . .« Ihre Worte ertrinken wieder in Tränen.

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»Kind«, spricht Andreas sanft und entschlossen und
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sicher auf sie ein, »Kind, ich weiß nicht Ihren Namen, und Sie kennen auch nicht den meinen, und doch bitte ich Sie: glauben Sie mir! ich weiß es, daß er lebt!«

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Sie hat beide Hände von ihm genommen und bedeckt sie mit Küssen.

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»Nicht doch«, wehrt er ab, »Sie können ganz ruhig sein.«

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»Oh, ich bin auch völlig ruhig! Wie haben Sie mir geholfen. Ich werde es Ihnen nie vergessen.«

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Wenige Minuten später ist sie im Menschenmeer Berlin untergetaucht. Andreas sieht ihr lange nach. Das Zeitungsblatt, das sie ihm während der Nacht gegeben hat, ist das einzige, was er von ihr behält . . .

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Ein paar Tage später las Andreas zufällig in einer Zeitung, daß der Bräutigam seiner unbekannten Reisegefährtin sich auf dem Wege der Genesung befände.

V

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In Begleitung eines Gepäckträgers legt Andreas den kurzen Weg vom Bahnhof nach dem Hotel zu Fuß zurück.

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»Was für eine Hundekälte hier in Berlin. Und dabei haben wir den ersten März«, gesteht er überrascht dem Mann mit seinen beiden Köfferchen. »In Paris hatten wir schon Frühling . . .«

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»Ja, in Paris«, erwidert der Biedere, »in Paris.« Und damit ist die Unterhaltung beendet.

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Andreas hat den Mantelkragen hochgeschlagen. Ihm klappern förmlich die Zähne. Übermüdet nach einer fast schlaflosen Nacht mitten in einer fremden Welt . . . Aber die unerwartet kühle Temperatur macht ihn völlig wach.

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Plötzlich, noch ehe das nahe Hotel erreicht ist, schlägt ihn der Gedanke: »Die beiden Koffer beherbergen meine
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allerletzten Kleider, Hemden, Kragen . . . Welche Tollheit . . .«

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Wie Trotz wacht es in ihm auf. Als wolle der Mann sich zur Wehr setzen, der Mann in ihm.

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Im Hotel, wo man von seinem Kommen unterrichtet ist, begegnete man ihm mit ausgesuchter Höflichkeit. Er erkundigt sich sofort, ob Professor Kreutz, der fast jedes Wochenende in diesem Hotel zu wohnen pflegte, vielleicht schon eingetroffen sei. Es ist nicht der Fall. Er ist enttäuscht. Es liegt auch kein Brief für ihn beim Portier.

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Wenige Minuten später ist er in seinem Zimmer. Ein warmes Bad wird genommen. Und als er gefrühstückt hat, ist alles Trübe vergessen.

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Elenas Freundin, die Absenderin des schicksalvollen Telegrammes, das seine Abreise nach Berlin veranlaßt hatte, war das erste menschliche Wesen, das ihn hier anrief.

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»Willkommen in Berlin«, klang es aus dem Telefon, – Andreas erkennt sofort die Stimme der Baronin Schildt, die er einige Male in Paris zusammen mit Grete und ihrem Freundespaar getroffen hatte, »alles ist von uns vorbereitet. Und damit keine Zeit verloren geht, werden sich ein paar Spezialisten, die Werner Kreutz inzwischen eingeweiht hat, mit Ihnen vielleicht heute oder morgen in Verbindung setzen . . .«

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Wenige Minuten später bestellt ein ihn bislang völlig unbekannter Arzt, Professor Arns, ihn um die Mittagsstunde zu sich.

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Und kaum war dieser Besuch verabredet, als schon wieder das Telefon schellt. Niels Hvide, ein alter Freund aus Kopenhagen, Jurist und Poet zugleich, seit Jahren in Berlin lebend, ruft ihn an.

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»Hallo, Andreas . . .«

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»Woher weißt du denn, daß . . .«

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»Grete hat mir ein langes Telegramm gesandt . . . schon gestern . . . und heute früh ist ein Eilbrief von ihr aus Paris eingetroffen . . . Der Brief ist also mit dir um die Wette gelaufen. . . Du mußt sofort zu uns kommen. Inger und ich warten mit dem Morgenkaffee, bis du kommst.«

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Und hastig wird Adresse und Weg beschrieben. Andreas sitzt wenige Minuten danach schon in einer Autotaxe . . .

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Eine halbe Stunde später ist er bei den Freunden angelangt.

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Ein prachtvoller Mensch, dieser Niels, ein blonder Riese aus Nordjütland, wo seine Familie alten Grundbesitz hat.

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Inger, seine Frau, ist der Typ der modernen gepflegten Frau. Hennarotes Haar kontrastiert pikant mit den großen blauen Augen. Globetrotter waren beide. Grete und Andreas hatten oft weite Reisen gemeinsam mit ihnen unternommen. Aber so vertraut sie miteinander auch waren, um Andreas' Geheimnis wußten sie bislang nicht.

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Auf das Herzlichste empfängt man ihn. Man frühstückt, spricht von gleichgültigen Dingen, so lange Inger im Zimmer ist. Dann erst fällt Niels, wie er sich burschikos ausdrückt, mit der Tür ins Haus.

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»Grete hat mir nämlich etwas, wenn auch nicht ganz klaren Wein eingeschenkt . . . hier . . . in diesem Brief von heute früh . . . Du kannst ihn selbstverständlich lesen . . .«

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Andreas wehrt ab. »Nein, der Brief ist für dich bestimmt . . .«

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»Also gut . . .« An den Wänden des Zimmers hängen ein paar Gemälde . . . von Grete . . . von Andreas ge-
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malt. Unwillkürlich muß Andreas sie betrachten. Das eine Bild, von Grete gemalt, ist . . . Lili. –

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»Ja«, sagt Niels zartfühlend, »jetzt verstehe ich vieles, was mir bisher wie eine bizarre Idee von euch beiden vorgekommen ist: dich so oft als weibliches Modell in Gretes Bildwerken auftauchen zu sehen . . .«

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Beide schwiegen dann eine Weile.

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»Nun denn, alter Junge«, beginnt Niels wieder, »einige Andeutungen, die Grete mir gegenüber vor einem Jahr in Paris hat fallen lassen, zeigten mir ja damals schon, daß dein Leben – eine seltsame Kurve zu nehmen schien . . . Ob es nun eine glückliche oder unheilvolle Wendung ist, vor der dein Dasein jetzt steht, eins mußt du jetzt schon wissen: du hast dein Geschick hier den besten, gewissenhaftesten Händen anvertraut . . . Jetzt kommt es nur auf dich an, ob du die Kraft hast, durchzuhalten . . . Du siehst müde aus . . . Aber«, und jetzt lacht Niels lustig, »es ist ja auch ein recht ungewöhnlicher Fall für einen Menschen, vor die Wahl gestellt zu werden, ob er als . . . Andreas oder«, und jetzt zeigt er auf das Gemälde, »als Lili in dieser Welt der sich überschlagenden Sensationen weiterleben will.«

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Andreas sieht den Freund an. »Vor die Wahl gestellt, sagst du . . . Nein, ich glaube nicht, daß es sich darum handelt, . . . sondern um viel Ernsteres, nämlich um Leben oder Sterben . . . Denn der Mann, der vor dir steht, ist, du kannst es mir glauben, zum Tode verurteilt . . . Und jetzt handelt es sich darum, ob das Wesen da«, er weist auf das Bild, »ins Leben treten und den Kampf mit dem Leben aufnehmen kann . . .«

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Niels spricht jetzt sehr ernst. »Siehst du, das erscheint mir nämlich im Augenblick als das Wichtigste, daß du dir selber ganz klar darüber wirst, wie diese seltsame, phantastische Wandlung, die du seit deiner Kindheit bis jetzt, also während eines normalen Men-
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schenlebens, durchgemacht haben mußt, vor sich gegangen ist . . . Wie allmählich also die . . . Lili über Andreas die Überhand bekommen hat . . .«

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»Gut«, erwidert Andreas, sieht auf seine Uhr, »jetzt muß ich zu meinem ersten Richter über Leben und Tod, zu Professor Arns. Und bin ich bei ihm fertig, muß ich wahrscheinlich weiter . . . die ganze Runde durch . . .«

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»Einverstanden«, Niels hat sein behäbiges Lachen wieder, »und bist du mit deinem Pensum fertig, dann kommst du wieder zu uns. Und jetzt Hals und Beinbruch!«

*

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Professor Arns, der Erfinder einer neuen Methode von Blutuntersuchungen, empfing Andreas auf eine sehr schonende Weise. Er stellte eine Reihe Fragen, die, wie delikater Natur sie auch waren, von Andreas ohne Scheu beantwortet wurden.

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Während der langen, umständlichen Untersuchungen – es galt vor allem durch Analysierung des Blutes die Lebensbedingungen von Lili in Andreas zu bestimmen, schaltete Andreas unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft das Denken aus. Der Gelehrte führte ihn aus dem Arbeitszimmer in einen behaglich eingerichteten Salon. »Falls Sie rauchen wollen . . . bitte . . .« Nachdem man sich dann eine kurze Zeit über etwas belanglose Dinge unterhalten hatte, eröffnete Professor Arns seinem Patienten, daß er jetzt von dem ihm befreundeten Sexualpsychologen Dr. Hardenfeld besonderen Untersuchungen unterzogen werden müsse. »Mein Kollege Hardenfeld besitzt jedenfalls so große Erfahrungen auf dem mehr ‚seelischen' Gebiet – man kann wissenschaftlich hierüber denken, wie man will –, daß ich jedenfalls in diesem besonderen Fall, der Ihre Person betrifft, keinesfalls an seinem Urteil vorbeigehen möchte. – Sind Sie dann dort entlassen, so werden Sie einen anderen
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Kollegen, Dr. Karner, aufsuchen müssen. Er und ich haben nämlich den Hormoninhalt Ihres Blutes zu beurteilen, während Kollege Hardenfeld rein psychologisch, also seelenkundlich, sein Urteil über Sie und die Person in Ihnen, die Sie Lili nennen, abgeben soll. – Auf jeden Fall bitte ich Sie, mich morgen vormittag wieder zu besuchen. Das Ergebnis dieser verschiedenen ,Prüfungen', denen wir Sie zu unterziehen haben, wird dann Ihrem Beschützer Professor Kreutz zugestellt.«

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»Ihr Beschützer« . . . Diese Worte pochten an Andreas' Herz. Und als er kurz darauf in einem Wartezimmer des weitläufigen »Instituts für Seelenkunde« saß, mußte er diese beiden Worte immer wieder vor sich hinsprechen – sonst hätte ihn hier aller Mut verlassen. Weshalb hat man mich hierhergeschickt, fragte er sich, was habe ich hier zu tun? . . . Er spürte ein moralisches Unbehagen. In diesem großen Raum schien sich ein Klub von abnormen Menschen ein Stelldichein zu geben: Frauen, die wie verkleidete Männer aussahen, Männer, von denen man kaum glauben konnte, daß sie Männer seien . . . Die Art, wie sie sich unterhielten, war widerlich, ihre Bewegungen, ihre Stimmen, die Art ihrer Kostümierung erregte Ekelgefühl . . .

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Endlich erschien Dr. Hardenfeld und führte ihn in sein Arbeitskabinett. Stundenlang durchforschte dieser Mann mit Hilfe von tausendfältigen Fragen Andreas' Seelenzustand. Einer Inquisition unbarmherzigster Art hatte er sich zu unterwerfen. Die Scham der Schamlosigkeit ist doch wohl etwas, das tatsächlich ist, dachte er während dieser Stunden, klammerte sich an diese Definition, die er in irgendeinem philosophischen Werk einmal gefunden hatte, nur, um das Gefühl, hier wie angeprangert zu stehen, loszuwerden. Es war ein Spießrutenlaufen der Seele, was er hier durchmachte . . .

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Und als diese Tortur zu Ende war, entließ der In-
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quisitor ihn mit den Worten: »Ich erwarte Sie morgen um diese Zeit wieder bei mir.«

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Dann kam die Reihe an Dr. Karner. – Andreas hatte jetzt bereits eine Art Routine in der Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen erworben. Diese Untersuchung verlief durchaus in Konversationsform. Ehe Andreas es richtig merkte, befand er sich in einer echten »Männer-Unterhaltung«; es ging um das politische Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Und so ganz beiläufig führte der Arzt eine lange, feine Spritze in Andreas' Arm, um eine Blutprobe zu nehmen.

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Auch Dr. Karner entließ ihn mit den Worten: »Und morgen sehe ich Sie bei mir dann wieder.«

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Erschöpft kam Andreas endlich abends wieder zu Niels und Inger Hvide.

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»Nein«, rief er, »jetzt nichts fragen. Ich kann nicht mehr. Laß uns lieber einen gehörigen Rundgang durch euer Spreebabel um den Kurfürstendamm herum machen. Ich muß Menschen, gesunde Menschen sehen.«

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Inger war bereits »vergeben« für diesen Abend. Aber Niels nahm mit Freuden den Vorschlag von Andreas an.

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Man begann in einem russischen Restaurant, wo mit Wodka und anderen Getränken bei einem vielgängigen Souper nicht gekargt wurde. Dann kamen deutsche, französische, ungarische und spanische Weine in den verschiedensten Bars und Cafes an die Reihe. Andreas war zu beider Verwunderung ein guter Zechgenosse heute abend.

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»Dein Wohl, Andreas«, sagte Niels, der diese überraschende Trinkfestigkeit des Freundes gerade wieder konstatiert hatte, »im Grunde bist du doch ein seltsamer Bursche. Heute abend benimmst du dich wie ein waschechter Kerl, – und morgen wirst du dir vielleicht bescheinigen lassen, daß ich dich künftighin als Dame werde behandeln müssen. Wenn ich dich so ansehe, so
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will mir kaum in den Kopf, daß all das mit rechten Dingen zugegangen sein kann . . . Aber vielleicht haben wirklich von Anfang an nicht nur im goetheschen Sinne zwei Seelen in deiner Brust gewohnt, sondern zwei Wesen, zwei ganze Wesen . . . Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll . . .«

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Andreas sah ihn ruhig an. »Ich verstehe deine Gedankengänge. Es ist schwer, aus dieser Wandlung klug zu werden, schwer für mich, um wie viel schwerer also für andere. Und das Seltsamste bei allem ist, daß jedes Wesen in mir, glaub es, in seinem Gefühlsleben gesund und – glaub es mir, völlig normal ist.«

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»Und gerade dies ist vielleicht das Unnormale, das Unbegreifliche an deinem Fall«, stellte Niels fest. »Ich kenne dich doch seit Jahren. Ich meine«, und jetzt lächelte er etwas, »dich als Andreas . . . Denn die Lili hast du uns Freunden ja verschwiegen . . . Und als Mann erschienst du mir stets gesund, ohne Einschränkung . . . Ich hab es ja auch mit eignen Augen erlebt, daß du Frauen gefällst, – das ist doch der klarste Beweis, daß du eben ein richtiger Kerl bist . . .« Er hielt inne, legte dann die eine Hand auf Andreas' Schulter. »Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich eine offene Frage an dich richte?«

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Andreas sah ihn groß an. »Niels, wenn du wüßtest, was für Fragen ich heute schon habe beantworten müssen, du würdest dich weniger feierlich jetzt benehmen . . .«

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»Nun gut, Andreas. Hast du dich jemals für . . . deinesgleichen interessiert? . . . Du weißt, was ich meine.«

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Andreas schüttelte ruhig den Kopf. »Mein Wort, Niels, nie im Leben. Und ich kann hinzufügen, daß sich derartige Wesen auch nie für mich interessiert haben.«

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»Bravo, Andreas! Das habe ich mir gedacht.«

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»Lieber Niels, ich will dir ehrlich und mit einfachen Worten gestehen: ich habe immer und allezeit Frauen
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gemocht. Und wie damals so auch heute. Ein banales Geständnis.«

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Niels hob sein Glas: »Und nun wollen wir auf den morgigen Tag trinken. Mag kommen, was will. Halt durch! Halt aus! Hättest du zur Zeit der alten Griechen gelebt, so hätten sie vielleicht aus dir einen Halbgott gemacht. Im Mittelalter aber hätten sie dich verbrannt. – Denn Wunder waren damals verboten. Und heute ist es allenfalls den Ärzten erlaubt, so etwas wie Wunder zu vollbringen . . . Also trinken wir auf den morgigen Tag.«

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Sie tranken.

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Niels begleitete den Freund in sein Hotel. Als er in seinem Zimmer mit sich allein war, brach er vor Seelen- und Körperqual zusammen.

*

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Am nächsten Morgen hatte Andreas äußerlich sein Gleichgewicht wiedergefunden.

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Pünktlich fand er sich bei Professor Arns ein.

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»Ich habe inzwischen mit dem Kollegen Kreutz gesprochen. Wir sind uns beide darin einig, daß ein junger Kollege hier, ein Chirurg von Rang, Sie zuerst behandeln soll. Ist das überstanden, so steht Ihrer Aufnahme in der Klinik vom Kollegen Kreutz nichts mehr im Wege. Das heißt, nicht Sie werden dort Aufnahme finden . . .«

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»Nicht ich?«

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»Kreutz leitet eine Frauenklinik . . . Ihr Fall liegt«, jetzt lächelte der Professor ein wenig, »etwas ungewöhnlich, . . . auch für uns Medizinmänner . . . Das heißt also, wenn der hiesige Chirurg Sie entläßt, werden Sie nicht mehr Andreas Sparre, sondern . . .«

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»Lili sein . . .«

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»So ist es . . . Wie der Kollege Hardenfeld mir inzwischen mitgeteilt hat, betrachtet auch er das Männ-
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liehe an Ihnen als den bei weitem geringeren Teil Ihres Wesens, das seiner Ansicht nach zu achtzig von hundert Teilen in seelischer Hinsicht weibliche Merkmale trägt. Die Untersuchung Ihres Blutes hat zu ähnlichem Ergebnis geführt. – Im übrigen werde ich bei der Operation, die wir hier in Berlin an Ihnen vornehmen, selbstverständlich zugegen sein. Vorher werden wir noch einige Bilder von Ihnen aufnehmen. Aus wissenschaftlichen Gründen. Kollege Hardenfeld erwartet Sie. Morgen vormittag finden Sie sich dann in der Klinik des Chirurgen ein.« Dann gab Professor Arns Andreas die genaue Adresse der Klinik.

VI

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Spät am Abend sitzt Andreas wieder bei Niels und Inger.

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Nachdem man zu dritt gegessen hat, wobei das Freundespaar absichtlich vermeidet, Andreas nach dem Ausfall der verschiedenen ärztlichen Untersuchungen auszufragen, zündet sich Andreas eine Zigarette an, steht auf, knipst alles überflüssige Licht aus, so daß nur noch eine einzige elektrische Kerze, als Ampel in einer Alkovenecke angebracht, matt leuchtet.

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Er setzt sich in den bequemen Lehnstuhl dort und beginnt ohne große Einleitung recht unfeierlich:

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»Ich habe gestern nacht sehr gründlich über deine Worte, lieber Niels, nachgedacht.«

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»Über meine Worte?«

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»Ja, als du nämlich sagtest: im Augenblick sei es das Wichtigste, mir selber ganz klar darüber zu werden, wie diese – ich gebrauche deine Worte – seltsame, phantastische Wandlung, die ich seit meiner Kindheit bis jetzt durchgemacht habe, vor sich gegangen sei . . .«

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»Richtig, wie die . . . Lili über dich allmählich die Überhand bekommen hat«, ergänzt Niels.

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»Nun denn, ich habe also die letzte Nacht darüber nachgedacht . . . zumal es ja gar nicht ausgeschlossen ist, daß diese Nacht heute die letzte Nacht von . . .«

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»Unfug«, unterbricht Frau Inger.

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»Laß gut sein, Inger«, fällt Niels ihr ins Wort, »ich weiß, was Andreas meint . . .«

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Andreas lächelt. »Wie es auch kommt, Frau Inger, es ist eine Abschiedsnacht . . . Und damit Sie das recht gut verstehen, will ich, vorausgesetzt, daß ihr beide ebensoviel Geduld habt wie ich, lang und breit jetzt einmal erzählen, wie das alles gekommen ist . . . Ich habe mir einige Notizen gemacht, um wenigstens den sogenannten roten Faden nicht zu verlieren. Wer weiß, was morgen sein wird . . . ob ich dann noch ich sein werde oder ob ich, gewissermaßen ausgelöscht als Andreas , dies Wesen, was hier vor euch sitzt, selber aus dem Gedächtnis zu verlieren beginne, um einem anderen Wesen gänzlich Platz zu machen.«

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Niels ist aufgestanden, geht ein paarmal auf und ab, bleibt dann vor Andreas stehen, auch er ist jetzt ernst geworden.

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»Daran habe ich, wenn auch etwas nebelhaft, ebenfalls gedacht. Und da du mich als einen recht sachlichen Menschen kennst, der meist die Dinge so nimmt, wie sie sind, das heißt ohne allzuviel Gefühlsduselei – außerdem habe ich aus meiner Studentenzeit das Stenographieren noch nicht vergessen –, so möchte ich dir vorschlagen, daß ich, ohne deinen Gefühlen zu nahe zu treten, dein jetzt zum Vortrag zu bringendes Curriculum Vitae mitstenographiere . . .« Jetzt lacht er. Andreas fällt in sein Lachen ein. Auch Frau Inger muß lächeln.

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»Ein ausgezeichneter Einfall«, ruft Andreas belustigt.
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»Mich wird dein Stenographieren weder gefühlsmäßig noch sonstwie irgendwie anfechten. Im Gegenteil.«

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»Also los!« Damit läßt Niels sich in einem Sessel nieder, holt Bleistift und einen Taschennotizblock hervor. Frau Inger liegt auf dem Diwan und raucht ihre Zigarette.

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»Fangen wir bei meinen Eltern an, die du ja noch beide erlebt hast«, beginnt Andreas, »ich will wie ein korrekter Chronist euch mein Leben beichten. Werde ich dann und wann etwas weitschweifig oder selbstbeschaulich, so . . .«

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»Werde ich als dein Tacitus schon hinterdrein den Blaustift schwingen«, vollendet Niels den Satz.

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»Meines Vaters Vorfahren kamen von Mallorca nach Jütland. Von ihm habe ich die dunklen Augen. Er war eigentlich keine sehr gestählte Natur, eher verzärtelt, sehr mit sich und seinem Wohlergehen beschäftigt. Mutter dagegen war frisch, mit gesunden Nerven, ein nordischer, blonder Typ, vielleicht sogar etwas hart in ihrem Wesen, ein tüchtiger Mensch und eine gute Mutter. Sie starb vor Vater, recht plötzlich. Über ihren Tod hat Vater sich nicht trösten können. Ihre Ehe hatte manchen Sturm bestanden. Nach Mutters Fortgang verehrte Vater sie wie eine Heilige.

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Sie hatten vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Ich war das Jüngste . . .

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Ich war ein sehr frohes Kind. Von allen wurde ich verhätschelt. Auch von meinen Geschwistern. Ich war ein großer Feinschmecker. Nur meine Leibgerichte aß ich. Von Vater habe ich nie im Leben ein hartes Wort zu hören bekommen. Tat mal ein Klaps not, so wurde der von Mutter verabreicht. Im übrigen wetteiferte sie mit Vater, mich zu verwöhnen – wie wohl alle Jüngsten verwöhnt werden. Mutter liebte es, mich zu putzen. Ich war nie fein genug gekleidet. Mitunter durfte ich wegen
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meiner ,feinen Sachen' nicht mit den anderen Altersgenossen herumtollen. Das war dann mein größter Schmerz. Ich hatte als kleiner Knirps lange, blonde Locken, schneeweiße Haut, dazu die dunklen Augen, so daß ich von Fremden oft für ein Mädel gehalten wurde. In einem Kindergarten, wo ich als einziger Bub zusammen mit elf Mädels spielte, war ich von allen Kindern das tüchtigste im – Sticken und Stricken . . . Als Fünfjähriger erhielt ich bei einem Jahresfest unseres Kindergartens deshalb meine allererste ,öffentliche Auszeichnung'. Wegen . . . Handarbeiten!

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Als Achtjähriger neckten meine beiden Brüder mich oft wegen meiner ,Mädchenstimme'. Das nahm ich mir sehr zu Herzen, strengte mich seitdem sehr an, einen richtigen Jungenbaß zu bekommen.

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Denke ich jetzt ernstlich darüber nach, so war meine Kinderstimme meine erste Verstellung . . .

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Im übrigen war meine Kindheit nichts als Sonnenschein. Mit den Brüdern spielte ich mit Bleisoldaten – mit der Schwester mit Puppen . . . Daß ich gern den Puppenwagen der Schwester schob, darin sah niemand etwas Besonderes . . . so etwas tun ja viele Brüder, die Schwestern haben . . .

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Mit neun Jahren kam ich auf das gleiche Gymnasium wie meine Brüder. Musterschüler war keiner von uns. Französisch und Latein waren meine Lieblingsfächer . . . außerdem aber war ich einer der eifrigsten Benutzer der Schulbibliothek, was mir unser ,Direx' hoch anrechnete. Trotzdem ich meist der Zweitletzte der Klasse war. Im Französischen unterrichtete uns der Alte. Er sprach ein ganz besonderes Französisch. Als er einmal während der großen Ferien in Paris gewesen war und uns dann mit Ingrimm erzählte, daß er nichts für die Pariser übrig habe, da sie weder ihn noch er sie verstanden habe, schloß er seinen Bericht: ,Und dabei wißt ihr doch,
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Jungens, daß ich Französisch kann . . .' – Er war ein schnurriger Kerl.

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Anders mein Lehrer im Lateinischen. Ein recht moderner Mann, der sich nicht nur sprachlich mit uns beschäftigte, sondern sich daneben bemühte, uns in die Ideenwelt der Antike, in die Kunst der Alten einzuführen. Er war es, der mir zuerst die Augen für die makellose Schönheit der Skulpturen der Griechen geöffnet hat. Es war nur ein fernes, dämmerndes Verstehen . . . Aber ich weiß noch wie heute, wenn ich mit meinen Alterskameraden beim Baden war und dann neben manch derben, nicht besonders schön proportionierten Jungenkörpern meinen eignen, etwas zarten, glatten Jungenleib im Wasserspiegel sah, da konnte ich oft leise erröten. Ich war wirklich viel zarter und biegsamer gebaut als meine Kameraden. Dann dachte ich an die Jünglingsfiguren des Praxiteles, von denen uns der Lateinlehrer einige Tage vorher erzählt hatte. Wir hatten im Zeichensaal auch ein paar Gipsabgüsse.

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Da fällt mir eine kleine Szene ein: Auf unser Gymnasium gingen damals schon ein paar Mädchen. Die eine besuchte die gleiche Klasse wie ich. Einmal – während der Pause – setzte sie mir zum Spaß ihren Mädchenhut auf. ,Sieh mal, der sieht ja aus wie ein richtiges Mädel', rief sie, und die Kameraden lachten mit mir. Plötzlich stand unser Lateinlehrer vor uns. Vor Schreck fand ich keine Zeit, den Mädchenhut abzunehmen. Und ehe ich wußte, wie mir geschah, hatte ich eine gehörige Tracht Prügel bezogen. Ich war dann völlig außer mir, und erst viele Jahre später wurde mir klar, weshalb mein alter Lehrer mich damals glaubte bestrafen zu müssen . . . Wir armen Menschen . . . was wissen wir von uns . . . wieviel weniger da vom Nächsten . . .

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Im übrigen war ich ein richtiger Junge. Ich war bei allen Prügeleien ,mitten dabei'. Gerade, weil ich zarter
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war als meine Gefährten, legte ich bewußt besonderen Wagemut an den Tag. Manch blauer Fleck war das Ergebnis derartigen Ehrgeizes . . .

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Nebenbei aber machte ich mit meiner Schwester große Spaziergänge. Und, wenn ich wußte, daß mich niemand von den Buben sehen konnte – so im Walde bei der Stadt – übernahm ich das Schieben ihres Puppenwagens, unseres steten Begleiters . . .

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Im Übergangsalter nahm mein Interesse für Kunst immer mehr zu. Mit siebzehn Jahren begann ich Kunstzeitschriften zu lesen, Kunstausstellungen zu besuchen. Mein Vater, der als alter Kaufmann wenig von einer Laufbahn als Künstler für mich hielt, versuchte ein paarmal, meinem Leben eine ‚praktische Richtung' zu geben. So gab er mich zuerst bei einem Kaufmann und dann bei einem Malermeister in die Lehre, ohne etwas anderes dadurch zu erreichen, als daß mein Wille zur Kunst nur noch gesteigert wurde.

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Gleichzeitig hatte ich wie jeder Halbwüchsige meine ,Flamme', ja, um ehrlich zu sein, muß ich sogar von ,Flammen' sprechen.

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Als mein Vater endlich eingesehen hatte, daß es hoffnungslos war, mich für etwas ‚Praktisches' zu interessieren, wurde ich mit neunzehn Jahren nach Kopenhagen geschickt auf die Kunstakademie. Hier nahmen einige gute Kameraden mich unter ihre Fittiche und sorgten dafür, daß ich sehr schnell meine provinzhafte Naivität und Befangenheit und auf eine recht brutale Weise ,meine Unschuld verlor'. Dann lernte ich Grete kennen . . .

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Es war eine Liebe auf den ersten Blick.

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Grete war gerade zur Kunstakademie gekommen. Ebenfalls aus der Provinz . . . Wir beide waren sofort unzertrennlich. Alle Vorlesungen abends besuchten wir gemeinsam. Der eigentliche Unterricht an der Akademie
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Ein Gemälde von Gerda Wegener:
                            im Vordergrunde links Lili, vor dem
                            Spiegel die Prima Ballerina des Kgl. Theaters in Kopenhagen
                        
                     , neben ihr
                            die Freundin Elena und im
                            Hintergrund die Künstlerin. Paris
                            1922
Ein Gemälde von Gerda Wegener: im Vordergrunde links Lili, vor dem Spiegel die Prima Ballerina des Kgl. Theaters in Kopenhagen , neben ihr die Freundin Elena und im Hintergrund die Künstlerin. Paris 1922

war damals noch für Schüler und Schülerinnen nach Geschlechtern getrennt.

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Ein Freund führte uns zusammen.

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Als er dann eines Tages erfuhr, daß wir uns verlobt hatten, wurde er geradezu rasend vor Eifersucht. Nicht eigentlich auf Grete, sondern, und das erfuhr ich erst viele Jahre später – auf mich . . . Aber auch solch ein Symptom ist ja nichts Außergewöhnliches . . . Wieviel Freunde haben nicht ähnliche Erfahrungen gemacht, wenn eine Frau zwischen sie trat . . . Ein Jahr nach unserem ersten Zusammentreffen heirateten Grete und ich. Wir waren noch so jung . . . ich kaum zwanzig, Grete noch ein paar Jahre jünger . . . Was wußten wir vom Leben, von den Menschen . . . Wir waren unbeschreiblich glücklich miteinander.

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Ich weiß . . . es war in den ersten Jahren unserer Ehe . . . eines Abends – wir wohnten damals in einem Atelier mit weiter Aussicht über Kopenhagen – las Grete mir ein uraltes Märchen aus der Antike vor. Es lautet ungefähr so: ,Hermes, der Liebling der Götter, hatte einen Sohn, und Aphrodite, die göttlich Schöne, eine Tochter. Die beiden Kinder waren das Urbild der Schönheit. Doch sie hatten einander nie vorher gesehen, als sie sich eines Tages im Walde der Götter gegenüberstanden. Das Mädchen erglühte sofort für den Knaben. Doch der Knabe flüchtete vor ihr. Wie laut sie nach ihm rief, er hielt im Lauf nicht inne. Verzweifelt wandte sich das göttliche Mädchen an Zeus und klagte ihm seine Liebesnot. ›Ich liebe ihn, Vater, aber er ist mir entflohen. Er will nichts von mir wissen. Oh, Vater, gib, daß ich eins mit ihm werde.‹ Und Zeus erhörte das Flehen des Götterkindes, und er hob seinen Arm, und im nächsten Augenblick stand der scheue Sohn Hermes' vor dem Olympier, und Aphrodites Tochter jauchzte vor Entzücken, umschlang den bebenden Jüngling – und wieder
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hob Zeus seinen Arm – beide verschmolzen ineinander – als Hermes und Aphrodite nach ihren Kindern suchten, fanden sie ein selig lächelndes Götterkind. ›Es ist mein Sohn‹, rief Hermes. ›Nein, es ist meine Tochter‹, rief Aphrodite. Sie hatten beide Recht . . .'

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,Siehst du', sagte Grete zu mir, ,so lieb ich dich so oft, daß ich wünschen möchte, du und ich, wir wären ein Wesen.'

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Um diese Zeit malte Grete das Porträt der beliebtesten Schauspielerin des damaligen Kopenhagen, Anna Larsen. Eines Tages konnte sie nicht zu der verabredeten Sitzung kommen. Am Telefon fragte sie Grete, die etwas ungehalten war: ,Kann denn Andreas nicht für den unteren Teil des Bildes Modell stehen? Er hat ebenso hübsche Beine und Füße wie ich.'

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Grete lachte wie sie. Einmal hatte ich, das wußte Anna Larsen, mit meinen Beinen Grete bei einem Frauenbilde ,zu Hilfe kommen' müssen. Da aber hatte es sich eigentlich nur um einen Faltenwurf gehandelt. ,Du hast eigentlich sehr hübsche Frauenbeine', hatte Grete dabei scherzend zu mir gesagt.

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Ich war, während Grete jetzt mit Anna Larsen telefonierte, gerade dabei, meine Palette zu reinigen, rauchte eine Zigarre und hörte kaum hin, als Grete mir Anna Larsens Vorschlag erzählte. Anfangs lehnte ich ziemlich barsch ab. Grete lachte mich aus, nannte mich eigensinnig, bat mich, streichelte mich . . . und ein paar Minuten später stand ich in Kleid und Stöckelschuhen im Atelier. Wir beide lachten wie über einen gelungenen Spaß. Und damit die Verkleidung vollkommen war, holte Grete eine Karnevalsperücke aus der Tiefe einer Truhe heraus, es war eine blonde, sehr gelockte Perücke, zog sie mir über – dann kam sie mit Puder und Schminke, ich ließ willig alles über mich ergehen . . .

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Als alles fertig war, trauten wir kaum unsern Augen.
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Ich drehte und bog mich vor einem Spiegel, wieder und immer wieder, versuchte, mich zu erkennen. War es wirklich möglich, daß ich so gut aussehen konnte, fragte ich mich . . . Grete klatschte entzückt in die Hände. ,Das vollkommenste Damenmodell', rief sie einmal über das andere, ,als hättest du nie etwas anderes als Frauenkleider getragen.'

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Und seltsam – ich kann es nicht leugnen –, ich gefiel mir in der Verkleidungsrolle . . . ich empfand die leichten Frauenkleider als etwas überaus Angenehmes, ja Selbstverständliches. . . Ich fühlte mich heimisch darin. Vom ersten Augenblick an. Grete begann zu malen.

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Da klingelt es im Korridor. Und einen Augenblick danach rauscht Anna Larsen ins Atelier herein. Sie hatte gleichwohl Zeit gefunden . . .

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Sie sieht mich an . . . erkennt die fremde Dame nicht . . . erkennt nur ihr eigenes Kleid. Dann aber stößt sie einen Jubelschrei aus und umarmt mich stürmisch.

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,Etwas so Lustiges habe ich lange nicht erlebt', stellt sie fest und applaudiert meinem Auftritt. Sie beguckt mich von allen Seiten, ich muß mich drehen und wenden und alle möglichen Stellungen einnehmen. Schließlich beteuert sie: ich sei als Mädel viel, viel hübscher denn als Mannsperson. Damenkleider trüg ich viel, viel besser als Männerzeug. Ja – sie behauptet – und diese Worte habe ich nie vergessen: ,Weißt du, Andreas, du bist sicher in einem früheren Dasein ein Mädchen gewesen . . . oder aber die Natur hat diesmal bei dir ein Versehen begangen.'

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Sie spricht ganz langsam, ganz nachdenklich, man merkt, daß ihr seltsam zumute ist.

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Grete gibt mir einen Wink, die Verkleidung wieder abzulegen, da Anna Larsen jetzt ja selber sitzen könne.

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Ich will mich zurückziehen. Anna Larsen hält mich fest. ,Nein', ruft sie, ,heute würde ich ein Wiedersehen
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mit Andreas einfach nicht ertragen. Wir wollen auch nicht von ihm sprechen! Hört ihr! Und jetzt will ich dich taufen, mein Mädelchen. Du sollst einen ganz besonders lieblichen, klingenden Namen erhalten. Zum Beispiel . . . Lili . . . Was sagst du zu Lili? . . . Fortab nenne ich dich Lili . . . Und das muß gefeiert werden! Was sagst du dazu, Grete?' –

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Und Grete nickt nur, sieht bald sie, bald das Taufkind an . . . mit verwunderten Augen . . . und dann wird ein lustiges Fest zu dreien gefeiert, bis tief in die Nacht hinein, Lilis Taufnacht . . .

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So entstand Lili . . . und bei dem Namen ist es dann geblieben . . . Und nicht nur bei dem Namen . . .

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Mit einem übermütigen Spaß, einem echten Künstlereinfall, wenn man will, begann es . . . Und viele Jahre trieben wir dann unser Spiel mit Lili.

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Wenige Wochen nach Lilis Taufe fand ein Künstlerfest statt. Grete schlug vor, daß Lili daran teilnehmen sollte, um dadurch in die große Welt eingeführt zu werden. Grete entwarf ein Pierrettekostüm . . .

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Der Erfolg war vollkommen. Lili war eine der begehrtesten Tänzerinnen. Ein Offizier hatte es ganz besonders auf sie abgesehen. Schließlich holte er sie zu jedem Tanz. Gegen Mitternacht wurde er etwas aufdringlich. Da versuchte Lili, ihr Geheimnis zu lüften. Es nützte ihr nichts – der Offizier glaubte ihr einfach nicht! Als sie ihm glücklich entschlüpft war, kam sie vom Regen in die Traufe. Ein neuer Kavalier riß sie an sich, gab sie nicht frei, verlangte auf der Stelle die Erlaubnis, sie zumindest auf den Nacken küssen zu dürfen. Als sie endlich seinen Angriffen entkommen war, hatte das Pierrettekostüm einige Spuren davongetragen.

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Eine andere, seltsame Beobachtung hatte Lili während dieses Festes übrigens machen müssen: die Haltung des
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weiblichen Geschlechts ihr gegenüber. Mehrmals hatte sie selber mit freundlichem Lächeln Damen betrachtet, die sie schön fand. Aber meist hatte man ihren zutraulichen Blick mit eisigen Augen zurückgewiesen. Sie war ratlos, fragte schließlich Grete, ob sie sich schlecht betragen habe, ob sie unmöglich aussehe. Grete sagte lächelnd: ,Die dumme Lili ist noch so jung. Sie kennt die Bosheit und das Mißtrauen von uns Frauen anderen Frauen gegenüber noch nicht.'

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Es war das erstemal, daß sich Lili als Eigenwesen gefühlt hat. Und so wurde auch aus diesem lustigen Einfall etwas wie Vorausahnen . . . Wie oft habe ich nicht an diesen fernen Abend denken müssen.

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Aber noch ein anderes Erlebnis, nicht minder bezeichnend, hinterließ dieser Abend.

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Grete und Lili wollten nach Hause. Auf der Suche nach ihrem Mantel rennt Lili einem langen Maler von der Akademie in die Arme. Es war einer von meinen vier Atelierkameraden! Um Himmels willen! Wie es anstellen, daß das Geheimnis nicht verraten wird? – Lili tut, als sieht sie ihn nicht. Er packt sie, preßt sie an sich und drückt ein halbes Dutzend Küsse auf ihren Hals. Diesmal komme ich Lili zu Hilfe. Ein paar Backpfeifen sitzen wohlgezielt dem Frechling mitten im Gesicht. Er tritt sofort den Rückzug an . . . Hauwitz hieß der Mann.

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Als ich am nächsten Tag die Atelierklasse in der Akademie betrete, finde ich die Kameraden mitten im Diskutieren der Karnevalsnacht. Hauwitz ist der Eifrigste. Er gibt seine Erlebnisse zum besten.

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,Aber wo stecktest du gestern?' attackiert er mich sofort. Auch die anderen fragen, weshalb ich nicht mitgemacht hätte, zumal doch Grete da gewesen sei.

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Ja, erkläre ich, mir sei nicht wohl gewesen. Im übrigen hätten die Kollegen sich, wie ich gehört, sehr gut
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unterhalten, besonders Hauwitz, der sehr eifrig eine Pierrette umworben habe.

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Woher ich das wüßte, warf Hauwitz geschmeichelt hin, man könne sich nicht rühren, ohne daß der Klatsch sich über einen hermache; wer denn so indiskret gewesen sei, mir seine kleinen Abenteuer zu verraten . . .

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,Sie sind eben ein unerhörter Herzenbrecher', sagte ich. ,Also legen Sie mal los . . .'

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Anfangs wehrte Hauwitz kavaliermäßig ab. ,Man ist doch ein Gentleman. Im übrigen war die Pierrette wirklich eine fabelhafte Person.'

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Er schmunzelte, zwinkerte verheißungsvoll mir zu, alle umdrängen ihn. ,Also los, Hauwitz', ermunterte man ihn.

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,Na, der Sparre scheint ja Bescheid zu wissen. Haltet euch an ihn', erwiderte er ziemlich eindeutig.

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,Aber lieber Hauwitz. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich würde wohl der letzte sein, der etwas andeuten möchte', gab ich zurück, indem ich dann die Frage stellte: ,War sie nun wirklich so hübsch?'

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,Vermuten Sie so viel, wie Sie Lust haben', legte Hauwitz wieder los, ,Sie können in Ihren Vermutungen gar nicht zu weit gehen. Eine unerhörte Sache . . .'

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Worauf Hauwitz sich in Schweigen hüllte, das beredter war als die gröbste Aufschneiderei . . .

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Meinen intimsten Freunden gestand ich hinterher, wer die Pierrette gewesen . . . Hauwitz wurde erst viel später eingeweiht, nachdem er noch mehr Gelegenheit bekommen hatte, sich als Casanova zu blamieren . . .

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Diesem Tanzfest folgten andere, in denen Lili mit wachsendem Erfolg sich in ihre Rolle einlebte. Grete putzte sie jedesmal aus, daß dieses plötzlich in der Kopenhagener Künstlergesellschaft aufgetauchte fremde Wesen anfing, Furore zu machen . . . Lili wurde nach und nach Grete unentbehrlich . . . Denn, wie seltsam sich dies
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alles jetzt auch anhören mag, nicht ich verkleidete mich in Lili , sondern sowohl für mich wie für Grete wurde Lili sehr bald ein völlig selbständiges Persönchen, und zwar eine Gespielin von Grete, ihre eigentliche Gespielin und ihr Spielzeug zugleich.

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Lili und ich, wir wurden zu zwei Wesen. War Lili nicht da, so sprachen wir von ihr wie von einer dritten Person. Und war Lili da, das heißt, war ich nicht da, so wurde zwischen ihr und Grete von mir wie von einer dritten Person gesprochen. Und bald lernten dies auch unsere intimsten Freunde. Aber ein Spiel war es doch viele Jahre lang . . .

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Grete ist in ihrem tiefsten Wesen recht melancholisch. Um über solche Stimmungen hinwegzukommen, rief sie nun ihre Gespielin Lili zu sich. Lili war nämlich die Sorglosigkeit und Heiterkeit in Person. Ebenso wichtig wurde Lili ihrer Herrin allmählich als Modell, ja, heute kann ich es ruhig sagen, daß Lili das Lieblingsmodell von Grete gewesen ist. War es Zufall oder nicht, Grete hatte mit Bildern, zu denen Lili ihr Modell gestanden hatte, mehr und mehr Erfolg. Und sie begann, in Lili eine Art Maskotte, einen glückbringenden Talisman zu sehen. Eine große Reihe von Gretes Bildern und Zeichnungen entstanden damals in unserm ersten Atelier in Kopenhagen, in denen Lili in hunderterlei Variationen als Modell auftauchte. Gretes Künstlerruhm stieg. Lilis Ruhm als Modell ebenfalls. Aber niemand wußte, wer sich hinter dem Modell verbarg. Legenden bildeten sich darum. Auch der Klatsch begann zu wispern, ohne aber dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

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Ein bekannter Schriftsteller behauptete, das Modell Lili sei überhaupt kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern nichts wie ein Frauentyp, auf den sich Gretes Phantasie nun einmal festgelegt habe, also eine leere Kaprice . . .

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Nur wenige ahnten den Zusammenhang. Niemand aber wußte etwas Bestimmtes um das Mysterium Lili – mit Ausnahme von Anna Larsen, die jedoch Verschwiegenheit gelobt hatte. Sie hat ihr Wort gehalten.

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Eines Tages erhielt Grete aus Paris eine Einladung, dort ihre ,Lili-Zeichnungen' auszustellen . . .

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Und so wurden wir drei nach Paris verpflanzt: Grete, ich und – Lili.

VII

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Bereits vor unserer Übersiedelung nach Paris hatten wir mehrere Auslandsreisen unternommen. Sobald wir aus unseren Bilderverkäufen genügende Ersparnisse beisammen hatten – wir waren recht bescheiden in unseren Ansprüchen –, waren wir jedesmal südwärts gefahren, um zu studieren, zu malen und die Welt kennenzulernen. Aber auf all diesen Reisen war Lili ,nicht mitgewesen'. Es gab zu viel Neues zu erleben, als daß Grete und ich Zeit gefunden hätten, uns mit ihr zu beschäftigen. Sobald wir aber wieder in unserem heimischen Atelier waren, tauchte sie auf – und dann mußten wir jedesmal feststellen, daß wir sie eigentlich entbehrt hatten . . .

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Fast ein ganzes Jahr hatten wir in Italien verbracht . . . ohne Lili. Es war das sorgloseste Jahr, das ich mit Grete verlebt habe. Das Märchen des Südens wurde uns beiden Kindern des Nordens zu einer unbeschreiblich herrlichen Offenbarung.

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Wie konnten wir da Zeit zum . . . Spielen finden? Grete war damals die Heiterkeit selber. Nie fühlte sie sich in Italiens Wunderwelt bedrückt. Sie bedurfte keiner Zerstreuung. Darum wurde Lili von ihr nicht beschworen . . .

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Und doch war Lili wohl inniger mit uns beiden zu-
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sammen denn je. Nur war es kein Spiel mehr . . . Mit mir selber begann zu jener Zeit eine Veränderung vorzugehen, ohne daß ich mir dessen damals recht bewußt wurde. Dies zeigte mir meine Wirkung auf andere . . . gerade damals in Italien. In Florenz machte sich ein unglücklicher Mensch an mich heran. Ein reicher Ausländer. Eines Tages, nachdem er mich ein paar Wochen auf Schritt und Tritt verfolgt hatte, sprach er mich an und machte mir den Vorschlag, in seiner Villa Wohnung zu nehmen. Nach Herzenslust würde ich dort meine Studien als Maler betreiben können. Ich lehnte höflich, aber sehr entschieden ab. Ich sah ihn dann öfters. Immer war ich in Damengesellschaft, entweder zusammen mit Grete oder aber in Begleitung einer auffallend schönen Sizilianerin. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ich diesen armen Menschen vor die Pistole fordern müssen.

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In Rom hatte ich ein ähnliches Abenteuer. Dort wollte ein amerikanischer Millionär mich mit nach Ägypten haben. Er bestürmte nicht nur mich, sondern auch Grete. Er segelte allein nach Alexandrien.

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Nie vorher hatte ich derartige, delikate Situationen erlebt. Wieso gerade in Italien, ist mir erst viel später klar geworden. Als neulich in Paris Professor Kreutz eine Reihe photographischer Aufnahmen, während der letzten Jahre von mir genommen, darunter auch einige unter meiner ersten Italienfahrt, sah, zeigte er gerade auf diese Bilder mit den Worten: ,Damals hat sich die Lili zum erstenmal äußerlich deutlich zu erkennen gegeben' –

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Nun ging es also nach Paris.

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In der Nähe der ,Ecole des Beaux Arts', auf dem linken Ufer der Seine , quartierten wir uns in einem der unzähligen kleinen Hotels ein. Der Wirt kam uns wie ein Meuchelmörder vor, die Wirtin wie ein Konglomerat aus Geiz, Neugier und Unsauberkeit. Ihre kleine, allerliebste Tochter glich einem entzückenden Kätzchen. So
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etwas gibt es nur in Paris . . . das eine, wie das andere und dritte . . .

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Wir bekamen ein paar gemütliche hellrot und grauweiß getünchte Stuben. Die eine lag nach einem alten, vernachlässigten Gärtchen hinaus und hatte einen geheimnisvollen Alkoven mit rotgeblümten Gardinen.

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Das Faktotum des Hotels, Jean mit Namen, erzählte uns sehr bald, daß in diesen beiden Stuben Oscar Wilde seine letzten Tage verlebt habe . . . Im Alkoven mit den rotgeblümten Gardinen sei er gestorben . . . Als Jean uns dies erzählte, rannen ihm Tränen über die schlecht rasierten Backen. Er hatte Grund, Oscar Wildes Heimgang zu betrauern. Manches Zwanzig-Frank-Stück hatte der große unglückliche Dichter ihm gegeben, um für einige Sous Zigaretten zu kaufen. Das ,Kleingeld' hatte Jean aber niemals zurückzugeben brauchen, gab er als zarten Wink an unsere Adresse weiter. Für Grete und mich wurden die beiden stillen Stuben doppelt stimmungsvoll. Wir saßen oft vor dem breiten Fenster nach dem alten Garten, lasen viele Male Seiten auf Seiten in den Büchern des Dichters, den ich seit vielen Jahren liebte. ,De Profundis' und die ,Ballad of Reading Coel' kannten Grete und ich allmählich auswendig. – Es waren schöne Abende . . .

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In der Nähe des Hotels fanden wir unsere Stammkneipe, ,Chateau neuf du Pape', vor allem Kunstschüler verkehrten dort. Ein sehr bescheidenes Restaurant. Aber für einen Franken und 30 konnte man dort herrlich dinieren. Der Wein war in den Preis einbegriffen. Hier fanden wir unsere ersten Pariser Freunde.

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Kurz darauf wurde Grete von dem Redakteur einer bekannten Pariser illustrierten Zeitschrift zur Mitarbeit aufgefordert. Er hatte gerade Gretes Gemälde und Zeichnungen auf ihrer ersten Ausstellung in Paris gesehen.

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Grete war Feuer und Flamme, sogleich mit ihrer
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Mitarbeit zu beginnen. Aber was sollte sie anbieten? Wo schnell ein geeignetes Modell auftreiben?

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Sie sah mich fragend an, zögerte ein paar Augenblicke, dann sagte sie: ,Was meinst du, wenn Lili . . .'

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Ich gestehe, ich war zuerst etwas überrascht. Auch ich hatte Lili mitten im Trubel von Paris vergessen, genau wie damals auf unserer ersten Italienfahrt. Auch hier in Paris hatte Grete der Gesellschaft Lilis weder bei der Arbeit noch zur Zerstreuung bisher bedurft.

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,Gut', sagte ich, ,aber was soll sie anziehen . . .'

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Lilis, Ausstattung' war in Kopenhagen geblieben. Ganz davon abgesehen, daß Lili beträchtlich größer war als die sehr zierliche Grete, wurde in puncto Garderobe auf strengste Gütertrennung gehalten.

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Schnell wurde das Nötigste für Lili besorgt. Sie war nicht wenig stolz auf ihr erstes echtes Pariser Kostüm.

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So kam sie wieder mitten in Paris zum Vorschein. Die Arbeiten, zu denen sie Modell saß, machten Glück. Grete strahlte. Sie erzielte beträchtliche Preise für ihre Arbeiten. Wir konnten uns ein angenehmes Atelier mieten. Wir wurden seßhaft in Paris, fanden unseren Freundes- und Bekanntenkreis.

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Auch ich malte jetzt viel, teils in Paris, teils in Versailles, wo wir die warmen Sommermonate verbrachten.

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Es vergingen ein paar harmonische, glückliche Jahre für Grete und mich. Lili zeigte sich nur in unserer Mitte, wenn Grete ihrer als Modell dringend bedurfte. Wir verdienten gut. Grete konnte sich ,fremde Modelle' leisten . . .

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Als wir genug Geld für eine Studienreise zurückgelegt hatten, brachen wir wieder nach Italien auf. Unser Ziel war Capri. Jahrelang war es unsere Sehnsucht gewesen, dieses Sonnenparadies kennenzulernen.

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Zu unserer großen Freude trafen wir, kaum dort angekommen, einen Maler aus Florenz wieder, den wir
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während unserer ersten Italienreise kennengelemt hatten. Nino nannten wir ihn. Wir waren fortan unzertrennlich. Nach wenigen Tagen hatten wir unter den auf Capri herumwimmelnden internationalen Künstlern mehr Bekannte, als uns manchmal lieb war. Drei-, viermal trafen wir uns täglich bei ,Morgano', und Abend für Abend wurde dort Schach und Dame gespielt. Selbstverständlich war man zur Badezeit vollzählig auf dem kleinen Strand bei ,Piccola Marina'.

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Hier trafen wir eines Tages einen Schotten, der stets in Begleitung eines sehr zierlichen Knaben auftrat. Beim Baden verwandelte der Knabe sich zu unserem Erstaunen in ein sehr niedliches Mädchen . . .

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,Ma naturale!' erklärte ob dieser ,Enthüllung' ein venezianischer Bildhauer, der zu unserer Clique gehörte, ,das habe ich von Anfang an gewußt! Ein Mädchen kann sich nun einmal nicht als Mann verkleiden, ebensowenig umgekehrt. Wer Augen zum Sehen hat, durchschaut sofort den Schwindel. Irgendeine Äußerlichkeit spielt immer den Verräter.' Favio hieß der Mann.

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Grete warf mir einen übermütigen Blick zu. Ich verstand ihn . . . Am Nachmittag zur Flanierstunde erschien Grete in Begleitung einer schlanken, großen jungen Dame, die niemand bislang in Capri gesehen hatte. Sie promenierten bei ,Morgano' vorbei, wo Grete viele neugierige Grüße von Freunden und Bekannten erwidern mußte. Plötzlich sprach Signora Favio, die Frau des Bildhauers, die beiden Damen an, erkundigte sich nach mir, hoffentlich sei ich nicht krank, da man mich heute gar nicht gesehen habe . . . Ob Grete und ich nicht zu einem Abendfest in ihrer Villa in der Nähe des Monte Tiberio kommen wollten . . .

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Grete bedauerte . . . ,Andreas mußte wegen einiger wichtiger Besorgungen nach Neapel. Er kann erst morgen früh zurück sein.'

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Dann stellte sie ihre Begleiterin vor. ,Mademoiselle Lili Courtot . . . Signora Favio . . .'

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Die Signora hatte erreicht, was sie wollte, und sie beeilte sich, Mademoiselle Lili mit Frau Grete zum Abendfest einzuladen. Wir nahmen mit Freuden an.

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Die Mystifikation gelang über alle Erwartung. Gretes französische Freundin wurde von der ganzen Festgesellschaft überaus liebenswürdig aufgenommen. Eine bekannte norwegische Schriftstellerin feierte in einem schwungvollen Toast Mademoiselle Lili als ,die vollendetste Verkörperung französischen Scharmes und Pariser Eleganz'. Sie wich nicht von Lilis Seite. Sie lud Lili zu sich nach Norwegen ein. Sie trank mit ihr Brüderschaft'.

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Und Lili strahlte . . . Und nicht weniger Grete. Denn das Entzückende oder, vielleicht richtiger ausgedrückt, das Pikante dieser neuen Freundschaft war, daß diese stürmische Norwegerin bislang mich angehimmelt hatte . . .

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Gretes französische Freundin gab in den folgenden Tagen noch ein paar Gastspiele. Um mein Fernbleiben dann begreiflich zu machen, erzählte Grete allen, die es wissen wollten, daß zwischen mir und ihrer Freundin Lili eine unüberbrückbare Abneigung bestünde . . . Aber Capri ist klein. Lili mußte bald wieder ,abreisen' und mir das Feld räumen. Favio wie alle anderen blieben völlig arglos . . .

– – – –

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Als wir dann aber von Italien wieder nach Paris kamen, geschah es häufig, daß Lili, nachdem Grete sie während der hellen Tagesstunden als Modell benutzt hatte, während des ganzen Abends blieb. Und kam einer oder eine von unseren Intimsten zu Besuch, so flüchtete sie nicht wie früher wie gehetzt in ein Nebenzimmer, sondern sie blieb, wo sie war und auch die anderen waren, und war froh und guter Dinge.

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Nach und nach hatten alle sie gern. Sie war, wie Grete immer wieder feststellen mußte, der gute Geist und die gute Laune aller unserer kleinen Feste im Atelier . . .

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Aber alle machten einen großen Unterschied zwischen Lili und mir. Gretes Freundinnen, die mir gegenüber sich fast zeremoniell benahmen, umarmten Lili und duzten sie. Ebenso Gretes und meine Freunde.

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Sonderbar war auch, daß Lili, befand sie sich unter Gretes Freundinnen, – die fast ausnahmslos Künstlerinnen wie sie waren, – sich als die weiblichste von allen fühlte. Und die Freundinnen lachten anfangs etwas ausgelassen über diese Tatsache, merkten allmählich aber, daß Lilis Gefühl echt war.

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Und so kam es, daß Lili von Monat zu Monat immer hartnäckiger auf ihren Platz bestand und immer widerwilliger vor mir zurücktrat.

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Grete und ich hatten auf dem , Salon d'Automme, wo wir beide ausstellten, einen französischen Bildhauer getroffen. Jean Tempéte. Diese Bekanntschaft sollte die Einleitung zu neuen Erlebnissen für Lili werden.

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Er besaß ein Sommerhaus in einer kleinen Stadt an der Loire . Mit einigen Freunden sollte er eine Theateraufführung zu wohltätigen Zwecken auf der winzigen Bühne dieses Städtchens veranstalten. Balgencie heißt der Ort.

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Er lud Grete und mich ein, mitzumachen.

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Es war eine lustige Bahnfahrt. Das Städtchen ist ein kleines Rothenburg . . .

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Das ,Theater', das noch am selben Abend von uns in Besitz genommen wurde, sah von außen aus wie ein Tabaksladen mit anschließendem Cafe. Innen war es für gewöhnlich Kino nebst Tanzboden. Da es nur eine einzige Theaterdekoration gab, die außerdem unbrauchbar war, wurde Grete sofort zum Kulissenmalermeister
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ernannt. Sie entwarf im Fluge die ‚Bühnenausstattung' zu der Revue, deren Verfasser Jean Tempète selber war.

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Um sechs Uhr abends ,stand alles'. Um neun Uhr sollte die Vorstellung beginnen.

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Um sieben Uhr begab sich Tempète zusammen mit mir an die Bahn, um das einzige Mitglied, das in unserem ,Ensemble' noch fehlte, abzuholen, eine junge Malerin, die aus irgendeinem Grunde nicht gleichzeitig mit uns anderen hatte fahren können. Sie hatte eine kleinere Rolle zu spielen, eine ‚waschechte Pariserin'.

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Der Zug lief ein, aber unsere ‚Pariserin' war nicht mitgekommen. Es war der letzte Zug vor der Vorstellung . . .

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Tempète raste. So klein die Rolle auch war, ohne sie würde das Stück ,auseinanderfallen'.

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,Dann müssen wir Grete bitten, einzuspringen', erklärte ich.

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Grete und ich, die erst ,in elfter Stunde' zur Teilnahme an der Künstlerfahrt eingeladen waren, gehörten nicht mit zum eigentlichen ,Ensemble'.

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,Ausgezeichnete Idee', jubelte Tempète und überfiel sofort beim Betreten des sogenannten Hotels, in dem wir Unterkunft gefunden hatten, Grete. Sie lag, von der Theatermalerei recht erschöpft, auf irgendeinem wackeligen Diwan.

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,Ausgeschlossen', erklärte sie, ,ich kann beim besten Willen nicht . . .' Dann warf sie mir einen heimlichen Blick zu. ,Aber . . . vielleicht kann . . . Lili.'

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,Wer ist Lili?' fragte Tempète. Alle stellten die gleiche Frage.

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,Kümmert euch nicht darum. Die Hauptsache ist, daß sie kommt. Die Rolle wird sie mühelos spielen können', erklärte Grete der neugierigen Korona, hakte Tempète ein, zog ihn abseits und gab ihm die nötigen Aufklärungen. Er schüttelte sich vor Lachen, versprach Still-
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schweigen, und dann wurde verabredet, daß er, während Lili ausstaffiert wurde, ihr in der Verborgenheit eines Hotelzimmerchens die Rolle der ‚Waschechten' beibringen sollte . . . Als abends bei vollgepacktem Theatersaal die Revue vom Stapel lief, ahnte nicht ein Einziger im ganzen Saal, daß die Lili nicht eine wirklich waschechte Pariserin war . . . Obendrein begeisterte sich der besonders poetisch veranlagte Apotheker von Balgencie , der mit zu dem ,Wohltätigkeitsausschuß' gehörte, so sehr für Lili, daß er der unbekannten Schönen eine Schachtel ,Veilchenseife' ins Hotel sandte.

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An diesem Abend lernte Lili ihren treuesten Freund kennen. Claude Lejeune. Der Tenor der Revue. Er war der Komiker des Abends. Sein bloßes Erscheinen auf der Bühne löste wahre Heiterkeitsorkane aus. Er war der einzige wirkliche Könner unseres Dilettantenensembles, das heißt, er war der einzige, der kein Dilettant war.

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Mir war dieser junge Künstler, der mit seinem trockenen, schlagfertigen Witz in jeder Montmartre-Kneipe hätte auftreten können, schon vormittags aufgefallen. Ein völlig unregelmäßiges Gesicht, recht farblose, etwas schief geratene Augen und dazu eine putzige, spitze Nase. Auf den ersten Blick mochte er wohl häßlich wirken. Betrachtete man ihn aber etwas länger, so fühlte man eine merkwürdige Wärme und Güte, die sein ganzes Wesen ausstrahlte.

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Mich, Andreas, hatte er ziemlich links liegen lassen.

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Ganz anders wurde sein Betragen gegenüber Lili.

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Selbstverständlich war er wie auch die übrigen Kollegen und Kolleginnen aus Paris bald ,im Bilde'. Im übrigen war man diskret.

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Und die Bürgerschaft, die nach der gelungenen Vorstellung einen ,Wohltätigkeitsball' veranstaltete, dessen Mittelpunkt wir ,Pariser' zu sein hatten, sah in Lili,
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Figurine Eine Porzellanplastik von Andreas
                                Sparre (Einar
                                Wegener)
                            Paris 1928
Figurine Eine Porzellanplastik von Andreas Sparre (Einar Wegener) Paris 1928

die auf Wunsch aller Kumpane in ihrem Bühnenkostüm geblieben war, die ‚waschechte Pariserin' . . . Man behandelte sie, wo sie sich nur blicken ließ, mit ausgesuchter Courtoisie. Sie amüsierte sich himmlisch. Sie gehörte zu den begehrtesten Tänzerinnen des Balles. Als sie endlich einmal einen Tanz überschlagen konnte, stand Claude Lejeune vor ihr, machte seine lustigste Verbeugung, um dann das ernsteste Gesicht der Welt zu zeigen, zwängte das Monokel härter vors Auge, errötete sogar ein wenig und sagte fast feierlich: ,Mademoiselle, darf ich, sobald Sie sich etwas erholt haben, um die Ehre bitten, einige Male hintereinander Ihr Tanzpartner zu sein?' Lili sah ihn etwas erstaunt an, nickte dann. Und sie tanzten viele Male während dieser Nacht. Sie waren beide von gleicher Größe. Sie sprachen während des Tanzens kein Wort miteinander. Sie tanzten, ganz dem Rhythmus des Tanzes hingegeben.

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Als der letzte Tanz zu Ende war, verbeugte Claude Lejeune sich sehr tief vor Lili, errötete wieder und sagte: ,Mademoiselle, darf ich hoffen, daß Sie unseren gemeinsamen Ausflug morgen mit Ihrer Gegenwart auszeichnen werden?'

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Auch die anderen Kameraden baten Lili . . . und sie sagte lachend zu. An diesem Ausflug nahmen nur die ,Pariser' teil. Sonst hätte Lili sich wohl kaum eingefunden. Der Tag verlief in schönster Harmonie und man verabredete, am ersten August sich vollzählig wieder in Balgencie ein Stelldichein zu geben, um gemeinsam die Ferien an den Ufern der Loire zu verleben. Lili wurde ganz besonders eingeladen. Sie sagte zu, auch namens ihres ,Bruders Andreas'. So nannte Lili fortab – mich.

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Abends fuhren wir zurück nach Paris.

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Im August eroberte die ,Pariser Bande', wie man uns von dann an halb aus Bewunderung, halb aus Entsetzen nannte, das Städtchen mitsamt dem köstlichen Badestrand
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35 Grad zeigte das Thermometer im Schatten. Oft mußten wir daher unsern Tag in die Nacht verlegen, was um so lustiger war. Denn von zehn Uhr abends an lag das Städtchen im Dunkeln, ob Vollmond war oder Neumond. Die sogenannte gute Gesellschaft von Balgencie hielt sich von uns auf Abstand, mit Ausnahme von Monsieur René, dem stellvertretenden Bürgermeister. Der ,richtige' Stadtchef hatte die Amtsgeschäfte wegen eines chronischen Magenleidens schon seit langem auf Monsieur Renés breite Schultern legen müssen. Monsieur René, so nannte ihn das ganze Städtchen, war Junggeselle. Er nahm an allen unseren nächtlichen Streifzügen durch die nähere und weitere Umgebung ,seiner' Stadt teil, und er war es, der den Stadtverordneten in feierlicher Rathaussitzung während dieser Augusttage den Vorschlag unterbreitete, am Ende des Monats mit Hilfe der ,Pariser Bande' ein neues ,Stadtfest' zu wohltätigen Zwecken zu veranstalten. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Tags darauf ergingen feierliche Einladungen an Jean Tempète, Grete und mich sowie an ein paar andere ,Prominente' unserer Bande, das Festprogramm auszuarbeiten. Wir beschlossen, einen Wasserkorso zu veranstalten, mit blumengeschmückten Booten auf der Loire. Amors Boot sollte an der Spitze des Gondelkorsos segeln.

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Mit Begeisterung wurde unser Vorschlag von den Stadtvätern angenommen.

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Grete erhielt den Auftrag, Amors Boot herzurichten.

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Monsieur René stellt einen alten, breiten Kahn sowie einen Lagerschuppen am Fluß mitsamt seinem Weinkeller zur Verfügung. Als sich endlich das ziemlich schäbige Boot in Amors Festgondel verwandelt hatte, – ein riesiges rotes Herz war das Segel, – und der Stapellauf stattgefunden, stellte sich heraus, daß das Fahrzeug durch die prachtvolle wie auch sehr gewichtige Aus-
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staffierung recht schwierig zu steuern war. Die Loire ist bei Balgencie sehr reißend, tückische Winde machen ein Segeln ziemlich gefahrvoll. Amors Boot mußte also mit einem schwimmtüchtigen Amor und einem dito Knappen bemannt werden . . . Da man unter den jungen Damen des Städtchens keine geübte, couragierte Schwimmerin auftreiben konnte, fragte Jean Tempète sehr diskret mich, ob Lili nicht Amors Rolle übernehmen könnte, wenn man ihr Claude Lejeune als ,Köcherknappen' zuteilte. Man wußte, daß ich ein ausgezeichneter Schwimmer bin. Ich sagte namens Lili zu, auch Claude, der inzwischen ein guter Freund von uns geworden war.

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So wurde Lili an den Ufern dieses uralten Städtchens , in dem vor Jahrhunderten Jeanne D'Arc als Krieger in Stahl und Eisen ihren Einzug gehalten hatte, als Knabe Amor verkleidet . . . Das Fest fand bei herrlichstem Hochsommerwetter statt. Die ganze Bevölkerung stand am Ufer und bereitete Amor, der im Triumph auf den spiegelblanken Fluten der Loire dahinzog, phrenetische Ovationen. Mit seinem goldenen Bogen schoß er einen Regen von Pfeilen auf das tausendköpfige Spalier am Ufer ab. Und alle glaubten, daß sich hinter Amors Maskierung die ,waschechte Pariserin' aus der Revue des letzten Wohltätigkeitsfestes verbarg . . .

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Als Claude, dem als Amors Knappen die Aufgabe zugefallen war, nach Festesende Lili durch die vor Begeisterung tobende Menge ins Hotel zu begleiten, sie endlich unversehrt in ihr Zimmer gebracht hatte, sah er sie lange an und sagte dann sehr still: ,Wie du dich auch verkleiden magst und was du mir auch weismachen willst, du bist und bleibst ein richtiges Mädchen . . .'

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Erschreckt schwieg er. Lili sah ihn groß an.

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,Was ist dir, Claude?' fragte sie.

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,Nichts', sagte er still, ,gar nichts. Oder doch etwas . . . Aber würde ich das, was ich eben und den ganzen Tag
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gedacht habe, der Lili sagen, so würde ihr Bruder Andreas mir gewiß sehr böse sein . . .'

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Dann ging er, und als wir am nächsten Morgen einander sahen, blickte er mich scheu an und ging mir aus dem Wege. Lili war wieder verschwunden.

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Ein Jahr nach dem andern fanden wir alle uns im August in Balgencie wieder ein. In Balgencie gewöhnte ich mich allmählich an Lilis und mein Doppeldasein. Lili nahm an den Festen und Ausflügen teil. Ich malte sehr fleißig, schwamm und trank mit den Honoratioren des Städtchens manche Flasche Wein. Ich hatte dort viele Freunde. Alle Einwohner des Städtchens kannten mich und freuten sich, ihre Häuschen und Gärten und sich selber auf meinen Bildern, die hinterdrein in den Herbstausstellungen von Paris hängen durften, wiederzufinden. Niemand aber in dem Städtchen ahnte, wer die schlanke Pariserin war, die ab und zu mit Grete und Claude durch die Gassen des Städtchens und hinaus aufs Land radelte. Diese Fahrten gehörten zu den frohesten Erinnerungen Lilis. In aller Herrgottsfrühe, wo noch kein Schlafkammerfenster sich richtig geöffnet hatte, zogen die drei hinaus in die Sommermorgenwelt. Und erst spät abends, wenn das Städtchen längst schlafen gegangen war, kehrten sie müde und froh wieder zurück . . . Claude war dann der entzückendste Ritter von Grete und Lili, er war ihr Bruder und Beschützer, und die Freundschaft zwischen ihnen wurde immer inniger und dauerhafter, eine Freundschaft, die jede Prüfung bestand.

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Selbstverständlich wurde dieser ,Dreibund' auch in Paris fortgesetzt. Jeden Sonntag fand Claude sich ein. Dann war er den ganzen Tag über ,Gast des Ateliers'. Und einem ungeschriebenen Gesetz zufolge empfing Lili ihn stets an der Korridortür. War sie aber ein seltenes
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Mal ferngeblieben, und hatte ich die Tür ihm zu öffnen, so begrüßten wir uns sehr kameradschaftlich, er gab mir die Hand, fragte auch nach diesem und jenem, aber ich konnte ihm doch seine Enttäuschung anmerken. Im Atelier betrachtete er dann, wenn auch recht flüchtig, neue Bilder von mir, Politik und dergleichen wurde gesprächsweise berührt, auch die neuesten Pariser Skandale. Aber es dauerte nicht lange, höchstens eine Viertelstunde, und Claude blickte mich etwas unsicher an. ,Ich habe Grete noch gar nicht guten Tag gesagt' Und schon war er in der kleinen Küche bei Grete.

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War Lili aber seine sonntägliche Korridortüröffnerin, so ging er sogleich mit ihr in die Küche.

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Dabei fällt mir ein kleines Geschehnis ein, das sich gerade zu jener Zeit zutrug.

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Claude war an einem Wochentagsabend zu uns gekommen. Grete war nicht daheim. Da machte ich ihm den Vorschlag, irgendeine lustige Tanzbar im Quartier Latin zusammen aufzusuchen. Wir landeten in der ,Gipsy-Bar', wo Claude die ,Spezialität des Hauses', nämlich einen ,Clou de Cerceuil', auf gut Deutsch ,Sargnagel', bestellte. Dieser Cocktail trug nicht zu unrecht seinen vielversprechenden Namen. Eine häufige Wiederholung des Genusses von diesem ,Drink' an einem Tage oder in einer Nacht würde den Aufenthalt hienieden sicherlich beträchtlich verkürzen. Vielleicht veranlaßte dieser ,Drink' uns, einen neuen Tanz, den Claude irgendwo vor kurzem gesehen hatte, auszuprobieren. Es war übrigens das erstemal, daß er mit mir tanzte. Kaum hatten wir die ersten Pas hinter uns, als der ,Gèrant', auf uns losgestürzt kam und uns bat, sofort den Tanz abzubrechen. ,Ces Messieurs müßten entschuldigen, er kenne uns beide ja sehr gut, aber in seinem Etablissement sei es leider nicht erlaubt, daß zwei Herren miteinander tanzten . . .'
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Wir erklärten dem gestrengen Herrn umständlich, daß es sich für uns nur darum handelte, einen neuen Tanz durchzuproben. Er antwortete: ,Messieurs, ich bin verzweifelt, aber hier dürfen Herren nicht zusammen tanzen. Erlaube ich es auch nur ein einziges Mal, und ich weiß, daß es sich bei Ihnen um einwandsfreie Gentlemen handelt, so wird mein Etablissement von gewissen Herrschaften überlaufen werden, wodurch der gute Ruf meines Etablissements in Gefahr kommen würde . . .'

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Wir setzten uns lachend wieder hin, bestellten uns noch irgendeinen unschädlichen Aperitif und gingen heimwärts.

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Am nächsten Abend zogen Grete, Lili und Claude dorthin. Claude hatte inzwischen den beiden Damen den neuen Tanz beigebracht und kurz nach Betreten der Bar führten Claude und Lili unter dem lebhaftesten Applaus des ,Gèrant' den recht verzwickten Tanz fehlerlos aus.

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Dann trat er an den Tisch von Claude, machte eine galante Verbeugung vor Grete und besonders vor Lili und sagte: ,Ich hoffe, daß Ihr Herr Freund, den ich leider heute vermisse, doch nicht wegen des kleinen Zwischenfalls von gestern abend verärgert mein Etablissement meidet. Monsieur werden verstehen. . .'

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,Oh, wir verstehen', antwortete Claude, ,und ich versichere Sie, daß mein Freund nicht im geringsten verstimmt ist.'

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Und der Gèrant wandte sich an Lili: ,Darf ich Mademoiselle mein tiefstes Kompliment machen. Mademoiselle tanzten scharmant, scharmant.' Und dann zu Claude gewandt: ,Monsieur werden zugeben, daß sich Monsieurs gestriger Partner auch nicht im entferntesten mit Mademoiselle hätte messen können . . .'

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Ich muß in Verbindung mit diesem lustigen ,Zusammentreffen' ein anderes Erlebnis, das ebenfalls um diese Zeit sich ereignete, kurz erzählen.

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Lili war manchmal zusammen mit Claude und Grete Gast eines recht mondänen Künstlerklubs gewesen. Die Klubabende bestehen für gewöhnlich aus einem Essen mit anschließendem Ball. Eines Abends, Grete war müde, ging Lili auf eindringliches Bitten von Claude allein mit ihm dorthin. Eine Dame, die zu unserem intimen Kreise gehörte und sowohl mich wie Lili kannte, – im übrigen ahnte niemand im Klub etwas von unserem Doppeldasein, – machte sich an diesem Abend ein Pläsier daraus, Lili mit einigen Herren, darunter ihrem Vetter, einem nicht mehr ganz jungen Grafen bekanntzumachen. Bisher hatte Lili sich gesträubt, an diesen für sie seltenen Klubabenden neue Bekanntschaften zu machen. Sie war glücklich, mit Claude tanzen zu dürfen, ein Mehr bedurfte sie nicht. Doch ehe sie sich wehren konnte, hatte dieu Freundin ihren Vetter herangeholt: ,Mein Vetter le Comte de Trempe . . . la Baronne Lili de Courtaud!' Der sehr galante Graf forderte Lili sofort zu einem Foxtrott auf. Dem einen Tanz folgten mehrere. Lili konnte sich nicht wehren. Claude nickte ihr belustigt zu. So kam es, daß Lili mit ihrem neuen Kavalier bis tief in die Nacht hinein tanzte. Als sie sich endlich völlig erschöpft von ihm ,für diesmal' verabschiedete, bat er mit dem feierlichsten Gesicht der Welt um die Auszeichnung, ‚Madame la Baronne', die, wie ihm seine Kusine zugeflüstert hatte, ein paar Tage bei Grete zu Besuch sei, in den nächsten Tagen seine Aufwartung zu machen. Was konnte Lili anders machen, als gute Miene zum bösen Spiel? . . .

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Als Lili heimkam, schlief Grete längst.

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Am nächsten Morgen, kaum nachdem ihr Lili von ihrer ,Eroberung im Klub' berichtet hatte, klingelte es im Korridor. Der Graf war erschienen, bat tausendmal um Entschuldigung. – Grete hatte geöffnet, – für den Fall, daß er störe . . . Aber er wolle nur Gelegenheit neh-
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men, sich nach dem Wohlbefinden ihres Gastes, der ,Frau Baronin Lili de Courtaud' zu erkundigen.

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Grete bedauerte aufrichtig, daß ihr Besuch bereits ausgegangen sei, und führte den Grafen ins Atelier . . . Dort entdeckte er sofort auf verschiedenen Gemälden Lili, wie sie leibt und lebt . . . Er war außer sich vor Begeisterung. Ob er vielleicht auf die Rückkehr der Frau Baronin warten dürfe. Grete beteuerte, daß dies ein zweckloses Unterfangen sein würde, da ihr Besuch, übrigens ihre Schwägerin, bei Freunden zu einem Diner eingeladen sei . . .

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,Oh', erklärte nunmehr der Graf, ,also ist Ihr Gemahl, Monsieur Sparre, der Bruder der Frau Baronin . . .'

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Grete mußte in ihrer Hilflosigkeit diese ,Tatsache' zugeben.

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,Wann darf ich dann vielleicht das Vergnügen haben, Monsieur Sparre einen Besuch zu machen', fragte fast aufgeregt der Graf.

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Grete versprach, ihm bald durch seine Kusine Bescheid zugehen zu lassen . . .

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Am folgenden Tag, – wir sitzen mit ein paar Freunden beim Tee in unserm Atelier, – wir hatten gerade Lilis unfreiwilliges Erlebnis zum besten gegeben, – klingelt wieder die Korridorglocke. – Der Graf!

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,Ich freue mich aufrichtig', beginnt er sofort zeremoniell, ,Ihnen meine Visite abzulegen', kaum finde ich Zeit, ihn hereinzunötigen, ,ich hatte, wie ich bereits gestern Madame Sparre erzählt habe, vorgestern Ihre Schwester, die scharmante Baronesse, kennengelernt, und es liegt mir außerordentlich viel daran, sie wiederzusehen . . .'

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Natürlich hält es jetzt etwas schwer, die Haltung zu wahren. Aber es gelingt, und ich antworte: ,Meine Schwester wird sicherlich unglücklich sein, abermals um
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das Vergnügen zu kommen, Ihnen die Hand drücken zu können, Monsieur . . .'

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Grete und unser Teebesuch hatten Mühe, einen homerischen Heiterkeitsausbruch zu ersticken. Ich muß ihnen einen mahnenden Blick zuwerfen. – Ohne Bedenken fahre ich fort: ,Leider sehen wir meine Schwester in diesen Tagen sehr wenig . . . überall eingeladen . . . sehr umschwärmt . . . kaum vor Mitternacht heim . . .'

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,Ja, das begreife ich sehr wohl', sagt der Graf, sieht mich forschend an, ich fühle mein Herz wie einen Amboß, der unter Hammerschlägen zittert und spricht sehr langsam, jedes Wort mit einem Zwinkern durchs Monokel begleitend, weiter: ,Übrigens merkwürdig, daß Sie Geschwister sind. Madame de Courtaud hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit Ihnen, mein Herr.'

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Ich pflichte mit Nachdruck bei, sende Grete einen flehentlichen Blick zu, die Fassung zu behalten . . . Denn kaum hatte ich meine Versicherung, daß meine Schwester und ich einander überhaupt nicht im geringsten glichen, durch einen wahren Wortschwall ,detailliert', als der Graf an mich die Frage richtet, ob meine Schwester, die, wie seine Kusine ihm verraten habe, nicht verlobt, wirklich noch frei . . .

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Törichterweise stelle ich das nicht in Abrede!

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Worauf er eine mustergültige Verbeugung macht und ohne Umschweif erklärt: ,Monsieur, dann habe ich hiermit die Ehre, um die Hand der Frau Baronin anzuhalten.'

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Ich danke im Namen meiner Schwester und verspreche, ihr seinen ehrenvollen Antrag zu überbringen. – Darauf zieht er sich unter Austausch zahlloser Komplimente zurück . . .

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Einen Augenblick später zittert unser Atelier von dem dröhnenden Gelächter Gretes und unseres Teebesuchs . . .

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Ich lache nicht mit. Dies Ballerlebnis Lilis geht mir zu weit. Ich muß auf einen Ausweg sinnen.

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,Ganz einfach', ruft Grete, der vor Lachen die Tränen aus den Augen perlen, ,ich werde durch die Kusine dem Herrn Grafen bestellen lassen, daß seine Angebetete plötzlich aus sehr dringenden familiären Gründen nach Kopenhagen habe reisen müssen. Vorläufig sei an eine Rückkehr nach Paris nicht zu denken!'

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So geschah es dann auch. Einige Postkarten, die wir durch einen Freund in Kopenhagen, der Lilis ,Handschrift' zu fälschen hatte, an den Herrn Grafen befördern ließen, überzeugten ihn allmählich von der ‚Aussichtslosigkeit' seiner Werbung . . .

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Er hat nie erfahren, wer Lili war. –

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Noch seltsamer dürfte ein Erlebnis sein, das sich bei meiner Schwester und meinem Schwager in Kopenhagen, wo wir wenige Monate später zu Besuch weilten, zugetragen hat.

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Meine kleine Nichte hatte Bilder von Lili gesehen und wollte diese merkwürdige Person einmal ,in Wirklichkeit' sehen. So wurde beschlossen, daß sie an einem Sonntagnachmittag, den auch meine Eltern bei meinen Verwandten verbringen wollten, sich einfinden würde. Meine Eltern hatten Grete und mich seit ein paar Jahren nicht gesehen. Vater und Mutter waren daher enttäuscht, als sie bei ihrer Ankunft hörten, daß ich erst später kommen würde, da ich vorher einen sehr wichtigen Besuch zu machen hätte. Plötzlich klingelte es im Entree. Das Mädchen meldete, daß eine französische Dame im Korridor stehe und Madame Grete Sparre zu sprechen wünsche . . . Die Dame wurde hereingeführt, Grete begrüßte sie auf das Herzlichste . . . es sei eine Freundin aus Paris . . . leider spräche sie nur französisch! Und . . . Vater begann sofort eine Konversation auf französisch! Mutter, die sich alles von ihm übersetzen ließ, war grenzenlos stolz auf ihn!

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Im Laufe des Gesprächs machte Mutter plötzlich Vater darauf aufmerksam, daß er mit der Dame aus Paris nicht so dicht am Fenster stehen dürfe. – Es war mitten im Winter. – ,Vergiß nicht', sagte sie, fürsorglich die Pariser Dame betrachtend, zu Vater, ,die Dame kommt aus einem viel milderen Klima und ist so dünn gekleidet. Bitte sie, in der Nähe des Kamins Platz zu nehmen.' Dann wurde der Tee serviert. Und Vater und Mutter ließen sich von dem fremden Besuch das Allerneueste aus Paris erzählen . . .

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Eine ganze Stunde hatte ,die Pariserin' Mutter und Vater förmlich in Atem gehalten. Als sie sich dann plötzlich zu erkennen gab, schlugen die beiden entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen! Sie wollten ihren eignen Augen nicht mehr trauen!

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,Nein, nein', wiederholte Mutter noch lange hinterher, ,daß der Andreas und das Fräulein Lili aus Paris ein und dasselbe Wesen sind . . . Ich kann es nicht glauben –'

VIII

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So lebten wir beide, Lili und ich, unser Doppeldasein weiter, – und niemand, weder die ,Eingeweihten', noch ich selber, erblickten darin etwas anderes, als eine angenehme Art von Zerstreuung und Unterhaltung, eine Art Künstlerlaune, nicht mehr, nicht weniger. Ebensowenig beunruhigten wir uns über den augenscheinlich zunehmenden Unterschied in seelischer Hinsicht, der zwischen dem mystischen Mädchen und mir sich mehr und mehr offenbarte, wie denn auch niemand von uns ernstlich über die leisen Veränderungen nachdachte, die sich ganz allmählich an meinen körperlichen Formen bemerkbar machten.

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Aber in aller Stille hatte sich etwas in mir vorbereitet . . .

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Eines Abends sagte ich plötzlich zu Grete:

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,Eigentlich kann ich mir das Dasein gar nicht mehr vorstellen, wenn eines Tages Lili für immer ausbleiben würde oder wenn sie etwa nicht mehr jung und schön aussähe. Denn dann hätte sie ja keine Lebensberechtigung mehr.'

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Grete sah mich zuerst erstaunt an. Dann nickte sie und sagte in ihrer ruhigen, nachdenklichen Art: ,Seltsam . . . da berührst du etwas, woran auch ich in der letzten Zeit häufig habe denken müssen. Ich habe während der letzten Monate geradezu Gewissensbisse empfunden, und zwar deshalb, weil ich doch gewissermaßen mit die Ursache gewesen bin, Lili zu erschaffen. Sie in dir, aus dir hervorzulocken und so schuld an einer Disharmonie in dir wurde, die sich gerade in den Tagen am deutlichsten zeigt, an denen Lili nicht erscheint . . .'

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Ich hörte gespannt auf Gretes Worte. Es war, als zeigte sie mir einen Spiegel . . .

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,Es kommt vor', sprach sie erregt weiter, ,wenn sie mir Modell steht, daß in mir ein seltsames Gefühl wach wird, daß es noch mehr sie ist, die ich schaffe und forme, – als jenes Mädchen, das ich auf meiner Leinwand darstelle. Mitunter ist es mir, als sei hier etwas, das stärker wurde als wir. Etwas, das uns machtlos macht, uns beiseite schieben will, ja, als wollte es sich an uns rächen, daß wir mit ihm unser Spiel getrieben . . .'

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Grete brach ab, Tränen standen in ihren Augen. ,Wir sind auf eine abschüssige Bahn gekommen, und ich weiß nicht mehr, wo wir halten sollen . . .' rief sie. Ich versuchte, sie zu beruhigen. Doch ich schaffte es kaum, wenigstens nicht sofort. Ich sprach und sie hörte mich an. ,Siehst du, was du sagst, stimmt, stimmt ja so erschreckend wahrhaftig. Und das gefährlichste von allem ist, daß ich fühle, Lili, gerade Lili ist es, die uns beide zusammenknüpft, daß wir so alle Jahre zusammengehal-
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ten haben . . . Ich glaube nicht, daß ich sie überleben könnte.'

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Grete unterbrach mich: sie hätte genau dasselbe gedacht . . . so oft . . . Denn Lili verkörpere unsere gemeinsame Jugend und Freude am Leben. Sie schluchzte: ,Mitunter frage ich mich, wie das Leben ohne sie werden würde.'

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Wir starrten einander an, tief erschüttert über dies gegenseitige Geständnis, das aus heimlichem Gegrübel vieler, vieler Wochen entstanden war.

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,Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen', begann Grete wieder, ,wie es mit uns beiden . . . ohne Lili werden soll . . . Sie darf! uns nicht verlorengehen. Sie plötzlich nicht mehr sehen . . ., das wäre ja wie ein Mord.'

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,Ja, um so mehr, als ich fühle, daß sie drauf und dran ist, lebenskräftiger zu werden als ich . . .', sagte ich beklommen.

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Vielleicht hatte eine augenblickliche Mutlosigkeit bei mir dieses Gespräch veranlaßt. Meine Gesundheit war sonst während all der Jahre vorzüglich gewesen. Trotzdem ich nie sehr robust ausgesehen habe, mir andererseits aber jede körperliche Anstrengung zumuten konnte, war ich eigentlich nie krank gewesen. – Nur in der letzten Zeit war mir öfters nicht wohl gewesen, was sich meist in einer völligen Erschlaffung äußerte. Hinzu kam, daß ich die sehr regenkalten Winter, die Paris in den letzten Jahren hintereinander erlebt hatte, nicht gut ertrug. Ich hustete vom Spätherbst bis zum Frühjahr eigentlich ohne Unterlaß. So war ich wohl auf trübe Gedanken gekommen. Man kann nicht ewig jung bleiben, dachte ich. Und ich dachte an Lili. Sie teilte mit mir den Körper. Sie war ein Weib. Für sie bedeutete jung bleiben mehr als für mich.

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Meine Stimmung wurde allmählich trüber und trüber. Von Natur aus war ich immer ein froher Mensch gewesen. Besonders, solange ich in Paris lebte. Damit war
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es jetzt vorbei. Tage, Wochen, Monate kamen, wo ich mich völlig kraftlos fühlte. Mir schwand die Energie zum Arbeiten. Jeder, der mich all die Jahre über gekannt hatte, wußte, daß ich ein Arbeitsmensch gewesen war. – Ich verstand mich selber nicht mehr.

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Zwischendurch kamen wohl auch lichtere Perioden wieder, – jedesmal, wenn ich auf dem Lande, weit von Paris, leben konnte und Motive sammelte. Vor allem in Balgancie. Aber das dauerte nicht lange. Ich wurde immer müder, immer schlaffer. Ich wußte mit mir nichts mehr anzufangen. Es war ein unerträglicher Zustand.

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Grete begann unruhig zu werden. Sie überredete mich, einen Arzt aufzusuchen. Ich tat ihr den Gefallen. Der Arzt fand nichts Besonderes, verordnete einige Stärkemittel für die Nerven. Es half nichts. Ein neuer Arzt wurde befragt. Der gleiche Erfolg. Und so weiter.

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Kam aber Lili, so ging alles gut, das Leben war wieder schön. Jeder Mißmut war verschwunden.

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Darum kam sie jetzt so oft, wie möglich. Sie hatte inzwischen ihren eigenen Freundes- und Bekanntenkreis bekommen, sie hatte ihre eigenen Erinnerungen und Gewohnheiten, die nichts, aber auch gar nichts mit mir zu tun hatten. Oft blieb sie mehrere Tage hintereinander. Und dann saß sie zufrieden mit Grete zusammen oder auch ganz für sich allein mit Handarbeiten, nähte, stickte und lächelte vor sich hin, glücklich in dieser fraulichen Beschäftigung. Niemand verstand dieses Mysterium. Nicht Grete, nicht Elena. Alle betrachteten dieses rätselhafte Wesen Lili, das sich eine eigene Welt um sich aufbaute, mit Kopfschütteln und Erstaunen. Aber man ließ Lili gewähren. Sie war glücklich.

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Ein Geschehnis, das sich gerade damals zutrug, sollte schneller, als vermutet, die Einleitung der letzten Periode dieses unablässigen und erbarmungslosen inneren Kampfes zwischen Lili und mir werden. Und lange sah es so
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aus, als ob niemand von uns beiden diesen Kampf überleben sollte.

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Ungefähr vor zwei Jahren gab mein alter Freund Iven Persen vom Königlichen Theater in Kopenhagen bei uns in Paris ein mehrtägiges Gastspiel. Da seine Frau, die bekannte Tänzerin Ebba Persen, ihn begleitete, sollte natürlich auch ein Ballettabend veranstaltet werden. Das Ballettkorps war nicht groß. Es fehlte ein Tänzer. Da fragte Iven, der wußte, daß ich kein schlechter Tänzer bin, mich, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Ich sagte selbstverständlich ja.

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Bei den Ballettproben, die sehr lange dauerten, hatte ich mich wohl überanstrengt. Jedenfalls wurde ich damals zum erstenmal von seltsamen Blutungen heimgesucht. Meist war es Nasenbluten, aber so ungewöhnlicher Art, daß Grete ängstlich wurde und mich bat, meine Tänzerrolle abzugeben. Dagegen sträubte ich mich aber. Ich wollte auf keinen Fall meinen alten Freund in Verlegenheit bringen. – Ich hielt durch, trotzdem sich diese Blutungen auch nach der Premiere und nach jeder der zahlreichen Wiederholungen einstellten. Und das Unbegreiflichste von allem war, daß ich jedesmal mir völlig fremde, nervöse Weinkrämpfe erlitt . . . War dann aber der Anfall überstanden, so fühlte ich mich wie befreit . . . ganz, als ob sich etwas in mir aus einer Erstarrung gelöst hätte; als wenn etwas Neues, etwas Niegefühltes sich regte. Mein ganzes Gemüt schien wie ausgewechselt zu sein. Als sei plötzlich ein Damm gebrochen.

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Nie hatte Musik auf mich einen so aufwühlenden, erschütternden Eindruck gemacht wie an jenen Abenden. Eine schmerzlich süße und dennoch entspannende Empfindung, die alle meine Sinne einfing, so wirkte Musik auf mich . . . zu Tränen rührte sie mich . . . und aus den Tränen wurden dann Weinkrämpfe.

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An diesen Abenden begann ein völliger Umschwung meines Wesens. Bisher hatte ich eher herrisch und ,von oben herab' mit den Menschen verkehrt. Schon von den ersten Proben an fühlte ich, als würde ich von mir selber im Stich gelassen. Ich war über mich selber völlig überrascht. Ich erkannte mich nicht wieder. Ein starker Drang, mich zu unterwerfen, zu gehorchen, mich einem anderen Willen unterzuordnen, bedingungslos, hatte mich ergriffen. Ich war wie besessen von diesem Drang. Iven, mein alter Freund und Zechgenosse, hatte neben Ebba die Hauptrolle des Abends. Noch ein Jahr zuvor waren wir drei in Kopenhagen sehr lustig zusammen gewesen. Nie wäre mir eingefallen, ihm gegenüber den Unterlegenen zu spielen, ihn als den Führenden anzuerkennen! Aber jetzt an diesen Abenden, von der ersten Probe an, unterwarf ich mich ihm sklavisch. Nicht ein Wort des Widerspruchs fand er bei mir. Und nicht nur das, ich konnte wie ein Knabe erröten, bat er mich, diesen oder jenen Pas anders zu machen, mich bei irgendeiner Figur etwas mehr oder weniger zu beugen, und dergleichen. Und wenn er mich gar anfaßte, war ich dermaßen verstört, daß ich nicht wußte, wohin mit meinen Augen. –

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Bei all diesem psychischen Durcheinander, das ich damals empfand, spielte irgend etwas Erotisches auch nicht im allergeringsten mit. Iven wie ich waren in diesem Punkte kerngesunde Naturen. Was es also war, konnte ich nicht entdecken. Es war einfach so. Und nicht ich war es, der diese Wandlung zur Demut, wie Grete es nannte, zuerst bemerkte, sondern Grete. Sie neckte mich lächelnd damit. Aber hinter ihrem Lächeln verbarg sich ein grenzenloses Erstaunen.

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Ich hatte zur Generalprobe zum erstenmal meine Tanztracht an: ein stramm anliegendes Trikot, einen Bolero, dazu eine kurzlockige Perücke. Als ich nach Schluß der
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                     Paris 1918 Vor der
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Paris 1918 Vor der Operation



                     Dresden 1930 Nach der
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Dresden 1930 Nach der Operation

Generalprobe dann in einem schmutzigen, halbdunklen Gang des Theaters, der die nicht vorhandenen Garderoben ersetzen sollte, stand und dabei war, mich abzuschminken, kamen ein paar Landsknechte, die ebenfalls mit zum Ballett gehörten, waffenklirrend hinter mir vorbei. Einer von ihnen gab mir einen leisen Schlag.

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,Es kleidet Sie ›crèbleu‹ gut, eine Hosenrolle zu spielen, Mademoiselle!' grinste der Kerl.

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Als ich mich mit einem energischen Protest umdrehte, kniffen die Kerle aus und riefen: ,Es gibt so viel Bluff in unsern Tagen, ma petite Demoiselle . . .'

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Wenige Minuten später mußte ich auf die Bühne. Als Iven mich erblickte, verzog er sein Gesicht zu einem behaglichen Grinsen und rief schallend vor Lachen: ,Nein, Kinder, das geht nicht. Jetzt haben wir zu viele Damen!'

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Ich verstand im ersten Augenblick nichts, drehte mich ratlos um, aller Augen sahen mich an, alles grinste, ich stürzte hinaus, mit puterrotem Kopf, lief einem Costumier in die Arme, hielt ihn fest und bat ihn, mich ,auf Wunsch des Herrn Direktors etwas männlicher auszukostümieren'.

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Er versuchte es mit Hilfe eines Kollegen, und zwar unter wieherndem Gelächter der beiden Biedermänner. Und ich nahm mich zusammen und tat so, als ob mich das alles völlig unberührt ließ.

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Abends vor der Premiere begegnete ich in den Kulissen einem recht muskulös gebauten Schauspieler, der im gleichen Kostüm wie ich im Ballett mitzutanzen hatte. Als er mich sah, musterte er mich mit seinen Blicken von oben bis unten, um dann erbost loszuplatzen: ,Mein Gott, Mann, Sie sehen ja unmöglich aus . . .'

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Ich war sprachlos, mochte am liebsten in die Erde sinken. Wäre mir so etwas früher von einem Mann gesagt worden, hätte ich ihn zu Boden geschlagen.

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Als ich Grete hinterher alles erzählte, gestand sie, daß auch ihr eine sonderbare Veränderung an den Linien meines Körpers aufgefallen sei. Wie eine verkleidete Frau hätte ich in meinem Tänzerkostüm ausgesehen . . .

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In der folgenden Zeit nahm meine Nervosität krankhaften Charakter an. In fast regelmäßigen Zwischenräumen stellten sich diese rätselhaften Depressionen mit starken Blutungen fortab ein, begleitet von heftigen Schmerzen. Und dazu dann diese nie gekannten Weinkrämpfe! Zuerst dachte ich, daß ich mir während der Ballettaufführungen irgendein inneres Organ verzerrt hätte. Auch Grete glaubte dies. Wir gingen deshalb zu einem Arzt, der eigentlich Herzspezialist ist und für meinen vermuteten Krankheitsfall an sich nicht kompetent war. Aber er kannte mich seit Jahren. Von Lili wußte er dagegen nichts. Nur unsere ,Allerintimsten' waren eingeweiht . . . Zu ihnen zählte der Arzt nicht. Ich eröffnete ihm deshalb bei meinem Besuch auch nichts von meinem Doppelleben . . ., obgleich ich selbst bereits einen Zusammenhang zwischen diesem und meinem physischen Zustand zu ahnen begann.

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Da er dann nach gründlicher Untersuchung nichts fand, was die merkwürdigen Erscheinungen während der letzten Zeit hätte erklären können, suchte er mit mir einen Spezialisten auf, den ich flüchtig von Versailles her kannte. Dieser Arzt untersuchte nun sehr eingehend mit wachsendem Erstaunen meine Formen und meinte schließlich, sonderbare Unregelmäßigkeiten in meinem Innern feststellen zu können. Im übrigen erklärte er, das einzige, was hier zu tun sei, wäre, abzuwarten, zumal meine ganze Konstitution sehr gesund und unverbraucht sei; solch einem Körper könne man schon etwas zumuten.

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Ohne daß dieser Arzt etwas Bestimmtes gesagt hatte, gab mir dies Gespräch doch Zuversicht und eine fast mystische Hoffnung . . .

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Ich war mir jetzt völlig klar darüber, daß in mir etwas ganz Ungewöhnliches vorgehen mußte. Das hatte ich dem Arzt mehr vom Gesicht abgelesen, als daß seine Worte mir zu dieser Annahme Grund geben konnten.

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Und jetzt begann ich – wie es wohl viele Kranke tun, die nicht recht wissen, woran sie kranken – mir alle möglichen wissenschaftlichen Bücher über geschlechtliche Probleme zu verschaffen. In kurzer Zeit hatte ich mir ein Spezialwissen auf diesem Gebiet erworben und wußte jetzt manches, von dem der Laie sich nichts träumen läßt. Aber es wurde mir auch nach und nach klar, daß nichts von alldem, das sich auf normale Männer und Frauen bezieht, sich auf meinen rätselhaften Zustand beziehen konnte.

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So kam es, daß ich mir selbständig eine Meinung bildete, nämlich, daß ich in einem Körper sowohl Mann wie Weib war, und daß das Weib in diesem Körper dabei war, die Überhand zu gewinnen. Aus dieser Vermutung leitete ich die Tatsache der Störungen sowohl physischer wie psychischer Art ab, an denen ich in steigendem Grade litt.

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Ich beichtete all dies Grete. Und als ich, von ihr ermutigt, verschiedenen Ärzten in Paris und Versailles meine Theorie vortrug, begegnete ich bei ihnen nicht nur Kopfschütteln, sondern bei einigen sogar Hohn. Die Höflichsten von ihnen behandelten mich nachsichtig wegen aller möglicher Krankheiten, die anderen betrachteten mich als einen Hysteriker oder einfach als einen Verrückten.

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Es war eine furchtbare Zeit. Mit meiner Gesundheit ging es bergab, Schlaf konnte ich bald überhaupt nicht mehr finden. Grete war die einzige, die felsenfest mit mir an meine Theorie glaubte. Sie war es, die mir immer wieder half, den Glauben nicht zu verlieren, daß ich eines Tages dennoch Rettung würde finden können.

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Vor genau einem Jahr fuhren wir dann wieder südwärts, nach Italien. Grete glaubte, daß eine Luftveränderung mir gerade um diese Zeit, während der es in Paris recht regnerisch war, gut tun würde. Der französische Winter war ungewöhnlich kalt gewesen. Der ganze März war verregnet. Jenseits der Alpen fanden wir die Welt in Blüten.

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Wir reisten nach Rom. Dort hatten wir ein Zusammentreffen mit einem italienischen Offizier, den wir vor Jahren in Florenz getroffen hatten, verabredet. Er war gerade aus dem Orient nach längerem Kolonialdienst auf Urlaub heimgekehrt. Er erwartete uns auf dem Bahnhof, brachte uns ins Hotel, um dann irgendwo in der Stadt zu dinieren. Ich war grenzenlos erschöpft nach der langen Bahnfahrt, hatte unbeschreibliche Schmerzen – aber ich wollte Grete und unserm Freunde nicht den Tag verderben. Ich ging also mit.

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Wir saßen bei ,Facciano'. Durch die offene Tür strömte die sanfte Abendkühle herein . . . von der schönen Piazza Colonna, wo man die weiße Säule vor der rostroten Fassade des Palazzo Chigi schimmern sieht und die Kolonnade von ,Biffi', die die heiseren Schreie der Zeitungsverkäufer durchgellen und auf diese Weise den Ankauf einer Gazette erübrigen. Das Orchester spielt seine Schlager . . . Ich werde niemals diesen Abend vergessen.

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Grete saß mir gegenüber.

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Es durchzuckte mich . . . Sie sah plötzlich aus, als sei sie kaum 25 Jahre. Alle Müdigkeit war aus ihren Zügen wie fortgezaubert. Und neben ihr saß unser Freund Ridolfo Feruzzi und strahlte sie an. Als wir ihn vor Jahren kennengelernt hatten, schien es nur eine flüchtige Bekanntschaft bleiben zu sollen. Damals war er ein frischgebackener Leutnant gewesen. ,Il bello tenente Feruzzi' nannte man ihn damals . . . Damals . . . Es war
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während unserer ersten Italienreise gewesen . . . Als wir uns dann trennten, schien es für immer zu sein. Bis seine Briefe aus der fernen Kolonie zu uns nach Paris kamen . . . Meist an Grete gerichtet.

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Eine tiefe Wehmut beschlich mich. Ich mußte an damals und an die Jahre, die verstrichen waren, denken. Auch ein wenig an mich . . . Was war aus mir geworden?

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Ich riß mich zusammen. Tausend Fragen wurden gestellt. Ebenso viele beantwortet. ,Entsinnen Sie sich noch des Sowiesos . . . Und Frau X. . . . Entsinnen Sie sich des Abend bei Lapi . . . jenes Nachmittags im ›Casino‹ . . . und des Abends darauf im Kino auf der Piazza Vittorio Emmanuele . . .' Ich sah alles wie heute vor mir . . . und hier saß ich mit Grete und Ridolfo Feruzzi und lächelte wie sie . . . und mitunter gehörte ihnen beiden ihr Lächeln ganz allein . . . Und sie sahen aus wie damals . . . vor Jahren, waren jung. Aber ich lächelte mit. Doch es war nur ein krampfhaftes Lächeln. Meine alte Lebensfreude war zerbrochen. Ich . . . war ein anderer geworden . . . ein mutloser Mensch.

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Dort in Rom, jetzt vor einem Jahr, wurde ich mir endgültig darüber klar, daß ich erledigt, am Ende war. Unwiderruflich am Ende . . . Das fühlte ich, wußte ich, wie etwas Unabänderliches.

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Grete und ich hatten ein Atelier mit einer weiten Terrasse in der Nähe der Piazza di Spagna gemietet. Ich war jeden Tag krank. Jeden Tag . . . Und dabei blühten alle Rosen und alle die vielen Orangenbäume vor unserm Atelierfenster.

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Ab und zu erschien Lili. Aber auch sie hatte ihr sorgloses Wesen verloren. Sie weinte, sie weinte jedesmal. Sie begriff, wie schön das Leben sein könnte.

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Mitunter weinte auch Grete. Sie war sonst so stark. Auch in Rom. Sie versuchte zu malen. Aber es wollte nichts gelingen. Lag ich nachts wach neben ihr, so
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merkte ich, daß auch sie mit wachen Augen dalag. Die Abende verbrachten wir mit Feruzzi. Allmählich veränderte sich auch sein Wesen. Eine krankhafte Melancholie bedrückte ihn, wenn er sich auch bemühte, heiter zu scheinen. Einmal konnte er nicht mehr an sich halten. Er sagte, im Grunde hätte er sein Leben verfehlt. Er könnte Menschen verstehen, die, zu dieser Erkenntnis gekommen, ein Kloster als letzte Zuflucht aufsuchten . . . Solche Menschen gäb es nun einmal auch im zwanzigsten Jahrhundert . . . Ich merkte ihm an, daß seine Worte ernst gemeint waren . . .

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Ich mußte an Grete denken. Hatte sie nicht auch ihr Leben verfehlt? Hatte sie sich nicht aufgeopfert, damit ich nicht allein bleiben sollte – weil sie fühlte, daß ich ein kranker Mann geworden war – weil sie wußte, daß sie die einzige war, die mich verstehen konnte? Ich wußte, keine irdische Macht würde sie bewegen können, mich zu verlassen – heute weniger denn je. – Sie war jetzt noch jung . . . Noch hatte sie Zeit, vieles, vieles wieder einzuholen, das sie meinetwegen versäumt hatte. Für mich hatte das Leben keinen Reiz mehr. Ich weiß, es ist ein flaches Wort – für die anderen. Aber für mich sagt und umfaßt es alles. Weshalb sollte ich mich weiter schleppen? Kein Arzt begriff, was mir fehlte, niemand konnte mir helfen. Weiter leben, krank und alt vor der Zeit . . . entsetzlichster Gedanke für mich. Ganz unpathetisch dachte ich dies alles durch. Auch ohne Mitleid mit mir. Und so kam auch wie eine Selbstverständlichkeit der Gedanke: lieber sterben. Dann wird Grete frei sein. Dann kann das Leben noch viele, reiche Jahre ihr bescheren. Damals, an jenem Abend in Rom, faßte ich meinen Entschluß. Der gilt heute noch. Nur einer kann ihn ändern. –

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Es war damals Mai. Noch ein Jahr Frist gab ich mir. Finde ich nicht im Laufe dieses Jahres einen Arzt, der
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mir helfen kann – der versuchen will, Lili zu retten – sie von mir zu trennen – ich weiß, wie schwer es für andere ist, diese Worte, Lili von mir zu trennen, zu verstehen – aber wie soll ich dies sonst in Worte kleiden? – . . . Ja, finde ich bis zum nächsten Mai nicht diesen Helfer, so werde ich selber in aller Stille Abschied von diesem Dasein nehmen, selbst wenn auch das andere Wesen, das sich mit mir in einen Körper teilen mußte, mein Schicksal gleichfalls teilen muß! Ich setzte sogar den Tag fest. Der erste Mai sollte es sein . . . Und es sollte auf eine diskrete Weise vor sich gehen, um Grete zu schonen, soviel wir beide konnten, Lili und ich.

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Grete . . . Wie sie schonen? . . . Das war das Schwerste von allem. Ich wußte nur zu gut, wie Grete einen gewaltsamen Abschluß meines Lebens hinnehmen würde. Aber trotz aller Überlegungen und Bedenken gegenüber der besten, treuesten Freundin meines Lebens sah ich ein, daß es keinen anderen Ausweg für mich gab – es würde dennoch eine Befreiung für uns beide sein. Und sicherlich die einzig mögliche.

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Als dieser Beschluß gefaßt war, fühlte ich Erleichterung. Nun wußte ich doch wenigstens, daß es einmal, und zwar in absehbarer Zukunft, ein Ende mit dieser Qual werden würde.

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Meine Gesundheit verschlechterte sich von Tag zu Tag. Und der Augenblick kam, da Grete einsah, daß ich nicht länger in Rom bleiben dürfte, daß eine Rückkehr nach Paris, wo wir einige tüchtige Ärzte kannten, dringend notwendig sei.

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Grenzenlos bedrückt verließen wir an einem sonnigen Frühlingsmorgen, viel, viel früher als geplant, Rom und – Ridolfo Feruzzi.

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In Paris, in der heimischen Umgebung, besserte sich mein Zustand scheinbar. Wieder suchten wir ein paar Spezialisten auf. Doch stets mit negativem Ergebnis.
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Schließlich nahm mich ein Radiolog in Behandlung. Sie hätte mich fast das Leben gekostet, ich wäre auf diese Weise fast der Notwendigkeit enthoben worden, am festgesetzten ersten Mai selber die Exekution vorzunehmen.

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Da der Pariser Sommer zu warm wurde, zogen wir wieder nach Versailles, in die Nähe des Parkes . Unser Leben gestaltete sich wie früher. Weder Grete noch ich liebten es, viel Wesens von unserm Wohl und Wehe, unsern Freuden und Sorgen zu machen. Arbeit ist der beste Arzt, sagte ich mir. Und ich ging wie in allen Jahren mit Malkasten und Staffelei hinaus in den Park, so oft mein Zustand es zuließ. Und so oft, wie sie wollte, kam Lili und versuchte, Grete und sich selbst zu zerstreuen.

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Der einzige, der meinen Zustand ziemlich klar erkannte, war Claude Lejeune. Er war uns beiden damals ein Tröster. Er fühlte, ohne viele Worte zu machen, was sich hinter der scheinbaren Ruhe, die Grete und ich und – Lili bei allen seinen Besuchen ihm zeigten, verbarg. Wenn er am Sonntag kam, herrschte bei uns wieder die alte Fröhlichkeit.

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Hätten wir damals Claude Lejeune nicht gehabt . . .

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Er, wie Grete hatte längst begriffen, daß das einzige, was in mir noch lebenskräftig war, Lili sei . . . Felsenfest glaubten beide daran. – Und deshalb ermunterten beide auch Lili zu kommen, so oft sie nur wollte. –

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Claude Lejeune machte oft weite Spaziergänge mit ihr durch den Versailler Park . . Zukunftspläne schmiedend.

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An einem solchen Abend, die untergehende Sonne hatte alle Fenster des Schlosses und das spiegelblanke Wasser der Bassins in Brand gesteckt, spazierten die beiden Arm in Arm über die Terrasse. Plötzlich hörten sie im Vorbeigehen eine Dame zu ihrem Begleiter sagen: ,Sieh mal, zwei glückliche Menschen'

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Die meisten von unseren Freunden und Bekannten erfaßten meinen Zustand viel klarer als alle Ärzte, die wir befragt hatten. Natürlich mußte ihre Anteilnahme sich auf Worte beschränken. Aber gleichwohl gaben mir ihre Worte oft moralischen Halt . . . man sah in mir einen beladenen Menschen, dessen Leiden ein wirkliches Martyrium und nicht, wie die französischen Ärzte wieder und immer wieder erklärten, Einbildung, Hysterie seien . . .

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Eines Tages traf ich in Trianon mit einem älteren französischen Maler zusammen. Wir kannten uns seit Jahren, hatten einander aber längere Zeit nicht gesehen. Er erkundigte sich teilnehmend nach meinem Befinden – ich antwortete ausweichend, ohne ihm auch nur im entferntesten etwas zu verraten.

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Zu meinem Erstaunen antwortete er dann statt meiner. ,Ich habe Sie schon lange beobachtet, ohne daß Sie mich bemerkt hatten. Hier im Park, wenn Sie malten. Dabei fiel mir auf, welch völlige Veränderung mit Ihnen während der letzten Jahre vorgegangen ist. Früher wirkten Sie frisch, straff, wie ein gesunder Mann. – Jetzt dagegen – verzeihen Sie mir, wenn ich das sage – wirken Sie auf mich wie ein verkleidetes Mädchen . . . Sie sind krank . . . Sie sind sogar sehr krank. In Ihnen geht eine Umwälzung vor. Ein phantastischer Gedanke. Aber auch das Nochniedagewesene kann morgen zur Tatsache werden . . . Fälle umgekehrter Art kennen wir ja seit langem. Ärzte sind mit ihnen fertig geworden. Weshalb sollte deshalb nicht auch Ihnen geholfen werden können? Hoffentlich finden Sie einen mutigen und phantasievollen Arzt . . . Darauf kommt es an . . . Natürlich ein armer Maler, werden Sie meinen, woher soll er das Riesenhonorar für solch eine Kapazität nehmen . . . Hoffen wir, daß sich trotzdem ein Mann findet, der Ihnen aus menschlichen und wissenschaftlichen Gründen beisteht.'

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Diese und ähnliche Äußerungen von Verständnis waren in meinem Zug durch die Wüste wie kleine Oasen, und sie gaben mir Mut und Kraft, mein hoffnungsloses Suchen nach einem Retter noch ein wenig fortzusetzen.

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In diesem letzten Sommer in Versailles begann ich zu merken, daß man mir oft auf der Straße, im Park, wo ich stand und ging, verwundert nachblickte – sogar in den Geschäften, die ich seit Jahren aufzusuchen pflegte. Auch in Paris war mir dies in den letzten Jahren ab und zu aufgefallen . . . aber doch nicht derart, wie jetzt in Versailles. Im übrigen sind die Pariser ja die wohlerzogensten, gleichgültigsten und blasiertesten Menschen der Welt, während die Versailler halt Kleinstädter sind.

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Eines Morgens, ich will, um schneller in den Park zu kommen, um zu malen, einen Durchgang vom Hotel des Reservoirs benutzen, stehen da ein paar junge Kellner.

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Ich beachte sie kaum, bin schon vorüber. Da höre ich im unverfälschten Kopenhagener Slang hinter mir die Worte: ,Kiek mal an, ein fesches Mädel, die in Hosen zum Malen auszieht!'

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Nebenbei bemerkt, sind die Hotels in Versailles voll von dänischen Kellnern – ich weiß nicht weshalb. Vielleicht, weil dort wie in Paris vor dem Krieg in der Hauptsache deutsche und österreichische Kellner benutzt wurden, und zwar wegen ihrer Sprachkenntnisse.

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Genug. Ich tat so, als hätte ich nichts gehört, ging weiter, grübelte über den Sinn dieses Kompliments nach – und mir begann zu dämmern, aus welchem Grunde ich in der letzten Zeit überall Aufsehen erregte.

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Ein paar Tage später spricht mich die Frau unseres Hauspförtners , mit der ich auf bestem Fuße stand, an und erzählt mir folgendes: ,Monsieur dürfen mir nicht gram sein, wenn ich Monsieur anvertraue, daß die Ladenbesitzer hier im Quartier, bei denen Madame und Mon-
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sieur kaufen, nicht glauben wollen, daß Monsieur ein Monsieur sind.' Sie blieb mit aufgerissenen Augen und aufgesperrten Lippen stehen, als ich ihr lächelnd zur Antwort gab: ,Madame, ich bin drauf und dran, den Ladenbesitzern recht zu geben!'

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Diese und ähnliche Vorfälle zeigten mir, daß die Situation anfing, paradox zu werden. Lili durfte sich an und für sich nicht auf der Straße zeigen, weil sie mit mir den Körper gemeinsam hatte – obwohl auch nicht eine Menschenseele Notiz von ihr nahm, wenn sie sich einmal unter Menschen zeigte, abgesehen davon, daß ihr dann und wann einmal jemand ,nachstieg'. Mich dagegen glotzte man allerwegen jetzt an, trotzdem ich vollkommen korrekt als Mann gekleidet und mit richtigen, weitausholenden Männerschritten meiner Wege zog – und man hielt mich für ein verkleidetes Mädchen . . .

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Es war nicht zum Aushalten.

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Im Herbst, als wir nach Paris zurückkehrten, stellte ich fest, daß ich auch hier jetzt aufzufallen begann, wenn dies auch meist auf eine etwas diskretere Weise zum Ausdruck kam. In der Metro oder im Omnibus oder in der Tram fing ich oft Blicke und Worte von Leuten auf, die mich beobachteten. Wollte ich auch ihre Bemerkungen überhören, oft verstand ich jedoch aus ein paar Wortfetzen genug, um mich davon zu überzeugen, daß sie die Ansicht der Ladenbesitzer in Versailles teilten. Mit meiner gründlichen Kenntnis der Blasiertheit der Pariser im allgemeinen wurde es mir doppelt klar, daß ich wirklich dabei war, aufsehenerregend zu werden – und diese Tatsache machte mich immer mehr nervös – meine durch langjährige Leiden geschwächten Nerven machten einfach Aufruhr: sie ertrugen es nicht mehr, mich überall von fragendem, neugierigen Grinsen verfolgt zu sehen. Diese Belästigung durch meine Mitmenschen bedrückte mich maßlos.

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So ging ich aufs neue zu dem mir befreundeten Herzspezialisten. Grete war ein paar Tage vorher bei ihm gewesen und hatte versucht, ihm mein und Lilis Doppeldasein zu erklären – und er hatte ihr versprochen, mich zu einem anderen Spezialisten in Versailles zu führen – wenn er auch persönlich alles miteinander für eine fixe Idee von mir und ausschließlich für eine ,krankhafte Einbildung ohne irgendwelche physische Grundlage' ansah.

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,Ihr Mann ist gesund. Sein Körper ist normal. Ich spreche ja aus gründlicher Kenntnis, aus gründlicher Inaugenscheinnahme seines Körpers, Madame', das war seiner Weisheit letzter Schluß . . .

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Dieser Besuch bei dem neuen Spezialisten in Versailles sollte mein letztes Experiment sein, hatte ich hoch und heilig Grete und mir selber geschworen, ehe wir uns auf den Weg machten. Bei meiner Ankunft bekam ich sofort den Eindruck, daß die beiden Ärzte im voraus ihren Schlachtplan festgelegt hatten: sie wollten versuchen, mir meine ,hysterischen Grillen' auszutreiben. Nach einer recht oberflächlichen Untersuchung wurde mir ohne Umschweif erklärt, ich sei ein völlig normal gebauter Mann, dem nicht das geringste fehle, der nur versuchen solle, mit Energie und gutem Humor sich als Mann zu bewähren, um wieder das Leben eines regelrechten Dutzendmenschen masculini generis führen zu können . . . Man betrachtete mich während dieser Zusammenfassung ihres tiefschürfenden Urteils mit kaum unterdrückter Ironie: man hielt mich für einen Hysteriker, für einen Simulanten schlechtweg, und der eine von ihnen, der ,neue Spezialist', deutete sogar an, ich sei wohl im Grund – homosexuell. Diese Andeutung brachte mich fast um meine Selbstbeherrschung. Hätte Grete nicht durch ein helles Auflachen die Situation gerettet und statt meiner diese Vermutung als völlig absurd
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zurückgewiesen, ich wäre diesem Herrn an die Gurgel gesprungen.

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Nach dieser hoffnungslosen, mich wie Grete tief deprimierenden Konsultation merkte ich, daß ich meine letzte Kraft verbraucht hatte. Und ich gelobte mir in aller Stille, daß mich fortab keine Macht auf Erden dazu bewegen würde, neue Ärzte zu befragen. Zum Gespött der Herren Mediziner wollte ich denn doch nicht degradiert werden.

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Ich sagte mir: da mein Fall bis jetzt in der Geschichte der ärztlichen Kunst unbekannt ist, so existiert er einfach nicht, durfte er einfach nicht existieren. Mein und damit auch Lilis Todesurteil war gefällt. Jetzt galt es nur noch, auf eine möglichst anständige und geräuschlose Weise Geduld zu haben, bis die kurze Frist, die ich mir selber gesetzt hatte, ausgelaufen war.

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Äußerlich änderte sich an unserm täglichen Leben nichts. Ich war sogar in sorgloser Stimmung, wenn Freunde oder Bekannte uns besuchten, besonders aber gegenüber Grete, da ich Angst hatte, sie könnte mich durchschauen. Ihr ging es nicht gut, das konnte ich an ihrem ganzen Wesen merken. Sie nahm sich zusammen, zeigte mir meist eine lächelnde Miene, hinter der sie ihre Angst und Trostlosigkeit glaubte verbergen zu können. Sie war so ruhelos geworden. Oft, wenn sie glaubte, nicht von mir beobachtet zu sein, sah sie mich heimlich so seltsam fragend an, daß ich fürchtete, sie ahne meine Pläne . . .

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In diesen Wochen hatte ich nur ein Verlangen: Musik zu hören. Konzerte mochte ich nicht mehr aufsuchen. Nur keine Menschen sehen. Ich kaufte daher Unmengen von Grammophonplatten. Klassische und modernste Musik, alles durcheinander. Und lange Abende bis tief in die Nächte hinein spielte unser Grammophon. Ich verschlang alles, was Musik war. Heitere und tragische, banalste
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und feierlichste, melodischste und disharmonischste Musik – wenn es nur Musik war. Sie war meine Trösterin, ob sie mich zu Tränen rührte oder mich verleitete, lustig irgendeinen Schlager mitzuträllern oder gar Grete zu bitten, mit mir zu tanzen. Ich lebte damals von Musik. Konnte ich keinen Schlaf finden, so flüchtete ich mich zu ihr. Mochte ich morgens die Augen nicht aufschlagen, so holte Grete das Grammophon aus dem Atelier an mein Bett. Es gab in mir nichts, was man mit dem Wort Sentimentalität lächelnd abtun kann. Nichts Rührseliges war in mir. Nie war ich weniger empfindsam als damals. Nur grenzenlos verloren fühlte ich mich, preisgegeben einem Schicksal, das über Menschenverstand hinausgeht. Die Sprache der Seele an sich, die Sprache der Töne befreite mich, nur nicht selber sprechen, meinem trostlosen Gegrübel Form geben müssen! Nur nicht selber denken, nur nicht Selbstgedachtes in Worte kleiden, war mein täglicher, nächtlicher Hilferuf . . .

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Früher hatte ich im Lesen Ablenkung gefunden . . . Jetzt schlug ich kein Buch mehr auf. Was sagten mir die Schicksale fremder Wesen, da ich von keinem Wesen in diesen Büchern Zuspruch finden konnte, das ein Wesen meiner Art war. Von solch einem Wesen hat noch kein Dichter dichten können, weil es noch keinem Dichter eingefallen war, daß solch ein Wesen je gelebt haben könnte. Wie konnten mir die Philosophien der Griechen und der Gegenwart helfen, die uns nur vom Denken des Mannes und vom Denken des Weibes in getrennten Körpern und Hirnen und Seelen berichten? Platons Gastmahl . . . früher hatte ich dort meine Zuflucht gefunden. Von Menschen an den Grenzen beider Empfindungswelten, der des Mannes und der des Weibes, wußte Platon, Mischwesen sind sie. Hier aber, in meinem siechen Körper wohnten zwei Wesen, getrennt vonein-
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ander, unverwandt miteinander, feindlich einander, wenn sie auch Erbarmen hatten miteinander, da sie wußten, daß dieser Leib nur Raum hatte für eins von ihnen. Eines dieser beiden Wesen hatte unterzugehen, zu verschwinden, oder aber beide hatten zu sterben . . . Wahnsinn faßte mich in diesen Nächten an, daß dieser Leib nicht mir allein gehörte, daß mein Anteil an diesem Leib von Tag zu Tag geringer wurde, da er in seinem Innern ein Wesen umschloß, das um den Preis meines Daseins sein Dasein verlangte. Wie ein Betrüger kam ich mir vor, wie ein Usurpator, der über einen Leib herrschte, der ihm längst nicht mehr gehörte, wie ein Mensch, dem von seinem Hause nur die Fassade gehört.

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Dann und wann kam Lili wohl noch. Und Grete freute sich jedesmal über ihr Kommen! Lili war froher als ich. Das wußten beide. Und Lili wußte, daß sie dadurch Grete trösten konnte. Mitunter blieb sie auf Gretes Bitten mehrere Tage. Zusammen mit Lili konnte Grete die Nächte leichter ertragen. Lili konnte leichter Schlaf finden. Und schlief sie, so konnte auch Grete einschlafen. Oft weinte Lili, ohne daß Grete es merkte. Lili hatte immer schon ihre eigene Traumwelt besessen. Sie hatte immer so fröhliche Träume gehabt. Jetzt waren ihre Träume verflogen. Nur ein paar Nächte waren sie wieder da gewesen. Und jeder Traum war eine Fortsetzung des anderen gewesen. Es war Winter. Sie träumte von einem nahen Frühling, der sehr viel Sonne hatte. Sie erzählte Grete diese Träume. Aber sie fühlte, daß es nur Träume waren. Und dann bekam sie Furcht. Die nächste Nacht vertrieb dann aber ein noch schönerer Traum ihre Furcht wieder. Grete hat viele von ihren Träumen heimlich in ihr Tagebuch geschrieben, erzählte sie mir einmal. Und das tat sie mit Worten, als hätte sie ein Geheimnis verraten.

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Lili träumt dir einen Roman vor, sagte ich da zu ihr und wandte mich leer ab.

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Aber dieser Traumroman wurde das Lieblingsgespräch von Grete und Lili während jener dunklen Tage, und diese Gespräche waren das einzige, das Grete und Lili neuen Mut gab und ihre Hoffnung lebendig hielt, daß dennoch ein Wunder geschehen würde.

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So wurde es Februar. Elena und Ernesto waren wieder nach Paris gekommen. Und Elena nahm mich dann eines Morgens mit zu dem fremden Mann aus Deutschland . Heute haben wir den dritten März. In knapp zwei Monaten haben wir den ersten Mai. Das ist die unwiderruflich äußerste Frist, die ich mir gesetzt habe. Dann wird es keinen Andreas Sparre mehr geben. Ob Lili diesen Tag überleben und ihr eigenes Leben leben wird, liegt nun in Werner Kreutz' Händen.«

IX

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Als Andreas sein Hotel betrat, war es fast Morgen.

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Er stand am Fenster seines Hotelzimmers und blickte auf den Platz vor dem Bahnhof . Einige Autodroschken gab es dort. Ein paar späte Nachtwanderer. Dazu der Lichtschimmer aus der gläsernen Wand der langgestreckten Bahnsteighalle.

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Er war sehr müde.

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Er entkleidete sich langsam. Er stand nackt vor dem Spiegel. Er mußte an seine Worte von heute nacht denken: ich bin wie einer, dem nur die Fassade seines Hauses noch gehört. Das Spiegelbild vor ihm zeigte ihm die Fassade . . . Es war der makellose Leib eines Mannes.

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Fröhlich wachte er nach wenigen Stunden auf, nahm ein Bad, frühstückte, machte hintereinander pünktlich seine letzten Besuche bei den verschiedenen Ärzten, war
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                     Dresden, Sommer 1930 Nach der
                            Operation
Dresden, Sommer 1930 Nach der Operation



                     Kopenhagen, Herbst 1930
                            Nach der Operation
Kopenhagen, Herbst 1930 Nach der Operation

fast sorglos. Mitten in der Leipziger Straße hörte er eine Kinderstimme wispern: »Mutti, guck mal, eine Frau in Männerkleidern . . .« Er drehte sich um, sah in zwei erschreckte Mädchenaugen, wohl eine Zehnjährige mit dicken, blonden Zöpfen; die Kleine wurde feuerrot und hakte sich schnell bei der Mutter ein, die erstaunt wie ihre Tochter ihn betrachtete und eiligst mit dem Kinde weiterging.

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Ein merkwürdiger, harter Trotz stieg in ihm hoch. Ohne daß er es selber wollte oder recht wußte, blieb er vor einem Ladenfenster stehen, betrachtete forschend sein eigenes Spiegelbild in der blanken Vitrinenscheibe. Ärgerlich wandte er sich ab. »Geht mich ja gar nichts mehr an. Geht mich ja gar nichts mehr an.« Mehrmals wiederholte er diesen Satz, blickte dann auf seine Uhr, es war halb fünf nachmittags, um fünf Uhr sollte er in dem Sanatorium sein, bei Professor Gebhard.

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Er befand sich am Potsdamer Platz, ging ins Postamt, suchte in dem riesigen Telefonbuch nach dem Anschluß der Baronin Schildt, die er eigentlich vorher noch hatte besuchen wollen, ließ sich verbinden. Sie war nicht zu Hause. Eiligst kaufte er einen Rohrpostbrief, warf ein paar flüchtige Zeilen hin:

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»Liebste Baronin, mir nicht böse sein, wenn Sie mich nicht wiedersehen. In ein paar Minuten nehme ich mir eine Autotaxe und besorge dann selber mein Begräbnis: Grabstätte Sanatorium von Professor Gebhard . Wie es auch kommt, behalten Sie mich lieb. Und darf Lili für sich allein weiterleben, lassen Sie sie nicht ganz allein. Ich weiß, daß nicht alle meine Freunde ihre Freunde sind. Doch meine Freundinnen . . . sie möchte ich ihr so gern vererben . . .«

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Er warf den Brief in den Postsack des Briefträgers, der gerade den blauen Briefkasten entleerte. Er drückte dem guten Mann eine Reichsmark in die Hand. Der sah ihn erstaunt an. Ehe der Mann danken konnte, war Andreas
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bei der nächsten Taxe, rief dem Chauffeur die genaue Adresse der Klinik zu und betrat Punkt fünf Uhr das Sanatorium

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Sofort wurde er zu dem Herrn des Hauses geführt, der ihn freundlich betrachtete.

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»Ich habe gerade mit dem Kollegen Kreutz eine lange Telefonunterhaltung wegen Ihres Falles geführt«, begann der Professor. »Vorher hatte ich bereits eine Besprechung mit dem Kollegen Arns. Er wird bei der Operation, die ich vorzunehmen habe, zugegen sein. Ich möchte mich jetzt aber gern einmal persönlich mit Ihnen kurz unterhalten. Ein persönlicher Eindruck ist ja immerhin notwendig.«

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Andreas antwortete sehr sachlich: »Bitte, Herr Professor, fragen Sie nur.« Aber der Professor zog allen Fragen eine körperliche Inaugenscheinnahme vor, bat ihn, sich zu entkleiden und sich auf einen bereitstehenden Untersuchungsdiwan von der Art, wie er sie in Berlin mittlerweile gründlich kennengelernt hatte, niederzulegen.

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»Ja«, stellte der Professor dann nach eingehender Betrachtung fest, »an sich sind Sie ganz und gar das, was Sie im bürgerlichen Leben vorstellen, ein Mann, gleichzeitig aber zeigt Ihr Körper zweifellos weibliche Formung. Ich bin überrascht von dem Gesamtbefund . . .« Und während Andreas sich wieder ankleidete, ging der Chirurg nachdenklich auf und ab, betrachtete ohne Unterlaß den Patienten, warf einen Blick auf sein Journal und sagte dann: »Ich weiß, Sie haben Eile. Kommen Sie also morgen früh . . .«

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»Das geht nicht gut, da ich morgen vormittag um 11 Uhr auf Wunsch von Professor Kreutz vor der Operation von Dr. Hardenfeld photographiert werden soll.«

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»Gut«, erklärte Professor Gebhard, nachdem er sich sein Journal wieder betrachtet hatte, »es paßt auch um
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4 Uhr nachmittags . . . Heute ist Montag . . . also morgen, Dienstag abend . . .«

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»Also haben wir noch eine Galgenfrist«, sagte er zu sich, sah auf seine Uhr, es war fast halb sieben . . . Eine Autotaxe hielt in der Nähe. Er rief dem Chauffeur den Namen seines Hotels zu – und verbrachte diese allerletzte Nacht mit sich allein im Hotelzimmer. Er fühlte, daß er seinem Körper und seinen Nerven heute nichts mehr zumuten durfte, – die durchwachte Nacht gestern, das Gespräch vorhin, die laute, fremde Riesenstadt um ihn herum.

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»Ich selber bin jetzt kein Spieler mehr . . . ich bin jetzt nur noch Einsatz . . . für Lili . . . Ich muß also sparen . . .«

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Dienstag morgen verließ Andreas zeitig das Hotel. Es war ein klarer Märztag; er wanderte die Friedrichstraße entlang, bog dann in die breite Straße Unter den Linden ein, stand auf dem Pariser Platz, vor dem strengen, schlichten Brandenburger Tor. Sonne, herbe, hellgoldene Märzsonne übergoß dieses schönste, fast klassisch reine Straßenbild. Der Maler wachte in ihm auf. Er zog in den Tiergarten hinein. Überall Sonne und sprießendes Grün. Und das alte Laub glänzte wie Bronze. Er wanderte einen Pfad, der einen See erreicht. Enten schwammen darauf. Das Astwerk hoher Bäume spiegelte sich auf der Wasserfläche.

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Hier war er nie gewesen. Er sog das Bild in sich ein. Er mußte an so viele Morgenstunden seines vergangenen Malerlebens denken, weit fort von Städten und Menschen, und hatte sein eigenes Geschick gepriesen, Maler, nichts als Maler sein zu dürfen, ein ganz einfältiges Wesen, dem Augenblick völlig hingegeben. Sie nicht verlieren, diese köstlichen Augenblicke, das war sein Trieb, der Auslösung fand, wenn er malte. Wie im
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Fieber malte er meist, konnte kaum abwarten, das Bild, das sich seinem Blick bot, einzufangen, diesem entladenen, von dem Wind der Wanderungen rein geblasenen Blick, der mehr sieht als der taube Blick der anderen Menschen, der heller ist als der der anderen . . . Hell seherisch . . . Wie er das Wort immer geliebt hatte . . . Wie er dieses Wort jetzt, in diesem Augenblick, wieder liebte!

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Eins war er dann immer gewesen mit diesem Unfaßbaren, Ruhelosen, diesem Spiel aus Licht und Schatten, Hell und Dunkel, um Farbe und Form, diesem Vielgetön und Rankengewirr . . . Wie ein heimlicher Vogelsteller war er sich vorgekommen, der auf der Lauer liegt und alle Lockrufe weiß, dem zufliegt, was er sucht.

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So hatte er seine Bilder geschaffen, festgebannt auf die tote Leinwand mit toten Farben, bis dies mit den Augen Erlauschte plötzlich anfing, Eigenleben zu erhalten . . . Eingefangenes Echo, hatte er sich dann meist selber gestanden, mattes Echo sind nur meine Bilder . . . aber doch Echo . . . Er war glücklich gewesen und sehr demütig wie ein Eingeweihter . . . Und diese Stunden waren die einzigen wirklichen und wahrhaftigen Freuden seines Lebens gewesen. Diese Freuden hatten ihm gehört, ihm allein, diese Freuden hatte er nicht mit einem anderen Wesen teilen müssen, diese Freuden hatte er niemand anders geraubt, gestohlen . . . Sie waren ausschließlich sein Reichtum, sein Besitz gewesen . . . Konnte er diesen Besitz, diesen Reichtum vererben? . . . Nie hatte er vorher jemals diese Frage in sich gehört . . . Freude, kann man sie vererben? Freude am Malen . . .? Für ihn, Andreas Sparre, waren diese Freuden unwiderruflich dahin. Und Lili . . . wenn sie ihn überleben durfte, würde sie wohl Lust verspüren, zu malen? Würde er ihr wie eine kleine Entschädigung für das Leben, das er ihr gestohlen, für die vielen, jungen Menschenjahre, um
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die er sie gebracht hatte, diese Freude, dieses Glücksgefühl des Schaffenkönnens als Erbschaft geben dürfen? Sein Schuldbewußtsein, das ihn so oft zu Boden gedrückt, würde geringer werden . . .

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Daß er jetzt an Lili denken mußte . . . an sie, die so ganz andere Neigungen hatte als er . . . Wozu an Erbe, an Hinterlassenschaft jetzt denken . . . Was hatte er denn groß ausgerichtet in diesem Leben? Richtig, einen kleinen Beweis besaß er ja, er allein, den er auch mit niemandem zu teilen hatte: die goldenen »Palmen« der »Académie« in Paris . . . O Eitelkeit . . .

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Sollte er noch einmal umkehren? . . . Er stand auf einer zierlichen, leicht geschwungenen Brücke, von der er hinüber nach einem breiten Kanal sehen konnte, der seine Wassermassen durch eine halb hochgezogene Schleuse in ein Stauwerk fallen ließ, daß es wie ein Wasserfall en miniature zischte und glitzerte.

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Richtig, wie einer, der versucht, einen Wasserfall hinunterzusegeln, bin ich jetzt, dachte er, und ich merke, wie mich der Strom zu fassen bekommt, und ich weiß nicht mehr, wohin die Fahrt geht. Vielleicht hinein in die völlige Vernichtung . . . Gleichwohl . . . jetzt, halbwegs, kann das Boot nicht mehr verlassen werden . . . Der Entschluß ist gefaßt . . . Ich kann nicht mehr zurück . . .

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Eine halbe Stunde später ist er bei Dr. Hardenfeld. Er muß auf den Photographen warten.

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Eine Dame, Assistentin Hardenfelds, ist jetzt zu ihm ins Wartezimmer gekommen. Sie beginnt ein Gespräch mit ihm. Er hört eigentlich nur zu. Sie hat Takt und was sie sagt, geschieht, fühlt er, ohne Neugier, ohne Aufdringlichkeit.

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»Ihr Fall ist für uns hier ein Novum. Und was das Interesse noch erhöht, das wir aus Gründen der Wissen-
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schaft Ihnen entgegenbringen, ist die Tatsache, daß Sie ein Künstler, ein Intellektueller sind, daß Sie also imstande sind, sich selber, Ihre Gefühle, Ihr Gefühlsleben zu analysieren. Sie werden ja das Unerhörte, Unglaubliche erleben: zuerst als Mann gelebt und gefühlt zu haben, und dann als Frau leben und fühlen zu sollen. Ich muß an jenen römischen Kaiser denken, der sich das Leben genommen hat, weil er das, was jetzt Ihr Schicksal wird, nicht erlangen konnte . . .«

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Endlich fand sich der Photograph ein. Als Andreas das Institut von Dr. Hardenfeld verließ, lud er sich selber zu einem »Abschiedsfrühstück« ein. Mit großer Sorgfalt suchte er das hierfür geeignete Restaurant im Westen auf.

– – – –

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Dann fuhr er ins Hotel, beglich seine Rechnung, und dann nach der Thomasiusstraße, um seinen Freunden Lebewohl zu sagen.

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»Einem Schlachtopfer gleichst du gerade nicht«, stellte Freund Niels bei seinem Eintreten sofort fest.

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»Fühl mich auch nicht so, – im Gegenteil, –« rief Andreas lachend.

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Während Frau Inger die Hände über dem Kopf zusammenschlug: »Aber Andreas, in ein paar Stunden sollen Sie operiert werden, und da kommen Sie mit einer fast rabenschwarzen Importe im Munde daher!«

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Sie riß ihm überraschend die Zigarre aus der Hand.

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»Ich bitte Sie, ich komme von meiner Henkersmahlzeit oder richtiger gesagt, ich habe im wortwörtlichsten Sinne mein ,enterrement de ma vie de garçon' gefeiert, ohne das mindeste Equivoque in diesem Ausdruck, der im Französischen eurem ,Polterabend' entspricht . . .«

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Frau Inger nahm ihn bei der Hand. »Ich bin nicht umsonst einmal Krankenschwester gewesen, ich weiß, wie man sich vor einer Operation zu benehmen hat. Ganz bestimmt nicht so wie Sie, Andreas. Das sind
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dumme Jungenstreiche, hinzugehen und zu prassen. Das ist Wichtigtuerei. Im übrigen sehen Sie sehr schlecht aus. Und jetzt begleitet Niels Sie ins Sanatorium

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Und so geschah es. Ohne Zigarre betrat Andreas unter Aufsicht seines Freundes das Sanatorium.

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Die Operationsschwester empfing die beiden Herren, führte sie in ein Zimmer neben dem Operationssaal, dessen Tür offen stand. Ein paar Schwestern schienen alles klar zur Vornahme einer neuen Operation zu machen. Ein starker Geruch strömte herein.

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Professor Gebhard könne leider erst gegen sechs Uhr kommen, die Herren müßten sich also etwas gedulden, wurde ihnen dann mitgeteilt.

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Die Uhr war kaum vier. Niels machte ein völlig verzweifeltes Gesicht. »Zwei Stunden halte ich es hier nicht aus«, sagte er beinahe zerknirscht und erklärte, mit dem Patienten in dem in der Nähe gelegenen großen Café die Wartezeit verbringen zu wollen.

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Als sie im Café gegenüber den Zeitungssammelfächern einen Platz gefunden hatten, entdeckte Andreas einige Meter von ihnen entfernt einen rothaarigen Krüppel, den »Zeitungschef«. Im Nu war Andreas aufgesprungen, ging von rückwärts an den Krüppel heran, was dieser verwundert bemerkte, wofür er von Andreas eine Reichsmark erhielt, und dann noch eine zweite Reichsmark, nachdem er den recht umfangreichen Buckel des »Zeitungschefs« berührt hatte. Dann setzte Andreas sich froh lächelnd wieder auf seinen Stuhl neben Niels.

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»Lieber Niels«, sagte er dann als Antwort auf den erstaunten Blick des Freundes, »das nenne ich Freundschaft! Bringst mich vor Toresschluß mit einem so prachtvollen Buckel zusammen. Denn du weißt natürlich, daß solch ein Kerl einem Glück bringt, und zwar unfehlbar. Ein Aberglaube. Meinetwegen. Aber ich fühle mich jetzt jedenfalls gefeit – gegen alles. Solch ein männlicher
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Buckel, berührt man ihn, wirkt nämlich Wunder. Ein weiblicher Buckel dagegen das Gegenteil.«

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»Was wir mit einem edlen Tropfen Rheinwein gewissermaßen als Begräbnistrank nach echt nordischem Brauch begießen wollen.« Und schon hatte Andreas dem Ober eine Flasche allerbesten Jahrgangs in Auftrag gegeben. »Aber bitte drei Gläser.«

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»Drei?« fragt Niels.

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»Natürlich hat der Buckel mitzutrinken.« Was der Rothaarige sich nicht zweimal sagen ließ. »Unsereins ist ja manchen Kummer gewöhnt«, erwiderte der Eingeladene unter tiefen Verbeugungen, ergriff das ihm dargebotene Glas und hob es gegen Andreas, »Ihr Wohl, mein Herr! Auf daß Ihre gütige Seele Sie lange überlebe!«

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»Der Bursche spricht ja wie ein Prophet!« rief Niels. Andreas aber schloß den Rothaarigen in seine Arme, ließ den Erstaunten dann wieder los, hielt sein Glas hoch: »In diesem Sinne!« Und er ließ sein Glas gegen das Glas des Buckels klingen. Als Andreas und Niels endlich gingen, sah der Rothaarige ihnen kopfschüttelnd nach.

– – – –

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In dem Zimmer der Klinik, das auf Andreas wartete, brannte bereits Licht. Eine Schwester begleitete sie hinein, nahm die Personalien des Patienten auf, hing eine Fieberskala über das Bett und bat Andreas, sich sogleich niederzulegen. Die Ärzte würden sich bald einfinden.

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»Da ist es wohl das beste, daß ich gleich gehe«, fragte Niels. Andreas nickte. »Also, alter Kumpan, leb wohl, und ich werde mir ehrlich Mühe geben, die Prophetie des Rothaarigen zu erfüllen.« Niels wollte noch etwas sagen. Doch Andreas schob ihn zur Tür hinaus. »Nett von dir, Andreas, sonst könnt es mir passieren, rührselig zu werden. Also im Sinne des Rothaarigen.« Ein kurzes Händeschütteln, und Andreas war allein. –

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Er schritt auf und ab. Ein-, zwei-, dreimal . . . Ohne daß er es wußte, begann er seine Schritte zu zählen. »Also sieben Schritte lang und sechs Schritte breit.« Dann setzte er sich auf das Bett. Er betrachtete das Zimmer. Ein Klinikzimmer wie es unzählige gibt. Helle Wände. Und Bett und Tisch und Schrank und die beiden Stühle ebenfalls hell gestrichen. –

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Und dann begann er sich zu entkleiden, sehr langsam. Denn plötzlich fiel ihm ein, daß er, Andreas Sparre, sich wohl zum letzten Male entkleidete . . ., daß es ein Abschiednehmen war, was hier vor sich ging, ein Abschiednehmen von Rock und Weste und Beinkleidern und so weiter . . . und so weiter. Ein Menschenleben lang hatte diese Hülle von Rock und Weste und Beinkleidern und so weiter ihn umschlossen . . . Er betrachtete die Kleidungsstücke, eins nach dem andern, im Ablegen, er hing den Rock über die Weste und dann beides auf den Bügel im Schrank, so, wie er es gewohnt war seit . . . ja, seit wann? Er spannte die Beinkleider in den Hosenbügel . . . betrachtete Stück für Stück und streichelte Stück für Stück. »Was wird aus euch werden? Was wird aus mir werden? Wer von uns hier wird den andern überleben? Ihr mich? Ich euch? . . . Rock, Weste, Hose . . . Schuhe, Unterkleider, Strümpfe . . .«

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Und nahm seinen Hut vom Tisch. »Du auch . . . Dich hätt' ich beinahe ganz vergessen . . . Wen ich wohl sonst noch vergessen habe? . . .« Und er faßte in die innere Rocktasche, nahm ein Bild heraus, stellte es auf den Tisch, lehnte es gegen die Wand. »Grete«, sagte er, wollte das Bild streicheln. Da klopfte es, und die Tür wurde geöffnet: Professor Gebhard trat ein, in Begleitung seines Assistenzarztes. Einige Fragen wurden an Andreas gerichtet, mit dem Ergebnis, daß zu seiner Überraschung die Vornahme der »ersten Operation, die übrigens völlig ungefährlich sei«, wie der Professor er-
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klärte, auf den nächsten Vormittag verschoben werden müßte. »Sie nennen solche Abschiedsfeiern bei Ihnen im Norden ,Gravöl'«, lachte der Professor. »Ihr Freund hat mir bereits die Rheinweinmarke von vorhin verraten. Mein Kompliment. Sie scheinen auf diesem Gebiet bewandert zu sein. Aber dergleichen ,Eingriffe' nimmt man am besten bei leerem Magen vor. Damit Ihnen aber bis morgen die Zeit nicht zu lang wird, werden wir Ihnen in ein paar Stunden ein Schlafmittel geben. Und nun guten Mut.« Ein Händeschütteln, – und Andreas war wieder allein.

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»Also immer noch warten, warten, warten«, sagte er vor sich hin. »Wie viel Geduld man haben muß, du . . .« Und jetzt sprach er zu dem Bilde, das auf dem Tisch neben seinem Bett stand.

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»Grete . . .« Mehr sagte er nicht, lehnte sich in die weißen Kissen zurück, starrte zur Decke empor, war müde . . .

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War am Ziel . . . abgekämpft. Die Hast der Tage hier in Berlin kam ihm zu Bewußtsein. Jetzt durfte er es sich eingestehen, daß er am Ende seiner Kräfte war. Und der letzte Rest seines männlichen Trotzes, den er in dieser fremden Millionenstadt wie einen Stahlpanzer herumgeschleppt hatte, fiel von ihm ab. –

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»Grete . . . gut, daß du mich jetzt nicht siehst . . .«

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Nein, keine Tränen . . . durchhalten . . .

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Er hatte Papier und Füllfeder auf dem Tisch liegen. Er nahm einen Bogen und schrieb:

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Berlin, den 4. März, Dienstag abend

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Liebste, süße Grete,

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morgen vormittag werde ich operiert. Der Professor sagt, es handle sich nur um eine kleine, ungefährliche Operation. Deshalb habe ich Dich nicht gebeten, zu mir zu kommen. – Sollte es aber dennoch anders kommen,
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so will ich Dir doch heute noch sagen, daß ich an Dich jede Stunde, jede Minute, bis zum letzten Augenblick nur an Dich gedacht habe. Mein letzter Wunsch ist, daß Deine Zukunft glücklich wird, – daß Du mein – im Grunde so frohes – Gemüt erbst. Tausend Küsse von Lili. Dein, nur Dein Andreas.

– – – –

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Als Frau Inger eine Stunde später bei ihm eintrat, gab er ihr den Brief und bat sie, ihn Grete zu geben, falls . . .

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»Sie großer Junge, ich weiß längst von Niels, daß alles gut gehen muß. Ich bin sogar in dem Cafe gewesen und habe Ihrem etwas ungewöhnlichen Schutzengel ein paar Blumen gebracht. Er bekam einen puterroten Kopf und sagte: ,Das ist ja der reinste Glückstag' . . .«

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Um zehn Uhr trat der Assistenzarzt wieder ein. Er gab Andreas das versprochene Schlafpulver. Dann erschien die Schwester, ordnete noch etwas im Zimmer, knipste das Licht aus . . .

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Man hatte ihn bis zum Erscheinen der Ärzte schlafen lassen. Bis in den hellen Morgen hinein. Kaum hatte er notdürftig Toilette gemacht, als Professor Arns bereits neben seinem Bett stand und ihn bat, eine Erklärung zu unterschreiben, in der stand, daß er, Andreas Sparre, auf eignen Wunsch und eigne Gefahr operiert werden wolle, und daß bei einem eventuellen ungünstigen Ausfall Professor Gebhard von jeglicher Verantwortung entbinde . . .

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»Mit Vergnügen«, erklärte er, unterschrieb sogleich das Schriftstück, das an irgendeine hohe Behörde adressiert war und auf gut Deutsch besagte: Falls ich sterbe, verzichte ich hiermit auf jedes Recht, hinterdrein Schwierigkeiten zu machen . . . »Aber darf ich nicht ein paar Dankworte an die deutschen Ärzte hinzufügen«, bat er
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plötzlich, »die den Versuch unternehmen wollen, mich zu retten?« Diese Bitte wurde lächelnd abgeschlagen, worauf sich der Professor mit den Worten, »die Operation findet in wenigen Minuten statt, ich wohne ihr auf Wunsch von Professor Kreutz bei, also Glück auf«, zurückzog.

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Als Andreas wieder allein war, schrieb er noch einen Brief:

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Sehr geehrter Herr Professor Kreutz,

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im letzten Augenblick vor meiner Operation fühle ich das Verlangen, Ihnen meinen tief gefühlten Dank zum Ausdruck zu bringen. Seit dem Tage, da ich Sie in Paris getroffen habe, bin ich hoffnungsvoll gewesen, und hier in Berlin, wo ich keinen der Ärzte, die mich untersuchten und mir beistanden, kannte, war mir, als hätte eine unsichtbare Macht mir alle Wege geebnet. Ich weiß, daß Sie diese Macht sind, und daß alles Gute, das mir begegnet ist, von Ihnen gekommen ist. Wie es nun auch gehen mag, so bitte ich Sie, an meine grenzenlose Dankbarkeit, die ich für Sie hege, glauben zu wollen. Ihr anhänglicher

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Andreas Sparre.

– – – –

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Jetzt war alles geordnet . . .

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Einen Augenblick später trat der Assistenzarzt ein.

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Als Andreas unter heftigen Schmerzen wieder erwachte, war es fast Mittag. Mit einem Schrei schlug er die Augen auf . . . Ganz allmählich wurde ihm klar, daß er in seinem Bett lag. Ihm war, als habe er lange geschrien, als habe er sich gegen etwas gewehrt. Zwei Krankenschwestern standen neben ihm und sprachen ihm beruhigend zu. Als er zu Bewußtsein gekommen war, fühlte er, daß die Schmerzen heftiger wurden. Doch bald hatte er die Herrschaft über sich zurückerlangt, er
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biß die Zähne zusammen. Er wollte nicht schreien. Und er schrie nicht mehr.

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»Habe ich viel . . . Lärm gemacht«, fragte er.

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»Nun ja . . . etwas . . .« sagte die eine Schwester lächelnd, »und seltsam war, daß sich Ihre Stimme völlig verändert hatte, es war eine hohe Frauenstimme.«

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Dann trat Professor Gebhard ein, nahm Andreas' Hand. »Das ging ausgezeichnet. Im übrigen muß ich Ihnen mein Kompliment machen. Sie haben einen ganz prachtvollen Sopran! Einfach erstaunlich!«

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Gegen Abend wachte er durch einen Hustenanfall auf. Ihm war, als sollte sein ganzer Körper zerrissen werden. Der Husten war fürchterlich. Er versuchte, ihn zu unterdrücken. Es gelang nicht.

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Endlich war der Anfall überstanden. Erschöpft lag er da. Die Schwester wischte ihm den Schweiß von der Stirn. »Sie haben gewiß viel geraucht?« fragte sie. »Vielleicht sogar noch gestern . . .«

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Auf dem Tisch neben dem Bett lag eine Schachtel Zigaretten.

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»Schmeißen Sie sie aus dem Fenster, Schwester. Nie im Leben kommt mir eine Zigarette oder Zigarre wieder an die Lippen.« Lachend nahm die Schwester die Schachtel an sich. »Vergessen Sie nur nicht Ihr Gelübde!«

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»Das schwöre ich Ihnen und mir.« Und er mußte an die Importe denken, die Frau Inger ihm gestern fortgenommen hatte. Es war die allerletzte Zigarre, die Andreas geraucht hat . . .

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Neue Hustenanfälle im Laufe des Abends vertieften seine plötzliche Feindschaft gegen Tabak so sehr, daß schon der Gedanke an Tabakrauch in ihm Übelkeit hervorrief. – Und diese fanatische Abneigung gegen jeglichen Tabaksgenuß hat er Lili vererbt . . .

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Niels wurde für einige Augenblicke zu ihm gelassen.

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»Das geht ja großartig mit dir«, begann er sofort.

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»Ach ja«, mehr vermochte Andreas nicht über die Lippen zu bringen. Niels sah die Schwester erstaunt an.

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Sie flüsterte ihm zu: »Sie wundern sich gewiß über die helle Stimme . . .«

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Niels nickte. »Nicht zum Wiedererkennen . . .«

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Dann setzte er sich auf den einen Stuhl neben dem Bett. »Ich soll von Inger Grüße bestellen. Im übrigen . . .«

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Die Schwester gab einen Wink. Niels ging aus dem Krankenzimmer hinaus. Und Andreas wimmerte: »Schwester, geben Sie mir eine Spritze . . .« Es war nicht die einzige, die er während dieser Nacht bekam. Es war eine endlose, qualvolle Nacht. Erst gegen Morgen fand er kurzen, dumpfen Schlaf.

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Als er gegen Mittag völlig erwacht war, fühlte er sich kraftlos wie nach einer Wüstenwanderung. Doch die Schmerzen waren gleichsam ferner geworden.

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Nur dann und wann zuckte ein Fragen in ihm auf: »Wer bin ich . . . was bin ich . . . was war . . . was wird . . .?«

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Dann kam Frau Inger, – mit Blumen und einer großen Flasche Eau de Cologne. Blumen! Wie ihr Duft das Krankenzimmer verwandelte!

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»Ach, mich mit Eau de Cologne übergießen, Frau Inger! Das ganze Zimmer durchträufeln!« rief er fast außer sich vor Freude.

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Und dann setzte sie sich zu ihm ans Bett, sprach zuversichtlich zu ihm, – und sie, die früher immer »Sie« zu ihm gesagt hatte, sprach jetzt im vertraulichen Du zu ihm. Das fiel ihm erst viele Tage später ein. Sie nannte ihn während dieser ersten Tage nie bei Namen . . .

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. . .Sie kam jeden Tag wieder zu ihm mit Blumen und guten Worten. So verging ein Tag, so vergingen zwei Tage, drei Tage. Andreas schlief meist. Es gab auch gar keine Träume die langen Nächte, durch die ihm
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Schlummermittel hindurchhalfen. Und jeden Morgen war Frau Inger bei ihm mit frischen Blumen.

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Eines Tages hatte sie einen ganz herrlichen Frühlingsstrauß mitgebracht.

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»Diesmal darfst du nicht mir danken. Von einem guten Freund sind die Blumengrüße, du.«

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»Von Claude Lejeune . . .?«

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Inger nickte.

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Sie öffnete den Brief, der an dem Strauß hing und las: »Jede Blume meines Sträußleins ist ein Gruß an Lili

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Lange verbargen die Blumen die Augen des Kranken. Auch Frau Inger konnte nicht sehen, daß die Augen viele heiße Tränen weinten.

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»Ob Claude sie jemals wiederfinden wird?«

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»Wen?«

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»Lili

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Das fragte der Kranke, als er Inger eine Karte gab, die mit ein paar Zeilen beschrieben war.

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»Hast du das geschrieben?« fragte sie.

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»Ja, Inger

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»Aber dann ist sie ja schon da, Claudes Lili ! . . . Sieh doch nur?«

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Er betrachtete die Karte und erkannte seine Schrift nicht wieder. Es war eine Frauenhandschrift . . .

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Frau Inger eilte hinaus, der Assistenzarzt stand im Korridor, sie wies ihm die Karte. »Was sagen Sie dazu, Herr Doktor. Das hat doch kein Mann geschrieben?«

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»Nein«, sagte der überraschte Arzt, »nein, Sie haben recht. Eins nach dem andern bricht sich Bahn.«

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»Eins nach dem andern?«

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Andreas hörte deutlich die Worte . . .

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Und der Arzt antwortete: »Haben Sie nicht die völlig veränderte Stimme bemerkt? Sie hat sich doch aus einem Tenor in einen klaren Sopran verwandelt.«

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Als Andreas wieder allein war, sprach er leise vor sich hin . . . wollte seine Stimme belauschen. Er war schon wieder eingeschlummert.

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Plötzlich wachte er auf. Mitten in der Nacht. Ein entsetzliches Schreien drang herein. Zuerst glaubte er, er selber habe geschrien. Er wollte nicht schreien. Er biß die Lippen zusammen. Doch der Schrei war schon wieder da. Nein, nicht er hatte geschrien. Es war wie der Schrei eines gemarterten Tieres . . . Er hielt es nicht länger aus. »Da wird jemand ermordet, Hilfe, Hilfe!« schrie er, suchte den Klingelknopf, schellte. Die Tür wurde aufgerissen. Das Licht unter der Zimmerdecke flammte auf. Die Krankenschwester stand vor ihm. »Was ist mit Ihnen geschehen?«

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»Mit mir?« Schon wieder gellte der Schrei.

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»Ich bekam solche Angst, Schwester. Liegt da jemand im Sterben?«

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Die Schwester schloß die Tür zum Korridor, zog den beiseite geschobenen Filzvorhang vor die Tür . . . »Eine junge Frau hat ein Kind geboren . . . ein kleines, süßes Mädel . . . Was glauben Sie wohl, wie schwer es ist, zu gebären . . .«

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Am nächsten Morgen war Inger wieder da.

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»Du«, rief sie ihm beim Eintreten entgegen, »weißt du, wer sich für die nächsten Tage angemeldet hat?«

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»Grete

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»Ja, hier hast du ihren Brief.«

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Aus einem großen Strauß mußte er den Brief herausholen, und er las noch darin, als Professor Gebhard mit dem Assistenzarzt ins Zimmer trat.

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»Herr Professor«, rief Andreas da, »sagen Sie bitte, wann kann ich auf stehen?«

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»Wozu die Eile, es geht uns doch vortrefflich hier im Bett unter Blumen und milden Händen.«

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Paris 1929 Vor der Operation



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                        Operation
Dresden 1930 Nach der Operation

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»Doch, doch, Herr Professor, es eilt, in drei Tagen trifft meine Frau ein.«

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»Ihre Frau . . .?« Der Professor stutzte. »Stimmt ja . . . ja . . . Na, abwarten, abwarten, – etwas verändert wird Madame Sie sicher wohl finden.«

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Dann verließ er hastig mit seinem Begleiter das Zimmer.

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»Habe ich mich lächerlich benommen, Inger? Der Professor sah mich mit so komischen Augen an.«

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»Dumme Lili . . .« Das war alles, was Inger als Antwort wußte.

X

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Drei Tage später, frühmorgens, traf Grete ein.

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Die wachthabende Schwester wußte sofort, wer sie war.

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Ein paar Augenblicke noch, und sie stand im Krankenzimmer.

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Mit ausgebreiteten Armen stand Grete mitten im Raum, konnte sich nicht rühren. Sie kämpfte mit Tränen. Sie wollte ein frohes Wort als Gruß sagen und sank aufschluchzend vor dem Krankenbett nieder . . .

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Spät abends, allein mit dem Ansturm durcheinander wirrender Gedanken und Empfindungen, schrieb Grete diesen Brief an den Freund in Paris, an Claude Lejeune:

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»Claude, nur andeuten kann ich, was ich heute hier durchgemacht habe. Ich glaubte, Andreas zu finden. Andreas ist tot. Denn ich fand ihn nicht wieder. Ein bleiches Wesen fand ich. Lili, und doch war es nicht Lili, wie wir sie in Paris gekannt haben. Es war eine andere. Neu in Stimme und Ausdruck des Auges, neu in dem Druck ihrer Hand, eine unsagbar Verwandelte. Oder war es ein Wesen, das auf dem Wege ist, sich selber zu finden? Dies muß es wohl sein. So fraulich
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und unberührt von dem Leben. Nein, fraulich ist nicht das richtige Wort. Mädchenhaft muß ich wohl sagen. Vielleicht kindlich, tastend, mit tausend Fragen im Schauen. Eine ,Nova Vita' . . . Ach, ich suche hier nach Worten, selber bis ins Tiefste erschüttert . . . Welch ein Geschick, Claude! Unfaßbares Schauern schüttelt mich, überdenke ich all dies. Eine Gnade des Himmels ist es, daß Lili selber noch zu schwach ist, jetzt rückwärts und vorwärts zu blicken. Kaum daß sie imstande ist, ihren augenblicklichen Zustand völlig zu erkennen. Ich sprach mit den Ärzten. Dieser erste Eingriff, der ja erst einen Beginn darstellt, sei über alle Erwartungen günstig verlaufen. Andreas hat aufgehört zu existieren, sagten sie. Seine Keimdrüsen, oh, dieses mystische Wort, seien ihm genommen. Was jetzt noch zu geschehen sei, würde in Dresden bei Professor Kreutz vor sich gehen. Von Hormonen erzählten mir die Ärzte; ich tat so, als wüßte ich, was sie meinten. Jetzt habe ich mir ein Wörterbuch genommen und nachgelesen, daß es sich dabei um ,für Lebensvorgänge wichtige Absonderungen innerer Organe' handelt. Aber klüger bin ich nicht geworden. Muß man denn aber mit Klugheit und Wissen sich ausrüsten, um ein Wunder begreifen zu können? Muß man überhaupt ein Wunder begreifen? Ich nehme das Wunder hin wie ein gläubiger Mensch. Was ich hier in der Klinik gefunden habe, möchte ich die Enträtselung des geliebten Wesens nennen, dessen Leben und Qual wir alle, die wir es die vielen, schweren Jahre daheim mit erlebt haben, als ein unlösbares Rätsel empfunden haben . . . Enträtselung . . . Das ist es wohl. Doch die Enträtselung ist noch nicht vollbracht. Ich weiß es. Lili ahnt es. Ihren zerschundenen Leib darf sie selber noch nicht sehen. Er liegt verbunden, ihr selber und wohl auch den Ärzten noch ein Geheimnis, das erst Kreutz ganz lüften darf. Sie alle hier, die Ärzte, die Schwestern,
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unsere Freunde Niels und Inger, haben mir ihre Verwunderung über die unerhört große äußerliche Veränderung an ,unserm Patienten' – denn sie wissen nicht recht, ob sie dieses Wesen noch als Mann oder aber schon als Weib ansprechen sollen – unverhohlen ausgedrückt. Was ist ihre Verwunderung gegen meine? Sie haben das kranke Wesen jeden Tag jetzt gesehen. Aber ich, nur zwei Wochen von ihm getrennt gewesen, ich hätte dieses geliebte Menschenkind jetzt kaum wiedererkannt. Und so wie es mir ergangen ist, wird es einst Dir ergehen, Dir und Elena und Ernesto, denen Du diese Zeilen zeigen mußt. Denn mehr kann ich heute nicht schreiben. Nur noch dies, daß Lili, diese neue, süße Lili, wie, oh, ich muß es aussprechen, weil es die Wahrheit ist, wie ein Schwesterchen in meinen Armen lag, viel, viel Tränen weinte und einmal ganz leise schluchzend zu mir sagte: ,Bist du mir auch nicht gram, daß – (und da sah sie mich mit fassungslosen Augen an) Andreas dich um deine schönsten Jahre betrogen hat?' – Claude, ich konnte vor Erschütterung kein Wort über die Lippen bringen – und als ich es endlich hätte aussprechen können, was ich fühlte, da wagte ich es nicht. Nicht mich, dachte ich, hat Andreas betrogen, nicht mich, wohl aber dich, Lili, meine süße, blasse Lili, dich um deine jungjungen Mädchenjahre . . . Claude, Du und ich und wir alle müssen der betrogenen Lili helfen, Andreas' Betrug an ihr wieder gutzumachen . . .«

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Viele Monate später hat Lili diesen Brief gelesen. Claude gab ihn ihr.

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Am nächsten Morgen – die Nacht hatte Grete allein in einem Hotel verbracht – machte die Oberschwester den Vorschlag, noch ein Bett in das Krankenzimmer zu stellen, damit Grete bis zur Abreise nach Dresden, die
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in wenigen Tagen würde stattfinden können, in der Nähe des Patienten sein konnte.

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»Herrlich«, flüsterte Grete entzückt, nahm die Schwester bei der Hand, zog sie mit sich hinaus in ein Nebenzimmer, das leer stand, hatte geschwind ein Köfferchen, das sie im Korridor hatte stehen lassen, geholt, öffnete es geheimnisvoll und wisperte fast unhörbar: »Liebste Schwester, aber jetzt dürfen wir nicht mehr von dem Patienten sprechen!« Die Schwester begriff nicht, was Grete damit meinte, sah sie nur fragend an.

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»Bitte«, mit schnellem Griff hat Grete aus dem Köfferchen ein Seidennegligé hervorgeholt.

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»Wie Sie das kleiden wird, gnädige Frau!«

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»Mich? . . . Nein, Schwesterchen, das ist ein Geschenk von unserer Pariser Freundin für unsere – Patientin da drinnen! – Aber bitte, nichts verraten – vor morgen früh!«

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Und als es wieder Morgen war, saß im duftigsten Pariser Negligé Lili, noch recht blaß und zag, aber dennoch so grenzenlos froh, in dem weißen Krankenbett. Und der Assistenzarzt traute kaum seinen Augen. »Fabelhaft! Mein Kompliment, gnädiges Fräulein! Und wenn Sie sehr brav und vorsichtig zu sein versprechen, dürfen Sie heute zwei Stunden aufstehen und sich Ihrer erstaunten Umwelt zeigen! Aber bitte schön, nur hier im Zimmer! Mehr dürfen wir uns noch nicht Zutrauen!«

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Eine Schwester nach der anderen huschte herein. Grenzenloses Erstaunen bei allen.

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So und nicht anders nahm man in der Berliner Klinik das an diesem noch recht müden Menschenwesen geschehene Wunder hin, ohne Neugier, ohne langes Fragen, und als abends sich Professor Gebhard zur Visite einfand, küßte er mit galanter Selbstverständlichkeit seiner Patientin die zitternde Hand. »Guten Tag, Mademoiselle«, sagte er, »ich beglückwünsche Sie. Sie sind auf dem besten Wege.«

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Dann erst bemerkte er Grete. »Ah, Madame, willkommen.«

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Einen Augenblick lang standen sich der Professor und Grete nicht ohne verhaltene Erschütterung stumm gegenüber.

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Dann brach Lili das Schweigen. »Ja, Herr Professor, das ist Madame Grete, die . . .«

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Der Professor fand ein gütiges Lächeln. » . . . ich weiß, die mit dem uns auf so mirakulöse Weise entwichenen Monsieur Andreas Sparre verheiratet war. Männer sind nun einmal untreue Wesen, Madame.« Und damit war auch in diesem Augenblick auf echt deutsche Weise, wie Grete später ihren Freunden erzählt hat, das erlösende Wort gefunden worden.

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Wie unbeteiligt nahm Lili selber all dies während ihrer ersten Berliner Tage hin. Man konnte ihr kaum irgendwelche Erregung anmerken, eher eine Art Entspannung. Auch vermied sie es, irgendeinen verwunderten Blick der anderen durch ein Wort oder auch nur durch eine Geste zu erwidern.

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»Wir müssen sie in Frieden lassen«, sagte dann heimlich Grete zu ihnen. »Sie ruht in sich aus. Es ist ja alles erst eine Art Übergang. Der große, befreiende Aufschwung bereitet sich in ihr erst vor.«

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In diesen Tagen begann Grete, ein Tagebuch zu führen. Jeden Abend trug sie darin ihre Beobachtungen, ihre Erlebnisse, die im Zusammensein mit der neuen Lili auf sie einstürmten, ein. Einfache, leise, wie tastende Sätze, auf der Suche nach dem Weg der Freundin, diesem schweren, wunderbaren Weg, auf dem Lili kaum die ersten Schritte versucht hatte . . .

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Hier ist ein Blatt dieses begonnenen Tagebuches:

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»Mit unsagbarer Geduld erträgt Lili alles. Wohl weint und jammert sie, wenn sie abends und morgens neue
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Verbände erhält, wenn Klammern gelöst und Fäden abgetrennt werden müssen, wenn die noch frischen Narben bepinselt werden. ,Das muß wohl so sein', sagt sie mit einer Geduld, die ich nie vorher an ihr erlebt habe. Sie hat nur einen Wunsch, bald nach Dresden zu kommen, zu ihrem Professor. Nur so spricht sie von ihm oder sie nennt ihn ihren Wundermann. Von der Vergangenheit spricht sie mit keinem Wort. Es will mir oft scheinen, als habe sie noch gar keine Vergangenheit gehabt. Als glaube sie auch noch nicht recht an eine Gegenwart. Als erwarte sie erst von Kreutz, ihrem Wundermann, ihren eigentlichen Lebensbeginn.«

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Hier eine andere Eintragung:

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»Mit Inger hatte ich heute, ohne daß Lili wußte, was wir vorhatten, Besorgungen gemacht. Wir müssen uns ja für die Reise nach Dresden vorbereiten. Nachmittags kamen wir wieder zu Lili. Einen großen, bunten Karton brachten wir mit. ,Rate, was wir für dich mitgebracht haben', sagte ich sehr froh. Lili sah uns ruhig und ohne Lächeln an. ,Ich weiß es nicht.' Das war ihre einzige Antwort. Dann öffnete Inger den Karton. Darin lag ein brauner Pelzmantel. ,Der ist für dich, Lili', sagte Inger, breitete den Pelz vor Lili aus, zeigte ihr das schöne Seidenfutter. ,Wird Professor Kreutz mich nicht ausschelten, wenn ich so zurechtgemacht vor ihn hintrete? Er erkennt mich ja gar nicht wieder.' Und ihre Augen waren traurig geworden. – Gott, ihre Augen . . . Eigentlich sind sie immer traurig, auch wenn sie lächeln. Andreas hatte ganz andere Augen. Auch die Lili in Paris. Ich glaube, die Augen der Lili von heute sind noch nicht ganz wach geworden. Sie glauben noch nicht . . . Oder mag sie es noch nicht zeigen, daß sie glaubt?«

– – – –

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An diesem Tag schrieb Lili ihren ersten Brief – an den Schwager in Kopenhagen :

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»Berlin, 14. März 1930

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Lieber Christian,

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jetzt ist es Lili, die schreibt. Ich sitze in meinem Bett in Seidenhemd mit Spitzen, frisiert, gepudert, mit Armband, Halskette, Ringen. Sogar mein feierlicher Professor nennt mich Lili, und alle machen mir wegen meines Aussehens Komplimente, aber ich sehe noch müde aus nach der Operation und den fürchterlichen Nächten danach. Grete ist gekommen. Sie war ausgegangen, um mir einen warmen Mantel zu kaufen, damit ich in der nächsten Woche nach Dresden fahren kann. Die Operation, die hier vorgenommen worden ist, erlaubt mir, in die Klinik für Frauen (ausschließlich für Frauen) zu kommen. Und jetzt fühle ich Mut zu der großen Operation. Der Professor sagt, ich hätte so gutes frisches Fleisch zum Dreinschneiden . . . Tausend Dank für den Scheck . . . Wenn wir nach Dresden gereist sind, werden alle Briefe nachgeschickt . . . Jetzt sage ich mit dem größten Leichtsinn: gleichgültig, was für Schmerzen meiner warten. Denn ich bin so glücklich, und in wenigen Monaten werde ich ganz gesund sein, ein frisches Mädel. Ich umarme Dich und die Schwester.

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Eure Lili.

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Im größten Geheimnis schrieb ich diesen Brief! Sprich zu niemand davon!«

– – – –

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Es war Winterwetter in Berlin, als Lili einige Tage später, in ihren neuen Pelz vermummt, zum erstenmal die Klinik für einige Stunden verlassen durfte. Der Professor hatte ihr eine Autofahrt »verordnet«. – »Wir müssen uns nun jeden neuen Tag für die große Reise nach Dresden vorbereiten, Gnädigste«, erklärte er, »etwas Luft schnappen, unter Menschen kommen, neue Kräfte sammeln.«

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Unter Menschen kommen . . . Bei diesen Worten horchte Lili auf. Eine heimliche Furcht befiel sie. Sie ließ sich aber nichts anmerken. Niels und Inger holten sie mit Grete, die nicht von ihrer Seite wich, ab.

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Als Lili vor der Klinik stand, matt auf Niels' Arm gestützt, war die Furcht aufs neue da . . . Ängstlich, zag wie eine Gefangene, die nach langer Haft zum erstenmal wieder die helle Luft der Freiheit einatmet, sah sie aus, scheu sich umblickend, als fürchte sie, daß alles um sie herum nur ein Trug sei.

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Sie zögerte, weiter zu gehen.

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»Komm nun, Kind«, sprach Grete leise zu ihr.

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»Sie ist hochmütig«, lachte Niels, »sie will natürlich allein gehen.«

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»Nein, nein«, sehr erschrocken kamen Lilis Worte, »mich nicht allein stehen lassen. Nur noch einen Augenblick. Ich muß die Luft erst einmal wieder richtig schmecken. Diese Luft . . .«

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Als Lili, eng an Grete geschmiegt, im Wagen saß, schloß sie die Augen. »Kümmert euch nicht um mich. Ich muß mich erst wieder an all das gewöhnen . . .«

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Und so fuhr sie durch das brausende Leben des Kurfürstendamms, wie eine Schlafwandlerin, stumm, in sich verriegelt . . .

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Zwei Stunden währte die Fahrt. Dann brachte Grete die Müde wieder in ihr Bett. Kaum, daß sie von den herbeigeschafften Speisen ein wenig genippt hatte, war sie eingeschlummert. Bis in den nächsten Morgen.

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Gegen Mittag holte Niels sie beide wieder ab. Lili war schon viel beherzter geworden. »So, heute will ich euch nicht langweilen. Auch mich nicht. Ich habe sogar ordentlich Hunger auf – Menschen . . .«

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»Sind wir etwa keine?« fragte belustigt Niels.

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»Doch, aber fremde Menschen . . . ja, fremde Menschen einmal Wiedersehen.«

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»Ausgezeichnet, glänzender Vorschlag, meine Gnädigste« – und jetzt entschied Niels, daß bei ihm »diniert« werden sollte, zur »Feier des Tages«. Geheimnisvoll ließ er vor einem Telefonkiosk halten, stieg aus – er wolle nur Inger verständigen. Und mit noch geheimnisvollerer Miene kehrte er zurück.

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In einer Viertelstunde war man angelangt. Inger empfing die Freundinnen draußen vor der Korridortür. Einen großen Strauß Rosen drückte sie Lili in die Arme. »So, nun tapfer sein, Lili, jetzt findest du alles, was dein Herz begehrt.« – Und dann wurde ihr eröffnet, daß drinnen eine – junge Dame aus Kopenhagen sei, die weder Lili noch Grete noch – Andreas kannte, der man den Besuch einer »gerade aus Paris importierten Fransözin« angekündigt habe.

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»Um Himmels willen«, rief fast außer sich Lili.

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»Keine Widerrede. Du hast jetzt die ‚importierte Pariserin' zu spielen«, erklärte Inger, »meine Freundin weiß, daß du weder deutsch noch dänisch verstehst. Und sie versteht kein Wort französisch. Ich hab ihr gesagt, daß du eine schwere Krankheit durchgemacht hast und noch sehr erholungsbedürftig seist. Du verstehst weder deutsch noch dänisch.« Und schon hatte Niels die Widerstrebende beim Arm genommen. »Hereinspaziert, meine Lieben!« kommandierte er, und ehe sie noch recht zur Besinnung kam, saß Lili in dem weichen, tiefen Sessel seines Arbeitszimmers, in dem vor ein paar Wochen eine Nacht hindurch Andreas Sparre die Wanderung seines Lebens ihm hingebeichtet hatte . . .

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Dann öffnete sich die Tür . . . eine junge Kopenhagener Schauspielerin, Karen Wärdal – die Grete und Andreas seit vielen Jahren kannte, stand vor Lili . . . Lili glaubte, daß ihr das Herz zerspringen müßte. Fieberröte schoß in ihr blasses Gesicht. Doch niemand merkte ihr auch nur die geringste Erregung an.

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»Darf ich vorstellen«, begann lächelnd Frau Inger, »Fräulein Karen WärdalMademoiselle Julie Stuart.« Und dann sich an Grete wendend: »Ihr beiden kennt euch ja.«

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»Aber ja«, rief Karen Wärdal begeistert, »wie geht es Ihrem Gatten Andreas?« Und Grete erklärte, daß es Andreas vorzüglich gehe, daß er leider wegen Arbeitsüberhäufung Paris nicht habe verlassen können . . . Lili saß dabei, hörte das auf dänisch geführte Gespräch völlig unberührt an, beantwortete jede Frage, die Fräulein Karen auf dänisch stellte und von Grete oder Inger geschwind ins Französische übertragen wurde, im elegantesten Französisch . . .

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Das Mädchen bat zum Essen. Lili ließ sich von Niels ins Eßzimmer geleiten. Die Konversation sprudelte von einer Sprache in die andere spielend dahin, Lili agierte die vollendeste Pariserin, als habe sie nie im Leben ein dänisches Wort gehört. Mit Selbstverständlichkeit nahm sie Fräulein Karens Komplimente über ihr »unerhört schickes Pariser Kostüm« hin – diesmal spielte Niels den Dolmetsch, und Lili vergaß in der Freude über dieses recht überschwengliche Lob ihres Anzuges, daß ihre schnell besorgte Garderobe durchaus nicht Pariser Ursprungs war, sondern aus einem Berliner Damenatelier stammte.

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Nicht mit einer Miene verriet sie sich! Wohl mußte sie sich manchmal auf die Zunge beißen, um sich nicht plötzlich in das auf dänisch geführte Gespräch zu mischen . . . Fast zwei Stunden währte diese Komödie. Es wurde viel gelacht . . . auf dänisch. Und Lili lachte erst, sobald man ihr den Grund des »dänischen Gelächters« französisch übersetzt hatte . . .

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Dann konnte sie nicht mehr . . . Sie war zum Umsinken müde. Sie bat Grete, sie – in ihr Hotel zu geleiten.

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Lächelnd verabschiedete sie sich von Fräulein Karen.

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»Nächstes Mal, sehen wir uns, werde ich auf französisch radebrechen«, rief die junge Kopenhagenerin ihr noch nach. »Auf Wiedersehen in Paris . . . und Frau Grete, nicht vergessen, Monsieur Andreas von mir zu grüßen . . .«

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Niels begleitete die beiden wieder in die Klinik.

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»Nein«, sagte er, als sie im Wagen saßen, »das hätte ich nicht für möglich gehalten. Jetzt glaube sogar ich felsenfest an Wunder!«

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Lili sank müde in sich zusammen. Stumm ließ sie sich wieder durch die jetzt aus tausend und aber tausend Lichtern funkelnde, dröhnende Riesenstadt fahren. Als der Wagen vor der Klinik hielt, mußte Niels Lili in ihr Zimmer tragen. Er trug eine Schlafende.

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So verlief Lilis erstes Zusammentreffen mit einem – fremden Menschen.

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»Daß sie mich nicht wiedererkannt hat . . .« wehmütig sagte sie dies.

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»Aber Kind«, entgegnete Grete lächelnd, »das sollte dich doch froh machen. Lili, meine neue Lili kennt ja noch niemand draußen. Du sollst doch erst mit dem Leben anfangen . . .«

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An diesem Morgen konnte Grete noch nicht verstehen, noch nicht fassen, daß Lilis Wehmut Furcht vor Freundearmut war . . .

XI

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Am nächsten Morgen traf die erste Nachricht von Professor Kreutz aus Dresden ein. Alles sei zur Aufnahme bereit. Falls der körperliche Zustand des Patienten -@Editor: PLC es im übrigen erlaube, könne sogleich die Reise nach Dresden angetreten werden. Zuvor sei nur noch ein
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Besuch bei Doktor Karner, der vor kaum zwei Wochen Andreas Sparres Blut untersucht hatte, zweckmäßig, damit dieser Arzt auch das Blut des Patienten nach der ersten in Berlin vorgenommenen Operation untersuchen könne . . .

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Grete las Lili dieses Schreiben vor, sehr langsam, ihre Stimme bebte vor Erregung.

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»Wir fahren natürlich morgen früh«, sagte Lili.

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»Gut, dann müssen wir also heute noch zu Doktor Karner

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Und schon war Grete auf den Korridor hinausgeeilt, um sich mit dem Laboratorium des Biochemikers Doktor Karner verbinden zu lassen.

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Als sie wenige Minuten später zurückkam, mit der Nachricht, daß Doktor Karner erst in einer Stunde anwesend sein würde, fand sie Lili mit dem Brief von Professor Kreutz in der Hand vor dem Fenster stehen.

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»Lili, wir können uns gleich auf den Weg machen. Wir können ja etwas zu Fuß gehen. Das wird dir nur gut tun.«

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»Nein, nein, nicht gehen. Denn . . . ich mag mich noch nicht . . . auf der Straße zeigen . . . « Und dann kamen die Tränen.

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Unterwegs erzählte Grete dann ganz beiläufig, daß die Assistentin des Arztes, mit der sie telefoniert habe, ihren Namen nicht verstanden habe. »Es war ja auch etwas schwierig, ihr klar zu machen . . .«

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Zufällig kam ihr Wagen gleichzeitig mit dem Auto von Doktor Karner vor dem Laboratorium an.

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»Guten Tag, Herr Doktor«, sagte Lili, ihn sogleich wiedererkennend, und reichte ihm die Hand hin.

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»Guten Tag, gnädige Frau«, antwortete der Arzt, augenscheinlich erstaunt, als suche er in seinem Gedächtnis nach ihrem Namen.

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Lili blickte vor sich hin, sah dann Grete an, faßte sich endlich ein Herz: »Ich bin – ich bin aus der Klinik von Herrn Professor Arns – ich bin Lili Sparre . . .« Es war das erstemal, daß sie ihren Namen aussprach . . . sie hörte sich selber sprechen. Eine unsagbare Scham brannte in ihrem Blut . . . »Erkennen Sie mich denn nicht wieder, Herr Doktor

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»Aber natürlich, gnädige Frau, natürlich«, antwortete Doktor Karner, doch man hörte seinen Worten an, daß er keine Ahnung hätte, wen er vor sich hatte.

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»Es handelt sich um eine Blutprobe, soviel ich verstehe«, fuhr er recht nervös fort, führte die beiden Damen durch die Vorhalle und dann in das Wartezimmer.

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»Ja, Herr Doktor – aber erkennen Sie mich immer noch nicht?«

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Der Arzt wurde nur noch, verwirrter. »Sparre . . . Sparre . . . Natürlich, der Name klingt mir bekannt . . . Vor ungefähr vierzehn Tagen war Herr Sparre bei mir . . . ebenfalls von Herrn Professor Arns zu mir geschickt . . . Aber ich entsinne mich nicht, daß Sie, gnädige Frau . . .«

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»Der . . . Herr . . . und . . . ich . . ., Herr Doktor, . . . ist ja ein und dasselbe . . . Wesen . . .«, stammelte Lili.

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»Wie beliebt?« Völlig entgeistert blickte Doktor Karner von einer Dame auf die andere – sah dann auf seine Taschenuhr, verbeugte sich schnell. »Oh, Sie entschuldigen mich einen Augenblick – die Damen sind Ausländerinnen, natürlich . . .« Und schon war er aus dem Wartezimmer heraus.

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Lili blickte außer sich vor Verwirrung Grete an. »Ich glaube, ich verliere den Verstand.«

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Grete lachte. »Der Ansicht ist dein Doktor sicherlich ebenfalls. Er hat bestimmt keinen Ton von dem, was du ihm da erzählt hast, verstanden.«

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Da begann Lili plötzlich zu lachen. »Aber das ist ja herrlich. Er erkennt mich also auch nicht wieder . . .«

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Eine Schwester war hereingekommen und bat sie, mit ihr zu gehen. Der Arzt wartete in dem Laboratorium, das Lili sofort wieder erkannte, auf sie, hielt ein kleines Instrument, einer Morphiumspritze ähnlich, in der Hand, eine durchsichtige Glasspritze, lächelte, immer noch etwas befangen. »Bitte schön, gnädige Frau . . .«

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Sie hörte die Anrede im Ohr aufklingen . . . gnädige Frau . . .

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»Bitte schön, gnädige Frau, wollen Sie hier Platz nehmen . . . und den Ärmel etwas hochschieben . . . bis über den Ellbogen . . . damit ich die Ader frei bekomme . . . So, danke verbindlichst, gnädige Frau . . .«

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Lili fing mit einer nie gekannten Hellhörigkeit Wort für Wort auf, ihr war, als blieben die Worte im Raume hängen . . . ihre Augen sahen unverwandt auf die Spritze, deren Nadel sich behutsam in ihren Arm bohrte, sie sah, wie sich der Glasbehälter langsam mit ihrem Blut füllte . . . und dann wurde sie ohnmächtig. –

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Als sie wieder zu sich gekommen war, sah sie sich scheu um.

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Der Arzt stand lächelnd neben dem Operationsstuhl.

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»Habe ich lange hier gelegen, Herr Doktor

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»Nur ein paar Minuten . . . Tat es denn so weh? . . .«

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»Weh . . . nein, nein, ich bin sonst eigentlich nicht so wehleidig . . . Das müssen Sie doch wissen . . .«

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»Richtig, das war Herr Sparre ja auch nicht . . . Sparre, wenn ich recht verstanden habe, gnädige Frau, Ihr Gemahl . . .«

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»Mein? . . . ja . . . ja . . .« Sie wußte vor Verwirrung nicht wohin mit ihren Augen.

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Jetzt lachte der Arzt. »Also habe ich vorhin doch richtig verstanden. Die deutsche Sprache ist eine schwere
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Sprache. Es war sehr lustig, wie Sie sich vorhin ausgedrückt hatten – so, als hätten Sie gesagt, Sie und Ihr Gatte wären ein und dieselbe Person . . . Hahaha . . .«

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»Aber Herr Doktor . . .«

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»Liebe, gnädige Frau, glauben Sie mir, auch unsereins sagt die unglaublichsten Dummheiten, wenn er sich einmal in einer fremden Sprache verständlich machen soll . . . Übrigens, um von Ihrem Gatten zu sprechen - eine stählerne Natur, wirklich – jetzt entsinne ich mich natürlich – so krank und mitgenommen er auch aussah, neulich, als ich ihn im selben Stuhl vor mir hatte, in dem Sie jetzt sitzen – mit keinem Wort streifte er sein Leiden, lehnte jede Hindeutung bewußt ab . . . statt dessen unterhielten wir uns, wie es bei Männern nun einmal hierzulande zur Übung geworden ist, zumal wenn der eine Part aus dem Ausland kommt, über Politik – während ich ihm etwas Blut abzapfte. Daß so etwas nicht schmerzlos vor sich geht, weiß ich natürlich sehr wohl, auch wenn Ihr Gatte so tat, als ob . . . Und zwar mit Erfolg. Während Sie, gnädige Frau . . .«

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»Aber ich bitte Sie, Herr Doktor . . .«

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»Aber meine Gnädigste, das ist doch Ihr verbrieftes Vorrecht . . . Sie als Repräsentantin des schwächeren Geschlechts – während Ihr Herr Gemahl als, wenn ich mich als Arzt so ausdrücken darf, Prototyp des masculini generis . . .«

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»Liebster Herr Doktor«, Lili lachte jetzt schallend – sie hatte sich erhoben und sah ihn, übermütig fast, in die Augen, »wenn Sie ahnten, welch eine Lektion Sie mir mit Ihren Worten erteilt haben!«

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»Lektion?« – der Arzt neigte sich ritterlich zu ihrer Hand nieder, »aber ich bitte Sie, meine Gnädigste, ich bewundere Sie geradezu. Unaufgefordert lassen Sie an sich die gleiche Blutprobe vornehmen wie Ihr Gatte – was übrigens sehr vernünftig war. So etwas bringen nur
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Frauen fertig! Geteiltes Leid, halbes Leid . . . Habe ich mich nicht gut aus der Affäre gezogen?«

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»Vortrefflich, Herr Doktor. Und nun auf Wiedersehen!«

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»Auf Wiedersehen, und meine besten Empfehlungen an den Herrn Gemahl!«

– – – –

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»Grete, Liebste«, sagte Lili, als sie mit ihr zusammen wieder im Freien stand – »ich bin jetzt so weit, daß ich, ohne mit der Wimper zu zucken, die Komik der Situation, die ich soeben vor mir gesehen habe, mit fröhlicher Gelassenheit hinnehmen will. Täte ich es nicht, ich müßte entweder irrsinnig werden oder aber – mich selber verlieren.«

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Abends schrieb Grete in ihr Tagebuch nieder: »Lili ist immer und wohl noch lange auf der Suche nach ihrer Bestätigung . . . Man wird es ihr nicht leicht machen . . . Man . . . damit meine ich – die einstigen Gefährten von Andreas . . .«

– – – –

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»Komm«, sagte Lili, »jetzt will ich meinen ersten Spaziergang durch Berlin machen.«

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So gingen sie beide von Doktor Karners Laboratorium durch das Getümmel der großen Stadt zwischen fremden Menschen dahin. Es war ein sonnenblanker, frischer Frühlingstag. Der Himmel war wolkenlos und seidig blau. Die Luft fühlte sich an wie eine einzige Liebkosung. Die Gesichter der Menschen, denen sie begegneten, hatten so leuchtende, frohe Augen, stellte Lili froh bewegt fest. »Ob ich wohl auch so aussehe, Grete?« fragte sie viele Male. Und wie sie so dahin wanderten, Arm in Arm, blieben sie oft vor Schaufenstern stehen, Auslagen von »fraulichen Läden«, wie Lili lächelnd immer wieder sagte. Sie konnte sich nicht satt sehen an all dieser Pracht von »Seidigem« – und sie spiegelte sich
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in jeder Vitrine. »Grete, sag mir, sehe ich – gut aus in meinem Pelz . . . Sehe ich anders aus als - du?« Und Grete lächelte sie an. »Kind, denk doch nur an deinen Doktor Karner – und sei froh, daß wir soweit gekommen sind.«

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Und Lili fragte nicht mehr. Nur dann und wann streifte ihr Blick wie forschend Menschen, die vorübergingen. Ein unablässiges Fragen wühlte in ihr. Doch sie ließ es nicht laut werden. Sie zwang sich, ein frohes Lächeln zu zeigen und sich selber immer und immer wieder zuzuflüstern: »Niemand kennt mich und mein Schicksal hier in der großen Stadt. Niemand mißtraut mir. Niemand. Ich darf in Frieden mein Geheimnis mit mir herumtragen. Niemand errät mich. Und es ist heller Tag. Mit viel Sonne.«

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Recht müde hing sie an Gretes Arm. »Grete«, sagte sie einmal, »Grete, du schämst dich meiner doch nicht . . .«

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Als Grete sie überrascht ansah, tat Lili so, als sei ihr etwas ins Auge geflogen.

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»Aber was ist dir? . . .«

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»Nichts . . . nichts . . . wir fahren morgen nach Dresden . . . Und ich freue mich, daß Niels uns begleiten will . . . Mitunter überfällt mich solche Angst . . . Ich weiß nicht, weshalb.«

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Dieses Angstgefühl steigerte sich in der letzten Nacht vor der Abreise nach Dresden so sehr, daß Grete die Oberschwester zu Hilfe rufen mußte.

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Lili weinte und weinte viele verzweifelte Stunden lang. »Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . . Wie soll ich Professor Kreutz unter die Augen treten . . . Er kennt mich ja nicht . . . er weiß ja gar nicht, wer ich bin . . . ich fürchte mich . . . ich möchte am liebsten vorher sterben . . .« Als sie endlich nicht mehr weinen konnte, lag sie, vor sich hinstarrend, in ihrem Bett.

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Tausend Ängste faßten sie an. Die Bahnfahrt nach Dresden, inmitten von fremden Menschen . . . die Ankunft in einer neuen, großen Stadt . . . der Weg in die Klinik . . . wieder fremde Menschen . . . mit neugierigen Augen . . . und dann der Professor . . . wie wird er sie empfangen . . .

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Lili wußte selber nicht, was in ihr vorging . . .

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Grete hatte längst die Koffer gepackt, hatte viele frohe Worte zusammengefunden, hatte von gleichgültigen Dingen erzählt – teilnahmslos hatte Lili dagelegen. »Und morgen soll ich vor Professor Kreutz stehen . . . und niemand kann mir helfen . . . niemand . . .« Immer wieder sprach sie flüsternd diese Worte. Und wenn Grete ihr sagte, daß sie und Professor Kreutz doch nur einen einzigen Gedanken hätten, ihr beizustehen, und daß es undankbar sei, jetzt, gerade jetzt zu verzagen, dann schüttelte Lili nur müde den Kopf. »Grete, ich weiß es besser . . . Niemand kann mir helfen . . . Es ist viel zu schwer für einen müden Menschen . . .«

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Frühmorgens, Grete schlief noch –sie war so spät erst eingeschlafen –, stand Lili auf, zog sich an, betrachtete sich, ging leise, damit sie Grete nicht störe, vor dem nicht sehr großen Spiegel, den Grete mitgebracht und über dem in einen Toilettentisch umgewandelten Nachttisch aufgehängt hatte, auf und ab. – Sie gefiel sich nicht . . . Häßlich und ausdruckslos erschien ihr ihr Spiegelbild . . . eine trübe, müde, blutleere Larve . . . Sie setzte sich auf den einen Koffer nieder, legte den Kopf in die Hände.

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»Lili . . . Lili . . .« Gretes Arme lagen um Lilis Hals. »Jetzt siehst du aus wie eine Mutter, die sich Sorgen um ihr Kind macht, du . . .«

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». . . die sich Sorgen um ihr Kind . . .« Lili sprach langsam die Worte nach. »Ja . . . um ihr mißratenes Kind . . Ob solch eine Mutter je wieder froh werden kann?«

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So begann der Tag. Und es gab wieder viele schwere Stunden. Niels kam bald.

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»Wie ein Offiziersfräulein sieht unsere Lili aus«, rief er begeistert, »hochmütig und herablassend! Ein unglaubliches Phänomen . . .«

– – – –

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In einer halben Stunde wird das Phänomen seiner Bestimmung zugeführt werden, sagte Lili still zu sich selbst . . . Das Phänomen . . . Und sie riß sich zusammen. Niemand sollte heute Tränen an ihr sehen. Niemand. Auch nicht denken. An nichts denken. So ließ sie sich nach dem Bahnhof fahren . . . mit Augen, die so taten, als sähen sie . . . Aber sie sahen nichts . . . nichts . . . Im Wartesaal zwang man sie, mit den beiden anderen zu frühstücken. Sie war gehorsam. »Heute will ich keinen Willen haben, Niels, heute will ich tun, was ihr beide mir befehlt. Heute will ich noch einmal – frei haben.«

– – – –

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Ein geradezu üppiger Frühstückstisch wurde in aller Hast hingezaubert. »Eine Morgenandacht, Herrschaften«, gebot Niels feierlich, »außerdem schon deshalb bedeutungsvoll, weil wir heute unsere Lili auf ihre erste Überlandfahrt geleiten.«

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Der Kellner hatte jedem von ihnen einen Literkrug »Hofbräu« vorgesetzt. Niels hob seinen Krug gegen Lili, und Grete, die zierliche, elegante Grete hob, wenn auch mit beträchtlicher Mühe, ihren Krug gegen Lili – und Lili war kein Spielverderber.

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»Skaal, ihr Lieben«, sagte sie, »oder wie man hier sagen muß, Prosit!« Und ehe noch Niels seinen Krug gegen Lilis hatte klingen lassen, hatte sie einen gehörigen Zug getan.

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»Bravo, bravo!« jubelte Niels, so laut, daß sich viele Gäste des Wartesaals nach ihnen umblickten.

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Lili setzte sogleich ihren Becher wieder hin. »Bitte,
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bitte, kein Aufsehen erregen.« Die Angst, die Angst, die sie nicht losließ . . .

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Doch sie wollte fröhlich sein. Und außerdem, sie gestand es sich ehrlich: das frische, duftige Bier schmeckte ihr herrlich. Und dieses herzerquickende Frühstück mit knusprigen Berliner Knüppeln und Brötchen, mit Schlackwurst und Leberwurst und Käse, ein echt deutsches Morgenmahl – ganz und gar keine Krankenkost!

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»Man wird ein ganz neuer Mensch, Kinder«, gestand sie, »das schmeckt wie Auferstehung! Wenn's nur erst so weit wäre! Prosit! Es lebe das Leben!«

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Als die Abfahrtszeit gekommen war, zog Lili, am Arm von Niels, mitten durch das wimmelnde Gedränge auf den Bahnsteig hinaus, so schnell, daß Grete Mühe hatte, ihnen zu folgen. Man fand für Lili einen Fensterplatz in einem Zweiterklasseabteil. Niels und Grete hatten ihr gegenüber Plätze bekommen.

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Mit frohen, wachen Augen, die jede Nichtigkeit um sie herum wie ein neues Erlebnis aufnahmen, fuhr Lili in ihr neues Leben hinein.

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Die Landschaft zwischen Berlin und Dresden, endlose, wenig abwechslungsreiche Ebenen mit mageren Waldungen und frühlingsbraunen, leeren Äckern, da und dort rot und weiß und gelb koloriert von kleinen Siedlungen und Dörfern und Städtchen und Städten, durchbrochen von langsam dahingleitenden Bach- und Flußläufen – ein Bild ohne Erregungen, ein Panorama, das besänftigt und einlullt. Ein niedriger, blaugrauer Himmel darüber, der mit frischem Morgenwind weiße Sonnenwolken wie junge Lämmer, die gerade aus den Ställen herausgelassen, lustig vorwärts trieb. Dann plötzlich ein großes, hellgrünes Viereck, Wintersaat, schon der Krume entsprossen, zwischen Weidenbüschen, die schon etwas Silber trugen, darüber geisternd eine dunkle Wolkeninsel. Ein Kirchturm steht vor dem Horizont gen Osten.
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Die Sonne löst sich aus einem sehr tief treibenden Wolkenballen los und übergießt die ganze Welt mit messingblankem Geglitzer. Die Telegrafendrähte vor dem Wagenfenster schwirren auf und nieder. Ein Rebhühnerschwarm schießt wie eine auseinandergerissene dunkle Kugel aus einem finsteren Stück Brachland vor falbem Föhrengehölz hoch; ein Bahnwärterhäuschen mit Silberbirken und ein paar Obstbäumen, verkrüppelt und geduckt, und dazwischen flatternde, bunte Wäschestücke, eine Frau, die Hände gegen die Hüften gepreßt, die Augen auf den Zug gerichtet, neben ihr ein blondes Kind mit einem knallroten Ball in der Hand, und ein brauner Spitz hockt neben dem Kinde – husch – vorbei. – Man kann noch das Winken der Frau erhaschen. Wie eine Fahne weht ein blau und weiß gewürfeltes Wäschestück in ihrer Rechten. – Ein ungepflasterter Landweg biegt gegen den Bahndamm. Zwei schwere Ackergäule vor hochbeladenem Fuhrwerk. Der Fuhrmann holt mit der Peitsche aus. Die Sonne vergoldet ihn und die Peitschenschnur und das Blechstück seines Pfeifendeckels. Auch die Pfützen der ausgefahrenen Wagenspur. – Hinter einem weitgeschwungenen Landrücken steigen Fabrikschlote hoch, und weiße und gelbgrünliche Rauchsäulen winden sich ins Blaue, bis eine Brise sie knickt und sie sonnenhelle Wolken werden . . .

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Lilis Augen sind Maleraugen geworden. Und sie erschrickt. »Das sind nicht meine Augen . . . Das sind Andreas' Augen . . . Ist er denn noch nicht tot in mir? . . . Kann er mir denn keinen Frieden geben?«

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Sie schließt die Augen. Sie weiß nicht, weshalb sie sich so fürchtet, so, wie Andreas' Augen es getan, die Welt zu sehen, aufzufangen und zu lieben . . . Ist es, weil sie sich fürchtet, nie zu sich selber zu kommen, nie sich loslösen zu können von – Andreas? . . .

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Grete und Niels sind hinausgegangen, um zu rauchen.

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Im Abteil sind noch ein paar sehr korrekt aussehende deutsche Herren. Die beiden Eckplätze an der Tür gehören ihnen.

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Lili hat sie bis jetzt kaum beachtet. Sie halten sich hinter Zeitungen verschanzt.

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Plötzlich legt der eine Herr seine Zeitung vor sich hin, der andere Herr folgt seinem Beispiel, nur mit dem Unterschied, daß er seine Zeitung fast feierlich zusammenfaltet, der »Herr von Gegenüber«. Unwillkürlich betrachtet sie ihn, und er erwidert den Blick sehr umständlich. Hm, macht er mindestens viermal. Der andere Herr klopft sich etwas Staub ab, zieht seinen einen blanken, braunen, sehr soliden Handschuh ab. Ein erheblicher Brillantring kommt zum Vorschein. Hm, räuspert es wieder. Lili zieht ihren Pelz enger um sich. Sie fühlt die Blicke der beiden »Herren der Schöpfung« auf sich gerichtet. – Sie macht ein sehr hochmütiges Gesicht.

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Hm, sagt da der Herr neben ihr, hm und noch einmal: »Gnädigste gestatten?« Sie blickt ihn an.

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Er hält ein sehr schweres silbernes, mit Gold belegtes Zigarettenetui ihr entgegen: »Es ist zwar ,Nichtraucher' . . . Hm . . . Aber die beiden anderen Herrschaften . . . hm.«

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Lili lächelt .»Nein, danke.«

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Hm, und der Herr hat sein Etui wieder zugeklappt und umständlich in der hinteren Hosentasche untergebracht. Hm . . .

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Der Herr gegenüber entfaltet seine Zeitung wieder.

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Und Lili blickt zum Fenster hinaus.

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Ein kleiner zierlicher Birkenwald auf einem Hügel unter der Sonne. Zwei ganz kleine Perlmutterwolken darüber – wie Flügel, von einem Kinderengel beim Spielen vergessen.

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Niels ist hereingekommen, sitzt wieder auf seinem Fensterplatz.

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»Vorfrühling«, sagt er, »Vorfrühling, Lili . . . Keine andere Sprache kennt ein ähnliches Wort.«

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Und Grete, die jetzt auch wieder hereingekommen ist, wiederholt das Wort: »Vorfrühling . . . Das habe ich nie gehört. Ein schönes, entzückendes Wort . . . Jetzt dort draußen stehen und malen, malen, so wie . . .«

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Da bricht sie ab, meidet Lilis Blick und schließt die Augen.

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Eine lange Stunde saßen sie so schweigend.

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In Lilis Ohr klangen Gretes Worte nach: » . . .Vorfrühling . . . malen . . . so wie . . .« und sie vollendete den Satz . . . »so wie einst mit Andreas

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War es Eifersucht, was sich jetzt in ihr regte? . . .

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Nein, nein, nicht denken . . .

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Sie beugte sich zu Grete hinüber, – niemand sah es, auch Niels nicht, der eingeschlummert war wie Grete, und die beiden fremden Herren standen draußen im Gang und rauchten, – und legte ihre Hand auf Gretes Schoß. Dann stand sie auf und setzte sich neben Grete hin, legte den Kopf gegen Gretes Schulter und blickte wieder hinaus: Höhenzüge wellten heran, wuchsen zu kleinen Bergen, und immer neue gesellten sich hinzu, bestreut mit Villen. Und schließlich wurde alles zu einem Kunterbunt von Villen und Gärten und Mietshäusern – und dazwischen reckten sich Fabrikbauten empor, Straßenzüge öffneten sich wie Kanäle und Grachten zwischen Häuserkolonnen, und die Häuserkolonnen wurden zu großen Siedlungen voll von quirlendem Leben. Straßenbahnen, Autos, Menschen, schreiende Reklamen an fensterlosen Giebelwänden, weite, vielverzweigte Schienengelände auf beiden Seiten, Züge mit endlosen Wagenkarawanen, Stationen, rechter Hand und linker Hand, ein ewiges Schüttern des Wagens, der stoßend und polternd durch Weichen geschleift wurde . . .

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Dann hielt der Zug.

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Niels war erwacht.

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»Sind wir bald angelangt?« fragte Lili.

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»Die nächste Station.« Sie weckten Grete.

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Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, standen sie alle drei am Fenster. Jetzt fuhren sie über die lange Brücke, unter der sich der breite, dunkle Strom wie ein schillerndes Samtband dehnte, und Lili sah Dresdens grüne Kuppeln und Türme und Dächer aus dem schillernden Wasserspiegel auftauchen wie ein verklungen gewesenes und heimgekehrtes Vineta . . . ihr Vineta . . . Sie hob langsam den Blick aufwärts und sah, daß es kein Trugbild war, diese große, schöne, königliche Stadt zu beiden Seiten des Elbestromes, aufsteigend aus dem breiten Tal zu grünen Hügeln und sanftem blauen Himmel.

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Auf dem Sitz ihres Platzes kniete sie und starrte hinaus und trank das Bild dieser so heiß ersehnten, aus vielen Schmerzen ihr bescherten Wallfahrtsstätte mit den Augen. Und die Augen wurden zu voll und zu schwer. Sie mußte sie schließen und preßte die Hände gegen das Herz. Es waren sanfte, gläubige Tränen, die sie weinte . . . Grenzenloses Glücksgefühl überflutete ihr ganzes Denken. »Jetzt bin ich zu Hause . . . jetzt bin ich bald zu Hause.«

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Niels legte seine Hand auf ihre Schulter. »Kind, Kind.«

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»Es ist ja nur vor Glück, Niels

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Grete stand neben ihr. Sie konnte keine Worte finden. Aber viele Tränen.

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Wie Lili aus dem Abteil hinausgekommen ist, wie sie dann in einer Autotaxe in Dresden ihren Einzug gehalten hat, ist ihr für immer aus dem Gedächtnis entschwunden.

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Es ist eine lange Autofahrt gewesen, die Stadtstraßen lagen schon hinter ihnen, Villenviertel nahmen sie auf, und plötzlich kamen sie vorbei an breitgelagerten, hohen Gebäuden. Dort bog der Wagen um eine Straßenecke,
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schlanke, weiß leuchtende Birken hoben ihr filigranfeines Zweigwerk über eine Gartenmauer, hinter der ein grauer, feierlicher, mächtiger Baukomplex, aus vielen Häusern sich zusammenfügend, aufstieg.

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»Halten, halten!« rief Lili. »Hier ist es!«

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Im nächsten Augenblick hielt der Wagen vor einem Portal, das mit großen Lettern die Aufschrift trug:

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STAATLICHE FRAUENKLINIK.

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»Wie konntest du das wissen?« fragten Grete und Niels, als sie Lili beim Aussteigen halfen.

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»Ich fühlte es, daß es hier sein mußte«, antwortete Lili sehr matt, »helft mir etwas, – damit ich mich stützen kann . . . Es war eine so lange, schwere Reise.«

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Als sie vor dem Portal standen und klingelten, war Lili bleich wie der Tod. Sie hörte den Ton der Hospitalglocke, und ihr war, als hätte sie den Klang ihres eigenen Herzens vernommen.

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Aus dem Fenster der Pförtnerwohnung rief eine weißgekleidete Schwester sie an. »Zur Privatabteilung? – Bitte rechts durch den Garten.« Es war bereits später Nachmittag. Weiches, gedämpftes Licht aus regenfeuchtem Himmel lag über dem großen Garten, dessen schlanke Birkenstämme wie Silber über Rasenmatten leuchteten. Lili ging voran.

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Sie war endlich zu Hause. –

XII

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In der Eingangstür zur Privatklinik stand eine ältere, weißgekleidete Schwester und umarmte eine Dame. Dieses war Lilis erster Eindruck von der »Frauenklinik«. Und dieser Eindruck blieb.

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Die ältere Schwester war die Frau Oberin. Sie nahm Abschied von einer Patientin.

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Dann empfing sie mit großer Liebenswürdigkeit die drei Ausländer und führte sie in einen langen Hospitalkorridor hinein. Die Dämmerung hatte bereits begonnen, und durch die Glasscheiben einer großen Flügeltür am Ende des Korridors fiel ein weicher, seegrüner Schimmer, der sich auf dem blanken Parkett und den vielen weißlackierten Türen widerspiegelte.

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»Der Herr Professor kommt bald«, sagte die Oberin.

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In der Nähe der großen Flügeltür standen ein paar Lehnstühle und ein kleiner Tisch, von einer Lampe beleuchtet. Dort unterhielt sich ein Arzt in weißem Kittel mit ein paar Damen.

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Grete ergriff Lilis Hand. »Das ist doch Professor Kreutz«, flüsterte sie.

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»Du irrst dich, Grete«, sagte Niels. »Übrigens hast du ihn ja nie gesehen. Es ist sicherlich nur ein Assistenzarzt.«

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»Grete hat recht, es ist Professor Kreutz«, flüsterte Lili mit bebender Stimme.

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Während er die beiden Damen zu dem Direktionszimmer begleitete, blieb er einen Augenblick stehen und begrüßte die Neuangekommenen mit zeremonieller Höflichkeit, worauf er sie bat, Platz zu nehmen.

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Sie setzten sich um den runden Tisch, Lili war stumm geworden. Weiße Schwestern kamen und gingen und wünschten Gutentag.

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Lili sah nichts, hörte nichts.

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Erst als die Tür vom Direktionszimmer sich wieder öffnete, und die beiden Damen von dem Professor hinausgeleitet wurden, erwachte sie wieder zum Bewußtsein.

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Die Oberin gab ihnen ein Zeichen, und Niels nahm Lilis Hand. Grete blieb im Lehnstuhl sitzen.

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Vor ein paar Monaten, in Paris, hatte Professor Kreutz ein einziges Mal Andreas vor sich gesehen. Heute stand zum erstenmal Lili vor ihm. Der Professor geleitete sie in
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das Direktionszimmer hinein, dann ging er hinaus, um Grete zu begrüßen.

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Lili, die plötzlich sehr ruhig geworden war, sah sich in dem Raum um. Es war ein großes Zimmer, einem Arbeitszimmer wie einem Operationsraum ähnlich. Vor dem hohen Fenster, von dem man Aussicht über die Birken des Gartens hatte, stand ein Untersuchungsstuhl, vor der einen Wand ein Schreibtisch, voll von Papieren. Alles in dem Raum war blendend weiß.

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Als der Professor zurückkam, setzte er sich Lili gegenüber nieder. Sie begann fahrig von ihrem Berliner Aufenthalt zu sprechen. Plötzlich unterbrach er sie mit einer Frage. Sein etwas strenges Gesicht zeigte ein Lächeln:

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»Hat Ihnen Professor Arns das Ergebnis seiner chemischen und mikroskopischen Untersuchungen bekanntgegeben?«

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»Nein, Herr Professor

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»Na, da kann ich Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, daß alle Untersuchungen günstig ausgefallen sind. Alles bestätigt unsere Annahme.«

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Sie atmete auf. Also brauchte sie ihm keine Erklärungen zu geben.

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Sie lauschte seiner seltsamen, verschleierten Stimme. Ein Gefühl von Glück ergriff sie. Der Professor sprach so teilnehmend über alles, was sie anging, daß sie mutig wurde. Und plötzlich begann sie von ihrem Erlebnis mit Doktor Karner in Berlin zu erzählen. Als sie jedoch aufblickte und in Professor Kreutz' Augen hineinsah, in diese Augen, die zu gleicher Zeit hell und dunkel waren, da erstarb ihr das Wort auf den Lippen. Sie konnte nicht weiter sprechen. Blitzartig fiel ihr ein, daß Andreas in Paris ohne Hemmung sich mit dem Professor hatte unterhalten können. Weshalb vermochte sie es nicht?

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Fragend sah Professor Kreutz sie an, wartete wohl,
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daß sie mit ihrer Erzählung fortfahren sollte. Als dies jedoch nicht geschah, unterbrach er das Schweigen.

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»Sie sollten eigentlich sofort in die Privatabteilung kommen, aber unerwarteterweise ist im Augenblick alles besetzt. Was im übrigen nicht schadet, da wir mit der Operation doch noch etwas warten müssen. Denn ich suche nach einem Paar besonders guter Drüsen für Sie . . .«

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Lili zuckte bei dieser sachlichen Begründung zusammen. Sie wußte nicht, wohin sie ihre Augen wenden sollte. Sie empfand eine grenzenlose Scham. Sie war völlig verwirrt.

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Der Professor schien dies kaum zu beachten, denn er fuhr ruhig fort:

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»Es wird Ihnen übrigens nur gut tun, noch ein paar Tage im Hotel zu verbringen, und sich die Stadt und unsere Museen anzusehen. Außerdem könnten Sie etwas malen. Sie werden hier sehr viele Motive finden. Solche Ablenkung wird ganz heilsam für Sie sein.« Lili schien jeden Halt zu verlieren. Der Gedanke, nicht sogleich in die Klinik aufgenommen zu werden, sondern noch tagelang in einem fremden Hotel zu verbringen, erschien ihr ungeheuerlich, wie eine unverdiente Strafe. Sie wollte schon den Professor anflehen, sogleich hierbleiben zu dürfen. Sie wollte sich auflehnen gegen seinen Beschluß. Und sie sah hilfesuchend den Professor an und konnte nichts anderes sagen als:

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»Ja, Herr Professor

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Damit war die Unterredung beendet. Der Professor reichte ihr die Hand und ging mit ihr hinaus zu Grete, nannte ihnen ein Hotel in der Nähe der »Frauenklinik« und verabschiedete sich sehr formell.

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Fassungslos stand Lili vor Grete. Ihr war, als habe sie eine vernichtende Niederlage erlitten. Ein einziger Blick dieses Mannes hatte ihr alle Kraft genommen. Ihr
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war, als sei durch diesen Mann ihre ganze Persönlichkeit zertrümmert worden. Mit einem einzigen Blick hatte er sie ausgelöscht. Es lehnte sich etwas in ihr auf. Wie ein Schulmädchen kam sie sich vor, das von einem vergötterten Lehrer kurz abgefertigt worden ist. Sie hörte noch die Stimme des Professors im Ohr. Sie fühlte eine wunderliche Schwäche in allen Gliedern. Wie im Nebel stand sie, und sie begriff nichts. Aber später, als sie an diesen Augenblick zurückdachte, fand sie die Erklärung: damals war es das erstemal gewesen, daß ihr Frauenherz vor ihrem Herrn und Herrscher gebebt hatte, vor dem Mann, der sich zu ihrem Beschützer gemacht hatte, und sie begriff, weshalb sie sich schon damals ihm und seinem Willen machtlos unterworfen hatte.

– – – –

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Das Hotel, das ihnen Professor Kreutz genannt hatte, lag an einem weiten, von Bäumen umgebenen Platz und hatte einen Garten. Es war ein stilles, vornehmes Haus, kaum zehn Minuten weit von der »Frauenklinik« gelegen.

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Lili und Grete bekamen ein großes, helles Zimmer, das nach dem Platz hinaus lag. Niels installierte sich in einem anderen Zimmer. Es waren schwere, bedrückte Tage, die für Lili kamen. Sie konnte es nicht fassen, daß man sie nicht sofort in der Klinik aufgenommen hatte. Sie war fest überzeugt, daß Professor Kreutz sie unsympathisch fand, daß sie abstoßend auf ihn gewirkt habe.

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Grete trug in ihr Tagebuch ein:

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»Lili ist völlig verzagt. Sie glaubt, daß der Professor in ihr nichts anderes als einen verkleideten Mann, nämlich Andreas sieht. Sie bildet sich ein, daß sie häßlich und widerwärtig aussehe, und daß jeder normale Mensch vor ihr einen Widerwillen haben müßte. Sie weint unablässig. Wir sind ein paarmal ausgegangen. Aber von
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ihrer fixen Idee beherrscht, glaubt Lili in jedem Blick der Vorübergehenden eine Bestätigung von Professor Kreutz' Widerwillen gegen sie lesen zu können. Selbstverständlich müssen wir Ausländer hier in Dresden auffallen, aber diesen Umstand bezieht Lili nur auf sich. Sie ist außer sich, daß der Professor ihr vorgeschlagen hat, inzwischen etwas zu malen. Das wäre das Furchtbarste, was er von ihr habe verlangen können! Alles, was mit Andreas im Zusammenhang steht, ist ihr verhaßt, besonders aber das Malen. Um von Andreas loszukommen, dürfe sie vor allen Dingen nicht das tun, was er getan habe, nämlich malen. Das hätte, sagt Lili, der Professor wissen müssen oder aber, er habe mit dieser Äußerung gerade zum Ausdruck bringen wollen,daß er in Lili nichts anderes als den verkleideten Andreas sehe.«

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Tags darauf schrieb Grete in ihr Tagebuch:

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»Niels hat sicherlich völlig recht, wenn er sagt, daß das, was der Professor mit Lili jetzt tue, nichts anderes sei, als ein seelisches Modellieren. Und zwar vor dem körperlichen Modellieren zum Weibe. Bisher sei Lili wie Ton gewesen, den andere präpariert hätten, und dem jetzt der Professor durch eine flüchtige Berührung schon Form und Leben gegeben habe. Bis jetzt sei, glaube er, Lilis Weiblichkeit nichts als Oberfläche, noch nicht völlig echt gewesen. Durch einen einzigen Blick habe der Professor gestern ihr Herz zu Leben erweckt, zu einem Leben mit allen Instinkten des Weibes . . . Je mehr ich hierüber nachdenke, desto inniger muß ich Niels zustimmen. Lili ist jetzt still und völlig in sich verschlossen. Wohl weint sie mitunter noch leise vor sich hin, aber es ist das Weinen des Heimwehs. Sie weiß selbst nicht, was mit ihr vorgeht, und ich kann ja nichts anderes tun, als ihr mit guten Worten und Geduld beistehen . . .«

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Das nächste Blatt enthielt folgende Eintragung:

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»Lili sagte nachts zu mir: ,Es ist sicherlich unrecht, wenn ich bitter an Andreas denke. Aber mitunter muß ich ja an ihn denken, und dann weiß ich gar nicht, wie ich ihn nennen soll. Ich glaube, ich muß ihn meinen toten Bruder nennen. Daran muß ich mich gewöhnen. So sehr, daß ich auch nicht mehr in Gedanken weiß, daß er und ich im selben Körper gewohnt haben, und daß dieser Körper jetzt mir allein gehört.' Dann sagte sie: ‚Vielleicht bin ich der Mörder von Andreas, und dieser Gedanke quält mich furchtbar. Denn ich merke, daß ich vielleicht viel weniger wert sein werde als er. Er war ein schaffender Mensch. Er war ein Maler, der schon eine Leistung hinter sich hatte. Und gerade davor fürchte ich mich ja, jemals etwas leisten zu wollen. Denn würde ich wirklich einmal malen und dann sehen, daß ich weniger kann als er gekonnt hat, so würde mich dieses vollkommen umwerfen, ich würde Selbstmord begehen!' Plötzlich sagte sie: ,Grete, ich sehe die Kleider von Andreas, die wir in Berlin zurückgelassen haben, vor mir. Jedes Kleidungsstück sehe ich. Daran dachte ich nachts. Und ich hatte Angst, wieder einzuschlafen, denn ich fürchtete mich, daß ich im Traum in diese Kleider hineinschlüpfen könnte . . .'

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So verging eine ganze Woche. Eine tiefe Melancholie legte sich über Lili. Und diese Melancholie steigerte sich zu einem eisigen Entsetzen, als eines Morgens aus der ,Frauenklinik' ein paar Briefe aus Kopenhagen ankamen, die an Herrn Andreas Sparre aus Paris gerichtet waren. Sie wagte nicht einmal, die Briefe anzurühren. Auch Grete durfte die Briefe nicht lesen. Niels mußte sie verbrennen. Und jetzt war Lili überzeugt, daß sie niemals in die ‚Frauenklinik' würde kommen können.

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,Die Briefe haben mich unmöglich gemacht. Laß uns von hier verschwinden . . .' bat Lili ohne Tränen, fest
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entschlossen, irgendwo in aller Stille im Nichts untertauchen zu können. Da kam, wie eine Erlösung, die Nachricht aus der ‚Frauenklinik', daß für Lili jetzt ein Zimmer frei sei. Augenblicklich verließ Lili das Hotel, und Grete wanderte mit ihr den kurzen Weg nach der ,Frauenklinik'

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Tags darauf fuhr Niels nach Berlin zurück.

XIII

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Viele Male versuchte Lili die ersten Augenblicke, die sie in der »Frauenklinik« verbracht hatte, aufs neue zu erleben, und jedesmal empfand sie wieder die unendliche Stille, die sich damals über ihr verstörtes Gemüt gelegt hatte. Eine strahlende Hoffnung, die wie eine Bachsche Hymne von hellen Engelstimmen zu einem unsichtbaren Gewölbe emporgetragen wurde.

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Alle Angst und Unruhe war von ihr gefallen. Ihr eigenes Leben erschien ihr so nebensächlich, so wertlos. Ein unklares Gefühl erfüllte sie mit Andacht, ein Gefühl, Mitwisser von etwas Neuem und Großem zu sein, etwas, das bedeutungsvoller, mächtiger war als alles, was Menschenschicksale gemeinhin erfahren. Ein weißes Krankenzimmer, überspielt von dem grünen Widerschein des Gartens. Ein weißes Bett. Auf einem weißen Tisch blanke, geheimnisvolle Instrumente und Scheren unter einem Glassturz. Ein Geruch von Äther und Formol überall. Die Besuche der Oberin, dieser kräftigen, frischen und mütterlichen Frau in weißer Schwesterntracht mit der steifen, weißen Haube auf dem silbergrauen Haar. Dann und wann, durch die Doppeltür eindringend, ein gedämpfter Laut, sich allmählich verlierend, – Krankenwagen, die vorüberrollen. Und in dem weißen Zimmer Grete. Dann und wann leise Stimmen, Schritte. Die
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Tür wird geöffnet, eine schlanke Gestalt in weißem Kittel tritt ein, bleibt im Zimmer stehen.

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Von diesem ersten Besuch des Professors hat Lili nur eine fast musikalische Erinnerung zurückbehalten. Eine Stimmung. Eine Vision. Was er zu ihr gesprochen hatte, wußte sie nicht mehr. Aber seit dem Augenblick, wo er vor ihr stand, in dem weißen Krankenzimmer, war alle Last von ihr genommen. Und alles in ihr war Sicherheit und frohe Hoffnung geworden.

– – – –

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Unter den Birken in dem großen Garten ging Lili und wartete. An einem der nächsten Tage würde alles zu einer Operation bereit sein, hatte der Professor gesagt.

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Die weißen Bäume leuchteten silbern auf den blanken, grünen Rasenbeeten. Ihr Zweigwerk stand wie von rötlichem Schimmer übergossen vor der grauen, flimmernden Luft. Hecken und Büsche da und dort, mit noch nacktem Zweigwerk. Seidige Kätzchen an den paar Weiden. Knospen, braune und rötliche, und hie und da gelbe Knospen. Und an den Wegen viele Bänke. Weißgekleidete Schwestern hielten dort Mittagspause und grüßten Lili und Grete. Und mitten im großen Garten eine Schar junger, schwangerer Frauen. Sie lächelten froh und glücklich und sahen in ihren blauen Krankenkleidern aus wie große, gerade aufgesprungene Krokusse.

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»Lili«, sagte Grete, »jetzt verstehe ich das schöne, deutsche Wort ‚Vorfrühling'. Hier ist alles so voll von Erwartung.«

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Dann ging ein schlanker Mann in weißem Kittel durch den Park, eilig, zur Septischen Station. Ein Assistenzarzt folgte ihm, und ein Flüstern flog von Mund zu Mund: »Der Professor.« Aller Augen blickten ihm nach, alles schien einen Augenblick still zu stehen.

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Und dann schlägt die Turmuhr der Klinik. Sechs Uhr.
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Es ist Zeit, zurück ins Zimmer zu gehen. Der Park ist schon dunkel, Arm in Arm gehen Lili und Grete langsam in das große Haus hinein. In den weiten, weißen Korridoren glühen die Lampen auf. Junge Schwestern in weißer Tracht, mit weißen, prall anliegenden Hauben, bringen den Kranken das Abendessen. Unten, vor dem Zimmer des Professors die Frau Oberin. Plötzlich klingt seine Stimme durch die offene Tür. Lili zuckt zusammen. Sie zieht Grete erschreckt mit sich um die Ecke, in den Quergang hinein, wo ihr Zimmer liegt.

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»Was ist dir«, fragt Grete.

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»Beeile dich«, flüstert Lili atemlos und schlüpft in ihr Zimmer hinein. Ein unerklärlicher Schreck ergreift sie bei dem Klang von des Professors Stimme. Wieder kommt sie sich wie ein Schulmädchen vor! Am nächsten Abend, als man Lili ins Bett legt, wird sie all den Zeremonien unterworfen, die einer Operation vorausgehen. Und Grete sitzt mit guten Worten neben ihr. Der Professor hatte bereits am Vormittag angekündigt, daß, wenn eine junge Frau, die am nächsten Morgen operiert werden müßte, geeignete Ovarien besäße, die Transplantation vorgegenommen werden solle. Bewegt und glücklich nahm sie an diesem Abend von Grete Abschied. Stundenlang lag sie wach und starrte in das weiße Zimmer. Die Nachtlampe verbreitete ein dämmeriges Licht. Schwester Hanna, jung und schön, saß bei ihr, unterhielt sich mit ihr, setzte ihr ein Schlafmittel auf den Nachttisch und verschwand dann leise.

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Lili nahm das Schlafmittel nicht. Sie hatte Angst, zu lange zu schlafen. Sie wollte wach, ganz wach den nächsten Morgen, ihren großen Morgen erleben.

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Von den Korridoren kam kein Laut mehr herein. In der Stille der Nacht ertrank alles. Lilis Gedanken waren ein Lächeln. Ihr war, als habe sie keine Verantwortung mehr für sich, für ihr Schicksal. Denn Werner Kreutz
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hatte ihr alles abgenommen. Auch Willen besaß sie nicht mehr. Der war bei dem Professor.

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Und plötzlich dachte sie an das Einst . . . an Paris. Doch im nächsten Augenblick floh sie vor dieser Erinnerung. Es gab ja kein Einst für sie. Alles, was damals war, gehörte einem Verschwundenen, einem Toten. Andreas Sparre, wie ganz anders war er gewesen als sie. Nur ein ganz demütiges Weib gab es jetzt, das bereit war, zu gehorchen, das glücklich war, sich eines anderen Willen zu unterwerfen.

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Wieder klang der Schlag der Turmuhr. Viele, viele Male noch in dieser Nacht.

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Als das erste Morgenlicht durch die Gardinen hereindämmerte, lag Lili schon hellwach in ihrem Bett. Es war sechs Uhr, um sieben Uhr kam Schwester Hanna herein und machte sie zur Operation fertig. Dann kam das lange, lange Warten. Sie wagte sich kaum zu rühren. Jeden Schritt auf dem Korridor belauschte sie, jede Stimme, die von dort hereindrang, jedes Geräusch . . . aber niemand blieb vor ihrer Tür stehen. Ob man sie vergessen hatte?

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Endlich kam die Oberin, setzte sich zu ihr, nahm mütterlich ihre Hand und brachte ihr die traurige Kunde, daß leider noch ein paar Tage lang gewartet werden müsse, da die betreffende Kranke, die operiert worden sei, kein „einwandfreies Material'' für Lili gehabt habe.

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Enttäuschung und Spannung hätten sich beinahe in Tränen ausgelöst, wenn die Oberin ihr nicht eine andere, frohe Mitteilung gemacht hätte. Nämlich, daß sie ein neues Zimmer erhalten solle, das ein großes Fenster nach dem Garten hinaus und die ganze Morgensonne habe. Und als wenige Minuten später sich Grete einfand, wurde die Übersiedlung nach dem neuen Zimmer sofort eingeleitet.

– – – –

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Wieder gingen die beiden Arm in Arm durch den Park »der Frauenklinik«. Wie alles hier ihnen beiden so schnell vertraut geworden war. Auch die weißgekleideten Schwestern. Dankbar beantworteten sie ihren Morgengruß. Und Lili lächelte glücklich den jungen, schwangeren Frauen in den krokusblauen Kleidern zu. Hin und wieder gingen junge Ärzte vorüber, auch sie wünschten: »Guten Morgen, gnädige Frau!«

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Lili war glücklich. Hier ging sie jetzt ganz natürlich wie eine junge Frau unter anderen jungen Frauen. Sie war ein Geschöpf ohne jede Vergangenheit. Hatte sie jemals anders ausgesehen als jetzt? Sie mußte lächeln. Denn plötzlich sah sie Andreas vor sich, wie er in Paris entzückt elegant gekleidete Damen betrachtet und sie um ihre Eleganz fast beneidet hatte. Wie plump und schmucklos, hatte er oft gesagt, sei doch die Männerkleidung. Jetzt war alles das dahin – ausgelöscht. Wie durch eine Handbewegung ihres Meisters, ihres Schöpfers, ihres Professors. Es gab keinen Andreas mehr, er konnte nie wieder zurückkehren. Jetzt stand zwischen ihm und ihr Werner Kreutz. Sie fühlte sich sicher und geborgen.

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Hier in diesem kleinen Staat im Staat herrschten Männer uneingeschränkt, mit dem Professor an der Spitze. Die Oberin war die einzige Ausnahme. Trotz ihrer gütigen Mütterlichkeit war sie eine sehr bestimmte Dame, deren energisches Profil unter dem silbergrauen Haar an die Bourbonen in ihrer Glanzperiode erinnern konnte. Eine große Überlegenheit ging respektheischend von ihr aus – sie war das einzige Wesen in der »Frauenklinik«, das, bis zu einem gewissen Grade, mit Werner Kreutz auf vertraulichem Fuß stand.

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Eines Morgens hakte sie Lili ein und sagte ihr, daß es sicherlich nicht mehr lange dauern würde. Vielleicht schon morgen, vielleicht übermorgen würde die Operation stattfinden können.

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»Sagen Sie mir, Frau Oberin«, fragte Lili unvermittelt, »weshalb nimmt man eigentlich gesunde Ovarien einer Frau fort?«

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»Aber Frau Lili«, antwortete die Oberin, »es würde viel zu lange dauern, Ihnen das zu erklären, noch dazu, wo Sie nicht die notwendigen anatomischen Kenntnisse besitzen, um es zu verstehen. Aber seien Sie nur ruhig, der Professor weiß schon, was er tut. Lassen Sie ihn nur schalten und walten. Und außerdem brauchen Sie keine Angst zu haben, denn es handelt sich um eine ganz kleine Operation bei Ihnen.«

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Lili lächelte.

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»Ich habe gar keine Angst, Frau Oberin. In Berlin hat man mir übrigens auch gesagt, daß es nur ein ganz kleiner Eingriff sei, den man dort vornehmen wolle. Und hinterher erfuhr ich, daß ich fast anderhalb Stunden auf dem Operationstisch gelegen habe. Ob nun diese neue Operation gefährlich oder ungefährlich ist, ich mache mir keine Gedanken darüber. Ich bin nicht hierher gekommen, um zu sterben. Das fühle ich. Das hätte ich ja auch ohne Hilfe des Professors tun können.«

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Die Oberin zog Lili ganz dicht zu sich heran. »Seien Sie übrigens froh, Frau Lili, die neuen Ovarien, die der Professor an Ihnen transplantieren will, werden Ihnen neue Lebenskraft und neue Jugend geben. Die Frau, bei der die Operation vorgenommen werden muß, ist nämlich kaum 27 Jahre alt.«

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Lilis Stimme zitterte vor Erregung. »Ist es wirklich wahr, Frau Oberin, daß dadurch . . . durch die Ovarien . . . das Alter einer Frau bestimmt wird? Ist das wirklich das Entscheidende für eine Frau?«

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Die Oberin streichelte Lili. »Wie neugierig Sie sind. Aber wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie doch unseren Professor

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»Ja, natürlich, weshalb habe ich das nicht schon längst getan. Ich werde ihn heute abend schon fragen.«

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Und als am nächsten Morgen die Oberin fragte, ob der Professor ihre Neugier gestillt habe, fühlte sich Lili sehr beschämt. »Nein«, sagte sie, »das habe ich ganz vergessen.«

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Die Oberin hob den Zeigefinger und drohte im Scherz: »Weshalb nicht einfach ehrlich sagen, Sie hätten es nicht gewagt!«

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»Nein, ich habe es auch nicht gewagt«, beichtete Lili.

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»Darüber brauchen Sie nicht zu erröten, liebe Frau Lili. Weshalb sollten Sie auch anders sein als die anderen Frauen hier im Haus

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Zwei Tage darauf füllte Grete viele Seiten ihres Tagebuches. An diesem Tage war die große Operation an Lili ausgeführt worden. Und es war schon tiefe Nacht, als Grete schrieb:

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»Schon um 9 Uhr kam ich heute früh in die Klinik. Gestern abend hatte mir der Professor bereits gesagt, daß heute die Operation vor sich gehen sollte. Vorsichtig steckte ich den Kopf zu Lilis Tür hinein. Lili lag im weißen Nachtkleid in ihrem weißen Bett. Sie schlief still. Man hatte ihr eine Morphiumspritze gegeben. Behutsam ging ich zurück in den langen Korridor, wo Schwestern auf den Professor warteten. Schwester Margarete kam aus dem Direktionszimmer und schob einen Rolltisch vor sich her, mit Ätherflaschen, Watte und Instrumenten unter Gläsern. Frau Oberin zeigte sich und warf einen prüfenden Blick über alles. Aus dem Operationssaal kam der Oberarzt und ein paar junge Assistenzärzte zum Vorschein. Alle sprachen leise. Eine seltsame Stille herrschte auf dem weiten, weißen Korridor. Grünliches Licht zitterte durch die hohen Fenster, durch die man die noch
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leeren Bäume des Parkes sehen konnte und, von der Morgensonne beleuchtet, den Flügel, worin die Wohnung des Professors liegt. Ein überdeckter Gang führt von der ersten Etage zur Hauptabteilung der Klinik hinüber. Dorthin waren aller Blicke gerichtet.

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,Jetzt warten wir nur noch auf den Professor', sagte eine kleine Schwester flüsternd zu mir. Ich konnte meine Erregung kaum meistern und starrte ohne Unterlaß aus dem Fenster nach der Wohnung des Professors hinüber.

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Plötzlich kam Bewegung in die Schwestern. Unwillkürlich griff ich nach der Hand der kleinen Schwester. Alles an mir bebt. Raschen Schritts sah ich den Professor zur Klinik kommen, und im nächsten Augenblick hörte ich schon, wie er ruhig und korrekt uns ,Guten Morgen' wünschte. Sehr zeremoniell und unnahbar. Auch mir gegenüber, obgleich wir doch sonst stets recht freundschaftlich miteinander sprachen. Ich wagte nicht, ihn anzusprechen, auch nicht, ihm zu folgen, als er, zusammen mit dem Oberarzt und der Oberin, in Lilis Zimmer verschwand. Er glich einem Feldherrn vor der Entscheidungsschlacht. Minuten vergingen. Ich stand in der offenen Tür nach dem Garten. Die Morgensonne strömte herein. Ich war wohl sehr blaß. Die Luft war so frühlingswarm. Ein paar Vögel sangen in den Birken. Ein rötlicher Schimmer lag über ihnen, und ganz leise kam Wind, der nach Gras und Erde roch, herein und mischte sich mit diesem seltsamen, alles durchdringenden Hospitalsgeruch. Dann wurde die Tür von Lilis Zimmer geöffnet, ganz wenig, eine Hand kam zum Vorschein. Schwester Frieda, die vor der Tür stand, nahm hastig eine Flasche Äther von dem Rolltisch, reichte sie hinein, und die Tür schloß sich wieder lautlos. Bald schlüpfte süßlicher Äthergeruch aus dem Zimmer, schwebte über allem. Ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden.
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Aber ich nahm mich zusammen. Unendliche Zeit verging wieder. Dann öffnete sich die Tür abermals. Der Professor und die Oberin traten heraus. Der Professor nahm meine Hand und blickte in meine Augen. ‚Haben Sie keine Angst', sagte er leise und verschwand im weiten Gang. Wieder ein paar Minuten. Das Rollbett wurde zur Tür hinausgeschoben. Zwei Schwestern gingen dahinter her. Unter einer weißen Decke lag Lili. Ich konnte nichts von ihrem Gesicht erkennen . . . es lag unter der Äthermaske. Dann war der weiße Zug in dem langen, weißen Gang verschwunden. In den Operationssaal hinein. Wie lange wird es wohl dauern? Ich sagte immer und immer zu mir: nicht denken, nicht denken. Was tun sie jetzt mit diesem armen Menschen? Wie wird man Lili mir zurückgeben? Mir, ihr selbst, dem Leben? Wie auf ein Fest hat sie sich auf diesen Augenblick gefreut. Ein Wunder sollte an ihr geübt werden. Würde es gelingen? . . . Ruhelos wanderte ich in den Garten hinaus. Ging alle Wege des großen Parkes. Fand keine Ruhe. Ging wieder hinauf in Lilis Zimmer. Alle Fenster waren offen. Der ganze Frühling war in dem Zimmer. Auch dort hielt ich es nicht aus. Schließlich setzte ich mich in den Lehnstuhl im Korridor und wartete. Hier hatte ich Überblick über alles, was vorging. Hier war es so still. Jetzt lag Lili unter dem Messer ihres Meisters. Nein, ich hatte keine Angst. Ich glaubte an ihn, wie Lili an ihn blindlings glaubte, wie an eine höhere Macht. Und ich konzentrierte meine Gedanken um diesen Mann, den ich in den letzten Tagen zu malen versuchte. Und jetzt wußte ich, wie alles in mir ein Werben war, diesen männlichen Kopf in einem Porträt festzuhalten. Welche Macht ging von diesem seltsamen Menschen aus? Hier in dieser Frauenklinik war ein Gott, den alle fürchteten, den alle verehrten. Worin bestand seine Macht? Und ich stellte mir sein
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Gesicht vor. War es eigentlich schön? Nein, seltsam. Kein Zug in seinem Gesicht war eigentlich schön. Alles, auch die Augen, waren unregelmäßig. Und doch lag eine starke Harmonie über diesem Gesicht. Eine Kraft, ein Ausstrahlen von Kraft. Tagelang hatte ich dieses Gesicht zu erfassen versucht, es festgehalten in vielen hingeworfenen Skizzen. Jede seiner Stellungen kannte ich schon, alle seine Bewegungen. Hier dieser Lehnstuhl war mein täglicher Beobachtungsposten gewesen. Seinem Direktionszimmer gegenüber. Ich kannte genau die Stunden, wann er kam und wann er ging. Seine Besuchszeiten, seine Gänge durch die Operationssäle.

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Ich mußte die Augen schließen, um meine Gedanken zu sammeln. Deutlich sah ich den schlanken Rücken des Professors in dem langen, weißen Kittel. Ich sah ihn vor mir, wie er mit hartem Ruck den Kopf in den Nacken warf. Ich sah ihn vor mir, wie er auf mich zukam, die Hände mir hinreichend, und das Gesicht in strengem Lächeln. Jedesmal, wenn ich dieses Lächeln vor mir gesehen hatte, war mir, als müßte ich weinen. So viel Männer habe ich lächeln sehen. Schöne Männer, bedeutende Männer und andere. Dieses Weinen, diese Angst, all dies Fühlen hatte nichts mit meinem Herzen zu tun. Das wußte ich. Denn ich war nie auch nur einen Augenblick in diesen Mann verliebt gewesen. Und doch, wie oft bin ich nicht mit Tränen eingeschlafen, dachte ich an diesen Mann. Gestern, mitten in der Stadt, unter fremden Menschen, sah ich dieses Lächeln vor mir. Und wie ein Blitz durchfuhr es mich: mein Leben würde ich mit Freuden für diesen Mann hingeben. Aber weshalb, woher kam dieses Gefühl? Und da sagte ich mir, daß ich nur eine von den vielen bin, die aus der Kraft des Glaubens heraus, des Glaubens an diesen Mann, des Glaubens an einen Helfer, an den Helfer in ihm glauben. Und als ich jetzt hier in dem
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Lehnstuhl in dem weißen Korridor saß, erkannte ich, daß mein Gefühl für diesen Mann nichts anderes war als das Gefühl, das auch Lili bis in die tiefste Faser ihres Herzens hinein für ihn trug. Bei ihr schlummerte es sicherlich noch. Denn sie ist ja noch ein Mensch im Nebel. Vorfrühling. Dieses Wort klang plötzlich wie Musik in mir. Wird Lili ihn wirklich erleben? So saß ich da, mit geschlossenen Augen, als plötzlich die Tür vom Operationssaal aufsprang und Werner Kreutz vor mir stand . . . noch in der großen Gummischürze . . . Sein Schritt war müde. Er reichte mir beide Hände und hatte ein grenzenlos gütiges Lächeln. Ich hörte nur seine Worte: ,Alles ist gut gegangen.' Ich umschloß seine beiden Hände. Und ich konnte nur stammeln: ,Ich danke Ihnen' Erst viele Stunden später erfuhr ich, was da drinnen vor sich gegangen war. Es jetzt in Worte zusammenzufinden, wie unsagbar schwer und wirr. Ein ganzes Menschenleben, das ich mit einem anderen geteilt habe, zuckt in diesen Worten auf. Ein Mensch, der als Knabe geboren, mein Mann gewesen, mein Freund, mein Kamerad . . . ist Weib, jetzt völlig Weib geworden. Und dieses Menschenkind war wohl nie etwas anderes als ein Weib. Wie ein Opfertier hat dieses Menschenwesen sich jahrelang neben mir hingeschleppt, bis dieser deutsche Arzt ihm Hilfe brachte! Und heute hat dieses Menschenwesen hier in seinem Blut unter dem Messer seines Helfers gelegen. Den Leib hat man ihm geöffnet und die Dinge so gefunden, wie die tollste Phantasie sie kaum für möglich gehalten hätte. Verkümmert und welk trug dieses Menschenkind in seinem Leib Ovarien, die nicht imstande gewesen sind, sich zuentfalten, weil ein rätselhafter Zufall ihm auch das andere, die männlichen Keimdrüsen gegeben hat. Dieses Geheimnis, ein Doppelwesen zu sein, wie es kein Arzt bisher gekannt, ist erst heute gelüftet worden, nachdem Werner Kreutz
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es schon in Paris erraten, wie ein Seher enträtselt hatte. Andere Worte weiß ich nicht. Und jetzt hat man diesem armen, vom Schicksal so beladenen Wesen was hindernd im Wege stand, daß es sich als das, was es seinem Blut nach schon seit Jahren war, entfalten konnte, nämlich als Weib, aus dem Leibe genommen und ihm von einem anderen, fremden, ganz jungen Wesen unverbrauchte weibliche Keimdrüsen geschenkt. Und dann hat man diesen gemarterten Leib wieder zusammengeflickt, und jetzt ist nichts mehr, auch nicht das letzte mehr von meinem Schicksalskameraden und Weggenossen, von meinem Andreas übrig. Er ist der tote Bruder der Lili, die jetzt lebt. Des Weibes, das mit ihm fast ein Menschenleben lang Leib und Blut geteilt hat. Und wie ein Spuk steht es vor mir; wie ausgelöscht Andreas jetzt auch ist, und wie auferstanden aus allem Schmerz und aller Not Lili jetzt auch ist, draußen in der Welt lebt immer noch vor dem Gesetz Andreas, und ich bin Andreas' Weib. Wer ist fähig, dieses Grauen, diesen phantastischen Gedanken, dieses Einmalige zu erfassen? Die, die es mit Blut und Schmerzen angeht, Lili, liegt noch eingelullt in den Nebeln barmherzigen Morphins. Was wird jetzt das Leben ihr bringen? Wird das Wunder des Arztes, das Wunder seiner Kunst, groß und stark genug sein, daß es auch in das Leben, in Lilis Leben, hineingetragen werden kann? Wir alle, auch ich, sind Werkzeuge um dieses Schicksal gewesen. Ich nicht zum wenigsten. Denn ich war es, die aus Andreas vor vielen Jahren, wie im Spiel und Übermut, als zufällige Maskerade, Lili herausgelockt hatte! Und ich bin es gewesen, die dieses Spiel immer und immer wieder mit Andreas trieb, bis aus dem Spiel Ernst, unheimlicher, rätselhafter Ernst wurde . . . Nicht jetzt daran denken. Nur noch an den einen, an ihn, der nie recht an Andreas,
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der immer nur an Lili geglaubt hat, Lilis innigsten Freund, Claude Lejeune. Wie wird er sie wiederfinden?«

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Es ist nicht viel, was Lili von diesem Tag, den sie den Tag ihrer eigentlichen Geburt fürderhin nennt, noch weiß. Als sie die Augen zum erstenmal aufschlug, sah sie ein paar Sonnenstreifen, die durch einen Spalt der herabgelassenen Fenstervorhänge hereingeschlichen waren. Dann fielen ihre Augen wieder zu, und sie schlief lange und schwer. Als sie wieder erwachte, war ihr, als habe sie geträumt. Hier links von ihrem Bett, vor dem Fenster, hatte sie die Silhouette des Professors gesehen und neben ihm den Oberarzt. Der Professor hatte etwas gefragt. Richtig. »Sie haben doch kein Gebiß?« Sie hatte mit einem demütigen: »Nein, Herr Professor« geantwortet, nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. Und dann hatte der Professor befohlen: »Zählen Sie. Entweder auf dänisch oder französisch, wie Sie wollen.« Sie hatte auf deutsch gezählt: »Eins, zwei, drei –«, da hatte auch schon eine Äthermaske über ihrem Gesicht gelegen. Das Atmen wurde ihr schwer. Sie zählte weiter: »Vier, fünf, sechs, sieben –.« Es wurde immer schwerer, immer langsamer. Sie kam bis achtzehn, da war ihr, als ersticke sie. Sie hörte die Stimme des Professors: »Zwanzig, einundzwanzig, zwei-undzwanzig – drei-und-.« Wie der Klang einer Glocke tönte seine Stimme um sie. Stärker und stärker, bis alles ein einziges Klingen wurde und ihr Bewußtsein schwand. War es ein Traum? Oder hatte man sie betäubt? Aber weshalb hatte man sie hier liegen lassen, ohne sie zu operieren? Bis sie jetzt wieder erwacht war, mit diesem widerlichen Äthergeschmack im Mund? »Sie haben doch kein Gebiß?« Diese Frage hörte sie wieder. Jetzt mußte sie lachen. Aber aus dem Lachen wurde ein furchtbarer Schmerz.
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Mit einem Aufschrei riß sie die Augen auf. Die Oberin stand neben ihr, lächelte sie an und flüsterte: »Alles gut überstanden. Ging ausgezeichnet. Jetzt ist alles gut.« Und schon hatte sie die Augen wieder geschlossen. Und schlief weiter. Als sie dann aufs neue erwachte, vor Schmerzen, die grausam und grausamer wurden, stand Grete neben ihr mit einem Strauß rosa Tulpen. Eine Schwester kam hinzu, gab ihr eine Spritze, und Lili schlummerte wieder ein. Einmal stand der Professor neben ihr, hielt ihre Hand, sagte etwas, was sie nicht verstand. Aber sie sah seine Augen. Und wie im Rausch schlief sie wieder ein.

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Dieser Tag, und auch die Nacht, verging in Morphiumnebel. Wenn sie erwachte, waren die Schmerzen da, wenn die Schmerzen da waren, war auch eine Schwester mit einer Morphiumspritze bei ihr. Durst meldete sich. Man legte feuchte Watte ihr auf den trockenen Mund. Doch die Morphiumspritzen ließen auch den Durst vergessen.

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So kam der Morgen. Alles war wirklich gut gegangen. Und ruhiger, natürlicher Schlaf umfing sie bald wieder. Leise und nebelhaft verstrichen auch die nächsten Tage. Kamen Schmerzen, so nahm man sie ihr durch betäubende Mittel fort. Schlug sie die Augen auf, so konnte sie, wie verwundert über alles, was mit ihr geschehen war, vor sich hinstarren. Auch an Schmerzen gewöhnte sie sich allmählich, sie sagte sich, daß diese Schmerzen der Preis waren für das, was man ihr hier geschenkt hatte: das Leben, ihr Leben, ihr Frauenleben. Alles war schön und voll Hoffnung und gut. Ihr weißes Zimmer in der »Frauenklinik« kam ihr wie ein irdisches Paradies vor. Der Professor war der Wächter ihres Paradieses. Morgens und abends trat er für kurze Augenblicke an ihr Bett. Zwischen diesen Besuchen war alles Erwartung.

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Grete war während aller dieser Tage in der Nähe. Von der Tür nach dem Garten hinaus malte sie die weißen Birken und die Parkwege. Sah sie den Professor kommen, so eilte sie zu Lili.

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Nur vor den Nächten hatte Lili Angst. Dann war Grete fern, und die Blumen, die sie ihr gebracht hatte, nahm man aus dem Zimmer. Auch aus Paris waren Blumen gekommen. Von Elena und von Claude. Und Briefe . . . diese Briefe waren die einzigen Gefährten ihrer langen, langen Nächte. Und die Turmuhr mit ihren Stundenschlägen. Und . . . die Schmerzen! Nachts stellten sie sich fast regelmäßig ein. Zu einem glühenden Ofen wurde dann ihr Bett. Schweißgebadet lag sie da. Sie sollte schlafen, hatte der Professor befohlen. Aber Morphium durfte sie nicht mehr bekommen. Man gab ihr andere Schlafmittel . . . die wirkten nur wenige Stunden. Dann lag sie wach und horchte, bis der Tag wieder begann.

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Und der Tag wurde wieder schön, und es gab wieder das selige Warten. Sie lauschte auf jeden Schritt . . . sie kannte aus allen Schritten längst den Schritt ihres Helfers heraus. Aber nicht immer, hörte sie ihn, machte er bei ihr halt. Andere Kranke hatten ihn nötig. Aber sie wartete geduldig, bis sie an die Reihe kam. Hier in der »Frauenklinik« warteten alle auf ihn, den Professor. Sie alle mußten sich in ihn teilen, und jedes bekam sein Teil, und war es auch nur ein winziges Teilchen. Auch sie. Lächelte er, so vergaß sie alle Schmerzen. Manchmal war er streng, dann fühlte sie eine mystische Angst vor ihm. Und sie begriff, daß er ganz anders zu ihr war, als einst zu Andreas. Nie auch nur mit einem Wort deutete er auf die Vergangenheit hin. War sie für ihn wirklich
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nur Lili? Hatte er all das andere vergessen? Mitunter fühlte sie ein Verlangen, ihn danach zu fragen. Doch sie wagte es nicht.

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Und stundenlang konnte sie daliegen und über diese eine, oft wiederkehrende Frage nachdenken. Sie fühlte, daß er den Willen von ihr genommen hatte. Sie beobachtete, wie er jede weibliche Regung in ihr durch seine abwechselnde Milde und Strenge herauszulocken verstand. War es nicht so, daß er in ihr alle Urinstinkte des Weibes zum Ausbruch gebracht hatte? Sie fühlte die Verwandlung an sich mit jedem neuen Tag. Es war ein neues Leben. Es war eine neue Jugend. Es war ihre Jugend, die in ihr dämmernd sich befreite. Und sie lag da, gläubig.

XIV

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Der Frühling, der große Wundertäter, kam auch Lili zu Hilfe. Noch mußte sie viele Tage, an das Bett gefesselt, in dem weißen Krankenzimmer verbringen. Aber mit jedem neuen Tag wurde ihr Leben gesünder. Die Schmerzen verflüchtigten sich. Alles nahm einen normalen Verlauf. Der Professor war zufrieden. Noch war sie grenzenlos ermattet. Und daher kam es wohl auch, daß ihr ganzes Denken wie verschleiert lag, und sie meist die Tage, in sich verschlossen, träumend dalag. Die Welt draußen kümmerte sie nicht. Sie empfand sie kaum. Zeitungen und Bücher, die man ihr brachte, ließ sie unberührt liegen. Sie hatte nur einen Wunsch: daß es nie anders werden möge, daß sie immer hierbleiben könnte, hier in dem Frieden der »Frauenklinik«. Und dachte sie mitunter daran, daß einmal der Tag kommen würde, wo sie hinaus müßte in das Leben draußen, jenseits der Parkmauer dieses großen, stillen Hauses, dann befiel sie Angst, grenzenlose Angst. So entstand in ihr
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der Wunsch, Krankenschwester zu werden, hierzubleiben, Kräfte zu sammeln, um, einmal wieder gesund, anderen Frauen helfen zu können. Dann und wann sprach sie hierüber mit Grete oder mit der Oberin, mit den anderen Schwestern . . . die nickten nur. Einmal fragte sie Grete, ob sie nicht mit dem Professor darüber sprechen könne. »Doch«, meinte Grete. Aber sofort stand in ihr eine neue Furcht auf. »Wenn er nun nein sagt? Vielleicht werde ich nie kräftig genug werden? Vielleicht wird er sagen, daß er mich nicht deshalb gerettet hätte . . .« Und Grete hatte keine Antwort. Viele Nächte lang suchte Lilis Furcht vor dem Leben dort draußen Zuflucht bei einem anderen stillen Gedanken. Ob sie nicht in ein Kloster gehen sollte, Klosterschwester werden? Sie träumte sich hinein in ferne, weltabgeschiedene Klöster irgendwo in Italien, Spanien oder Süddeutschland. Niemand sollte dort erfahren, woher sie gekommen, welch Schicksal sie erlebt hatte. Niemand . . . Stundenlang konnte sie dann weinen aus Angst vor dem Leben draußen, vor diesem Leben, daß sie wie einen Feind empfand. Dort würde man ihr Geheimnis ja doch entschleiern. Als Phänomen würde man sie betrachten. Man würde an ihrem Schicksal herumzerren, sie anstarren, ihr keinen Frieden lassen . . . Und je gesünder ihr Körper wurde, desto wacher wurde die Furcht vor ihrer Zukunft unter den Menschen. Doch sie wagte nicht mehr, zu anderen davon zu sprechen.

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Dann endlich kam der Morgen, an dem sie zum erstenmal das Krankenzimmer verlassen durfte. Auf einem Liegestuhl schob man sie hinaus in den warmen, sonnigen Aprilmorgen. Mitten in ein weiches, grünes Rasenbeet hinein. Es war ihr erster unbeladener, glücklicher Tag. Eine Neugeborene war sie. All ihre Sinne waren frisch und voller Staunen. Jedes Insekt, das sich in der blauen Sonnenluft rührte, sah sie und jeden Flügel-
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schlag von Baum zu Baum. Der Duft von kleinen gelben, blaßroten und weißen Frühlingsblumen der Hecken und Beete war eine neue Kunde für sie. Und mit andächtigen Augen sah sie einen Magnolienbaum, der seine großen, blanken Knospen in die Sonnenluft hielt. Auf einem Zweig saßen zwei Vögelchen dicht aneinander geschmiegt. Lili schloß die Augen. Weicher Wind spielte in den weißen Birken. Die Frühlingserde atmete süß und warm. Die Vögel zwitscherten.

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Nicht die Augen öffnen, nur hören, nur atmen. Mehr wußte sie nicht. So fand sie der Professor. »Sie sehen so glücklich aus«, sagte er und streichelte ihre Hand.

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Mein Leben ist Ihr Werk, dachte sie. Und ich möchte Ihnen so gern danken an dem ersten Frühlingstag meines Lebens. Weil Sie barmherzig zu mir waren. Ich glaube, ich bin das glücklichste Wesen der Welt. Aber all dies blieb ungesprochen, sie empfand es nur in ihrem Herzen. »Sie sehen so glücklich aus«, sagte der Professor. Und sie antwortete nur: »Ja, Herr Professor

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Viele glückliche Frühlingstage kamen, und endlich auch der Tag, an dem sie sich von dem Liegestuhl erheben und die ersten Schritte am Arm von Grete durch den Garten wandern durfte. Alles war wie früher, und doch war alles so verändert, dachte sie. Und auf allen Wegen sah sie wieder junge, schwangere Frauen – blauer Krokus, dachte sie lächelnd.

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Eines Morgens, noch ehe sie in den Park hinausgewandert war, kam Grete und die Oberin in ihr Zimmer und überreichten ihr einen versiegelten Brief. Aus Berlin war er gekommen. Sie öffnete den Brief. Eine tiefe Ergriffenheit überfiel sie. Vor ein paar Wochen hatte der Professor gesagt, daß er ihr helfen wolle, auch der Welt gegenüber als das zu gelten, was sie war, eine Frau. Er hatte ihr versprochen, an die dänische Gesandtschaft in Berlin
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zu schreiben. Jetzt entnahm sie dem Briefumschlag einen Paß, ihren Paß mit ihrer eigenen Photographie, und auf dem Paß stand der Name darauf, den sie aus Dankbarkeit zu der Stadt, in der sie Frieden und ihr Leben fand, gewählt hatte: Lili Elbe.

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Sie sank auf den Stuhl nieder und sagte nur ganz leise: »Laßt mich jetzt etwas allein.« Grete und die Oberin verstanden und gingen hinaus. Lange und still blieb Lili auf dem Stuhl sitzen. Ging dann leise und zögernd hinaus in den Park, setzte sich auf eine Bank, die ganz von Sonne überflossen war. Ihren Paß, dieses kleine Büchlein, hielt sie wie ein kostbares Geschenk in beiden Händen. Es war der vorletzte Apriltag. In zwei Tagen würde es erster Mai sein. Andreas hatte sein Versprechen gehalten. Er war tot, und sie lebte – Lili Elbe.

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So fand sie der Professor. Er setzte sich zu ihr. Es wurde nichts gesprochen. Am nächsten Vormittag kam er wieder, und seine Stimme war weicher als sonst. Sein etwas strenges Gesicht strahlte vor Güte. Er hielt ihre Hände, sagte ihr viele gute, hoffnungsvolle Worte. In ein paar Stunden würde er abreisen. Lili wußte es. Mehrere Wochen würde er fortbleiben. Sie nahm sich zusammen und versuchte, ihm zu danken für alles, was er ihr gewesen. Aber sie konnte kein Wort herausbringen. Als er gegangen war, fühlte sie sich grenzenlos verlassen. Nur eins gab ihr Trost: daß sie noch hierbleiben durfte in diesem Asyl, das er ihr gegeben hatte. Und daß sie hier seine Rückkehr erwarten durfte.

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Nach dem Süden wollte er fahren.

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Ein paar Tage später, es war so einsam und leer geworden, Ostern war vorüber, da nahm auch Grete von ihr Abschied. Sie mußte für einige Zeit nach Paris zurück. Es war an einem Montagmorgen. Das Auto, das Grete zur Bahn bringen sollte, hielt in der Allee vor der »Frauenklinik«. Lili begleitete sie hinaus. Es waren die
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ersten Schritte, die Lili draußen im Leben, jenseits der Parkmauer, zu gehen wagte. Als Lili wieder allein in den Park zurückging, wußte sie erst gar nicht, wohin sie gehen sollte.

XV

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Briefe wanderten von Lili nach Paris zu Grete und von Grete zurück zu Lili. Die ganze Stadt war voll Frühling. Viele Stunden verbrachten sie an den Ufern des breiten Stromes , den Lili zum erstenmal vor wenigen Wochen gesehen hatte, als sie von Berlin gekommen. Wie hatte sich seitdem die Welt und ihr Leben verändert! In jedem Brief, den Lili schrieb, erzählte sie davon. Es waren meist heitere Briefe voll Sorglosigkeit und Frühlingsfreude. Und die Briefe, die Lili aus Paris erhielt, brachten nur fröhliche Nachrichten und vielen herzlichen Zuspruch. Elena und Ernesto trugen Grete oft Grüße auf. Von Claude kamen stille, liebe Worte. Es gab fast keinen Tag, der nicht irgendein gutes Wort von Freunden zu Lili brachte. Und es gab fast keinen Tag, an dem nicht Lili ihren Freunden frohe, zuversichtliche Worte schrieb. Es waren Tage und stille Wochen, an die Lili nie eine Frage richtete. Alles Schwere schien von ihr gefallen zu sein. Immer hierbleiben. Niemals von hier fortgehen! Das war ihr tägliches Gebet. Und so vergaß sie die Angst. Sie fühlte sich gefeit gegen alles Ungemach. Sie war wie ein Stück Erde, das aufgerodet, zum erstenmal aufgerodet war. Und betrachtete sie, erst zag und dann immer zuversichtlicher, nachts ihren Leib, so empfand sie eine süße, heimliche Freude. Denn sie sah, wie sich alles an ihr dehnte und straffte. Wie Wunder über Wunder sich an ihr vollzog. Und in diesen nächtlichen Stunden, ganz mit sich allein und ihrer Freude, konnte sie vor dem Spiegel stehen und das
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Bild ihres jungen Frauenkörpers beschauen. Makellos glänzte er ihr entgegen aus dem Silberblank des Spiegels. Doch sie wagte nicht, irgendeinem Wesen auf Erden von dem Glück, das sie in diesen stillen Stunden fühlte, zu erzählen. Nicht einmal in ihren Briefen.

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6. Mai 1930

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Liebste Grete!

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Wie verändert alles hier in der Privatabteilung ist! Früher gingen die Tage mit Erlebnissen hin – oder doch in Erwartung von Erlebnissen. Und jetzt geschieht nichts mehr. Am Tage nach Deiner Abreise wurde Frau Oberin wegen einer Familienangelegenheit nach Berlin gerufen. Während ihrer Abwesenheit – sie bleibt wohl eine Woche lang in Berlin – wird sie von Schwester Margarete vertreten.

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Jeden Tag reisen geheilte Damen ab. – Und es kommen neue. Wir sind jetzt drei hier in der Privatabteilung. Sonnen uns draußen im Garten. In Liegestühlen auf dem Rasen. Eine kleine blonde, noch sehr junge Dame darunter, die mir gut gefällt. Sie sieht so lieb aus. Wir lächeln einander dann und wann von weitem zu. Das ist bis jetzt aber auch alles. – Ach, der Garten gefällt mir nicht mehr. Du bist fort. Und der Professor ist fort. – Was soll ich Dir erzählen? Ich weiß nichts. Hier herrscht jetzt eine drückende Stille. Selbst in meinem Zimmer gehe ich so leise herum, als hätte ich Angst, die Stille zu stören. Wie im Dornröschenschlaf liegt alles. Mehr weiß ich heute nicht.

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8. Mai

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Hab Dank für Deinen Brief. Das war eine Zerstreuung! Wie froh bin ich, daß Du mit der Arbeit wieder in Gang gekommen bist!

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Nun habe ich die kleine blonde Dame kennengelernt. Als gestern einer von den Ärzten vorüberging – wir lagen in unseren Liegestühlen draußen im Garten –, da blickten wir einander plötzlich an und lächelten. So begann es. Und dann plauderten wir auch schon zusammen. Denk einmal, wie lustig: sie ist eine – halbe Dänin! Ihre Mutter stammt nämlich aus Dänemark. Sie sagte: »Ich habe sogleich erraten, daß Sie Dänin sind. An Ihren langen, schlanken Beinen. Genau wie meine. Das ist eine nordische Spezialität. Ich hab meine Beine von meiner Mama geerbt!« Und dann zeigte sie mir übermütig »ihre nordische Spezialität«. – Wie froh bin ich, jetzt wieder ein Wesen zu haben, mit dem ich mich unterhalten kann. Die Schwestern haben ihr einen Spitznamen gegeben: Frau Teddybär oder Teddybärchen wird sie genannt, wegen ihres zottigen Mantels, mit dem sie sich draußen im Garten immer zudeckt. Dann sagte sie noch: »Ich glaube, wir haben die gleiche Figur. Wir können gewiß die gleichen Kleider und Schuhe tragen.« Das glaube ich übrigens auch. Leider darf sie noch nicht spazieren gehen. Sonst hätten wir zusammen in die Stadt gehen können. Ich möchte nämlich einige Einkäufe besorgen. Sie muß sich hier einer Nachbehandlung unterziehen, was recht lange dauern wird. Die dritte Dame, erzählte mir Frau Teddybär (mir gefällt der Name gut, und sie sagt, ich dürfte sie ruhig so nennen), ist eine Opernsängerin aus Norddeutschland . Sie soll eine sehr schwere Operation durchgemacht haben.

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Ich lese Zeitungen – darin sehe ich nach, wie das Wetter bei Euch in Paris ist – und an der Riviera, wo der Professor jetzt ist. Hast Du Claude von mir gegrüßt?

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9. Mai

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Hier herrscht immer noch Dornröschenschlaf! Vom Professor hören wir nichts. Keiner weiß auch, wann
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Frau Oberin zurückkommt. Heute früh ist eine vierte Dame zu uns in den Garten gekommen. Eine junge Frau, die ein Kind bekommen hat.

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Frau Teddybär und ich sind inzwischen intime Freundinnen geworden. Sie hat mir ihr kleines, beladenes Herz ausgeschüttet. Zwischen ihr und ihrem Mann steht es nicht gut. Sie hört fast nichts von ihm. Gestern zeigte sie mir in ihrem Zimmer ein Bild von ihrem Mann. Ich glaube, sie ist sehr traurig. Die Ärmste! Kaum zwanzig Jahre ist sie. – Plötzlich fragte sie mich nach – meinem Mann. Ich mußte mich zusammennehmen. Denn ich darf mich ja nicht verraten. Und so deutete ich nur an, daß es um mich noch viel schlimmer stehe . . . so schlimm, daß ich gar nicht darüber sprechen könne. Dann fragte sie nicht weiter. Sie sah mich nur sehr traurig an. Ihre Augen waren ganz blank geworden. Mir ging es nicht anders. Und dann lächelten wir wieder.

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Ich freue mich so sehr, daß sie Vertrauen zu mir gefaßt hat. Die erste Frau, die mir in meinem Frauendasein ihr Herz ausgeschüttet hat! –

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Wir sind jetzt unzertrennlich. – Mit den Schwestern promeniere ich durch den Garten. Abends gehen wir auch etwas auf die Straße, sehen uns die vorübergehenden Menschen an. Das zerstreut etwas. Gestern nachmittag ging ich sogar mit Schwester Frieda bis an die Elbe. Dann waren wir in einem kleinen Cafe und aßen Kuchen. Mein erster richtiger Spaziergang!

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10. Mai

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Heute kann ich Dir etwas Amüsantes erzählen. Die junge Dame, die ein Baby bekommen hat, hat eine liebe, alte Mutter. Sie kommt täglich und bleibt dann immer recht lange. Gestern, im Garten, nickte sie mir freundlich zu. Und heute vormittag – ich lag im Liegestuhl – kam sie zu mir, gab mir die Hand und fragte
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mich teilnahmsvoll: »Wie geht es Ihnen, kleine Frau? Sie haben wohl auch ein – Kindchen bekommen?« Ich war ratlos. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Dann sagte ich, ausweichend, ich hätte zwei Operationen hinter mir. – Wahrscheinlich hört die alte Dame nicht gut oder sie mißverstand meine Antwort. Ich hatte recht leise gesprochen. Und weißt Du, was sie antwortete? »Zwei Kindchen!? Nein, das ist wirklich zu viel für Sie!« Ich mußte mich festhalten. Vor Freude! Wenn das der Professor gehört hätte!!

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Wenn mich nun Frau Teddybär fragt, was soll ich dann sagen? Ach Du, es ist gar nicht leicht, in meiner Haut zu stecken . . .

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11. Mai

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Der Oberarzt hat ein entzückendes, silbergraues Äffchen. Mit ihm spaziert er oft im Garten. Es ist ein allerliebstes Tierchen. Ich will den Oberarzt fragen, ob er es nicht mitunter mitnehmen kann, wenn er seine Krankenvisite macht. Er ist sehr liebenswürdig. Ich habe mich jetzt schon an ihn gewöhnt. Er sagte heute früh zu mir, ich sähe jetzt so frisch aus. Ich fühle mich auch recht gesund. Wie glücklich mich das macht! Denn ich möchte gern recht hübsch aussehen, wenn der Professor zurückkommt. Nun ist die Hälfte seines Urlaubs vergangen. Du wirst ihn bald in Paris treffen.

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Ich will jetzt mit der Opernsängerin einen kleinen Spaziergang machen. Gestern lernten wir uns kennen. Sie ist auch sehr lieb. Sie spricht ganz gut französisch.

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12. Mai

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Gestern hatte ich mir etwas zu viel zugetraut. Auf dem Spaziergang mit der Sängerin. Wir waren wieder an die Elbe gegangen. Das Wetter war herrlich. Sie erzählte mir von ihrer Operation. Dann sprachen wir von
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dem Professor. Sie sagte: »Sie wissen gar nicht, wie sehr ich Sie beneide. Sie dürfen noch lange in der Klinik bleiben. Mein Aufenthalt ist bald zu Ende. Es ist so schön und voll Frieden in der Klinik. Leider bin ich sehr feige. Denn ich fürchte mich vor Schmerzen. Lieber sterben, als noch einmal operiert werden. Ich bewundere Ihren Gleichmut. Ihre Operationen sollen doch sehr schwer gewesen sein. Und dabei wartet Ihrer noch ein Eingriff . . .«

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Ich mußte herzlich und auch ein wenig stolz lächeln. Ich sagte: »Ach, man gewöhnt sich an alles . . .« Ihre entsetzten Augen hättest Du sehen sollen!

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Und so plauderten wir weiter, ohne zu merken, daß wir gar nicht an den Rückweg gedacht hatten. Ich war sehr müde geworden. Die Sängerin mußte mich förmlich schleppen. Endlich waren wir wieder in der Klinik. In Zukunft werde ich vorsichtiger sein.

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Dann muß ich Dir noch von einem Gespräch berichten, das ich heute mit einer Freundin des Teddybärchens geführt habe. Eine hübsche, elegante und interessante Frau übrigens, nur etwas – gelehrt. Sie ist Ärztin hier in Dresden. Frau Teddybär hatte ihr wohl einiges über mich erzählt. Wir plauderten recht angeregt über nichtige Dinge. Ich lachte sehr viel. Spielte dabei wohl auch die Oberflächliche, Sorglose. Das tut so gut . . . Aber dadurch hatte ich das Mißfallen der Ärztin erregt. Plötzlich sagte sie: »Sie sind ein hundertprozentiges Weib.« Das klang sehr mitleidig. – »Woraus schließen Sie das?« fragte ich lachend. – »Sie sind sehr kokett und haben nur Albereien im Kopf. Bei Ihnen werden es die Männer leicht haben. Ich glaube, Sie lassen sich gern von den Herren der Schöpfung tyrannisieren. Aber vielleicht erreichen Sie damit mehr bei ihnen als wir modernen Frauen. Was wir uns von ihnen erkämpfen müssen, erreichen Sie im Handumdrehen mittels einiger
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Tränen. Sie kommen mir vor wie ein Frauentyp einer entschwundenen Zeit.« -Ich lachte übermütig. »Und darf ich fragen, wie dieser entschwundene Frauentyp ist? Ich bin außerordentlich gespannt!« Das Fräulein Doktor fixierte mich ein wenig blasiert. Dann antwortete sie sehr von oben herab: »Frauen wie Sie eignen sich am besten für einen—Harem!« Was sagst Du zu dieser psychoanalytischen Diagnose?—Wenn Du Claude siehst, mußt Du es ihm erzählen! Auch dem Professor. Mir kamen vor Lachen die hellen Tränen!

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Teddybärchen hat mir genau ihre Operation beschrieben. In ihrem Zimmer zeigte sie mir die Narben davon. . . Sie fragte auch mich aus. Ich mußte mich recht dumm stellen, als wüßte ich gar nicht recht, weswegen ich operiert worden sei . . . Liebste, liebste Grete, und doch ist es so herrlich, hier eine Frau unter Frauen sein zu dürfen, ein weibliches Wesen genau wie all die anderen . . .

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13. Mai

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Du Liebste von allen!

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Gestern hat mich der Oberarzt mit seinem Äffchen besucht. Es installierte sich sogleich auf meinem Tisch. Vom Mittagessen hatte ich etwas Salat übrig behalten. Davon bekam das Tierchen. Wie manierlich es sich benahm! Sein Herr war sehr stolz. Nach der Mahlzeit wusch sich das Äffchen die Vorder- und Hinterhändchen (fast hätte ich Füßchen geschrieben) in einem Schälchen, das ich ihm hinschob. Ich mußte herzlich lachen. Das kann ich jetzt, ohne dabei Schmerzen zu spüren. Ist das nicht herrlich? Daran merke ich, daß alles an mir und in mir verheilt ist. Der Oberarzt sagte dann, ich sei jetzt so gesund, daß ich mich in irgendeinem Luftkurort erholen könnte. Ich wehrte sehr energisch ab. »Der Professor will mich doch noch einmal operieren!« – Er machte im ersten Augenblick ein ernstes Gesicht. »Richtig«, sagte
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er dann und lächelte, »aber das wird ja nur eine nebensächliche Operation sein.« – Nun, ich sagte nichts, dachte mir aber mein Teil. Ich kenne diese nebensächlichen Operationen . . .

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Ich bin so gespannt auf Deinen Brief! Vielleicht weißt Du, wann der Professor zurückkommt. Hier weiß niemand etwas. Die Schwestern meinen, daß Frau Oberin morgen wieder hier sein wird. Teddybärchen darf jetzt auch spazieren gehen. Sie holt mich in einer Stunde ab. Dann wollen wir einen Rundgang durch die Klinik machen . . .

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15. Mai

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In einigen Tagen wird der Professor also in Paris sein? Dann wird er auch Elena besuchen! . . . Was ist nicht alles seit Januar geschehen? Seit Elenas letztem Gespräch mit dem Professor . . . Damals war sie mit – Andreas bei ihm . . . Nicht daran denken . . . In mir zittert alles . . . Ist das Leben nicht wunderbar . . . Es ist herrlich . . . Ich bin so gläubig geworden . . . so gläubig . . . und so dankbar . . . und so voller Hoffnung . . .

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Ich habe Deinen Brief immer wieder lesen müssen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen! Du wirst den Professor bald sehen! Wirst dabei sein, wenn er mit Elena spricht! Könnte ich doch auch dabei sein! Ich tröste mich damit, daß er nun bald wieder hier sein wird. Dann werde ich mich wieder geborgen fühlen! – Niemand hier darf mir meine Spannung ansehen. Auch nicht erfahren, was in mir vorgeht. Es ist schwer, – aber es ist auch maßlos schön! Jetzt werde ich die Tage, und bald die Stunden zählen . . . und dann ist der Professor wieder hier! Du verstehst sicher meine Erwartung . . . Was wäre ich ohne ihn? Von ihm habe ich ja mein ganzes Leben geschenkt bekommen . . .

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15. Mai

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Heute bekommst Du noch einen Brief. Frau Oberin ist wieder hier! Sie war so lieb, als sie mir guten Tag sagte. Wie ich mich freue, ihr gutes, mütterliches Gesicht jetzt jeden Tag wieder sehen zu dürfen! Die ganze Privatabteilung steht jetzt im Zeichen des Großreinemachens! Alles duftet nach Seife, Soda, Bohnerwachs und frischen Gardinen. Die Klinik bereitet sich auf die Rückkehr ihres Herrn und Meisters vor. Die Schwestern sind so geschäftig, daß ihre weißen Röcke wie pralle Segel im Winde aussehen. Ilse – Du kennst das nette Mädchen, das bei mir aufwartet – putzt die Türschlösser in meinem Zimmer. Alles leuchtet und blitzt. Und sie selbst glüht wie eine von den Rosen im Garten, die gerade aufgesprungen sind. Ich werde später mit Frau Teddybär etwas im Garten spazieren gehen. Dort gibt es jetzt so viel Sonne. Alle Vögel zwitschern den ganzen Tag bis in den späten Abend hinein.

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Die Opernsängerin hat uns verlassen. Aber schon ist eine neue Dame angekommen. Sie macht ein strenges Gesicht. Sie erwartet hier ihre Niederkunft. Teddybärchen behauptet, es sei ein Mädel. Drum werde es erst zur Welt kommen, sobald der Professor wieder hier sei. Jungens machten sich nichts daraus, aber Mädels wollten nur mit Hilfe des Professors das Licht der Welt erblicken. Ihre Logik ist sehr lustig! . . .

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17. Mai

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Die weißen Birken haben jetzt ganz lange Schatten bekommen. Die Sonne wird bald hinter dem Turm mit der Uhr neben dem Balkon des Professors verschwinden. Die hellroten Blüten des Magnolienbaums – Du kennst ihn – duften schwer. Ich bin überglücklich! Im Liegestuhl liege ich, mitten im Birkengarten, und schreibe an Dich. Es ist mein Garten Eden . . . Bald wird der Professor
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wieder hier sein. Die Rhododendronbüsche unter seinem Balkon blühen! Wie große lila Flammen leuchten sie zwischen den hellen Birkenbäumen. Immer muß ich nach dem Balkon hinsehen und lächeln . . . Die Turmuhr schlägt irgendeine Stunde . . . Nein, ich habe die Stundenschläge gezählt. Es ist sechs Uhr. Plötzlich meine ich, daß Ihr jetzt in Paris miteinander sprecht, Du, Elena und der Professor . . . Ja, ganz bestimmt, jetzt sprecht Ihr miteinander. Vielleicht werdet Ihr heute abend bei Elena und Ernesto sein. Meine Gedanken versuchen, durch den Weltenraum zu flattern – hin zu Euch, um bei Euch zu sein . . . Es ist eine seltsam stille Stunde um mich. Wann war ich so froh wie heute?

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Frau Oberin sagte, der Professor würde wohl morgen hier sein. Nein, erklärte ich bestimmt, erst übermorgen. Ich machte dabei ein sehr geheimnisvolles Gesicht. Sie sah mich erstaunt an. Sie weiß ja nicht, daß ich von Dir einen Brief erhalten habe . . .

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Wie der Magnolienbaum duftet . . . Der ganze Frühling wohnt in seinem Duft. Ein Blütenblatt ist auf meinen Liegestuhl herabgefallen. Der Magnolienbaum will Dir einen Gruß senden. Du sollst das Blatt bekommen. Jetzt mag ich nicht mehr schreiben. Ich will nur noch denken, still und selig denken an Euch und mein Glück. Aber das ist ja dasselbe: Ihr – mein Glück . . .

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19. Mai

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Heute morgen ist er gekommen!

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Ich hatte mich so hübsch wie nur möglich gemacht. Zuerst wagte ich nicht, mein Zimmer zu verlassen. – Bis ich es nicht mehr aushielt. Ich schlich auf den Korridor, sprach mit ein paar Schwestern . . . Plötzlich öffnete sich hinter mir die große Flügeltür. Und im Nu waren die Schwestern verschwunden . . . ich stand allein . . . wie festgenagelt, konnte mich nicht rühren.

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»Guten Morgen«, hörte ich dann eine Stimme hinter mir. Meine Knie zitterten. Er kam zu mir hin, umarmte mich und sah mich lächelnd an . . . Du weißt, wie es einem dann ergeht . . . »Sie sehen ja großartig aus«, sagte er. Ich mußte mich gegen die Wand lehnen, um nicht umzusinken, stammelte ein paar dumme Worte . . . und schon war er verschwunden. Und was tat ich? Ich ging kleinlaut in mein Zimmer zurück und weinte. Diesmal vor Freude. Etwas später kam der Professor auf seinem Rundgang zu mir. Ich hatte mich wieder beruhigt und war ganz vernünftig, konnte gefaßt zuhören, ohne mit der Miene zu zucken. Er erzählte mir von Dir und Elena. Er sagte auch, daß Du bald wieder nach Dresden kommen würdest!!! Herrlich, herrlich!! Von Elena brachte er mir ein Paketchen mit. Ein grünes Seidenband war darum. Und was enthielt es? Ein Nachtkleid, ganz entzückend! Der Professor lachte, als ich ihm Elenas Geschenk zeigte.

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Siehst Du, wie richtig ich geraten habe? Um sechs Uhr abends vorgestern seid Ihr zusammen gewesen! Mein Gefühl hat mich nicht betrogen!

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Jetzt warte ich sehnsuchtsvoll auf Deinen Brief. Hoffentlich erzählt er mir alles, alles, was Euch der Professor von mir erzählt hat. Ich bin sehr erschöpft – von den Freuden dieses schönen Tages . . . Auch Freuden verbrauchen Kräfte . . . So furchtbar viel besitze ich noch nicht . . .

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20. Mai

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Vor einer Stunde erhielt ich Deinen lieben, lieben Brief. Ich habe ihn viele, viele Male gelesen. Ich bin so froh! Der letzte Eingriff steht also unmittelbar bevor . . .

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Die Frauenklinik ist aus ihrem Dornröschenschaf erwacht . . . Welch ein Leben herrscht hier wieder! Jetzt
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fehlst nur Du! Dann wäre alles wieder wie früher! Seit gestern sind viele neue Patienten eingezogen. Frau Oberin hat alle Hände voll zu tun!

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Meine kleine Freundin, Frau Teddybär, hat mich gestern verlassen! Sie fehlt mir doch ein wenig . . . Aber sie hat recht behalten! Die »strenge« Dame hat gestern ihr Baby bekommen, – es war ein Mädchen!

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Ich habe meinen Brief unterbrechen müssen. Der Professor ging vorbei. Da bekam ich heftiges Herzklopfen . . .

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Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, daß ich ihn jetzt täglich wieder sehen werde. Drei lange Wochen haben wir ohne ihn leben müssen. Es macht nichts, daß ich jetzt keine Freundin mehr habe . . .

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Ilse bringt mir das Frühstück. Ich darf jetzt nämlich im Garten unter meinem Magnolienbaum frühstücken. Das Leben ist so wundervoll! Immer hier bleiben dürfen, Du! Immer so leben dürfen! Es wäre wohl zu herrlich!

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22. Mai

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Gestern kam ich nicht zum Schreiben. Teddybärchen hatte mich besucht. Es war entzückend. Wenn ich auch nicht glaube, daß sie ausschließlich meinetwegen gekommen ist. Dann bin ich – denke Dir – allein ausgegangen! Zum erstenmal allein! Das darf ich jetzt. Ich besorgte mir verschiedene Sachen, seidene Strümpfe, Puder, Konfekt und dergleichen. Wie entzückend es ist, dann mit »gnädige Frau« angeredet zu werden! Du darfst nicht lächeln, wenn Du dies liest! Ich kaufte auch einen Lippenstift. »Nehmen Sie diesen, gnädige Frau, garantiert kußfest«, beteuerte das Ladenfräulein. Ich erstand ihn – lächelnd –. Als ich Frau Oberin davon erzählte, lächelte auch sie. – Heimlich dachte ich dann: ob mein Lächeln nicht etwas wehmütig war? . . . Ich sah das kleine Ladenfräulein im Geiste vor mir. Für sie ist es sicherlich gut, kußfeste Lippenstifte zu benutzen. Aber für mich? Nein,
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nein, nein, was sag ich da. Am liebsten würd' ich diese Stelle durchstreichen . . .

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Von Elena habe ich einen entzückenden Brief erhalten. Sie erwähnte auch ein Gespräch mit dem Professor wegen meiner neuen Operation . . . Ich verstand nicht alles. Ob ich den Professor einmal frage? Es würde mir nicht leicht fallen. Er hat eine seltsame Art, mich unterwürfig zu machen. Frau Oberin und die Schwestern sind ganz entsetzt über »meine Verwandlung« seit der Rückkehr des Professors: ich hätte meine ganze Selbständigkeit wieder eingebüßt . . . sagen sie. Ich wage nicht einmal, ihn zu fragen, wann ich wieder operiert werden soll . . . Wärst Du doch hier!

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23. Mai

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Welch eine Niederlage! Heute kam der Professor allein zu mir – ohne Frau Oberin. Und ich faßte Mut. Sehr vorsichtig stellte ich ein paar Fragen wegen meiner neuen Operation. Er fertigte mich kurz ab. Damit sollte ich meine Gedanken nicht beschäftigen. Basta! Ich wollte mich entschuldigen, sagte, daß ich nur aus törichter Neugier gefragt hätte . . . Wie ein Schulmädchen benahm ich mich. Da fühlte ich seinen Blick. »Schon gut, schon gut. Denken Sie nicht an derartige Dinge. Wozu wollen Sie Ihr junges Mädeldasein damit belasten? Leben Sie ruhig und sorglos so weiter in den Tag. Lassen Sie für alles andere mich sorgen.« Dann ging er. – Vernichtet blieb ich in meinem Zimmer sitzen. Natürlich verstehe ich sehr gut, daß ich mich damit nicht beschäftigen soll. Mitunter denke ich auch: er behandelt mich so, um jede Spur von Andreas, die noch in mir schlummern könnte, auf diese Weise auszurotten. Ja, deshalb ist er sicher so streng zu mir. Ist das wirklich seine Absicht, so gelingt sie ihm . . . Du mußt mir glauben: ich habe Andreas und alles, was mit ihm zusammenhängt, vergessen. Er ist
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für mich ein Toter. Taucht durch irgendeinen Zufall eine Erinnerung in mir auf, dann sehe ich nur Nebel, fernen Nebel . . . Aber ich möchte gern wissen, wie lange der Professor mich noch so – auf der Weide gehen lassen will – bis zum letzten Eingriff! Ich sehne mich sehr nach einem Brief von Dir.

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Wann kommst Du?

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24. Mai

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Dies wird nur ein ganz kleiner Brief. Ich war mit Frau Teddybär in der Stadt. Den ganzen Nachmittag. Wir waren in verschiedenen großen Modegeschäften und haben uns Kleider, Hüte und andere herrliche Dinge angesehen. Ich habe mir auch ein Paar sehr hübsche Schuhe gekauft mit den höchsten Absätzen, die ich auftreiben konnte! Eine Kombination von Lack und Schlangenhaut! Sie sehen ganz entzückend aus. Morgen gehen wir wieder auf Bummel. Es tut mir gut auszugehen, in den Trubel der Stadt. Das Warten auf die Operation würde sonst meine Nerven aufreiben. Den Professor sehe ich in diesen Tagen kaum. Er weiß ja, daß ich gesund bin. Außerdem hat er sehr viel zu tun. Seit der Rückkehr des Professors gibt es jeden Tag viele neue Operationen.

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25. Mai

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Endlich! Morgen geht es los! Als ich kurz nach dem Frühstück Frau Oberin Adieu sagen wollte – Frau Teddybär war bereits da, um mich abzuholen – erklärte sie kurz und bündig: »Daraus kann leider nichts werden. Sie müssen sich sofort wieder ins Bett legen. Denn morgen sollen Sie operiert werden.« Ich hatte zu gehorchen. Teddybärchen ging mit in mein Zimmer, um mich zu trösten. Bald kam Frau Oberin, setzte sich zu mir, plauderte mit uns beiden und versicherte einmal übers andere,
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daß der neue Eingriff eine Bagatelle sei. Dann nahm sie Frau Teddybär mit. Und ich war mit meinen Gedanken allein. –

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Ach was, in Operationen habe ich längst Routine bekommen. – Sonderbarerweise hatte ich heute früh in Schrank und Kommode aufgeräumt. Ob es eine Vorahnung war? Alles liegt jetzt an seinem Platz. Ich brauche nur zu den Schwestern zu sagen: »In der Schublade rechts liegen Nachthemden und in der Schublade darunter links Taschentücher, usw. Mein »Schönheitsmagazin« habe ich im Schränkchen neben dem Bett untergebracht. So habe ich alles, was ich brauche, leicht zur Hand. Deine eitle Lili möchte immer hübsch aussehen – auch wenn sie operiert wird. Ich muß dem Professor Ehre machen! Das begreifst Du! –

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Ich habe mit dem Schreiben eine kleine Pause machen müssen. Schwester Frieda war nämlich bei mir. Die unumgänglichen, nicht gerade angenehmen Vorbereitungen sind überstanden. Ich bin etwas erschöpft. Daher war ich wohl einige Augenblicke sehr mutlos. Mir kam der Gedanke, daß es vielleicht doch das Beste wäre, wenn ich die neue Operation nicht überstehen würde. Ich weiß gut, daß es eine ernste Sache ist – und vermutlich hinterher sehr schmerzhaft. –

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Vor ein paar Tagen hatte ich Frau Oberin im Scherz gefragt, ob man sich diesmal nicht mit einer Lokalbetäubung begnügen könne. Ich hätte nämlich Lust, einmal den Professor beim Operieren zuzusehen. Außerdem, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hätte ich auf die Weise selber etwas mehr von dem Zusammensein mit dem Professor. Seine täglichen Visiten dauern ja immer nur ein paar Minuten. Ganz entsetzt sah mich Frau Oberin an.

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»Unmöglich! Lokalbetäubungen wenden wir hier nicht an, am allerwenigsten bei Unterleibsoperationen.«

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Ich ließ den Kopf hängen. Am liebsten hätte ich geweint. Plötzlich fühlte ich einen furchtbaren Schrecken: Einmal werde ich ja doch meine geliebte Frauenklinik – und meinen großen Beschützer verlassen müssen . . . Wäre es deshalb nicht besser – für mich – still einzuschlafen – hier zwischen den weißen Birken, wo ich so glücklich gewesen bin. Aber im selben Augenblick wurde mir klar, daß ich an dergleichen überhaupt nicht denken, daß ich überhaupt nicht sterben durfte! Das wäre Verrat gegen den Professor, nach all dem, was er für mich getan hat! Nein, danke schön, ich werde nicht sterben. Ich weiß, daß ich durchhalten werde.

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26. Mai. 8 Uhr morgens

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Ich bin jetzt bereit und warte, daß man mich holt. Seit 5 Uhr morgens lag ich wach, machte sorgfältig Toilette und zog zum erstenmal das hübsche Nachthemd von Elena an. –

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Gestern abend hatte mir Teddybärchen ein Grammophon geschickt. Ich hatte eine wahnsinnige Sehnsucht nach Musik bekommen. Und so, in »Festtoilette«, ließ ich mir etwas aus der »Zauberflöte« vorspielen. Dabei sah ich in den Spiegel, schwang die Arme wie im Tanz und mußte plötzlich feststellen, daß sich dieses seidene Nachthemd doch besser für eine Brautnacht als für eine Operation eignete. Ich zog es schnell aus und nahm ein ganz einfaches Hemd. –

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Jetzt höre ich einen Operationswagen kommen. Er hält, glaube ich, vor meiner Tür. Nun werden die Schwestern wohl bald kommen. –

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Sollte es schlimm ausgehen, so mußt Du den Professor grüßen und ihm für alles danken und ihm sagen, daß ich die glücklichste Zeit meines Lebens in der Frauenklinik verbracht hätte. Grüße auch Elena und